Eltern und Kinder – ein ewiges Thema und Problem. Literatur und Filmgeschichte sind voll davon. Zwei Filme, unterschiedlich wie Tag und Nacht, schildern verschiedene Konstellationen und faszinieren jeder auf seine Weise: Joachim Triers Familienkonflikt «Sentimental Value» und Alice Douards Liebesclinch «Des preuves d’amour».
«Sentimental Value». Zwei Schwestern, die ihr Leben mehr oder weniger gemeistert haben, haben ein ungelöstes Problem: einen Vater. Der hat sich abgesetzt, als sie Kinder waren, und taucht nun Jahre später wieder auf. Gustav Borg (Stellan Skarsgård) ist ein angesehener, erfolgreicher Regisseur. Ein Mann, der seine besten Jahre wohl hinter sich hat und ein Comeback anstrebt. Er hat ein Drehbuch für einen neuen Film geschrieben, und seine Tochter Nora (Renate Reinsve) soll die Hauptrolle spielen. Ein Versuch der Wiedergutmachung, kann man vermuten. Nora hat ihren Weg als Theaterschauspielerin gemacht und lehnt kategorisch ab. Zu sehr hat sie das Verhalten ihres Vaters, seine «Flucht», verletzt. Ihre jüngere Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) hat den «bürgerlichen» Weg eingeschlagen, ihr waren Job, Familie und Kind wichtig. Sie ist weniger verbittert als ihre Schwester und schlägt eher versöhnliche Töne bei diesem Vater-Töchter-Konflikt an. Gustav Borg will so oder so auch ohne seine Tochter seinen Film realisieren, der wohl die tragische Geschichte um die Mutter behandelt, die Suizid begangen hat. Als «Ersatz» hat er die Schauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning) engagiert, einen aufstrebenden Hollywoodstar. Der Familienkonflikt schwelt weiter, das Verhältnis zu den Töchtern scheint eher verhärtet denn entspannt. Was könnte Nora umstimmen? Kann Kunst heilen und versöhnen?
Joachim Trier, 1974 in Dänemark geboren, aber in Norwegen aufgewachsen, hat seine «Oslo»-Trilogie um einen vierten Film, eben «Sentimental Value», erweitert. Oslo als Stadt spielt dabei weniger eine Rolle, wohl aber das Haus der Borgs. Es ist Schicksalsort und Schauplatz. Hier ereignete sich das Drama um die Mutter, hier versucht der Vater, der sich missverstanden fühlt, nun alte Wunden zu heilen und seine Tochter Nora zurückzugewinnen.
Über weite Strecken ist Triers Film ein Kammerspiel um traumatisierte Schwestern und einen Vater, dem die Filmarbeit letztlich als Versuch der Versöhnung und Aussöhnung dient. «Sentimental Value» steht für persönliche, emotionale Bedeutung und Wert. Das Haus, mit dem emotionale Bindungen verknüpft werden hat diese Bedeutung. In Gestalt des Vaters leben diese Erinnerungen, die Geschehnisse wieder auf. Joachim Trier lässt sich viel Zeit (133 Minuten) für Beschreibung und Entwicklung gestörter Verhältnisse und hat in Stellan Skarsgård als entfremdetem Vater und Regisseur, in Renate Reinsve als traumatisierter Nora und Inga Ibsdotter Lilleaas als ausgleichender Agnes Borg exzellente Akteure gefunden. Ein anspruchsvolles Beziehungsdrama, das manches im Dunkeln lässt und die Zuschauer fordert. «Sentimental Value» wurde in Cannes mit den Jurypreis ausgezeichnet und von Norwegen für die Oscarnominationen angemeldet.
«Des preuves d’amour». Wie sag ich’s meinem Kind, das noch nicht geboren ist, wie meinen Eltern, die sich mit der Beziehung schwertun? Céline (Ella Rumpf) wird Mutter, aber nein, nicht sie, sondern ihre Frau Nadia (Monia Chokri) wird die Tochter gebären. Das Paar wagt etwas Neues. 2014 wurde ein Gesetz in Frankreich verabschiedet, das gleichgeschlechtliche Eheschliessungen legitimiert. Aber ist die Gesellschaft reif und tolerant genug, um diese Beziehung zu akzeptieren? Es gibt administrative Tücken, Vorurteile, Skepsis der Verwandtschaft. Die Liebesbeziehung zwischen den beiden Frauen wird herausgefordert. Besonders Céline, die erklären muss, weshalb sie nicht die Mutter der gemeinsamen Tochter sein wird, biologisch gesehen, und sich doch so fühlt und ihre Frau bei der Schwangerschaft innig begleitet. Unterstützt wird das Paar von der Pianistin Marguerite Orgen (Noémie Lvovsky, selber Regisseurin und Autorin).
Der französische Titel deutet an, dass es hier um Liebesbeweise geht. Doch das trifft den Kern nur oberflächlich. Sicher, die Beziehung der beiden Ehepartnerinnen wird von aussen bedroht und in Zweifel gezogen, es geht hier aber vor allem um gesellschaftliche Akzeptanz und Respekt. Haben wir gut zehn Jahre später alte gesellschaftliche Konventionen überwunden? Die Französin Alice Douard hat mit ihrem engagierten Plädoyer und Liebesfilm eine Bresche für gleichgeschlechtliche Liebe und Mutterschaft geschlagen. Heiter und ein bisschen romantisch.






