Edi­to­ri­al Nr. 276: Unterwerfung

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Wie­der ist ein Jahr vor­über, und es folgt die all­jähr­li­che Unter­wer­fung vor dem Tan­nen­baum – oder auch nicht. Unter­wer­fung war ohne­hin ein zen­tra­les The­ma die­ses Jah­res: Trump, Putin, Tech­gi­gan­ten, Natur- und Unwet­ter­ka­ta­stro­phen, die all­jähr­li­chen Kran­ken­kas­sen­er­hö­hun­gen, das Kriegs­ge­ba­ren der Ohn­mäch­ti­gen – und natür­lich Hal­lo­ween und Black Fri­day. Als Gesell­schaft ver­hal­ten wir uns heu­te unter­wer­fend wie im tiefs­ten Mit­tel­al­ter. Selbst die­se Trump’sche Zoll­dis­kus­si­on wirkt wie ein Relikt aus ver­gan­ge­ner Zeit. Die Mäch­ti­gen defi­nie­ren – wir fügen uns: «Es hat doch eh kei­nen Sinn.» So funk­tio­nier­te das Joch damals, und so funk­tio­niert es noch heu­te. An der Spit­ze der Pyra­mi­de ste­hen nur wenige.

Wir reden zwar uner­müd­lich von Inno­va­ti­on, Ent­wick­lung und Fort­schritt und sind jede Minu­te mit irgend­ei­nem Bild­schirm ver­bun­den. Doch so rich­tig funk­tio­nie­ren will das alles nicht. Dienst­leis­tungs­fir­men rin­gen mit der Fra­ge, was Dienst­leis­tun­gen über­haupt sein könn­ten. Der Staat ver­langt für jede Leis­tung zusätz­lich Geld – obwohl wir sie mit unse­rem Auf­trag und unse­ren Steu­ern längst bezahlt haben. Gleich­zei­tig han­geln wir Bür­ge­rin­nen und Bür­ger uns durch end­lo­se Tele­fon­schlei­fen und lösen unse­re Pro­ble­me mit unver­nünf­ti­gem Auf­wand selbst. Staat­li­chen Dienst­leis­tungs­fir­men wer­den Mil­lio­nen­bus­sen auf­er­legt, weil sie mit ille­ga­len Mit­teln den Sek­tor aus­sau­gen – und am Ende zahlt trotz­dem wie­der die Allgemeinheit.

Unter­wer­fung ist zu einem wesent­li­chen Bestand­teil unse­res All­tags gewor­den. Schon gesun­des Essen zu kau­fen, das nicht mit Anti­bio­ti­ka oder PFAS-Che­mi­ka­li­en ver­setzt ist, wird zu «unse­rem» Pro­blem erklärt. Der Staats­ap­pa­rat – oder die poli­ti­schen Lai­en – will kei­ne Ver­ant­wor­tung über­neh­men und schafft des­halb immer kom­ple­xe­re Pro­zes­se. Wenn ein Pro­jekt gut läuft, will man den Ruhm; geht etwas schief, waren es «die ande­ren». Beam­te und Poli­ti­ke­rin­nen sind gut bezahlt und küm­mern sich wenig dar­um, dass sich die all­ge­mei­ne Kos­ten­spi­ra­le immer wei­ter­dreht. Sie pro­fi­tie­ren davon – der Lohn­aus­gleich schützt sie, und selbst ihre Bahn­ti­ckets bezahlt letzt­lich der Staat mit unse­rem Steu­er­geld. Und alles wird plau­si­bel erklärt.

Auch in Kul­tur und Kunst ist Unter­wer­fung längst All­tag. Die Behör­den inter­es­sie­ren sich kaum dafür, was eine Stadt tat­säch­lich zu bie­ten hat. Geför­dert wird, was Lust und Lau­ne ein­zel­ner Beam­tin­nen und Beam­ter ent­spricht – nicht das, was die Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner wirk­lich leis­ten könn­ten. Die Kul­tur- und Kunst­sze­ne hat sich die­sem Pro­zess gefügt, das Publi­kum lässt sich len­ken, und wer sich dem ver­wei­gert, hat ein schwe­res Leben. So för­dern wir eine über­düng­te Mono­kul­tur bis zum Über­druss. Kul­tu­rel­les ist lang­wei­lig gewor­den, das Publi­kum fühlt sich nicht mehr ange­spro­chen. Als der dama­li­ge Pro-Hel­ve­tia-Direk­tor Pius Knü­sel mit sei­nen Kol­le­gen im Buch «Kul­tur­in­farkt – von allem zu viel und über­all das Glei­che» genau die­se Umstän­de beschrieb, wur­de ihnen Nest­be­schmut­zung vor­ge­wor­fen – obschon ihr Ansatz völ­lig rich­tig war. Das war 2012. Heu­te ist alles noch schlimmer.

«Unter­wer­fung» war auch der Titel von Michel Hou­el­le­becqs viel dis­ku­tier­tem Roman aus dem Jahr 2015. Lei­der scheint sein Gedan­ke der gesell­schaft­li­chen «Unter­wer­fung» längst wie­der ver­ges­sen, obwohl in unse­ren Gesell­schaf­ten Grup­pie­run­gen und Ideo­lo­gien erstar­ken, die zuneh­mend unse­re demo­kra­ti­schen Struk­tu­ren unter­wan­dern. Wir sehen das kaum mehr – unser Geist ist ver­ne­belt vom Dau­er­ge­schwätz auf allen Kanä­len. Kein Wun­der, steigt die Zahl der News-Depri­vier­ten. Das hat Sys­tem und ist Absicht. Und wie­der sagen eini­ge: «Es hat doch eh kei­nen Sinn.»

Doch das «ensuite – Zeit­schrift zu Kul­tur & Kunst» wird sich auch im 24. Jahr­gang nicht die­sem unter­wür­fi­gen Kul­tur­dik­tat beu­gen. Ja, wir könn­ten mit PR-Arti­keln Geld ver­die­nen, mit gefäl­li­ger Wer­be­spra­che die Gunst von Ver­an­stal­tern und Behör­den gewin­nen. Aber wir arbei­ten für unse­re Lese­rin­nen und Leser – und sind eine der letz­ten unab­hän­gi­gen, nicht ver­ban­del­ten Kul­tur­re­dak­tio­nen die­ses Lan­des. Ab Janu­ar ver­än­dert sich das Heft nach zwölf Jah­ren wie­der phy­sisch – wir ent­wi­ckeln uns wei­ter. Der Print bleibt. Und unse­re Lust, der Kul­tur- und Kunst­welt ohne Unter­wer­fung zu begeg­nen, ebenso.

Dar­um: Blei­ben Sie auch im nächs­ten Jahr geschmei­dig, lie­be Lese­rin, lie­ber Leser – und las­sen Sie sich nicht alles gefallen.


Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 276, Dezem­ber 2025



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