Natürlich: «La belle Hélène», «La Périchole», «La Grande-Duchesse de Gérolstein» … Aber haben Sie «La Diva» schon gehört oder «Valéria», «Madame Favart»?
Das Werk, das Jacques Offenbach (1819–1880) hinterlässt, ist riesengross, und es ist der französischen Sopranistin Véronique Gens hoch anzurechnen, dass sie eine CD eingespielt hat, auf der sie neben einigen bekannten Couplets zahlreiche gänzlich vergessene Werke zum Besten gibt, dazu drei bisher unveröffentlichte Stücke aus «La belle Hélène», «La Périchole» und «La Vie Parisienne» (CD Alpha 1168, in der Schweiz durch MusiKontakt vertrieben).
In Zusammenarbeit mit dem Palazetto Bru Zane – Centre de musique romantique française wurden rare Perlen ausgegraben, die teilweise zu des Komponisten Lebzeiten sehr populär waren. Die CD enthält auch zwei reine Instrumentalstücke: «Ballet des chimères» aus «Le Voyage dans la lune» und ein Entreacte symphonique aus «Robinson Crusoé». Alexandre Dratwicki, künstlerischer Leiter des Palazetto Bru Zane, steuert einen aufschlussreichen Beihefttext bei. Die Libretto-Texte sind darin verdienstvollerweise enthalten, ihre englischen Übersetzungen jedoch zum Teil recht ungeschickt.
Véronique Gens erweist sich als ideale Interpretin für dieses Repertoire. Sie beherrscht ebenso das hohe Register der «soprano agile» wie die Mezzo-Klänge der von Offenbach für die legendäre Hortense Schneider kreierten Rollen. Dazu kommt ein beeindruckendes Talent für französische Diktion, mit dem dazugehörigen reizvoll gerollten R. Sie kann sich in jede Rolle versetzen, drückt ebenso humorvolle Momente wie Melancholie überzeugend aus, sei es der Übermut in den «Couplets du théâtre» aus «La Diva» oder die rührend hingebungsvolle Verliebtheit in «Couplets de la déclaration» aus «La Grande-Duchesse de Gérolstein» (beide Libretti von Meilhac und Halévy). Auch tragische Stimmungen sind ihr nicht fremd, sei es «Oui, j’ai menti» aus «Dragonette» (Libretto Mestépès und Jaime fils) oder die berühmte Brief-Arie aus «La Périchole» (Meilhac und Halévy).
Das Spinnerinnenlied aus «Geneviève de Brabant» (Crémieux und Tréfeu) und das Wiegenlied aus «Robinson Crusoé» (Cormon und Crémieux) geben schönes Zeugnis ab für die meisterhafte Orchestrationskunst Offenbachs.
Noch ein reizvolles Detail: Die «Couplets de Margot» aus «La Boulangère a des écus» (Meilhac und Halévy) zitieren ein Lied gleichen Titels von Antoine Gallet aus dem Jahr 1737, das zum Volkslied geworden ist.
Choeur et Orchestre National des Pays de la Loire unter Hervé Niquet, einem der besten Spezialisten für französische Musik vom XVII. bis zum XX. Jahrhundert, der auch als Sänger, Interpret auf diversen Tasteninstrumenten, Komponist und eminenter Musikpädagoge aktiv ist, sind die richtigen Partnerinnen und Partner für diese leichte («légère»), aber keineswegs leicht («facile») zu spielende Musik.






