Am Theater Luzern wird «Die Rückkehr der Fährfrauen*» uraufgeführt. Das neue Bühnenstück von Sarah Calör-tscher verhandelt Loslassen, Wandel und Sterben.
«Übergänge gibt es viele, sie sind überall zu finden», heisst es zu Beginn der Inszenierung: vom Kind zum Erwachsenen, vom Leben in den Tod oder von einem Raum zum andern. Bei «Die Rückkehr der Fährfrauen*» am Theater Luzern erlebt auch das Publikum zuerst einen Übergang. Das neue Theaterstück der Bündner Autorin, Musikerin und Dramaturgin Sarah Calörtscher findet im UG statt, der kleinsten und tiefsten Spielstätte des Luzerner Theaters. Die Zuschauerinnen und Zuschauer müssen passend zum Stück in den Keller, quasi in die Unterwelt hinabsteigen. Dort, auf der Bühne, ist eine Küche eingerichtet. Am Tisch sitzen eine Frau und ein Mann. Er kocht Kaffee, sie öffnet die Lamellen. Ein Flussufer ist zu sehen. Früher war sie Fährfrau, er Schauspieler. Die Fährfrauen waren einst dafür zuständig, Menschen über den Fluss auf die andere Seite zu begleiten, auf die Seite des Todes. Doch heute wollten die Menschen nicht mehr über ihren Tod sprechen, sagt die Fährfrau. «Die Menschen fürchten sich vor Übergängen, vor allem vor dem einen Übergang, von dem sie denken, dass es der letzte sei. Sie bleiben davor stehen, und so stapeln sich die Geister im Fluss vor den Füssen der Fährfrau. Stapeln sich zu einem Haufen, einem Hügel, einer Mauer voller Angst, einer Mauer voller Dinge, über die nicht gesprochen wird.» Während die anderen Fährfrauen fortgingen, ist sie als Einzige geblieben. Ihren Beruf hat sie aufgegeben und das «Happy Dying Retreat» eröffnet, einen Ort, an dem Menschen das Sterben üben können. Doch da die Menschen möglichst lange leben und nichts vom Tod wissen wollen, fehlt ihr die Kundschaft. Sie hat deshalb eine Filmemacherin engagiert, um einen Werbefilm zu drehen. Mit Kamera und Stativ bepackt, taucht die Frau denn auch plötzlich auf. Sie heisst Persephone wie die Göttin in der griechischen Mythologie, die in die Unterwelt entführt wurde. Für den Marketingfilm zeigen die ehemalige Fährfrau und der Ex-Schauspieler ihr Abschiedsritual. «Fährfrau: Alle Anwesenden und alle Abwesenden – und die dazwischen. Wir sind hier versammelt. Weil – wir uns verabschieden wollen. Schauspieler: Ist denn mein Gesicht noch erkennbar? Persephone: Ihr Gesicht – es kommt mir bekannt vor. Fährfrau: Das geht so nicht, wenn ich ständig unterbrochen werde. Beginnen wir von vorne.» Der Schauspieler hofft, dass er durch den Film noch einen letzten grossen Auftritt bekommt. Er hat Angst, loszulassen und in Vergessenheit zu geraten. «Wenn mich niemand mehr sieht, was bin ich dann noch?» Das Abschiedsritual misslingt deshalb immer wieder. Schliesslich soll Persephone mitmachen, was sie erst nicht will. Gehen könne sie allerdings nicht, sagt ihr die Fährfrau. Der Fluss stehe still. Man stecke fest, komme nicht weg. Sie brauche Hilfe, um wieder über den Fluss zu fahren. «Die Rückkehr der Fährfrauen*» ist Sarah Calörtschers zweites Bühnenstück nach der mit dem Kleist-Förderpreis ausgezeichneten Science-Fiction «Herz aus Polyester». Sie hat es im Rahmen des «Stück Labor» geschrieben, eines Förderprogramms für junge Schweizer Dramatik. Im surrealen, satirischen Werk mit dem eigenartigen, unheimlichen Paar und den mythologisch geprägten Frauenfiguren versuchen alle auf ihre Art und Weise, an ihrer Existenz festzuhalten, auch wenn sie ihnen immer mehr entgleitet. «Wer einen Fluss überqueren will, muss loslassen, was schwerfällt, loszulassen, sagen die Fährfrauen*.» Der Text thematisiert das Loslassen, den Umgang mit Veränderung und die Gestaltung von Übergängen. Er ist unterhaltsam und humorvoll, obwohl es auch ums Sterben geht. Die Uraufführung, inszeniert von Regisseurin Anna-Maria Lipponen, ist allerdings nur mässig gelungen. Die Bühnenszenen illustrieren und überdecken teils den Text, sodass dessen Witz gelegentlich abhandenkommt. Zudem hat der Abend Längen, etwa als der ehemalige Schauspieler versucht, über sein Sterben zu sprechen. Und die Darstellenden müssen einige technische Herausforderungen meistern, was den Rhythmus des Stücks bremst und der Poesie der Bilder abträglich ist. Dennoch hat die Inszenierung auch starke, stimmungsvolle Momente, die im Gedächtnis bleiben, so wenn die Fährfrau, der Schauspieler und Persephone in einem Bad aus unzähligen Bällen zur letzten Überfahrt antreten.






