Wer auf Prog Rock der späten 1960er-Jahre steht, kommt an den Platten «Concerto Grosso» und «Aldebaran» von New Trolls nicht vorbei. Die italienische Formation um Schlagzeuger Gianni Belleno und Sänger Nico Di Palo gastierte im vergangenen November in Biel – und machte mit ihrem Auftritt Lust auf eine Reise in die musikalische Vergangenheit.
Die fünfköpfige «Boygroup» New Trolls formierte sich in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre in Genua. Ihre Mitglieder überzeugten von Beginn an durch stimmliche Vielfalt und ihr Talent, eigene Lieder zu komponieren und zu improvisieren. Im Laufe der Zeit wechselte die Besetzung mehrmals, und es gab mindestens zwei Reunions. Einige der Gründer sind verstorben, darunter Giorgio D’Adamo und Vittorio De Scalzi.
Am 22. November 2025 standen mit Gianni Belleno und Nico Di Palo zwei Ur-Mitglieder im Bieler Kongresshaus auf der Bühne – anlässlich der alljährlichen Christmas Sessions. Begleitet wurden sie von weiteren Musikern sowie einer Sängerin, die inzwischen neu zur Formation gestossen sind. Und sie brachten das, was man von ihnen erwartete: einen nicht stereotypen italienischen Sound, der hin und wieder den Aha-das-kenne-ich-doch-Effekt auslöste. Unmittelbar vor dem Bieler Konzert nahmen sich Nico und Gianni Zeit für ein Gespräch:
Nico und Gianni, wir stehen kurz vor eurem Konzert. Wie geht es euch?
Nico Di Palo: Gut. Wir sind bereit!
Die New Trolls sind seit jeher viel unterwegs und fühlen sich offensichtlich überall wohl. So auch hier.
Nico Di Palo: Ja. Und es stimmt, wir haben zahlreiche Länder gesehen.
Gibt es ein Land, das ihr besonders ins Herz geschlossen habt?
Nico Di Palo: Japan, zum Beispiel, hat mich beeindruckt. Dort verbindet sich technologischer Fortschritt auf bemerkenswerte Weise mit dem täglichen Leben.
Kommen wir zu euch: Als unkonventionelle Band prägten die New Trolls die goldene Ära des Progressive Rock – oder kurz des Prog – und blieben dabei stets ihrem eigenen Stil treu, vor allem in ihren frühen Jahren und mit dem wegweisenden Projekt «Concerto Grosso». Welche Erinnerungen ver-
bindet ihr mit dieser Zeit?
Gianni Belleno: Mit unserer Musik starteten wir 1967. 1968 hatten wir bereits ein erstes Album parat. «Senza Orario, Senza Bandiera», was ein grosser Erfolg war. Anschliessend haben wir uns auch bei Sanremo gezeigt. Mit der Zeit wurden wir immer besser …
… und ihr habt mit Fabrizio De André zusammengearbeitet.
Gianni Belleno: Ja, genau. Er war am Album «Senza Orario, Senza Bandiera» beteiligt. Und wir haben ihn motiviert, auf Tour zu gehen. Er hatte denselben Produzenten wie wir: Gianpiero Reverberi.
1971 machtet ihr von euch reden mit «Concerto Grosso». Das gab eurer Karriere einen Schub.
Gianni Belleno: Der Komponist und Produzent Sergio Bardotti war da involviert. Damals ging es darum, den Film «La vittima designata» mit Musik vom Pianisten und Komponisten Luis Bacalov zu vertonen, einem Freund von Sergio Bardotti. Nachdem wir die Musik gehört hatten, die Bacalov zu schreiben begonnen hatte, stellte sich die Frage: Warum nicht auch eine Rockgruppe einbinden, die sich in diese Melodie einfügt? Die Idee war genial. Wir machten uns ans Werk. Es war eine unglaubliche Zeit, und das Ergebnis war schlicht verblüffend: Kurz nach Erscheinen der Platte erreichte sie bereits die Marke von einer Million verkaufter Exemplare.
Nico Di Palo: Wie Gianni soeben gesagt hat, war es Bardottis Idee. Zunächst zögerten wir, war uns doch bewusst, dass wir es in diesem Projekt mit grossartigen Orchestermusikern zu tun hätten. Unsere musikalische Richtung war ja eine andere.
Die A‑Seite der Platte enthält den Soundtrack zu «Concerto Grosso». Die B‑Seite ist aber eine ganz eigene Geschichte. Prog-Rock-mässig …
Gianni Belleno: Ja, wir waren plötzlich ausgeschossen und konnten die B‑Seite gar nicht mehr bespielen. Somit griffen wir in die Impro-Kiste und machten ad hoc etwas ganz eigenes, Prog-Rock-Mässiges, wie du sagst.
Nico Di Palo: Die progressive Musik von damals war eine besondere Art, Musik neu und fortschrittlich zu gestalten.
Eine weitere für euch wichtige Platte war «Aldebaran» 1978.
Gianni Belleno: Ein schönes Album, wirklich. Ich bin nach wie vor stolz darauf.
All diese Alben belegen eure Fähigkeit, nach ausgefeilten und unverwechselbaren Klangwelten zu suchen. Und sie bezeugen eure ungewöhnliche stimmliche Ausdruckskraft.
Gianni Belleno: Es war Vittorio de Scalzi, der uns alle gefunden und zu dem zusammengefügt hat, was wir am Ende verkörperten. Jedes Bandmitglied hatte seine ganz eigene Art des Ausdrucks: Ich sang im Falsett, Nico sang mit voller Stimme, und auch die anderen hatten jeweils ihren eigenen Stimmklang. Wenn wir im Studio sassen, wusste jeder ganz genau, was er zu tun hatte. Wir waren äusserst präzise, nahezu pedantisch, wenn es um die Entwicklung unseres Gesangs ging.
Wie wurdet ihr in Italien wahrgenommen?
Gianni Belleno: Es war uns bewusst, dass wir anders waren als alle anderen. Es ist heute noch so: Wenn wir etwas tun, tun wir es wirklich. Wir spielen und singen zusammen, gerade so, wie es kommt. Das macht uns irgendwie besonders.
Heute mehr denn je?
Gianni Belleno: Wie meinst du das?
Die Musikproduktion hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert.
Gianni Belleno: Leider ist heute vieles in der Musik – vor allem, was ihre Produktion betrifft – nicht darauf ausgelegt, Bestand zu haben. Deshalb denke ich, sind wir beim «anno zero», beim Jahr null, des Musikschaffens angelangt und müssen nach vorne schauen – einen Neustart wagen.
New Trolls – Diskografie (Auszug)
1968: Senza Orario, Senza Bandiera
1971: Concerto Grosso Per I New Trolls
1976: Concerto Grosso No. 2
1978: Aldebaran






