Stavanger ist sehr reich, lebendig, bunt und sozial und eine Reise wert. Mit Schiff und Rad durch den Schärengarten des Rogalands ins Herz der Erdöl- und Gasindustrie.
Es war eine der kompliziertesten Reiseplanungen meines Lebens. Voller Hindernisse in der Routenwahl, fast hätte ich aufgegeben. Doch es war ein langgehegter Wunsch, einen kleinen Teil des Nordseeküstenradwegs (NR, North Sea Cycle Route) zu befahren, nämlich die Eurovelo-Route EV 12 zwischen Oslo und Bergen. Als ich im Sommer 2024 durchs Dovrefjell- und Rondane-Gebirge, den ältesten Nationalpark Norwegens, wanderte, ergab sich, dass der Guide Wolfgang Barelds zufällig der Autor des Outdoor-Radführers «Schweden/Norwegen: Nordseeküstenradweg» war, der just neu überarbeitet worden war. Die beste Voraussetzung, um mein Vorhaben umzusetzen, dachte ich mir.
Was vom Inselhüpfen übrig blieb
Als auch das Dumont-Reise-Handbuch «Norwegen» die EV 12 als «gerade für Familien sowie sportliche Senioren prädestinierte Route» wärmstens empfahl, waren rasch Flüge, Bergenbahn und Hotels am Start- und Endpunkt gebucht. Die Sache mit den Unterkünften unterwegs war schwieriger, der Teufel steckte, wie so oft, im Detail. Aufgrund der Topografie und der immer wieder unterbrochenen Routenführung blieb zuletzt nur das Stück Stavanger–Bergen übrig: in Luftlinie ein Nichts von 160 Kilometern. Mit dem PKW rechnete der Routenplaner für 208 Kilometer über vier Stunden ein, fünf mit dem Bus. Per Velo sind die beiden Städte an der Südwestküste unberechenbare 250 bis 300 km voneinander entfernt, je nachdem, welche Fähre fährt.
Barelds’ Radführer brachte die Sache zwar präzise auf den Punkt, war aber deshalb bei Erscheinen schon wieder überholt. Denn: «Wegen eingestellter Fähren musste der NR mehrfach erheblich umgelegt werden.» Was Nebensätze wie «sollte die Fähre von X nach Y nicht fahren bzw. wieder fahren» bedeuten, wurde mir erst klar, als ich vergeblich nach Alternativen suchte. Der Plan war ja nicht, tief ins Land eingeschnittene, verästelte Fjorde zu umfahren und damit fast nur Bergstrecken und Pässe zu fahren, sondern entspannt im flacheren (aber nie flachen) Schärengarten von Insel zu Insel zu hüpfen. An wilden Felsenküsten Meeresluft tanken, von Leuchttürmen zu ochsenblutroten Hütten radeln, das war der Plan. Ich stellte mir türkisfarbenes Meer und weisse Sandstrände mit Karibikfeeling vor, wie es sie tatsächlich bei Stavanger, Haugesund oder auf Karmøy gibt.
Unterirdisch, unterseeisch
Für die maritime Veloroute braucht es Fähren, allenfalls Brücken, Tunnels taugen nicht. Wie etwa «der längste und tiefste Unterwassertunnel weltweit» zwischen Stavanger und Tau, in Etappe 21 des Radführers beschrieben. Damit ist der vor sechs Jahren eröffnete Ryfylketunnel gemeint, der zwar Touristen schneller zum Preikestolen im Lysefjord bringt, dem meistfotografierten Selfie-Felsvorsprung des Kontinents, nicht aber Radler von einem Ufer ans andere. Denn, was Wunder, der 14,4 km lange und bis 291 m tiefe Strassentunnel ist für Räder gesperrt.
Die Liebe der Norweger zum superlativischen Tunnelbau entflammte mit der Entdeckung der Erdölvorkommen 1969 in der Nordsee. Seitdem aus dem ersten Ölfeld, Ecofisk, die Petrodollars üppig fliessen, ist das bis dato arme Land der Fischer und Bauern zu einem der reichsten Länder der Erde mutiert, und es erscheint kein Infrastrukturprojekt zu kühn, zu gross, zu teuer.
Davon profitiert die Provinz Rogaland und insbesondere ihre Hauptstadt Stavanger. Ab 2033 soll die viertgrösste Stadt Norwegens (150 000 Einwohner) übrigens näher an Bergen rücken, sofern der 27 km lange und 392 m tiefe Bokafjordtunnel fertig wird. Baubeginn des bahnbrechenden «Rogfast»-Projekts war 2018. Bahnbrechend insofern, als die Tunnelröhren neu auf Pontons unter Wasser schweben. Ziemlich sicher fallen dann weitere Fährverbindungen ins Wasser.
Gas und Öl für Europa
Norwegen rangiert heute unter den zehn grössten Erdölproduzenten der Welt und ist nach Russland und Grossbritannien der drittgrösste Gasexporteur Europas. Stavanger ist die Schaltzentrale des norwegischen Öl- und Gasgeschäfts. Die grossen Energieunternehmen haben hier ihren Sitz und steuern von hier ihre Plattformen in der Nord- und der Barentssee. Der Wirtschaftsraum Stavanger-Haugesund-Bergen hat sich auf den Bau, Unterhalt und die Versorgung von Bohrinseln und die Entwicklung moderner Bohrtechniken sowie neuer, emissionsärmerer Technologien spezialisiert. Norwegen hat inzwischen international den Lead in puncto klimafreundlicherer Förderung von Gas und Öl übernommen.
Perfiderweise lässt der russische Einfall in der Ukraine ausgerechnet in der Nation, die den Friedensnobelpreis vergibt, den Rubel umso stärker rollen, da Norwegen seither eine weit grössere Rolle in der europäischen Gasversorgung als zuvor spielt. 95 Prozent der geförderten Gasmenge nehmen Deutschland, Frankreich und Italien ab und damit teilweise indirekt auch die Schweiz sowie Grossbritannien. Vom Erdöl gehen 90 Prozent der Fördermenge an Grossbritannien, Deutschland, die Niederlande und Dänemark. Den Strombedarf deckt Norwegen gänzlich mit Wasser, Wind und Sonne.
Trotz aller grüner Anstrengungen bleibt auch die nachhaltigere Nutzung fossiler Brennstoffe ein schmutziges Geschäft mit hohem CO2-Ausstoss, was zunehmend auf Kritik und Ablehnung in der Bevölkerung stösst. Obwohl alle Norweger davon in hohem Mass profitieren und sich das BIP vervielfacht hat. Die Balance zwischen Klima- und Umweltschutz einerseits und Sicherung des hohen Lebensstandards durch Öl und Gas andererseits ist der gordische Knoten, den die Regierung zu lösen hat. Bis 2050 will das Land kohlenstoffneutral sein.
Nato-Stützpunkt
Stavanger strotzt nur so vor Superlativen: höchstes Pro-Kopf-Einkommen, teuerste (und velofreundlichste) Stadt des Landes, grösste Wachstumszone Skandinaviens, breites Freizeit- und Kulturangebot – Stavanger war 2008 Europäische Kulturhauptstadt –, grösste Kneipendichte, Gourmethochburg, exzellente Arbeitsbedingungen und Schulen, all das ist attraktiv und lockt Menschen an. Auch solche wie Ourania, die Englisch- und Geschichtslehrerin mit dem langen griechischen Nachnamen und den Wurzeln in Thessaloniki und im Ruhrpott. Sie kam mit ihrem Mann, einem Bauingenieur, nach Stavanger.
Internationale Facharbeiter, Wissenschaftler und Ingenieure sind gefragt. Dass Stavanger auch Nato-Stützpunkt ist, erhöht den Bedarf an internationalen Schulen, «da viele länger als die üblichen drei Jahre oder sogar für immer bleiben», sagt Ourania, die zusätzlich als Stadtführerin bei Guide Companiet arbeitet. Nebenbei: Während ich diesen Artikel schreibe, proben mehr als tausend Soldaten aus Deutschland, den Niederlanden, Frankreich, Italien und Norwegen im Joint Warfare Center, einem tief in den Berg geschlagenen Nato-Bunker bei Stavanger, den Ernstfall, wenn Russland einen Mitgliedsstaat angreift.
Wohlfahrt und Wohlstand für alle
Nicht nur in Stavanger lebt man gut von Öl und Gas. Jede und jeder der 5,6 Millionen Einwohner profitiert. «Von den Lebensbedingungen können andere nur träumen», ist die deutsche Griechin überzeugt. Sie zählt Gründe auf, warum das Leben in Norwegen «so cool und die Work-Life-Balance so gut» sei: kostenlose und garantierte Kindergartenplätze, kostenlose medizinische Versorgung bis zum 18. Lebensjahr, das grosszügigste Elternzeitsystem der Welt, eine nicht zu knappe Mindestrente und vieles mehr.
Kultur, Kunst und Gemeinsinn werden in hohem Mass gefördert und von Öl- und Gaskonzernen wie Equinor (vormals Statoil), Aker BP, Conoco Phillips, TotalEnergies und anderen unterstützt. Man denke nur an all die Musikfestivals, etwa die Bergen Festspiele, das Stavanger Jazzforum, Nattjazz in Bergen, Haugesund Jazz, oder das Norske Filmfestivalen in Haugesund, das grösste Filmfestival im Land.
Dies alles ist möglich, weil der Staat von Anfang in puncto Vergabe der Bohr- und Förderrechte klug gehandelt hat und die Ölgewinne in einen staatlichen Pensionsfond (Government Pension Fund Global) steckt, um nachfolgenden Generationen ebenfalls Wohlstand auf der Basis von Öl und Gas zu sichern.
«Die ganze Stadt stank nach Fisch.»
Bis zum gleichzeitigen Beginn der Ölförderung und der Lachszucht 1969 sei Norwegen bitterarm und keineswegs ein Wohlfahrtsstaat gewesen, sagt Ourania. Wir stehen vor ehemaligen Speichern, Heringsfabriken, Salz- und Holzlagern am alten Hafenbecken. Sie stammen aus der Zeit um 1820–60, als die Stadt in Hering schwamm und die zweitgrösste Handelsflotte besass. Vor dem Öl lebte man von Fisch. In Stavanger und Haugesund waren das in erster Linie Hering, Sardine, Sprotte (Brisling).
Als die Wirtschaft um 1875 niederging, setzte ein Massenexodus nach USA und Kanada ein, der bis Mitte des 20. Jahrhunderts anhielt, wie die Stadtführerin erläutert. Stavanger hielt sich mit Fischverarbeitung über Wasser und mutierte von der Heringshochburg zu einem Zentrum der Konservenindustrie. «Die ganze Stadt stank nach Fisch. Vor allem Frauen und Kinder schichteten in bis zu 70 Fabriken Millionen von Ölsardinen fein säuberlich und kopflos in Blechbüchsen ein. Kinder waren am geschicktesten.» 350 Millionen Dosen produzierte man in Spitzenjahren für den Export.
Ein Oscar für Ölsardinen
In einer ehemaligen Sardinenfabrik in Gamle Stavanger kann man Geschichte und Produktion der Ölsardinen nachverfolgen, ebenso die Auswirkungen des Büchsenbooms auf Grafik und Design. Denn das IDDIS Sardinenmuseum, offiziell Norsk Hermetikmuseum, hütet über 30 000 bunte Etiketten made in Stavanger als Schatz.
Mit dem Aufkommen von Kühlschränken nach dem Zweiten Weltkrieg war es mit der Sardinenliebe vorbei. Nur die Marke King Oscar hat überlebt, wobei die Fischlein heute nur zu einem geringen Teil auf den Lofoten, aber im Wesentlichen in Polen verarbeitet werden. Den Namen verdanken sie König Oscar II. von Schweden und Norwegen, der 1902 derart angetan war von den filetierten Ölsardinen aus Stavanger, dass er ihnen seinen Namen schenkte. In Amerika ist King Oscar heute noch die meistverzehrte Sardinenmarke. Ourania findet, frische, gebratene Sardinen seien besser – sagt die Griechin in ihr.
Das Ende der Idylle
Gamle Stavanger ist das ehemalige Fischer- und Arbeiterviertel, das mit 173 weissen Holzhäusern aus dem 18. und dem 19. Jahrhundert die grösste geschlossene und bewohnte Holzhaussiedlung Skandinaviens bildet. «Kleine, niedrige Puppenhäuser», so nennt sie Ourania. «Man muss ein altes Paar Schuhe wegschmeissen, wenn man ein neues Paar kauft.» Die Häuser seien schlecht isoliert, von innen mit Schafwolle und Zeitungen, und brandgefährlich. «Deshalb hat es überall Löschschläuche und Hydranten sowie Plätze und Grünflächen als Brandlöcher.»
Im Winter wird das Kopfsteinpflaster der autofreien Siedlung von Heisswasserrohren beheizt, damit niemand auf Eis ausrutscht. Wenn der Weihnachtsmarkt stattfinde und warmes Licht aus den Galerien oder Töpfereien scheine, sehe es schon sehr idyllisch aus, meint die Guide. Wenn aber mehrere Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig in der Stadt anlegten, wie gerade die «Aida», «Mein Schiff», «Queen Mary» und die «Serenade of the Sea», dann sei es mit der Idylle der Siedlung und der Toleranz der Bewohner vorbei.
Bunte Strassen und Kunstspielplätze
Circa 200 grosse Cruiseships laufen pro Jahr in Stavanger ein. Für Galerien, Läden und Museen sei das gut. Viele Galeristen machen ihr Geschäft mit Streetart, die mit rund 300 Werken in der Stadt in Erscheinung tritt. Stavanger gilt auch dank des Nuart-Festivals als Mekka der Strassenkunstszene.
Die Bandbreite ist gross: vom geistreichen Mini-Stencil bis zum grössten Mural des Landes. Letzteres hat Norwegens Streetart-Star Pøbel auf einem gigantischen Getreidesilo angebracht. Es zeigt einen Siloarbeiter mit Helm im Schneidersitz, der ein Schild mit der Aufschrift «Will work for food» in Händen hält. Mit 17 Meisterwerken ist Pøbel in Stavanger gut vertreten. Der Name ist ein Pseudonym; auch bezüglich Style und Inhalt besteht eine gewisse Nähe zu Banksy.
Streetart anderer Art zeigt sich in der Øvre Holmegate: Die Häuser der sogenannten «fargegaten» wurden auf Anregung eines Frisörs nach dem Farbkonzept des schottischen Künstlers Craig Flannagan jeweils in einer anderen Farbe gestrichen, was sowohl Stadt als auch Eigentümer erst genehmigen mussten.
Kunterbunt wirkt auch Geoparken, der aussergewöhnliche Spielplatz neben dem ebenfalls aussergewöhnlichen wie sehenswerten norwegischen Ölmuseum. Der Spielplatz wurde von Helen & Hard Architekten mit recycelten Versatzstücken von Ölplattformen und dem Mini-Nachbau des Trollfelds gestaltet, dem Gasfeld in der Nordsee mit der bisher höchsten geförderten Gasmenge. Das Modell des Playgrounds, der weit mehr ist – ein Skatepark, Streetart‑, Sport- und Festivalgelände –, befindet sich im MoMA, New York.
Machtzentrum der Wikinger
Die nächste Station der Veloreise war Haugesund, die schöne Stadt am Meer (38 000 Einwohner), die sich vieles mit Stavanger teilt: den Hering, die Verankerung in der Ölindustrie oder die Sympathie für Jazz und Streetart. Wo sich Ende des 19. Jahrhunderts der Umschlagplatz für Fisch befand, werden heute bei Aibel Energieplattformen für Offshore-Windparks gebaut. Auch das Norwegische Zentralamt für Schifffahrt ist in der einstigen Heringshauptstadt angesiedelt.
An die Zeit des Heringbooms erinnern nicht nur die Holzhäuser auf der Hafeninsel Risøy und das dortige Freilichtmuseum Dokken, sondern auch Jugendstilbauten im Zentrum, wie sie in keiner anderen Stadt Norwegens so zahlreich versammelt sind. Dem Hering (sild) ist das alljährliche grösste Jazzfestival des Landes gewidmet (Sildajazz).
Eine grosse Anziehungskraft übt das Haugaland auf Wikingerfans aus, die sich, gekleidet wie vor 1000 Jahren, in Avaldsnes auf Karmøy, der idyllischen Ferieninsel vor Haugesund, jeweils im Juni zum grossen Wikingerfest treffen. Wie es bei den Wikingern zu- und herging, erfährt man im digitalen Wikinger-Museum in Haugesund.
Wenige Kilometer nördlich der Stadt befindet sich das Grab Harald Schönhaars. Es liegt am wild-romantischen Küstenpfad zwischen Felsen- und Sandbuchten, Dünen und Weideland, Heidekraut und Ginster. Hier soll der erste König Norwegens die verschiedenen Wikingerstämme zum Reich vereint haben. Harald Hårfagre zu Ehren wurde an dieser Stelle Haraldshaugen errichtet, Norwegens einziges Nationaldenkmal, mit Sicht auf Meer, Leuchttürme und Windräder.
«Bike the tunnel!»
Ab Haugesund war endlich Inselhopping angesagt, mit allem, was ich mir vorstellte. Am Ende der Velotour gab es in Bergen eine Überraschung mit Wow-Effekt: den 3000 Meter langen Fyllingsdalstunellen. Er ist der längste Velo- und Fussgängertunnel der Welt – und für Autos gesperrt.
«Bike the tunnel!» So ein Slogan kann nur Verkehrsplanern einer Stadt einfallen, in der es oft regnet. Mit fast 22 Regentagen pro Monat, ziemlich gleichmässig aufs Jahr verteilt, hält Bergen einen einsamen Rekord. Auf Regenmode spezialisierte lokale Marken wie Rains, Blæst, Swims zollen diesem Umstand Respekt. Velofahrer, Jogger, Walker, Gassigeher dürften sich über den 2023 eröffneten Tunnel freuen. Farbspiele und Lichteffekte verkürzen beim Passieren die Zeit. Bei Bergen-Wetter keine so verkehrte Sache. Mehr über Bergen erfahren Sie in einer der nächsten Ausgaben.
Die Veloroute funktionierte 2025 so:
Bergen: Fähre –> Tananger –> Stavanger: Fähre –> Nedstrand –> Haugesund –> Buavågen: Fähre –> Insel Bømlo: Fähre –> Insel Selbjørn: Fähre –> Insel Huftarøy: Fähre –> Krokeide –> Bergen.
www.fjordnorway.com
www.visitnorway.com






