Schön, anders, bald, vielleicht
Helle Helle: Hafni sagt. Roman.
Hafni macht sich auf, sich selbst neu zu erfinden. Sie ist 48. Verheiratet. Vielleicht bald nicht mehr. Ihrem Mann in Frederikssund hinterlässt sie lediglich einen Zettel.
Auf jeden Fall ist und bleibt sie Mutter. Auch wenn die Kinder ausgeflogen sind. Sie fragen nicht nach ihr. Scheinen froh zu sein, wenn sie nach den Besuchen wieder geht. Sie nicht zu lange aufhält in ihrem wichtigen Leben.
Und Hafni erfüllt sich eine Smörrebröd-Reise durch die dänische Provinz. Alles bereits vorgebucht, den abendlichen Tisch im Restaurant ihrer Wahl reserviert, das Zimmer ebenfalls. Sie begegnet KassiererInnen und KellnerInnen, Gästen, HotelbesitzerInnen, RezeptionistInnen, einem Mann. Sie begegnet LadenbesitzerInnen und kauft Dinge, die sie eigentlich nicht braucht. Oder doch? Und manchmal hält sie sich an ihre Route und manchmal nicht. Ruft an und verschiebt die Reservierungen, storniert sie nicht oder selten, denn irgendwie will sie ja schon an den Stationen festhalten. Sie bleibt nicht unbedingt dort, wo es schön ist, vielmehr dort, wo sie sich daheim fühlt. In einer Art Wohnheim beispielsweise, in dem sie mit Zwillingen kocht, sie beim Abschied umarmt.
Und Hafni sagt eigentlich gar nicht so vieles, auch wenn der Titel dies suggerieren mag. Vielmehr macht sie. Auto fahren zum Beispiel. Ein wenig auf der Flucht sein zum Beispiel. Aber irgendwie auch ankommen. Und denken. Und sein. In einer Wiese sitzen und die Natur fühlen zum Beispiel.
Helle Helle, Grande Dame der dänischen Gegenwartsliteratur, zeichnet eine Frau Ende 40, die aufbricht ins Irgendwo, auch nicht wirklich bricht mit dem Bisherigen, vielleicht nur eine Pause macht von diesem. Die Raum schafft für Erinnerungen, welche aufblitzen, plötzlich, eine halbe Seite lang. Die stark sind und anders, eine Hafni zeigen, wie sie war, bevor sie sich selbst abhandengekommen ist. Ein Roman zum Immer-wieder-drin-Lesen, eine Art Langgedicht für AussteigerInnen.
Helle, Helle: Hafni sagt. Roman. Aus dem Dänischen von Flora Fink. Penguin-Verlag. München 2025. ISBN 978 3 328 60390 0. 206 Seiten.
The Futur Is (B)right There
Elina Penner: Die Unbussfertigen. Roman.
Haimlik is it, ein Meilenstein in der Menschheitsgeschichte. Dann, wenn in nicht allzu ferner Zukunft Social Media in der Schweiz ganz verboten sein sollen. Und sich zehn Menschen, sie alle Rank 10, InfluencerInnen in einer 4.0‑Welt, plötzlich live und ohne Filter in einem Herrenhaus in der mecklenburgischen Provinz gegenüberstehen. Alles mit absoluter Geheimhaltepflicht. Nichts darf gepostet werden. Drei Frauen. Sieben Männer. Zwei davon liiert.
Marco und Natasch, Power-Couple, sie profitiert von seinem Geschäftssinn, er von ihrer Sexyness, und gemeinsam haben sie die Konkurrenz ausgeschaltet, mittels Beischlaf. Annie, eigentlich Anne-Kristin, eine Momfluencerin, die ihre Kinder bereitwillig zu Markte trägt und sich selbst dazu; Klaus, pensionierter Geschichtslehrer, Familienvater, spezialisiert auf Online-Ratings von eigentlich allem und damit Leben zerstörend; Marco, Stalker, der gerne auch mal im Namen seiner Opfer was postet und immer, immer da ist, wo sie sind; Justin, Fuckboy, der seine Ausserwählten «Börsen» nennt; Yannick, Mitglied der PfD, der Partei für Deutsche, ihr Aushängeschild, ihr Botschafter; Bastian, welcher mittels unzähliger Ghost-Accounts Gymnastiktricots von Mädchen erwirbt und sich daran aufgeilt, aber nie, nie, nie einem Mädchen etwas antun würde; Sergej, der schön ist, ein Mann ist und voller Hass auf Frauen und damit die Kommentarspalten füllt; und Jutta, ehemalige Busfahrerin, nun anonyme Lebensberaterin, die ihren Followerinnen auch mal von der Chemotherapie abrät.
Gemeinsam im Haus in der Provinz ohne Ablenkung werden Dinge sichtbar, zuerst bei dem einen, dann bei der anderen, und wenn die Scham kommt, wenn sie Busse tun, werden sie ausgeführt. Einzeln mit einem Golfkart aus dem Wald direkt ins Fernsehstudio gefahren. Dort, in einem Talkshow-Setting kann ihnen auch Gutes zuteilwerden, je nachdem. Nicht von ungefähr fühlt man sich in die 1990er zurückversetzt: Big Brother für Fortgeschrittene. Und bald folgt der Final Countdown.
Elina Penner, in den sozialen Netzwerken und auch als Autorin längst keine Unbekannte mehr, schreibt einen Pageturner, der die Hintergründe der Oberflächlichkeiten unserer Zeit beleuchtet, manchmal etwas zu auserzählt und vorhersehbar sein mag, aber dennoch deshalb überzeugt, weil er den Figuren Ambivalenzen zugesteht, ihr Handel oder Nichthandeln verstehbar macht.
Penner, Elina: Die Unbussfertigen. Roman. Aufbau-Verlag. Köln 2025. ISBN 978 3 351 04258 5. 350 Seiten.
Des Menschen bester Freund
Rob Perry: Der Grosse Gary. Roman.
Er leckt am gestrandeten Finnwal, und Benjamin kann sich tatsächlich nichts Schlimmeres vorstellen. Seine Pfoten müssen bazillenverseucht sein, er möchte nicht wissen, was alles an ihnen klebt. Und trotzdem lässt er ihn ins Mobilehome seiner Grossmutter, als er ihm bis zu diesem folgt. Er könnte nicht erklären, weshalb er das tut. Vielleicht weil sich jeder einzelne Knochen abzeichnet unter dem gemusterten Fell. Weil er ihn anschaut mit seinen braunen Augen. Manchmal das Ohr aufstellt, manchmal das andere.
Im Haus beginnt er ein Verzeichnis aller Gegenstände zu erstellen, mit denen der Hund in Berührung kommt. Er fühlt sich sicherer so. Den Mann vom Lieferdienst, bei dem er für beide bestellt, kann er kaum abwimmeln. Irgendetwas fasziniert diesen an dem Hund. Und auch andere suchen nach ihm. Ein Mann mit Fisch zum Beispiel.
Hals über Kopf befindet sich der 18-Jährige, dessen Grossmutter seit einem Schlaganfall im Krankenhaus liegt, in einer Art Räuber-und-Gendarm-Spiel. Flüchtet mit Leonard, dem etwas seltsamen und vielleicht auch nicht verlässlichen Lieferdienstkurier, und dem Grossen Gary auf dem Rücksitz.
Und ihm dämmert zunehmend, dass der Hund kein gewöhnlicher sein kann, ein wertvoller sein muss, und dass dessen Besitzer ihn unter allen Umständen zurückgewinnen will. Und Benjamin springt über seinen Schatten, seine Schatten, täglich von Neuem.
Woran er sich mit seiner Arbeitskollegin Camille zaghaft herangetastet hat, an etwas wie Vertrauen, das ihm Mut gibt, das muss er nun für den Windhund sein: der Vertraute, der Beschützer. Für einen Hund voller Bazillen, den er zu lieben beginnt und für den er einstehen will.
Rob Perry erzählt ganz grossartig und sinnlich von einem jungen Mann, für den die Welt vor allem Bedrohung ist und der unter den widrigsten Umständen zu erstarken beginnt.
Perry, Rob: Der Grosse Gary. Roman. Aus dem Englischen von Hanna Grosse. Dumont-Verlag. Köln 2025. ISBN 978 3 7558 0032 3. 298 Seiten.






