Wieder ist ein Jahr vorüber, und es folgt die alljährliche Unterwerfung vor dem Tannenbaum – oder auch nicht. Unterwerfung war ohnehin ein zentrales Thema dieses Jahres: Trump, Putin, Techgiganten, Natur- und Unwetterkatastrophen, die alljährlichen Krankenkassenerhöhungen, das Kriegsgebaren der Ohnmächtigen – und natürlich Halloween und Black Friday. Als Gesellschaft verhalten wir uns heute unterwerfend wie im tiefsten Mittelalter. Selbst diese Trump’sche Zolldiskussion wirkt wie ein Relikt aus vergangener Zeit. Die Mächtigen definieren – wir fügen uns: «Es hat doch eh keinen Sinn.» So funktionierte das Joch damals, und so funktioniert es noch heute. An der Spitze der Pyramide stehen nur wenige.
Wir reden zwar unermüdlich von Innovation, Entwicklung und Fortschritt und sind jede Minute mit irgendeinem Bildschirm verbunden. Doch so richtig funktionieren will das alles nicht. Dienstleistungsfirmen ringen mit der Frage, was Dienstleistungen überhaupt sein könnten. Der Staat verlangt für jede Leistung zusätzlich Geld – obwohl wir sie mit unserem Auftrag und unseren Steuern längst bezahlt haben. Gleichzeitig hangeln wir Bürgerinnen und Bürger uns durch endlose Telefonschleifen und lösen unsere Probleme mit unvernünftigem Aufwand selbst. Staatlichen Dienstleistungsfirmen werden Millionenbussen auferlegt, weil sie mit illegalen Mitteln den Sektor aussaugen – und am Ende zahlt trotzdem wieder die Allgemeinheit.
Unterwerfung ist zu einem wesentlichen Bestandteil unseres Alltags geworden. Schon gesundes Essen zu kaufen, das nicht mit Antibiotika oder PFAS-Chemikalien versetzt ist, wird zu «unserem» Problem erklärt. Der Staatsapparat – oder die politischen Laien – will keine Verantwortung übernehmen und schafft deshalb immer komplexere Prozesse. Wenn ein Projekt gut läuft, will man den Ruhm; geht etwas schief, waren es «die anderen». Beamte und Politikerinnen sind gut bezahlt und kümmern sich wenig darum, dass sich die allgemeine Kostenspirale immer weiterdreht. Sie profitieren davon – der Lohnausgleich schützt sie, und selbst ihre Bahntickets bezahlt letztlich der Staat mit unserem Steuergeld. Und alles wird plausibel erklärt.
Auch in Kultur und Kunst ist Unterwerfung längst Alltag. Die Behörden interessieren sich kaum dafür, was eine Stadt tatsächlich zu bieten hat. Gefördert wird, was Lust und Laune einzelner Beamtinnen und Beamter entspricht – nicht das, was die Bewohnerinnen und Bewohner wirklich leisten könnten. Die Kultur- und Kunstszene hat sich diesem Prozess gefügt, das Publikum lässt sich lenken, und wer sich dem verweigert, hat ein schweres Leben. So fördern wir eine überdüngte Monokultur bis zum Überdruss. Kulturelles ist langweilig geworden, das Publikum fühlt sich nicht mehr angesprochen. Als der damalige Pro-Helvetia-Direktor Pius Knüsel mit seinen Kollegen im Buch «Kulturinfarkt – von allem zu viel und überall das Gleiche» genau diese Umstände beschrieb, wurde ihnen Nestbeschmutzung vorgeworfen – obschon ihr Ansatz völlig richtig war. Das war 2012. Heute ist alles noch schlimmer.
«Unterwerfung» war auch der Titel von Michel Houellebecqs viel diskutiertem Roman aus dem Jahr 2015. Leider scheint sein Gedanke der gesellschaftlichen «Unterwerfung» längst wieder vergessen, obwohl in unseren Gesellschaften Gruppierungen und Ideologien erstarken, die zunehmend unsere demokratischen Strukturen unterwandern. Wir sehen das kaum mehr – unser Geist ist vernebelt vom Dauergeschwätz auf allen Kanälen. Kein Wunder, steigt die Zahl der News-Deprivierten. Das hat System und ist Absicht. Und wieder sagen einige: «Es hat doch eh keinen Sinn.»
Doch das «ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst» wird sich auch im 24. Jahrgang nicht diesem unterwürfigen Kulturdiktat beugen. Ja, wir könnten mit PR-Artikeln Geld verdienen, mit gefälliger Werbesprache die Gunst von Veranstaltern und Behörden gewinnen. Aber wir arbeiten für unsere Leserinnen und Leser – und sind eine der letzten unabhängigen, nicht verbandelten Kulturredaktionen dieses Landes. Ab Januar verändert sich das Heft nach zwölf Jahren wieder physisch – wir entwickeln uns weiter. Der Print bleibt. Und unsere Lust, der Kultur- und Kunstwelt ohne Unterwerfung zu begegnen, ebenso.
Darum: Bleiben Sie auch im nächsten Jahr geschmeidig, liebe Leserin, lieber Leser – und lassen Sie sich nicht alles gefallen.
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 276, Dezember 2025






