Trotz Wet­ter­cha­os: Ein Rie­sen­er­folg für «La Plage»

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«La Pla­ge des Six Pom­pes» in La Chaux-de-Fonds, das größ­te Fes­ti­val für Stra­ßen­kunst der Schweiz (vgl. «Ensuite» Sept. 2013), war heu­er für die Orga­ni­sa­to­ren mit beson­de­ren Knack­nüs­sen gespickt, gab es doch täg­lich meh­re­re kur­ze, aber sehr inten­si­ve Schau­er und Gewit­ter. Umstel­lun­gen im Zeit­plan und die Suche nach Alter­na­tiv­schau­plät­zen sorg­ten für zusätz­li­che Akti­vi­tät, vom stän­di­gen Abtrock­nen der Sit­ze durch die uner­müd­li­chen «Béné­vo­les» ganz zu schweigen!

Auch die 21. Aus­ga­be – sie fand vom 3. bis 9. August statt – ent­hielt ein reich­li­ches Pro­gramm, aus dem hier nur eini­ge Rosi­nen erwähnt wer­den können:

Die «Com­pa­gnie les Tré­taux du Mon­de» aus Paris bot eine ein­drück­li­che Auf­füh­rung des Stü­ckes «Les Loups». In die­sem Dra­ma trans­po­niert der gro­ße Dich­ter Romain Rolland die Drey­fus-Affä­re in die Zeit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on. Auch hier wird der «Ande­re», in die­sem Fal­le ein Aris­to­krat, ver­ur­teilt, obschon sei­ne Unschuld erwie­sen ist. Das Talent der Schau­spie­ler, ihre dra­ma­ti­sche Inten­si­tät, aber auch ihr Durch­hal­te­ver­mö­gen (zwei Stun­den ohne Pau­se!) lie­ßen die­se Dar­bie­tung zum Ereig­nis werden.

Die Waadt­län­der Trup­pe «T‑âtre Ibo­nil­lo» prä­sen­tier­te Moliè­res «L‘Avare» in einem klei­nen Zelt, des­sen Rück­wand – ein Klein­las­ter – Kulis­se und Haupt­re­qui­si­te war. Groß­ar­tig, wie Isa­bel­le Bonil­lo Moliè­res Meis­ter­werk als Ein­per­so­nen­stück dar­stellt, unter Mit­wir­kung des Publi­kums und eini­ger Gegen­stän­de, und dabei den Ori­gi­nal­text mit Kom­men­ta­ren und Impro­vi­sa­tio­nen ver­bin­det. Die glei­che Trup­pe, dies­mal selb­dritt, spiel­te eine total schrä­ge Ver­si­on von «Schnee­witt­chen» («Blan­che-Nei­ge et les sets de table»). Auch hier kam dem Klein­las­ter eine zen­tra­le Rol­le zu. Unter den vie­len komi­schen Ein­fäl­len sei erwähnt, dass die Mit­wir­ken­den die Grimm­schen Mär­chen immer wie­der durch­ein­an­der­brin­gen. So zieht sich Schnee­witt­chen ein rotes Käpp­chen über und fürch­tet sich vor ihren Stiefschwestern…

An Ori­gi­na­li­tät kaum zu über­bie­ten ist «Le Film du Diman­che Soir», dar­ge­bo­ten von «Anni­bal et Ses Élé­phants», Nach­kom­men einer Zir­kus­fa­mi­lie, deren Geschich­te bis ins 18. Jahr­hun­dert zurück­geht. Sie haben den Stumm­film «The Wild Wit­ness» gedreht, den sie wäh­rend der Pro­jek­ti­on mit Dia­lo­gen, Geräu­schen und Musik ver­se­hen, was natür­lich nicht ohne Film­ris­se, Strei­te­rei­en und ande­re Pan­nen abgeht. In die­ser Wes­tern­par­odie kann es sogar vor­kom­men, dass der «Held» durch eine neben der Lein­wand ange­brach­te Sei­ten­tür ver­schwin­det, um dann im Film zu erschei­nen und einzugreifen.

Das tra­di­tio­nel­le Stra­ßen­ecken-Zir­kus-Thea­ter wur­de mehr als wür­dig ver­tre­ten durch «La Cour des Pos­si­bles». Die fünf aus Bel­gi­en, Kata­lo­ni­en und der Schweiz stam­men­den Künst­ler prä­sen­tier­ten «Caba­ret Express», ein Pro­gramm mit Pan­to­mi­men, kur­zen Sze­nen mit und ohne Wor­te, und einer köst­li­chen Fla­men­co-Par­odie. Poe­sie, Ver­wand­lungs­kunst, wun­der­schö­ne a capel­la-Gesän­ge und nicht zuletzt der Charme der zwei weib­li­chen Dar­stel­le­rin­nen begeis­ter­ten das Publikum.

Es gab lei­der einen Miss­griff: Das Ein-Mann-Pro­gramm «Ta vie sera plus moche que la mien­ne» des fran­zö­si­schen «Humo­ris­ten» Didier Super. Der Aus­druck «geschmack­los» ist in die­sem Zusam­men­hang eine mil­de Unter­trei­bung. Da wer­den ras­sis­ti­sche Vor­ur­tei­le zuhauf kol­por­tiert, schein­bar um den Ras­sis­mus zu bekämp­fen; jedoch ist schon die stän­di­ge Auf­zäh­lung die­ser Cli­chées gefähr­lich, zumal es frag­lich ist, ob alle Zuschau­er ver­stan­den haben, das es sich hier um Iro­nie («deu­xiè­me degré») und nicht um Über­zeu­gung han­delt. Beson­ders schlimm aber sind die «Wit­ze» über Ausch­witz, AIDS und Hun­gers­nö­te in Afri­ka – Mon­sieur Super hat anschei­nend nicht begrif­fen, dass man nicht über alles lachen kann und darf!

Einen über­wäl­ti­gen­den Höhe­punkt am Schluss des Fes­ti­vals bot die Trup­pe «Rara & Wou­lib», die das Publi­kum auf eine nächt­li­che Pro­zes­si­on ein­lud – der Start war um 22 Uhr 45! Das Spek­ta­kel ist von den Wodu-Riten, die in der Oster­wo­che auf der Insel Hai­ti statt­fin­den, inspi­riert. Über hun­dert Zuschau­er waren Zeu­gen einer sich von ganz lei­sem uni­so­no-Sum­men bis zu ohren­be­täu­ben­den Klän­gen aus Tuben, Did­ge­ri­doos und Per­kus­si­ons­in­stru­men­ten stei­gern­den Zere­mo­nie, die immer wie­der durch lei­se, stim­mungs­vol­le a capel­la-Gesän­ge unter­bro­chen wur­de. Vor­bei an den mit ben­ga­li­schem Feu­er beleuch­te­ten Kir­chen der Alt­stadt ging es schließ­lich zu einem klei­nen Park, wo die Musik von einer Dreh­or­gel über­nom­men wur­de; sie spiel­te Wal­zer, und es war eine Sache von Sekun­den bis Akteu­re und Publi­kum zu tan­zen began­nen. Die gleich­zei­tig unheim­li­che und roman­ti­sche Stim­mung wur­de durch den Wet­ter­gott noch unter­stützt: Die Abwechs­lung zwi­schen leuch­ten­dem Voll­mond und strö­men­dem Regen hat­te durch­aus sei­nen Reiz… Ein unver­gess­li­ches Erlebnis!


Bild: Titel­sei­te ensuite Aus­ga­be Nr. 141, Sep­tem­ber 2014.
Paul Chan, Mas­ter Argu­ment, 2013, Kabel, Schu­he, Beton, 36.8 cm x 18.1 m x 17.3 m, Cour­te­sy the Artist and Gree­ne Naf­ta­li, New York. Foto: Domi­nik Imhof.

Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 141, Sep­tem­ber 2014



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