Als «Blick hinab in die Tiefe der ländlichen Schweiz und hinauf zu den Sternen» charakterisiert der Innerschweizer Filmemacher Fredi M. Murer den jüngsten Dokumentarfilm seines Kollegen Edwin Beeler. «Der Mann auf dem Kirchturm» ist der Grossvater Beelers, Kaminfegermeister und Dachdecker in Oberägeri. Er ist der Kristallisationspunkt eines Familien- und Zeitbilds.
Er war eine Respektsperson, beliebt und angesehen. Man kannte und schätzte den Dachdecker und Kaminfegermeister im zugerischen Oberägeri: Johann (Hans) Nussbaumer. Der Bub Edwin Beeler sah zu ihm auf, der Mann mit dem schwarzen Zylinder hatte etwas Faszinierendes. Und es ist eine Reihe von Zylindern, die der Enkel auf dem Dachboden vorfand und jetzt hervorkramte für einen Film über seinen Grossvater, der sich 1989 im Alter von 81 Jahren das Leben nahm. Edwin Beeler war dazumal 31 Jahre jung.
Die Kindheitserlebnisse mit und um den Grossvater haben sich tief im Gedächtnis des Enkels eingegraben – je weiter weg (zeitlich), desto stärker. Zwei Dinge, die nun im Film auftauchten, so Beeler, seien damit untrennbar verbunden: «Jimmy, der turnende Clown am Reck (ein Blechspielzeug), und der Zylinderhut des Schornsteinfegers.» Kleine Spielszenen mit dem Buben Edwin, verkörpert durch David Meile, deuten darauf hin. Ein Erzähler (Hanspeter Müller-Drossaart) wirft Fragen auf, streut Gedanken des Filmautors ein, erläutert, sinniert über die Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reicht.
Ein Schicksalsschlag, der bis zum Lebensende zusetzte: Ein schwerer Sturz vom Dach hatte den Dachdecker Nussbaumer aus der Lebensbahn geworfen, hatte den «starken Mann» geradezu tödlich geschwächt. Filmer Beeler hat in Erinnerungen, in Bildern gegraben, Verwandte, Zeitzeugen befragt, um die Entscheidung seines Grossvaters irgendwie nachvollziehen zu können. Er kommt zum Schluss, dass dieser Mann «Produkt» und Opfer seiner Zeit, seiner Rolle als Patriarch, Familienvorstand und Ernährer war. In seiner Not blieb er stumm und entschied, dem Leben ein Ende zu setzen.
Geschickt vernetzt Beeler Dokumente wie Bilder, eigene Filme (Super-8-Farb- und 16-mm-Schwarz-Weiss-Aufnahmen) mit Aussagen von Verwandten und Zeitzeugen, von seiner Mutter Anna beispielsweise, seinem Onkel Erich Nussbaumer oder seiner Tante Ruth Besmer-Nussbaumer. Sie dokumentieren quasi den Zeitgeist, die Umstände, die Eigenarten. Anna, Tochter des Kaminfegermeisters, erkennt: «Damals wurde das Wort Depression kaum je benutzt. Nachträglich haben wir uns oft gefragt, ob unser Vater vielleicht nicht öfter an Depressionen gelitten hatte, ohne dass wir es damals bemerkt hätten.»
Der Blick zurück auf die Dorfgesellschaft mit ihren Festen zeigt auch, wie sich die Ortschaft, die Region um Oberägeri verändert hat. Das machen der ehemalige Gemeindepräsident Edi Iten oder der ehemalige Bürgerratspräsident Alois Rogenmoser deutlich: «An Sonntagen sind heute in Oberägeri keine Wirtshäuser mehr geöffnet. Die Gesellschaft ist tot.»
«Der Mann auf dem Kirchturm» ist nicht nur der tragische Held, sondern steht auch beispielhaft für das Schicksal eines Büezers und einer Familie, verortet in einem «steinernen Haufen», dem Wohnhaus, das heute noch in Familienbesitz ist. Beelers fein- und tiefsinniges Porträt zeigt auch die Entwicklung eines Fleckens, den Niedergang einer Dorfgemeinschaft. Sein Film weist weit über Oberägeri oder lokale Begebenheiten hinaus, er hat allgemeingültigen Wert.
Kinostart ist am 15. Januar 2026. Der Film wird auch an den Solothurner Filmtagen (21. bis 28. Januar) aufgeführt.
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 277, Januar 2026






