Bild: Nadia Boulanger, 1925 – von Edmond Joaillier (1886–1939), Paris, Bibliothèque nationale de France, wikimedia.org

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Nadia Bou­lan­ger

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Nadia Bou­lan­ger war eine fran­zö­si­sche Kom­po­nis­tin, Diri­gen­tin und Musik­päd­ago­gin. Sie wur­de am 16. Sep­tem­ber 1887 in Paris gebo­ren und zählt zu den wich­tigs­ten Per­so­nen im Bereich der Musik­päd­ago­gik des 20. Jahr­hun­derts. Sie starb am 22. Okto­ber 1979 im Alter von 92 Jah­ren in Paris.

Fami­lie Nadia Bou­lan­ger wuchs in einer Musi­ke­rIn­nen­fa­mi­lie auf: Die Eltern waren die rus­si­sche Sän­ge­rin Raïs­sa Mysche­ts­ky und der Kom­po­nist, Diri­gent und spä­te­re Pro­fes­sor für Gesang am Pari­ser Kon­ser­va­to­ri­um Ernest Bou­lan­ger. Nadia hat­te eine jün­ge­re Schwes­ter, Lili Bou­lan­ger (1893–1918, Por­trät im ensuite Nr. 270/271 vom Juni/Juli 2025), wel­che eben­falls Kom­po­nis­tin und Diri­gen­tin war. Lilis frü­her Tod im Alter von 24 Jah­ren präg­te Nadia und ihren Wer­de­gang mass­geb­lich – sie stell­te das Kom­po­nie­ren ein und küm­mer­te sich fort­an als Diri­gen­tin um die Ver­brei­tung der Wer­ke ihrer Schwester.

Aus­bil­dung und Prei­se Mit neun Jah­ren begann Nadia Bou­lan­ger, bei ihrem Vater Unter­richt in Orgel und Kom­po­si­ti­on zu neh­men. Sehr jung stu­dier­te sie am Con­ser­va­toire de Paris bei Lou­is Vier­ne (1870–1937) und Alex­and­re Guil­mant (1837–1911) Orgel und gewann jeweils den ers­ten Preis in Har­mo­nie­leh­re (1903), Orgel­be­glei­tung und Kom­po­si­ti­on (1904). Letz­te­res Fach besuch­te sie bei Gabri­el Fau­ré (1845–1924) und wur­de bereits mit knapp 16 Jah­ren stell­ver­tre­ten­de Orga­nis­tin von Fau­ré in der Kir­che La Made­lei­ne in Paris.
Mit ihrer Kan­ta­te «La sirè­ne» gewann Bou­lan­ger 1908 den 2. Platz des Prix de Rome – ein äus­serst begehr­ter Preis, wel­cher von der Aca­dé­mie des Beaux-Arts in Paris ver­lie­hen wurde.
Ernest Bou­lan­ger (1815–1900), der Vater von Nadia, gewann 1835 den ers­ten Preis. Es folg­ten u. a. Charles Goun­od (1839), Geor­ges Bizet (1857), Clau­de Debus­sy (1884). Im Jahr 1913, eini­ge Jah­re nach Nadi­as zwei­tem Preis, gewann Lili Bou­lan­ger und end­lich die ers­te Frau die­sen Preis.

Ein Jahr nach Nadia Bou­lang­ers Aus­zeich­nung wur­de sie Assis­ten­tin vom fran­zö­si­schen Orga­nis­ten und Kom­po­nis­ten Hen­ri Dal­li­er (1849–1934) am Con­ser­va­toire de Paris.
Kom­po­si­tio­nen Nadia Bou­lan­ger kom­po­nier­te zahl­rei­che Vokal­kom­po­si­tio­nen (Kan­ta­ten, Chor­fu­gen), kam­mer­mu­si­ka­li­sche Wer­ke, ein vir­tuo­ses Werk für Kla­vier und Orches­ter mit dem Titel «Rhap­so­die variée» und die Oper «La ville mor­te» (1911). Mit dem Pia­nis­ten Raoul Pug­no (1852–1914), mit dem sie eine enge künst­le­ri­sche Zusam­men­ar­beit ver­band, schrieb sie eine Rei­he von Wer­ken (dar­un­ter auch die erwähn­te Oper). Bou­lan­ger hör­te nach dem Tod von Pug­no und ihrer Schwes­ter Lili mit dem Kom­po­nie­ren auf und kon­zen­trier­te sich auf das Unterrichten.

Unter­rich­ten An der Éco­le nor­ma­le de musi­que wur­de sie 1920 Pro­fes­so­rin für Kom­po­si­ti­on und unter­rich­te­te zudem am neu gegrün­de­ten Con­ser­va­toire amé­ri­cain in Fon­taine­bleau (nahe Paris). In den Jah­ren 1940 bis 1946, wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges, leb­te Bou­lan­ger in den USA und lehr­te am Wel­les­ley Col­lege, am Rad­clif­fe Col­lege und an der Juil­li­ard School. Zurück in Frank­reich lei­te­te sie eine Klas­se für Beglei­tung am Pari­ser Kon­ser­va­to­ri­um und wur­de 1950 Lei­te­rin des vor­ge­nann­ten Con­ser­va­toire amé­ri­cain – einer eng­lisch­spra­chi­gen Som­mer­aka­de­mie mit inter­na­tio­na­ler Bekanntheit.

Mitt­wochs­kurs Fast vier Jahr­zehn­te lang fan­den im Hau­se Bou­lan­ger an der Rue Bal­lu in Paris jeweils mitt­wochs Kur­se zu Satz­tech­nik und Musik­ana­ly­se statt. Da nah­men zahl­rei­che Kom­po­nis­tIn­nen, Diri­gen­tIn­nen, Inter­pre­tIn­nen und Musik­wis­sen­schaf­te­rIn­nen teil und lern­ten von der cha­ris­ma­ti­schen Pädagogin.

Sie ver­lang­te, dass ihre Schü­le­rIn­nen aus­ge­präg­te Kennt­nis­se in Har­mo­nik, Kon­tra­punkt und Orchestra­ti­on vor­wie­sen, und liess ihnen beim Kom­po­nie­ren und in der musi­ka­li­schen Krea­ti­vi­tät abso­lu­te Frei­heit. Die Wer­ke, wel­che in den Ana­ly­se­kur­sen behan­delt wur­den, zeu­gen von einer Offen­heit ohne Vor­ur­tei­le – neben Kom­po­si­tio­nen von Johann Sebas­ti­an Bach wur­den auch Wer­ke von Krzy­sz­tof Pen­der­ecki, Hen­ri Dutil­leux, Mau­rice Oha­na und Ian­nis Xena­kis studiert.

Ihre Woh­nung, die «Bou­lan­ge-rie», wur­de über­dies zu einem wich­ti­gen Treff­punkt für die fran­zö­si­sche Musik­sze­ne: Mau­rice Ravel, Arthur Hon­eg­ger und eini­ge der im fol­gen­den Abschnitt genann­ten Per­so­nen ver­kehr­ten bei Nadia Boulanger.
Schü­le­rIn­nen Nadia Bou­lan­ger unter­rich­te­te über 1000 Schü­le­rIn­nen aus aller Welt, ein Gross­teil davon aus den USA, Polen und Frank­reich. Es sei­en nur eini­ge genannt: Aaron Cop­land, Leo­nard Bern­stein, Igor Mar­ke­vitch, Dani­el Baren­bo­im, Dinu Lipa­ti, Jean Fran­çaix, Prin­zes­sin Ire­ne von Grie­chen­land, Astor Pia­zolla, Céci­le Arma­gnac, Thea Mus­gra­ve, Ger­maine Pinault, Swja­to­s­law Souli­ma Stra­win­sky, Richard Stur­zen­eg­ger, Wal­ter Fur­rer (sie­he Kon­zert­tipp II). Sie unter­rich­te­te Kin­der (u. a. an der Yehu­di Menu­hin School in Lon­don), Jugend­li­che und Erwachsene.

Leh­ren Der Unter­richt von Nadia Bou­lan­ger war äus­serst viel­fäl­tig: Aspek­te der Musik­ge­schich­te, Musik­theo­rie und der Musik­pra­xis wur­den behan­delt, dane­ben auch phi­lo­so­phi­sche und lite­ra­ri­sche Inhal­te sowie wei­te­re Berei­che (u. a. bil­den­de Kunst). In musi­ka­li­scher Hin­sicht war Bou­lan­ger eben­falls breit auf­ge­stellt, sie behan­del­te die Alte Musik, von Mon­te­ver­di zu Schütz und zu Bach, wei­ter zu den Kom­po­nis­tIn­nen der Klas­sik, Roman­tik bis zur zeit­ge­nös­si­schen Musik.

«Als Päd­ago­gin besteht mein gan­zes Leben dar­in, ande­re zu ver­ste­hen, und nicht dar­in, ande­re dazu zu brin­gen, mich zu ver­ste­hen. Was ein Stu­dent denkt, was er tun will – das ist wich­tig. Ich muss ver­su­chen, ihn dazu zu brin­gen, sich selbst aus­zu­drü­cken, ihn dar­auf vor­zu­be­rei­ten, das zu tun, was er am bes­ten kann.»
– Nadia Boulanger

Kon­zer­tie­ren und diri­gie­ren Neben ihrer regen Unter­richts­tä­tig­keit war Nadia Bou­lan­ger auch Kapell­meis­te­rin der fürst­li­chen Kapel­le in Mona­co und kon­zer­tier­te oder diri­gier­te regel­mäs­sig in Frank­reich und im Aus­land. Regel­mäs­sig brach­te sie Wer­ke ihrer Schwes­ter Lili Bou­lan­ger zur Aufführung.

Als 1924 die Sym­pho­nie für Orgel und Orches­ter von ihrem Schü­ler Aaren Cop­land urauf­ge­führt wur­de, war sie die Solis­tin. Bei einer ande­ren wich­ti­gen Urauf­füh­rung war sie eben­falls zen­tra­ler Bestand­teil: Sie diri­gier­te Stra­win­skys Kon­zert «Dum­bar­ton Oaks» in Washing­ton 1938. Ein Jahr vor­her lei­te­te sie als ers­te Frau ein Sym­pho­nie­or­ches­ter. Ihr Ruf eil­te ihr vor­aus, und sie wur­de als Exper­tin für Alte Musik und zeit­ge­nös­si­sche Wer­ke sehr geschätzt.

Rezep­ti­on Bou­lang­ers Wich­tig­keit als Päd­ago­gin ist in Frank­reich zwei­fels­oh­ne aner­kannt. Und auch die Ent­wick­lung der US-ame­ri­ka­ni­schen Musik des 20. Jahr­hun­derts hat Bou­lan­ger bedeu­tend mit­ge­prägt – auch wenn sie von man­chen kri­ti­siert wur­de. In den deutsch­spra­chi­gen Län­dern ist sie weni­ger bekannt – ein Mit­grund ist ihre Befür­wor­tung von Stra­win­skys Musik, durch die sie der Schön­berg-Schu­le ent­ge­gen­stand. Die jüngs­te Gene­ra­ti­on der Avant­gar­de hat­te sich nach Bou­lang­ers Rück­kehr nach Frank­reich zwar von der Schu­le Bou­lang­ers abge­wandt, was aber den päda-gogi­schen Erfolg und die Wich­tig­keit ihres Unter­richts in ganz Euro­pa und in den USA kei­nes­wegs schmä­ler­te. Nadia Bou­lan­ger unter­rich­te­te bis kurz vor ihrem Tod.

Aus­zeich­nun­gen Nadia Bou­lan­ger wur­de für ihr gros­ses Enga­ge­ment und ihre her­aus­ra­gen­de Arbeit mit zahl­rei­chen Aus­zeich­nun­gen und Ehrun­gen gekürt und erhielt u. a. die Ehren­dok­tor­wür­de der Uni­ver­si­tä­ten Oxford und Har­vard, das Fel­low­ship des Roy­al Col­lege of Music Lon­don und die Mit­glied­schaft der Ame­ri­can Aca­de­my of Arts and Sciences.

Hörens­wert

Kon­zert­tipp I
Ana­sta­sia Kobe­ki­na (Cel­lo) und Jean-Sélim Abdel­mou­la (Kla­vier) tre­ten im Rah­men des Meis­ter­zy­klus in Bern auf und spie­len Wer­ke von Robert Schu­mann, Johan­nes Brahms, César Frank und Nadia Bou­lan­ger. Von der fran­zö­si­schen Kom­po­nis­tin wer­den «Trois piè­ces» für Cel­lo und Kla­vier gespielt, wel­che 1913/1915 entstanden.
Mitt­woch, 10. Dezem­ber 2025, 19.30 Uhr, Gros­ser Saal, Casi­no Bern (Casi­no­platz 1, 3011 Bern)

Wei­te­re Informationen:
www.meisterzyklus.ch

Kon­zert­tipp II
Der Schwei­zer Kom­po­nist Wal­ter Fur­rer (1902–1978) stu­dier­te in Paris an der Éco­le nor­ma­le de musi­que Kon­tra­punkt bei Nadia Bou­lan­ger. Fur­rers Kla­vier­va­ria­tio­nen, wel­che er 1926 kom­po­nier­te, wer­den im Janu­ar 2026 von den Gewin­ne­rIn­nen des Wal­ter-Fur­rer-Prei­ses erklingen:
16. Janu­ar 2026 um 19.30 Uhr in der Inmu­sic Pia­no Lounge Aarau
17. und 18. Janu­ar 2026 jeweils um 17 Uhr im Elfen­au­park Bern

Wei­te­re Informationen:
www.walter-furrer.ch



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