Nach Hau­se telefonieren

Von

|

Drucken

«Bugo­nia» erzählt die Geschich­te des Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kers Ted­dy (Jes­se Ple­mons), der zusam­men mit sei­nem neu­ro­di­ver­sen Cou­sin Don (Aidan Delbis) die erfolg­rei­che CEO Michel­le Ful­ler (Emma Stone) ent­führt. Ted­dy ist über­zeugt, dass die­se eigent­lich eine Aus­ser­ir­di­sche ist, die mit den skru­pel­lo­sen Geschäfts­prak­ti­ken ihres Phar­ma­kon­zerns die Erde ver­nich­ten will.

Der Begriff Bugo­nie beschreibt den von der Anti­ke bis ins Mit­tel­al­ter ver­brei­te­ten Irr­glau­ben, dass aus dem sich zer­set­zen­den Kör­per eines toten Stiers Insek­ten ent­ste­hen. Unter ande­rem glaub­te man, dass auch Bie­nen­völ­ker auf die­se Art aus dem Nichts gebo­ren wer­den. Die­sen Titel wählt Regis­seur Yor­gos Lan­t­hi­mos nicht zufäl­lig für sein Remake des süd­ko­rea­ni­schen Films «Save the Green Pla­net!», sind doch die Bie­nen ein sich durch den Film zie­hen­des Sym­bol für das Leben und ins­be­son­de­re für die bedroh­te Natur. In den ers­ten Wor­ten des Dreh­buchs erklärt der Frei­zei­tim­ker Ted­dy sei­nem Cou­sin das immer häu­fi­ger vor­kom­men­de Ster­ben gan­zer Bie­nen­völ­ker und die Ver­bin­dung zu Pes­ti­zi­den und Phar­ma­kon­zer­nen wie Aux­olith. Wei­ter sehen wir als Publi­kum, wie Don und Ted­dy die Ent­füh­rung der CEO von Aux­olith, Michel­le Ful­ler, vor­be­rei­ten. In einer Par­al­lel­mon­ta­ge wird den Zuschaue­rIn­nen gezeigt, wie sich Don und Ted­dy auf die Ent­füh­rung vor­be­rei­ten, wäh­rend Ful­ler sich in Selbst­ver­tei­di­gung übt und ihr Fit­ness­pro­gramm absolviert.
In die­ser Sequenz wird auf­ge­zeigt, wie unter­schied­lich die Wel­ten sind, aus denen die Ent­füh­rer und das zukünf­ti­ge Opfer stam­men. Das her­un­ter­ge­kom­me­ne Haus der Cou­sins auf der einen und die ste­ri­le, teu­re Vil­la der CEO auf der ande­ren Sei­te sind ers­te Vor­bo­ten der gesell­schafts­kri­ti­schen Töne, die Lan­t­hi­mos in sei­ne Mischung aus Ent­füh­rungs­thril­ler und Gesell­schafts­sa­ti­re ein­baut. Wäh­rend der anfäng­li­chen Gegen­über­stel­lung des All­tags der Prot­ago­nis­tIn­nen dreht Ful­ler ein Schu­lungs­vi­deo für einen Diver­si­täts­kurs. Dreh­buch­au­tor Will Tra­cy per­si­fliert in die­ser Sze­ne im Haupt­quar­tier von Aux­olith die Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on gros­ser Kon­zer­ne, die sich aus Mar­ke­ting­grün­den den Anstrich eines welt­of­fe­nen Unter­neh­mens mit Men­schen diver­ser Her­kunft geben. Dabei sind Ansät­ze sei­ner bis­si­gen Kri­tik am reichs­ten Pro­zent der Gesell­schaft erkenn­bar, mit der er als Teil des AutorIn­nen­teams der Erfolgs­se­rie «Suc­ces­si­on» schon in der Ver­gan­gen­heit erfolg­reich war. Eben­falls sehr schön ist in die­ser Hin­sicht eine Sequenz, in der Ful­ler gegen­über meh­re­ren Ange­stell­ten klar­stellt, dass es ab jetzt unbe­dingt mög­lich sein müs­se, schon um 17.30 Uhr Fei­er­abend zu machen. Aus­ser natür­lich man habe noch zu tun. Also eigent­lich sei es ganz dem eige­nen Gewis­sen überlassen.

Die­se sati­ri­schen Aspek­te von «Bugo­nia» funk­tio­nie­ren sehr gut. Aller­dings wir­ken sie je län­ger, des­to mehr vom Rest der Hand­lung iso­liert. Nach­dem die bei­den Cou­sins die Ent­füh­rung mehr schlecht als recht durch­ge­führt haben, ent­hüllt Ted­dy im Kel­ler des abge­le­ge­nen Hau­ses sei­ne kru­den Ver­schwö­rungs­theo­rien über die ein­ge­sperr­te Ful­ler. Sie sei eine Aus­ser­ir­di­sche aus der Andro­me­da-Gala­xie, die sich der Unter­wer­fung und Zer­stö­rung der Mensch­heit ver­schrie­ben habe. Aus die­ser Aus­gangs­la­ge ent­spinnt sich ein Duell zwi­schen Ful­ler und Ted­dy, in dem Ers­te­re ver­sucht, den psy­chisch insta­bi­len Ent­füh­rer dazu zu brin­gen, sie wie­der frei­zu­las­sen. Ted­dy hin­ge­gen ist ent­schlos­sen, bis zum Äus­sers­ten zu gehen, um Ful­ler zu einem Geständ­nis ihrer Iden­ti­tät als Ali­en zu brin­gen. Aus­ser­dem soll sie mit dem Mut­ter­schiff Kon­takt auf­neh­men und Ted­dy eine Audi­enz beim Kai­ser der Andro­me­da­ner ermög­li­chen. Der Hand­lungs­fa­den mit der Kon­takt­auf­nah­me erin­nert an Spiel­bergs «E.T.» in einem deut­lich düs­te­re­ren Kontext.
Lan­t­hi­mos baut in die­se eigen­wil­li­ge Geschich­te Kom­men­ta­re zur momen­ta­nen Welt­la­ge und ins­be­son­de­re zur Lage in den USA ein. Die Cou­sins wer­den als Teil eines länd­li­chen, vom Rest des Lan­des und der Welt abge­häng­ten Pre­ka­ri­ats dar­ge­stellt. Mehr­mals reden die bei­den dar­über, dass alle ihre Freun­de und Ver­wand­ten tot oder weg­ge­zo­gen sind. Ted­dys Arbeit in einer stark an Ama­zon erin­nern­den Paket­ver­ar­bei­tungs­zen­tra­le unter­streicht das The­ma der Per­spek­tiv­lo­sig­keit in einem unbe­frie­di­gen­den Job. Die­ser Punkt scheint sehr auf die aktu­el­le Lage in den USA bezo­gen zu sein. Aspek­te davon fin­den sich aber auch schon im süd­ko­rea­ni­schen Ori­gi­nal «Save the Green Pla­net!» aus dem Jahr 2003 von Regis­seur Jang Joon-hwan. Gera­de der klas­sen­kämp­fe­ri­sche Aspekt einer Ent­füh­rung der wirt­schaft­lich gut gestell­ten CEO durch Men­schen aus pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen wur­de dar­aus über­nom­men. Nach dem unglaub­lich rasan­ten Wirt­schafts­wachs­tum in Süd­ko­rea in den 1980er- und 1990er-Jah­ren war die mit dem neu­en Reich­tum ver­bun­de­ne Ungleich­heit im Land schon in den 2000er-Jah­ren ein The­ma, das im Kino viel Auf­merk­sam­keit genoss. In der Film­land­schaft USA scheint nun auch lang­sam eine Sen­si­bi­li­sie­rung für das The­ma stattzufinden.

Das ande­re gros­se The­ma in «Bugo­nia» ist das Abdrif­ten in Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen, um den grau­sa­men Rea­li­tä­ten zu ent­flie­hen. Als Erklä­rung für das rück­sichts­lo­se Geschäfts­ge­ba­ren des Aux­olith-Kon­zerns und von des­sen CEO Ful­ler wäre es deut­lich logi­scher, wirt­schafts- und kapi­ta­lis­mus­kri­ti­sche Erklä­run­gen her­an­zu­zie­hen. Ted­dy erwähnt auch bei­läu­fig, dass er über die Jah­re Anhän­ger jeder poli­ti­scher Strö­mung von der alter­na­ti­ven Rech­ten bis hin zu den Mar­xis­tIn­nen war, bevor er die Wahr­heit in Form der Ali­en-Ver­schwö­rung ent­deck­te. Allein die­se Text­zei­le erin­nert ein biss­chen an Denk­wei­sen in Rich­tung der Huf­ei­sen-Theo­rie, die pos­tu­liert, dass sich extre­me Welt­an­schau­un­gen ganz rechts und ganz links des poli­ti­schen Spek­trums sehr ähn­lich sei­en. Die­ser Aspekt wird glück­li­cher­wei­se im Film nicht wei­ter the­ma­ti­siert und ist im Gesamt­kon­text eher unnö­tig und ärger­lich. Der dabei durch­schei­nen­de ideo­lo­gi­sche Nihi­lis­mus erstaunt bei einem Blick auf die bis­he­ri­gen Fil­me von Lan­t­hi­mos wenig. Sel­ten zeich­nen sich die­se durch kon­struk­ti­ve und opti­mis­ti­sche Geschich­ten aus, son­dern eher durch einen aus­ge­spro­che­nen Zynis­mus im Blick auf die Men­schen und die Welt. Co-Pro­du­zent Ari Aster hat mit sei­nem neus­ten Film «Edding­ton» einen ähn­li­chen Blick auf die Gegen­wart präsentiert.

Lan­t­hi­mos scheint trotz der sati­ri­schen und in eini­gen Sze­nen kla­mau­ki­gen Dar­stel­lung der bei­den Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker Don und Ted­dy ein gewis­ses Ver­ständ­nis dafür zu haben, dass man sich der Rea­li­tät ent­zieht und lie­ber an die absur­des­ten Erzäh­lun­gen glaubt, statt sich mit den ech­ten Pro­ble­men der Welt zu beschäf­ti­gen. Ein inter­es­san­ter erzäh­le­ri­scher Kniff ist dabei, wie bei den Total­an­sich­ten der Erde aus dem Welt­all, die an ver­schie­de­nen Stel­len des Films zu sehen sind, die Erde immer mehr zur Schei­be wird, bis sie zuletzt flach ist. Gegen Ende des Films hat das Publi­kum also qua­si die Per­spek­ti­ve von Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern über­nom­men und sieht die Welt aus deren Augen.

Dazu passt, dass die Hand­lung in den letz­ten ca. zwan­zig Minu­ten eini­ge wil­de Haken schlägt und in einer wun­der­schön zu einer von Mar­le­ne Diet­rich gesun­ge­nen Ver­si­on von «Whe­re Have All the Flowers Gone» arran­gier­ten Mon­ta­ge endet. In die­sen Sze­nen zum Schluss unter­strei­chen Lan­t­hi­mos und Dreh­buch­au­tor Tra­cy noch mal ihren düs­te­ren Blick auf die Mensch­heit und unse­re heu­ti­ge Zeit. Ver­gli­chen mit dem süd­ko­rea­ni­schen Ori­gi­nal las­sen sie aller­dings sogar noch ein biss­chen mehr Platz für Opti­mis­mus, der sich aber auf einem sehr tie­fen Level bewegt.

Wäh­rend die­se aus­ser­or­dent­lich gelun­ge­ne Mon­ta­ge über die Lein­wand flim­mert, fragt man sich als Zuschaue­rIn, ob die­ses Ende nicht einen bes­se­ren Film ver­dient hät­te. Die kam­mer­spiel­ar­ti­ge Insze­nie­rung von «Bugo­nia» lässt viel Platz für aus­ge­zeich­ne­te schau­spie­le­ri­sche Leis­tun­gen von Emma Stone und Jes­se Ple­mons, die bei­de zu abso­lu­ter Höchst­form auf­lau­fen. Aller­dings ist manch­mal unklar, wel­ches der ange­schnit­te­nen The­men den Ver­ant­wort­li­chen nun am wich­tigs­ten war. Iso­liert gese­hen ist «Bugo­nia» ein span­nen­der und durch­aus geglück­ter Ent­füh­rungs­thril­ler, aber lei­der eine eher unaus­ge­go­re­ne Gesell­schafts­sa­ti­re. Die Auf­for­de­rung des Films zum bes­se­ren Umgang mit der Umwelt und den Abge­häng­ten unse­rer Gesell­schaft ist eher platt for­mu­liert und bleibt in ers­ter Linie wegen der gekonnt in impo­san­ter Vista­vi­si­on gefilm­ten Bil­der und dem Gän­se­haut her­vor­ru­fen­den klas­si­schen Sound­track von Jers­kin Fen­drix in Erin­ne­rung. Ein biss­chen mehr Sub­stanz hät­te die­sem hand­werk­lich ein­wand­frei­en Film gutgetan.
«Bugo­nia» scho­ckiert das Publi­kum mit dras­ti­schen Bil­dern und ein­drück­li­cher Mach­art. Die Sto­ry, die nahe am süd­ko­rea­ni­schen Ori­gi­nal­film bleibt, passt sehr gut in die USA im Jahr 2025. Es hät­te dem Werk gut­ge­tan, wenn die gesell­schafts­kri­ti­schen Aspek­te stär­ker aus­ge­führt und raf­fi­nier­ter prä­sen­tiert wor­den wären. So sind sie platt und offen­sicht­lich und wer­den der aus­ge­zeich­ne­ten Mach­art nicht ganz gerecht. Was bleibt, ist ein guter, aber nicht der bes­te Film von Yor­gos Lanthimos.



Newsletter

SPENDEN!

Einen Text gelesen und der hat gefallen? Spende per TWINT ein paar Franken - ohne Abo, aber mit gutem Gewissen. Geht doch auch.