Es war eine visionäre Mediensatire zu einer Zeit, als mediale Manipulation noch in relativ überschaubarem Rahmen stattfand. Max Renn (James Woods), Manager eines kleinen Kabel-TV-Senders, stösst auf der Suche nach reisserischem Content auf einen verschlüsselten Piratensender namens Videodrome, der offenbar nichts als sexualisierte Foltervideos verbreitet. Er ist fasziniert und beschliesst, mit den Machern in Kontakt zu treten, um deren Material auf seinem Boulevardsender zu vermarkten. Auch Max’ masochistisch veranlagte Freundin Niki Brand (Blondie-Sängerin Debbie Harry) ist fasziniert und möchte sich bei Videodrome gar als Schauspielerin, sprich Folteropfer, anwerben lassen. Doch ist Videodrome mehr als das, was auf dem Bildschirm zu sehen ist, scheint doch der Sender zusätzlich ein manipulatives Signal zu übertragen, das jene verändert, die sich ihm aussetzen. Für Max beginnt ein veritabler Höllentrip, auf dem die Grenzen zwischen Realität und Halluzination verfliessen.
1983 fand Fernsehen in relativ kleinen, schweren Kästen mit schummrigen, abgerundeten Röhrenbildschirmen statt. Private Videogeräte mit Magnetbandkassetten waren erst seit wenigen Jahren im Handel. Da gabs weder Streaming, Social Media, Virtual-Reality-Brillen noch das Darknet und Diskussionen über Fake News. Das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb David Cronenbergs Film über die Auswirkungen von gewalttätigen Inhalten auf die Psyche von Menschen damals bei Kritik und Publikum für wirr und unverständlich gehalten wurde und schnell aus den Kinos verschwand. Im deutschsprachigen Raum erschien «Videodrome» 1985 lediglich auf Video – in einer geschnittenen Fassung – und geriet sofort auf den Index. Heute ist er ein Klassiker. Und er hat etwas Visionäres, nimmt er doch in gewissem Grade voraus, dass sich heute Menschen Chips einpflanzen lassen oder sich auf andere Weise mit Maschinen optimieren wollen – und dadurch zu Cyborgs werden. In «Videodrome» funktioniert das allerdings auch in die umgekehrte Richtung: Da beginnen Videokassetten und Fernsehgeräte plötzlich zu atmen und zu pulsieren, löst sich die Grenze zwischen Technik, Medienwelt und Privatleben auf, wird die Maschine organisch. Der Mensch wird zur Maschine und löst sich schliesslich im Cyberspace auf. Und man fragt sich, ob da noch mehr von ihm bleibt als ein Abbild auf einem Bildschirm? Möglicherweise ewige Verdammnis als Datenstrom in der Matrix.
Zu Beginn der 80er-Jahre konnten Filmemacher allerdings noch nicht auf Digitaltechnik für die Spezialeffekte zugreifen. Alles musste analog und teilweise mittels Stop-Motion-Animation umgesetzt werden. Der Maskenbildner Rick Baker, welcher auch für die Effekte in «Star Wars» und «An American Werewolf in London» verantwortlich zeichnete, sowie ein Team von Trickspezialisten leisteten hier Eindrückliches. Ebenso Komponist Howard Shore, welcher einen Score ablieferte, der orchestral beginnt und im Lauf des Films immer elektronischer wird.
Der kanadische Regisseur David Cronenberg hat unter dem Einfluss literarischer Vorbilder wie William S. Burroughs oder Vladimir Nabokov stets Abgründiges und Gewalttätiges auf die Leinwand zu bannen gesucht, nicht ohne die tiefenpsychologischen Ebenen aussen vor zu lassen. Spätestens seit «Scanners» und «Videodrome» wird ihm dies auch zugestanden, und seit seiner Neuverfilmung von «The Fly» 1986 gehört er zu den Topfilmemachern.
«Videodrome», Kanada/USA 1983, 89 Minuten. Regie und Drehbuch: David Cronenberg; Kamera: Mark Irwin; Schnitt: Ronald Sanders; Spezialeffekte: Rick Baker; Musik: Howard Shore; Produktion: Claude Héroux. Mit: James Woods (Max Renn), Debbie Harry (Niki Brand), Lynne Gorman (Masha), Jack Creley (Brian O’Blivion), Sonja Smits (Bianca O’Blivion), Peter Dvorsky (Harlan), Leslie Carlson (Barry Convex) …
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 277, Januar 2026






