«Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse», «The Voice of Hind Rajab» und «Nacktgeld»:
Er hat eine Weiche für die Freiheit gestellt, damals, 1983 in der DDR, und wird dafür Jahrzehnte später als «Held vom Bahnhof Friedrichstrasse» gefeiert. Die letzte Filmarbeit von Wolfgang Becker. – Inspiriert von Arthur Schnitzlers Novelle «Fräulein Else», inszenierte der Luzerner Thomas Imbach ein Kammerspiel um eine junge Frau, die ihren Körper für einen Mann zur Schau stellen soll: «Nacktgeld». – Schauplatz Gazastreifen: Eine fünfjährige Palästinenserin steckt in einem Auto fest, das beschossen wird, und ruft um Hilfe. Die Dokufiktion «The Voice of Hind Rajab» schuf Kaouther Ben Hania – mit der Originalstimme des verzweifelten Mädchens.
Ein Held wird nicht geboren, er wird gemacht. So könnte die Quintessenz eines Spielfilms lauten, der aus einer kleinen Episode eine grosse Geschichte macht. Wohlgesagt, nicht der Film hat dieses «Heldengedicht» gesponnen, sondern Medien, Helfershelfer und die Öffentlichkeit. Es begab sich in Berlin im Jahr 1983, dass ein Zug fehlgeleitet wurde. Nicht irgendein Zug, sondern eine S‑Bahn, die von der DDR in den Westen, sprich nach Westberlin fuhr. 127 DDR-Menschen haben so der Unfreiheit entfliehen können. Zufall, Schicksal oder perfide Planung? Der pfiffige Journalist Alexander Landmann (Leon Ullrich) sucht eine bewegende Story zum 30-Jahr-Jubiläum des Mauerfalls und wird fündig. Er findet Micha Hartung (Charly Hübner), heute leicht verkommener Videothekenbesitzer, der vor der Pleite steht, aber damals die entscheidende Weiche für den «Fluchtzug» gestellt haben soll. Keine Zeile wert, meint der Weichensteller, das sei damals ein Versehen gewesen. Gleichwohl lässt sich Micha breitschlagen (der Euro lockt!) und spielt die Rolle des Helden, der diese Massenflucht geplant haben soll. Ihm gefällts, dass er, der «Loser», plötzlich in der Öffentlichkeit zum Helden hochgejubelt wird – im «Spiegel» und in Medienauftritten. Mulmig wird’s dem Hochstapler wider Willen erst, als er eine Rede beim Bundespräsidenten halten soll: Der Mauerfall soll gefeiert werden. Kommt hinzu, dass der verdiente Historiker und DDR-Widerständler Harald Wischnewsky (Thorsten Merten) als vorgesehener Redner ausgebootet wurde und Michas Heldengeschichte als Fake enttarnt. Wie kann Micha dem Schlamassel entkommen, zumal seine neue Flamme Paula (Christiane Paul) ihm, dem falschen Helden, den Laufpass gibt?
Keine wahre Begebenheit. Maxim Leo hat den Roman «Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse» (2020) gesponnen, und Wolfgang Becker hat ihn verfilmt. Eine schräge Satire auf Medien und Meinungsmache und ein wunderbares Beispiel für Aufstieg und Fall eines Losers und Tollpatschs, der zum Helden stilisiert wurde. Becker beschreibt ironisch-liebenswürdig diese zwei Welten und Systeme, wie die Vergangenheit die Gegenwart prägt und wie eine Behauptung sich hartnäckig hält, auch wenn sie als Lüge enttarnt wurde.
Das grosse Aufgebot namhafter Schauspieler macht dieses verschmitzte Zeitbild zum grossen Vergnügen, mit Auftritten von Leonie Benesch und Jürgen Vogel als Werbefilmregisseur, Peter Kurth als Stasi-Drahtzieher, Daniel Brühl als Serienstar oder Katarina Witt als Sportgrösse. Regisseur Wolfgang Becker, der mit seinem Erstling «Schmetterlinge» in Locarno 1988 den Goldenen Leoparden gewann, starb vor einem Jahr. Er konnte seinen Film fertigstellen, die Postproduktion erlebte er nicht mehr. Zusammen mit Tom Tykwer, Stefan Arndt und dem Schweizer Dani Levy hatte er 1994 die Produktionsfirma X Filme gegründet.
«The Voice of Hind Rajab». Ein Ereignis, ein Vorfall, eine tragische Begebenheit, die für viele im Krieg, hier im Gazastreifen, stehen kann. Im Januar 2024 ist eine Familie aus Gaza-Stadt auf der Flucht. Die fünfjährige Hind Rajab sitzt zusammen mit Onkel, Tante und anderen Kindern fest. Sie werden von Israelis beschossen. Verzweifelt versucht das Mädchen, telefonisch Hilfe zu alarmieren. Es kann Kontakt aufnehmen mit der Hilfsorganisation Palästinensischer Roter Halbmond. Alle Begleiter scheinen tot zu sein. Allein Hind Rajab fleht, bittet, kämpft um ihr Leben – scheints auf verlorenem Posten.
Diese Telefonaufzeichnungen bilden die Grundlage für den halb dokumentarischen Film der Tunesierin Kaouther Ben Hania. Das Drama spielt sich quasi nur akustisch ab. Ort der Handlung sind die Räume der Hilfsorganisation, wo Mitarbeiter versuchen, einen Hilfstrupp für das im Auto eingeschlossene Mädchen zu beordern. Die Mitarbeiter Rana (Saja Kilani) und Omar (Motaz Malhees) halten Kontakt, trösten, vertrösten und verzweifeln ob der bürokratischen und militärischen Hindernisse. Ihr Vorgesetzter Mahdi (Amer Hlehel) versucht stundenlang, eine Rettungsaktion zu koordinieren. Am Ende wird ein Auto eingeblendet, das von 355 Kugeln durchsiebt worden ist.
Die Nachricht von diesem tragischen Ereignis ging um die Welt. Filmautorin Kaouther Ben Hania beschränkte sich bewusst auf die Hilferufe Hind Rajabs, auf Arbeit, Empfindungen und Ohnmacht der vermeintlichen Retter. Gewalt wird nicht sichtbar, aber desto spürbarer. «Ich wollte mich auf das Unsichtbare konzentrieren, auf das Warten, die Angst, das unerträgliche Geräusch der Stille, wenn keine Hilfe kommt. Manchmal ist das, was man nicht sieht, verheerender als das, was man sieht», erklärte die Regisseurin. In diesem Fall sprechen nicht die Bilder, sondern die Worte, die Gefühle, die Gedanken eine deutliche Sprache. Dass die israelischen Verursacher, sprich Täter, anonym bleiben, mögen manche als Manko einstufen. So prägt sich diese Dokufiktion ein, in der die Mitarbeiter der Hilfsorganisation von Schauspielern verkörpert werden; ein aufwühlendes Kammerspiel als Beispiel für Hilflosigkeit vor Gewalt, stellvertretend für andere kriegerische Ereignisse und Schicksale. In Venedig 2025 mit dem Silbernen Löwen (Preis der Jury) ausgezeichnet, wurde «The Voice of Hind Rajab» von Tunesien für die Oscarnominationen angemeldet.
«Nacktgeld». Der Filmtitel ist wörtlich zu nehmen: Eine junge Frau wird animiert, sich für einen Mann nackt zu zeigen und dafür einen Batzen zu kassieren. Ihre Eltern sind in Schwierigkeiten und brauchen dringend Geld, um Schulden zu begleichen. Lili (Deleila Piasko) ist attraktiv, eine Augenweide. Sie verbringt Ferien in einem Grandhotel in den Bergen. Ihre Mutter drängt sie, mit dem gut situierten Herrn Dorsday (Milan Peschel) anzubändeln, um Geld aufzutreiben, damit ihr Vater nicht wegen Schulden im Gefängnis landet. Ein Darlehen wäre die letzte Rettung. Dorsday hat tatsächlich ein Auge auf Lili geworfen und ist geradezu versessen, Lili nackt zu sehen. Er schlägt ihr einen Deal vor, und Lili steckt in einem moralischen Dilemma.
Der Luzerner Filmer Thomas Imbach («Happiness Is a Warm Gun», «Mary Queen of England») hat dieses Kammerspiel inszeniert, inspiriert von Arthur Schnitzlers Novelle «Fräulein Else» (1924). Dreh- und Angelpunkt ist eine Frau, gespalten zwischen Gefühlen, Würde und Wirklichkeit, sprich materieller Realität. Lässt sie die Hüllen fallen, ist sie bereit, sich zu entblössen? Bricht sie Tabus, aus Loyalität zu ihrem Vater?
Für die (männliche) Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Frau ein Objekt der Begierde, das man kaufen kann. Lili schwankt zwischen Pflicht und Selbstbestimmung, zwischen Scham und Lust. Sie geht bis zum Äussersten und outet sich im wahrsten Sinn des Wortes vor der gesammelten Hotelgesellschaft. Voyeure seien gewarnt. Es geht nicht um Sexualität, nicht um Zurschaustellung. Ausser einem schönen Rücken spielt sich Nacktheit nur in den Köpfen ab. «Es ist eine MeToo-Geschichte», unterstreicht der Filmer Imbach, «in der Übergriffigkeit und die Diskussion ums Patriarchat im Mittelpunkt stehen.» In der Zürcherin Deleila Piasko («Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull») fand er eine Idealbesetzung. Faszinierend.
Speziell macht Imbachs Psychodrama der Produktionshintergrund. Der Film wurde vollständig im Studio mit 3D-Projektoren gedreht (Virtual Production). Er entstand in fünf Wochen im Studio, der Hintergrund (Bergwelt etc.) wurde digital hinzugefügt. Ein Faktor, der die Produktion erheblich weniger kosten lässt. Diese Produktionsweise hat auch den Nebeneffekt, dass das Psychodrama «Nacktgeld» alles andere denn altmodisch und verstaubt wirkt, obwohl es in den 1920er-Jahren spielt. Ein augenfälliger Film – sinnlich und anregend.
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 277, Januar 2026






