- ensuite | kulturagenda | enBlog - https://ensuite.we-are.gmbh/ -

Zen­tren der euro­päi­schen Indus­trie­kul­tur, Teil 13: Sta­van­ger und Hau­ge­sund – Ges­tern Fisch, heu­te Öl und Gas: Nor­we­gens reichs­te Stadt

Sta­van­ger ist sehr reich, leben­dig, bunt und sozi­al und eine Rei­se wert. Mit Schiff und Rad durch den Schä­ren­gar­ten des Roga­lands ins Herz der Erd­öl- und Gasindustrie.

Es war eine der kom­pli­zier­tes­ten Rei­se­pla­nun­gen mei­nes Lebens. Vol­ler Hin­der­nis­se in der Rou­ten­wahl, fast hät­te ich auf­ge­ge­ben. Doch es war ein lang­ge­heg­ter Wunsch, einen klei­nen Teil des Nord­see­küs­ten­rad­wegs (NR, North Sea Cycle Rou­te) zu befah­ren, näm­lich die Euro­ve­lo-Rou­te EV 12 zwi­schen Oslo und Ber­gen. Als ich im Som­mer 2024 durchs Dov­ref­jell- und Ronda­ne-Gebir­ge, den ältes­ten Natio­nal­park Nor­we­gens, wan­der­te, ergab sich, dass der Gui­de Wolf­gang Barelds zufäl­lig der Autor des Out­door-Rad­füh­rers «Schweden/Norwegen: Nord­see­küs­ten­rad­weg» war, der just neu über­ar­bei­tet wor­den war. Die bes­te Vor­aus­set­zung, um mein Vor­ha­ben umzu­set­zen, dach­te ich mir.

Was vom Insel­hüp­fen übrig blieb
Als auch das Dumont-Rei­se-Hand­buch «Nor­we­gen» die EV 12 als «gera­de für Fami­li­en sowie sport­li­che Senio­ren prä­de­sti­nier­te Rou­te» wärms­tens emp­fahl, waren rasch Flü­ge, Ber­gen­bahn und Hotels am Start- und End­punkt gebucht. Die Sache mit den Unter­künf­ten unter­wegs war schwie­ri­ger, der Teu­fel steck­te, wie so oft, im Detail. Auf­grund der Topo­gra­fie und der immer wie­der unter­bro­che­nen Rou­ten­füh­rung blieb zuletzt nur das Stück Stavanger–Bergen übrig: in Luft­li­nie ein Nichts von 160 Kilo­me­tern. Mit dem PKW rech­ne­te der Rou­ten­pla­ner für 208 Kilo­me­ter über vier Stun­den ein, fünf mit dem Bus. Per Velo sind die bei­den Städ­te an der Süd­west­küs­te unbe­re­chen­ba­re 250 bis 300 km von­ein­an­der ent­fernt, je nach­dem, wel­che Fäh­re fährt.

Barelds’ Rad­füh­rer brach­te die Sache zwar prä­zi­se auf den Punkt, war aber des­halb bei Erschei­nen schon wie­der über­holt. Denn: «Wegen ein­ge­stell­ter Fäh­ren muss­te der NR mehr­fach erheb­lich umge­legt wer­den.» Was Neben­sät­ze wie «soll­te die Fäh­re von X nach Y nicht fah­ren bzw. wie­der fah­ren» bedeu­ten, wur­de mir erst klar, als ich ver­geb­lich nach Alter­na­ti­ven such­te. Der Plan war ja nicht, tief ins Land ein­ge­schnit­te­ne, ver­äs­tel­te Fjor­de zu umfah­ren und damit fast nur Berg­stre­cken und Päs­se zu fah­ren, son­dern ent­spannt im fla­che­ren (aber nie fla­chen) Schä­ren­gar­ten von Insel zu Insel zu hüp­fen. An wil­den Fel­sen­küs­ten Mee­res­luft tan­ken, von Leucht­tür­men zu och­sen­blut­ro­ten Hüt­ten radeln, das war der Plan. Ich stell­te mir tür­kis­far­be­nes Meer und weis­se Sand­strän­de mit Kari­bik­fee­ling vor, wie es sie tat­säch­lich bei Sta­van­ger, Hau­ge­sund oder auf Kar­møy gibt.

Unter­ir­disch, unter­see­isch
Für die mari­ti­me Velo­rou­te braucht es Fäh­ren, allen­falls Brü­cken, Tun­nels tau­gen nicht. Wie etwa «der längs­te und tiefs­te Unter­was­ser­tun­nel welt­weit» zwi­schen Sta­van­ger und Tau, in Etap­pe 21 des Rad­füh­rers beschrie­ben. Damit ist der vor sechs Jah­ren eröff­ne­te Ryfyl­ke­tun­nel gemeint, der zwar Tou­ris­ten schnel­ler zum Prei­ke­sto­len im Lys­efjord bringt, dem meist­fo­to­gra­fier­ten Sel­fie-Fels­vor­sprung des Kon­ti­nents, nicht aber Rad­ler von einem Ufer ans ande­re. Denn, was Wun­der, der 14,4 km lan­ge und bis 291 m tie­fe Stras­sen­tun­nel ist für Räder gesperrt.
Die Lie­be der Nor­we­ger zum super­la­ti­vi­schen Tun­nel­bau ent­flamm­te mit der Ent­de­ckung der Erd­öl­vor­kom­men 1969 in der Nord­see. Seit­dem aus dem ers­ten Ölfeld, Eco­fi­sk, die Petro­dol­lars üppig flies­sen, ist das bis dato arme Land der Fischer und Bau­ern zu einem der reichs­ten Län­der der Erde mutiert, und es erscheint kein Infra­struk­tur­pro­jekt zu kühn, zu gross, zu teu­er.
Davon pro­fi­tiert die Pro­vinz Roga­land und ins­be­son­de­re ihre Haupt­stadt Sta­van­ger. Ab 2033 soll die viert­gröss­te Stadt Nor­we­gens (150 000 Ein­woh­ner) übri­gens näher an Ber­gen rücken, sofern der 27 km lan­ge und 392 m tie­fe Bokafjord­tun­nel fer­tig wird. Bau­be­ginn des bahn­bre­chen­den «Rogfast»-Projekts war 2018. Bahn­bre­chend inso­fern, als die Tun­nel­röh­ren neu auf Pon­tons unter Was­ser schwe­ben. Ziem­lich sicher fal­len dann wei­te­re Fähr­ver­bin­dun­gen ins Wasser.

Gas und Öl für Euro­pa
Nor­we­gen ran­giert heu­te unter den zehn gröss­ten Erd­öl­pro­du­zen­ten der Welt und ist nach Russ­land und Gross­bri­tan­ni­en der dritt­gröss­te Gas­ex­por­teur Euro­pas. Sta­van­ger ist die Schalt­zen­tra­le des nor­we­gi­schen Öl- und Gas­ge­schäfts. Die gros­sen Ener­gie­un­ter­neh­men haben hier ihren Sitz und steu­ern von hier ihre Platt­for­men in der Nord- und der Barents­see. Der Wirt­schafts­raum Sta­van­ger-Hau­ge­sund-Ber­gen hat sich auf den Bau, Unter­halt und die Ver­sor­gung von Bohr­in­seln und die Ent­wick­lung moder­ner Bohr­tech­ni­ken sowie neu­er, emis­si­ons­är­me­rer Tech­no­lo­gien spe­zia­li­siert. Nor­we­gen hat inzwi­schen inter­na­tio­nal den Lead in punc­to kli­ma­freund­li­che­rer För­de­rung von Gas und Öl über­nom­men.
Per­fi­der­wei­se lässt der rus­si­sche Ein­fall in der Ukrai­ne aus­ge­rech­net in der Nati­on, die den Frie­dens­no­bel­preis ver­gibt, den Rubel umso stär­ker rol­len, da Nor­we­gen seit­her eine weit grös­se­re Rol­le in der euro­päi­schen Gas­ver­sor­gung als zuvor spielt. 95 Pro­zent der geför­der­ten Gas­men­ge neh­men Deutsch­land, Frank­reich und Ita­li­en ab und damit teil­wei­se indi­rekt auch die Schweiz sowie Gross­bri­tan­ni­en. Vom Erd­öl gehen 90 Pro­zent der För­der­men­ge an Gross­bri­tan­ni­en, Deutsch­land, die Nie­der­lan­de und Däne­mark. Den Strom­be­darf deckt Nor­we­gen gänz­lich mit Was­ser, Wind und Son­ne.
Trotz aller grü­ner Anstren­gun­gen bleibt auch die nach­hal­ti­ge­re Nut­zung fos­si­ler Brenn­stof­fe ein schmut­zi­ges Geschäft mit hohem CO2-Aus­stoss, was zuneh­mend auf Kri­tik und Ableh­nung in der Bevöl­ke­rung stösst. Obwohl alle Nor­we­ger davon in hohem Mass pro­fi­tie­ren und sich das BIP ver­viel­facht hat. Die Balan­ce zwi­schen Kli­ma- und Umwelt­schutz einer­seits und Siche­rung des hohen Lebens­stan­dards durch Öl und Gas ande­rer­seits ist der gor­di­sche Kno­ten, den die Regie­rung zu lösen hat. Bis 2050 will das Land koh­len­stoff­neu­tral sein.

Nato-Stütz­punkt
Sta­van­ger strotzt nur so vor Super­la­ti­ven: höchs­tes Pro-Kopf-Ein­kom­men, teu­ers­te (und velo­freund­lichs­te) Stadt des Lan­des, gröss­te Wachs­tums­zo­ne Skan­di­na­vi­ens, brei­tes Frei­zeit- und Kul­tur­ange­bot – Sta­van­ger war 2008 Euro­päi­sche Kul­tur­haupt­stadt –, gröss­te Knei­pen­dich­te, Gour­met­hoch­burg, exzel­len­te Arbeits­be­din­gun­gen und Schu­len, all das ist attrak­tiv und lockt Men­schen an. Auch sol­che wie Oura­nia, die Eng­lisch- und Geschichts­leh­re­rin mit dem lan­gen grie­chi­schen Nach­na­men und den Wur­zeln in Thes­sa­lo­ni­ki und im Ruhr­pott. Sie kam mit ihrem Mann, einem Bau­in­ge­nieur, nach Sta­van­ger.
Inter­na­tio­na­le Fach­ar­bei­ter, Wis­sen­schaft­ler und Inge­nieu­re sind gefragt. Dass Sta­van­ger auch Nato-Stütz­punkt ist, erhöht den Bedarf an inter­na­tio­na­len Schu­len, «da vie­le län­ger als die übli­chen drei Jah­re oder sogar für immer blei­ben», sagt Oura­nia, die zusätz­lich als Stadt­füh­re­rin bei Gui­de Com­pa­niet arbei­tet. Neben­bei: Wäh­rend ich die­sen Arti­kel schrei­be, pro­ben mehr als tau­send Sol­da­ten aus Deutsch­land, den Nie­der­lan­den, Frank­reich, Ita­li­en und Nor­we­gen im Joint War­fa­re Cen­ter, einem tief in den Berg geschla­ge­nen Nato-Bun­ker bei Sta­van­ger, den Ernst­fall, wenn Russ­land einen Mit­glieds­staat angreift.

Wohl­fahrt und Wohl­stand für alle
Nicht nur in Sta­van­ger lebt man gut von Öl und Gas. Jede und jeder der 5,6 Mil­lio­nen Ein­woh­ner pro­fi­tiert. «Von den Lebens­be­din­gun­gen kön­nen ande­re nur träu­men», ist die deut­sche Grie­chin über­zeugt. Sie zählt Grün­de auf, war­um das Leben in Nor­we­gen «so cool und die Work-Life-Balan­ce so gut» sei: kos­ten­lo­se und garan­tier­te Kin­der­gar­ten­plät­ze, kos­ten­lo­se medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung bis zum 18. Lebens­jahr, das gross­zü­gigs­te Eltern­zeit­sys­tem der Welt, eine nicht zu knap­pe Min­dest­ren­te und vie­les mehr.
Kul­tur, Kunst und Gemein­sinn wer­den in hohem Mass geför­dert und von Öl- und Gas­kon­zer­nen wie Equi­nor (vor­mals Sta­toil), Aker BP, Cono­co Phil­lips, Total­Ener­gies und ande­ren unter­stützt. Man den­ke nur an all die Musik­fes­ti­vals, etwa die Ber­gen Fest­spie­le, das Sta­van­ger Jazz­fo­rum, Natt­jazz in Ber­gen, Hau­ge­sund Jazz, oder das Nor­ske Film­fes­ti­valen in Hau­ge­sund, das gröss­te Film­fes­ti­val im Land.

Dies alles ist mög­lich, weil der Staat von Anfang in punc­to Ver­ga­be der Bohr- und För­der­rech­te klug gehan­delt hat und die Ölge­win­ne in einen staat­li­chen Pen­si­ons­fond (Govern­ment Pen­si­on Fund Glo­bal) steckt, um nach­fol­gen­den Gene­ra­tio­nen eben­falls Wohl­stand auf der Basis von Öl und Gas zu sichern.

«Die gan­ze Stadt stank nach Fisch.»
Bis zum gleich­zei­ti­gen Beginn der Ölför­de­rung und der Lachs­zucht 1969 sei Nor­we­gen bit­ter­arm und kei­nes­wegs ein Wohl­fahrts­staat gewe­sen, sagt Oura­nia. Wir ste­hen vor ehe­ma­li­gen Spei­chern, Herings­fa­bri­ken, Salz- und Holz­la­gern am alten Hafen­be­cken. Sie stam­men aus der Zeit um 1820–60, als die Stadt in Hering schwamm und die zweit­gröss­te Han­dels­flot­te besass. Vor dem Öl leb­te man von Fisch. In Sta­van­ger und Hau­ge­sund waren das in ers­ter Linie Hering, Sar­di­ne, Sprot­te (Bris­ling).

Als die Wirt­schaft um 1875 nie­der­ging, setz­te ein Mas­sen­ex­odus nach USA und Kana­da ein, der bis Mit­te des 20. Jahr­hun­derts anhielt, wie die Stadt­füh­re­rin erläu­tert. Sta­van­ger hielt sich mit Fisch­ver­ar­bei­tung über Was­ser und mutier­te von der Herings­hoch­burg zu einem Zen­trum der Kon­ser­ven­in­dus­trie. «Die gan­ze Stadt stank nach Fisch. Vor allem Frau­en und Kin­der schich­te­ten in bis zu 70 Fabri­ken Mil­lio­nen von Ölsar­di­nen fein säu­ber­lich und kopf­los in Blech­büch­sen ein. Kin­der waren am geschick­tes­ten.» 350 Mil­lio­nen Dosen pro­du­zier­te man in Spit­zen­jah­ren für den Export.

Ein Oscar für Ölsar­di­nen
In einer ehe­ma­li­gen Sar­di­nen­fa­brik in Gam­le Sta­van­ger kann man Geschich­te und Pro­duk­ti­on der Ölsar­di­nen nach­ver­fol­gen, eben­so die Aus­wir­kun­gen des Büch­sen­booms auf Gra­fik und Design. Denn das IDDIS Sar­di­nen­mu­se­um, offi­zi­ell Norsk Her­me­tik­mu­se­um, hütet über 30 000 bun­te Eti­ket­ten made in Sta­van­ger als Schatz.
Mit dem Auf­kom­men von Kühl­schrän­ken nach dem Zwei­ten Welt­krieg war es mit der Sar­di­nen­lie­be vor­bei. Nur die Mar­ke King Oscar hat über­lebt, wobei die Fisch­lein heu­te nur zu einem gerin­gen Teil auf den Lofo­ten, aber im Wesent­li­chen in Polen ver­ar­bei­tet wer­den. Den Namen ver­dan­ken sie König Oscar II. von Schwe­den und Nor­we­gen, der 1902 der­art ange­tan war von den file­tier­ten Ölsar­di­nen aus Sta­van­ger, dass er ihnen sei­nen Namen schenk­te. In Ame­ri­ka ist King Oscar heu­te noch die meist­ver­zehr­te Sar­di­nen­mar­ke. Oura­nia fin­det, fri­sche, gebra­te­ne Sar­di­nen sei­en bes­ser – sagt die Grie­chin in ihr.

Das Ende der Idyl­le
Gam­le Sta­van­ger ist das ehe­ma­li­ge Fischer- und Arbei­ter­vier­tel, das mit 173 weis­sen Holz­häu­sern aus dem 18. und dem 19. Jahr­hun­dert die gröss­te geschlos­se­ne und bewohn­te Holz­haus­sied­lung Skan­di­na­vi­ens bil­det. «Klei­ne, nied­ri­ge Pup­pen­häu­ser», so nennt sie Oura­nia. «Man muss ein altes Paar Schu­he weg­schmeis­sen, wenn man ein neu­es Paar kauft.» Die Häu­ser sei­en schlecht iso­liert, von innen mit Schaf­wol­le und Zei­tun­gen, und brand­ge­fähr­lich. «Des­halb hat es über­all Lösch­schläu­che und Hydran­ten sowie Plät­ze und Grün­flä­chen als Brand­lö­cher.»
Im Win­ter wird das Kopf­stein­pflas­ter der auto­frei­en Sied­lung von Heiss­was­ser­roh­ren beheizt, damit nie­mand auf Eis aus­rutscht. Wenn der Weih­nachts­markt statt­fin­de und war­mes Licht aus den Gale­rien oder Töp­fe­rei­en schei­ne, sehe es schon sehr idyl­lisch aus, meint die Gui­de. Wenn aber meh­re­re Kreuz­fahrt­schif­fe gleich­zei­tig in der Stadt anleg­ten, wie gera­de die «Aida», «Mein Schiff», «Queen Mary» und die «Sere­na­de of the Sea», dann sei es mit der Idyl­le der Sied­lung und der Tole­ranz der Bewoh­ner vorbei.

Bun­te Stras­sen und Kunst­spiel­plät­ze
Cir­ca 200 gros­se Crui­se­ships lau­fen pro Jahr in Sta­van­ger ein. Für Gale­rien, Läden und Muse­en sei das gut. Vie­le Gale­ris­ten machen ihr Geschäft mit Street­art, die mit rund 300 Wer­ken in der Stadt in Erschei­nung tritt. Sta­van­ger gilt auch dank des Nuart-Fes­ti­vals als Mek­ka der Stras­sen­kunst­sze­ne.
Die Band­brei­te ist gross: vom geist­rei­chen Mini-Sten­cil bis zum gröss­ten Mural des Lan­des. Letz­te­res hat Nor­we­gens Street­art-Star Pøbel auf einem gigan­ti­schen Getrei­de­si­lo ange­bracht. Es zeigt einen Silo­ar­bei­ter mit Helm im Schnei­der­sitz, der ein Schild mit der Auf­schrift «Will work for food» in Hän­den hält. Mit 17 Meis­ter­wer­ken ist Pøbel in Sta­van­ger gut ver­tre­ten. Der Name ist ein Pseud­onym; auch bezüg­lich Style und Inhalt besteht eine gewis­se Nähe zu Banksy.

Street­art ande­rer Art zeigt sich in der Øvre Hol­me­ga­te: Die Häu­ser der soge­nann­ten «far­ge­ga­ten» wur­den auf Anre­gung eines Fri­sörs nach dem Farb­kon­zept des schot­ti­schen Künst­lers Craig Flan­na­gan jeweils in einer ande­ren Far­be gestri­chen, was sowohl Stadt als auch Eigen­tü­mer erst geneh­mi­gen muss­ten.
Kun­ter­bunt wirkt auch Geo­par­ken, der aus­ser­ge­wöhn­li­che Spiel­platz neben dem eben­falls aus­ser­ge­wöhn­li­chen wie sehens­wer­ten nor­we­gi­schen Ölmu­se­um. Der Spiel­platz wur­de von Helen & Hard Archi­tek­ten mit recy­cel­ten Ver­satz­stü­cken von Ölplatt­for­men und dem Mini-Nach­bau des Troll­felds gestal­tet, dem Gas­feld in der Nord­see mit der bis­her höchs­ten geför­der­ten Gas­men­ge. Das Modell des Play­grounds, der weit mehr ist – ein Skate­park, Streetart‑, Sport- und Fes­ti­val­ge­län­de –, befin­det sich im MoMA, New York.

Macht­zen­trum der Wikin­ger
Die nächs­te Sta­ti­on der Velo­rei­se war Hau­ge­sund, die schö­ne Stadt am Meer (38 000 Ein­woh­ner), die sich vie­les mit Sta­van­ger teilt: den Hering, die Ver­an­ke­rung in der Ölin­dus­trie oder die Sym­pa­thie für Jazz und Street­art. Wo sich Ende des 19. Jahr­hun­derts der Umschlag­platz für Fisch befand, wer­den heu­te bei Aibel Ener­gie­platt­for­men für Off­shore-Wind­parks gebaut. Auch das Nor­we­gi­sche Zen­tral­amt für Schiff­fahrt ist in der eins­ti­gen Herings­haupt­stadt angesiedelt.

An die Zeit des Hering­booms erin­nern nicht nur die Holz­häu­ser auf der Hafen­in­sel Risøy und das dor­ti­ge Frei­licht­mu­se­um Dok­ken, son­dern auch Jugend­stil­bau­ten im Zen­trum, wie sie in kei­ner ande­ren Stadt Nor­we­gens so zahl­reich ver­sam­melt sind. Dem Hering (sild) ist das all­jähr­li­che gröss­te Jazz­fes­ti­val des Lan­des gewid­met (Sil­da­jazz).

Eine gros­se Anzie­hungs­kraft übt das Hau­ga­land auf Wikin­ger­fans aus, die sich, geklei­det wie vor 1000 Jah­ren, in Avalds­nes auf Kar­møy, der idyl­li­schen Feri­en­in­sel vor Hau­ge­sund, jeweils im Juni zum gros­sen Wikin­ger­fest tref­fen. Wie es bei den Wikin­gern zu- und her­ging, erfährt man im digi­ta­len Wikin­ger-Muse­um in Hau­ge­sund.
Weni­ge Kilo­me­ter nörd­lich der Stadt befin­det sich das Grab Harald Schön­haars. Es liegt am wild-roman­ti­schen Küs­ten­pfad zwi­schen Fel­sen- und Sand­buch­ten, Dünen und Wei­de­land, Hei­de­kraut und Gins­ter. Hier soll der ers­te König Nor­we­gens die ver­schie­de­nen Wikin­ger­stäm­me zum Reich ver­eint haben. Harald Hår­fag­re zu Ehren wur­de an die­ser Stel­le Haraldshau­gen errich­tet, Nor­we­gens ein­zi­ges Natio­nal­denk­mal, mit Sicht auf Meer, Leucht­tür­me und Windräder.

«Bike the tun­nel!»
Ab Hau­ge­sund war end­lich Insel­hop­ping ange­sagt, mit allem, was ich mir vor­stell­te. Am Ende der Velo­tour gab es in Ber­gen eine Über­ra­schung mit Wow-Effekt: den 3000 Meter lan­gen Fyl­lings­dals­tu­nel­len. Er ist der längs­te Velo- und Fuss­gän­ger­tun­nel der Welt – und für Autos gesperrt.

«Bike the tun­nel!» So ein Slo­gan kann nur Ver­kehrs­pla­nern einer Stadt ein­fal­len, in der es oft reg­net. Mit fast 22 Regen­ta­gen pro Monat, ziem­lich gleich­mäs­sig aufs Jahr ver­teilt, hält Ber­gen einen ein­sa­men Rekord. Auf Regen­mo­de spe­zia­li­sier­te loka­le Mar­ken wie Rains, Blæst, Swims zol­len die­sem Umstand Respekt. Velo­fah­rer, Jog­ger, Wal­ker, Gas­si­ge­her dürf­ten sich über den 2023 eröff­ne­ten Tun­nel freu­en. Farb­spie­le und Licht­ef­fek­te ver­kür­zen beim Pas­sie­ren die Zeit. Bei Ber­gen-Wet­ter kei­ne so ver­kehr­te Sache. Mehr über Ber­gen erfah­ren Sie in einer der nächs­ten Ausgaben.

Die Velo­rou­te funk­tio­nier­te 2025 so:
Ber­gen: Fäh­re –> Tan­an­ger –> Sta­van­ger: Fäh­re –> Ned­strand –> Hau­ge­sund –> Bua­vå­gen: Fäh­re –> Insel Bøm­lo: Fäh­re –> Insel Selb­jørn: Fäh­re –> Insel Huft­arøy: Fäh­re –> Kro­kei­de –> Ber­gen.
www.fjordnorway.com
www.visitnorway.com