Bild: Weinberge in der Region Lavaux / Foto: zVg.

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In vino veri­tas – Zwi­schen Reben und Regen: Wie der Kli­ma­wan­del den Geschmack verändert

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Es riecht nach nas­ser Erde und Apfel­blü­ten, als die ers­ten grü­nen Trie­be durch die Rebrei­hen bre­chen. Die Son­ne steht höher als sonst um die­se Zeit, der Wind weht mil­der, fast zärt­lich. Für den Win­zer ist das kein Segen, son­dern ein Zei­chen. Der Früh­ling kommt zu früh. Und mit ihm eine Ahnung: Der Wein, den wir ken­nen, wird sich ver­än­dern. Viel­leicht für immer.

In den letz­ten zwan­zig Jah­ren ist der glo­ba­le Tem­pe­ra­tur­an­stieg auch im Glas ange­kom­men. Die Reben rei­fen frü­her, die Trau­ben wer­den süs­ser, die Säu­re sinkt, der Alko­hol steigt. Das Resul­tat: Wei­ne, die kräf­ti­ger, wär­mer, manch­mal schwe­rer sind als frü­her. Es ist, als hät­te die Son­ne gelernt, mit­zu­trin­ken. Ein Pinot noir aus dem Bur­gund, der einst fili­gran und kühl schmeck­te, wirkt heu­te rei­fer, fast medi­ter­ran. Ein Ries­ling aus der Mosel trägt plötz­lich Noten von Pfir­sich statt von Zitrus. Das Kli­ma schreibt mit – in jeder Flasche.

Kli­ma­for­scher der ETH Zürich haben berech­net, dass sich die mitt­le­re Vege­ta­ti­ons­pe­ri­ode in Euro­pa seit 1980 um fast drei Wochen ver­län­gert hat. Das mag nach wenig klin­gen, ver­än­dert aber alles. Die Blü­te ver­schiebt sich, die Lese rückt vor, der Zucker in den Bee­ren steigt expo­nen­ti­ell. Gleich­zei­tig wird die Balan­ce zwi­schen Zucker und Säu­re brü­chig – ein unsicht­ba­res Gleich­ge­wicht, das den Cha­rak­ter einer Regi­on prägt. Was frü­her das Ter­ro­ir bestimm­te – Boden, Lage, Mikro­kli­ma –, wird heu­te von Wet­ter­ex­tre­men überschrieben.

Im Wal­lis spre­chen Win­zer von ver­rück­ten Jah­ren. Frost im Mai, Hagel im Juli, 38 Grad im August. In Spa­ni­en oder Süd­ita­li­en bren­nen Reb­hän­ge buch­stäb­lich, wäh­rend in Eng­land erst­mals Schaum­wein von Welt­rang gekel­tert wird. Wo frü­her Scha­fe wei­de­ten, ste­hen heu­te Char­don­nay-Reben. Was ges­tern «zu kalt» war, gilt heu­te als Hoff­nung. Der Nor­den wird trink­bar. Das ist kein Zukunfts­sze­na­rio, son­dern Gegen­wart. In Nor­we­gen gibt es mitt­ler­wei­le 40 Wein­gü­ter, in Bel­gi­en dop­pelt so vie­le. In der Schweiz ent­ste­hen neue Mikro­re­gio­nen in Höhen­la­gen über 800 Metern, wo frü­her nur Alp­wei­den waren. Der Wein­bau wan­dert – lang­sam, aber unauf­halt­sam – dem küh­le­ren Kli­ma ent­ge­gen.
Doch der Kli­ma­wan­del bringt nicht nur neue Land­kar­ten, son­dern auch neue Geschmä­cker. Der Che­mi­ker Cor­ne­lis van Lee­u­wen von der Uni­ver­si­tät Bor­deaux erklärt, dass sich die Phe­nol­struk­tur der Trau­ben ver­än­dert: Mehr Zucker bedeu­tet inten­si­ve­re Far­be und schwe­re­re Tan­ni­ne. Die Aro­ma­stof­fe ver­schie­ben sich. Wei­ne aus heis­sen Jah­ren duf­ten oft nach rei­fen Früch­ten, Vanil­le und Gewürz, wäh­rend küh­le Jahr­gän­ge eher blu­mig und zitro­nig sind. Kurz: Das Kli­ma schmeckt mit.

In Blind­ver­kos­tun­gen haben For­scher der Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia fest­ge­stellt, dass Kon­su­men­ten wär­me­re Jahr­gän­ge zunächst bevor­zu­gen – sie wir­ken opu­len­ter, gefäl­li­ger. Doch nach weni­gen Schlu­cken kippt der Ein­druck. Die Wei­ne ermü­den, wir­ken alko­ho­lisch, schwer. Das zeigt: Wir mögen kurz­fris­tig den Rausch der Wär­me, lang­fris­tig aber die Span­nung der Küh­le. Vie­le Win­zer reagie­ren dar­auf mit erstaun­li­cher Krea­ti­vi­tät. In der Waadt pflan­zen eini­ge wie­der alte, teil­wei­se bei­na­he ver­ges­se­ne Sor­ten wie Rèze oder Huma­gne Rouge, wel­che die Hit­ze bes­ser ver­tra­gen. Ande­re expe­ri­men­tie­ren mit Schat­tie­rungs­net­zen, höhe­rer Laub-
wand oder Bewäs­se­rungs­sys­te­men, die das Was­ser spar­sam ver­tei­len. Im Bor­deaux wird über­legt, künf­tig auch medi­ter­ra­ne Sor­ten wie Tou­ri­ga Nacio­nal oder Mar­se­lan zuzu­las­sen. Was einst undenk­bar war, wird plötz­lich prag­ma­tisch. Tra­di­ti­on, das zeigt sich, ist nur so sta­bil wie das Kli­ma, das sie trägt.
Gleich­zei­tig ent­ste­hen neue Wein­sti­le. Ein jun­ger Win­zer in Grau­bün­den erzähl­te kürz­lich, er lese sei­ne Trau­ben bewusst frü­her, um Fri­sche zu bewah­ren, auch wenn der Ertrag klei­ner aus­fal­le. «Ich mache lie­ber einen leben­di­gen Wein als einen müden Erfolg», sag­te er. Es klingt wie ein Cre­do für eine neue Gene­ra­ti­on von Win­zern: lie­ber weni­ger Alko­hol, mehr Span­nung, weni­ger Kon­trol­le, mehr Risiko.

Doch das Risi­ko wächst ohne­hin. Der Wein­bau ist eine der emp­find­lichs­ten land­wirt­schaft­li­chen Kul­tu­ren. Eine Woche Hit­ze, ein ein­zi­ger Hagel­zug kann eine Ern­te ver­nich­ten. Gleich­zei­tig zwingt die öko­lo­gi­sche Ver­ant­wor­tung zu neu­en Über­le­gun­gen: Künst­li­che Bewäs­se­rung oder Pflan­zen­schutz sind in tro­cke­nen Regio­nen kaum mehr nach­hal­tig. Der Wein wird zum Grad­mes­ser dafür, wie sehr wir uns anpas­sen kön­nen – und wollen.

Man­che For­scher spre­chen bereits von «cli­ma­te-resi­li­ent wines»: Sor­ten, die sich gene­tisch anpas­sen las­sen und wider­stands­fä­hi­ger gegen Tro­cken­heit oder Pilz­krank­hei­ten sind. Doch das birgt ein Dilem­ma: Wenn man den Wein an das Kli­ma anpasst, ver­liert er womög­lich sei­ne Her­kunft. Und genau das ist sein Wesen – Aus­druck eines Ortes, einer Zeit, einer Geschich­te. Ein digi­tal design­ter Wein mag sta­bi­ler sein, aber er erzählt nichts mehr. Der Phi­lo­soph Michel Ser­res schrieb ein­mal, dass der Wein die «Ver­kör­pe­rung von Geduld» sei – ein Getränk, das die Zeit selbst trinkt. Heu­te steht die­se Geduld auf dem Prüf­stand. Denn die Natur ver­än­dert ihr Tem­po, wäh­rend wir an alten Ritua­len fest­hal­ten. Viel­leicht ist der Wein­bau das sicht­bars­te Bei­spiel für die Zer­reiss­pro­be zwi­schen Men­schen und Kli­ma: Wir wol­len Kon­ti­nui­tät in einer Welt, die sich beschleunigt.

Und doch liegt im Wan­del auch eine Chan­ce. Neue Regio­nen ent­de­cken ihren Aus­druck, neue Sti­le ent­ste­hen, alte Gren­zen wei­chen auf. Wenn ein Char­don­nay aus Däne­mark eines Tages so ele­gant schmeckt wie jener aus Chab­lis, dann ist das nicht nur eine Anpas­sung, son­dern auch eine kul­tu­rel­le Ver­schie­bung. Der Geschmack des Kli­mas wird demo­kra­ti­scher, glo­ba­ler, unbe­re­chen­ba­rer. Wein war schon immer ein Spie­gel sei­ner Zeit. Im Mit­tel­al­ter war er dünn und sau­er, im Barock süss und schwer, im 20. Jahr­hun­dert ele­gant und kon­trol­liert. Jetzt beginnt eine neue Ära – die Ära der Unsi­cher­heit. Viel­leicht ist das, para­do­xer­wei­se, auch eine Rück­kehr zur Wahr­heit des Weins: Er war nie per­fekt, son­dern leben­dig.
Wenn man heu­te durch einen Wein­berg geht, sieht man nicht nur Blät­ter und Trau­ben, son­dern ein Archiv der Ver­än­de­rung. Jede Rebe ist ein Gedächt­nis­strang – sie spei­chert Hit­ze, Regen, Wind, Frost. Und jedes Glas, das wir trin­ken, ist ein Schluck Geschich­te, ein Echo des­sen, was die Welt draus­sen tut. Der Wein schmeckt also nicht nur nach Boden und Son­ne, son­dern nach einem Pla­ne­ten im Über­gang. Nach Hoff­nung und Ver­lust, nach Anpas­sung und Wider­stand. Viel­leicht ist das der neue Geschmack der Zukunft – weni­ger per­fekt, aber wahrhaftiger.

Denn wäh­rend sich das Kli­ma wan­delt, bleibt der Wein das, was er immer war: eine Ein­la­dung, hin­zu­schme­cken. Nicht nur auf die Frucht oder das Holz, son­dern auf die Zeit selbst.
À vot­re santé.

Roman Buss ist seit 1998 wein­be­ra­tend und als Wein­coach tätig.
www.vinosoph.ch



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