Vom 22. bis 27. Juli wurde in der Gegend von Nyon –gemäss offizieller Geschichtsschreibung bereits zum 39. Mal – das Phänomen einer kollektiven Flucht aus dem Alltag beobachtet: Angelockt von einem vielfältigen Musikprogramm, verschwanden im Lauf einer Woche ca. 230 000 musikliebende Existenzen verschiedenster musikalischer Couleur in einer sagenumwobenen Parallelwelt namens Paléo, die jeweils im Juli in einer welligen Wiesenlandschaft nahe des mittelalterlichen Städtchens Nyon zum Leben erwacht. Die von ensuite entsandte Korrespondentin übermittelte von ihrer Expedition in dieses temporäre Reich folgende Aufzeichnungen:
Vom Bahnhof Nyon aus gelingt der Transfer zum Paléo mit einer zum Bersten vollen, geruhsam durch die Landschaft gleitenden Navette innerhalb weniger Minuten. Die Reisenden erwartet ein musikalisches Programm zwischen Bekanntem und neu zu Entdeckendem – speziell im Village du Monde, das der Musik der ganzen Welt gewidmet ist und jedes Jahr einen neuen geographischen Schwerpunkt setzt. In der hügeligen, grünen Wiesenlandschaft liegt das Paléo mit seinen verschiedenen Bühnen und kulinarischen Quartieren wie eine kleine Stadt mit ihren öffentlichen Bauten und Plätzen. Eine bunte Mischung von Musik-Afficionados hat bereits begonnen, das Areal zu erobern. Irgendwo sollte hier der kleinste Taxibus der Welt kursieren, ein Vehikel der Cie. Delinus aus der Strassenkünstler-Enklave La Ruche – ist er zu klein, um gesehen zu werden … ?
Vor dem trüben, fahlgrauen Himmel flimmert in gewitterverdächtiger, schwüler Luft ein seltsam transparent erscheinendes Panorama geometrischer Berggipfel in phosphoreszierenden Regenbogenfarben wie eine Halluzination in der Wüste. Am Horizont neben dem artifiziellen Gebirgspanorama kreist ein Riesenrad, umgeben von einem Rudel silberner Caravans; darum herum wachsen mehrere Meter hohe metallische Pilze. Die regionalen Hochschulen präsentieren hier ihre futuristischen Projekte. Wenige Schritte weiter beginnt das Village du Monde, wo in diesem Jahr die Andenkordilleren zu Gast sind: mit über 7000 km die längste Gebirgskette der Welt. Sie erstreckt sich über sieben Länder und sehr unterschiedliche klimatische Zonen mit einer grossen landschaftlichen, botanischen, geologischen, ethnischen, sprachlichen, kulturellen und musikalischen Vielfalt: Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Chile und Argentinien. Dass diese ursprünglich von verschiedenen indigenen Völkern bewohnten Länder im 16. Jahrhundert von Spanien erobert wurden und bis ins 19. Jh. unter dessen Kolonialherrschaft standen, während die indigenen Völker und ihre Kulturen fast ausgerottet wurden, zeigt sich auch in der Musik; die spanische Musiktradition ist hier zu einer prägenden Grundlage geworden. Weitere Einflüsse brachten afrikanische Sklaven, Einwanderer aus verschiedenen europäischen Ländern – und zusätzlich die heutigen medialen Möglichkeiten der Vernetzung und elektronischen Musik. Das Village du Monde gibt wie ein musikalisches Kaleidoskop einen spannenden, fragmentarischen Einblick in heutige Klangwelten der Anden. Die Interventionen der in spektakulär farbige, sehr kunstvolle Gewänder gekleideten peruanischen Tanz-Performance-Gruppe Yawar Chicchi, deren auf die Zeit der Inka zurückgehender «Scherentanz» von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt worden ist, lassen eine Spur der Kulturen der indianischen Ureinwohner erahnen –in der sie umgebenden Festivalwelt wirkt sie rätselhaft und fremd.
Je nachdem wo man steht, setzt sich das Panorama der regenbogenfarbenen Berge im Village du Monde zu immer neuen Landschaftsformationen zusammen. Aus der Nähe kann man die Berge auch als abstrahierte Indianertipis interpretieren; in ihrem Inneren liegen auf hellem Kies farbige Klötze, die zum Ausruhen einladen. Kleine Zelte mit kunsthandwerklichen und kulinarischen Spezialitäten der Anden rahmen den Platz; dazwischen auch Informationsstände humanitärer Organisationen, die in den Anden aktiv sind: Terre des Hommes, Niños de Huanta, Traditions pour Demain oder Nouvelle Planète.
Durch das regenbogenfarbene Panorama der artifiziellen Bergwelt schweben vibrierende, schräge, an den Soundtrack eines verrückten Zeichentrickfilms erinnernde elektrische Schallwellen: Die Meridian Brothers aus Kolumbien schleudern von der Bühne des Dôme aus experimentelle elektronische Melodien und Geräusche ins Publikum. Als ironisch verzerrte Zitate galoppieren traditionelle Latino-Rhythmen, Cumbia und Salsa wie tragikomische musikalische Gespenster durch die surreale, skurrile Klangwelt des Multiinstrumentalisten Eblis Alvarez, der seine Ideen auf der Tournee mit einer Formation brillanter Musiker aus der Avantgarde- und Jazz-Szene umsetzt. Eine kühle, elektronische Frauenstimme kündigt einen «Salsa Caliente» an, der dann von der disparat verzerrten, wie in einem riesigen Raum einsam hallenden Stimme des Eblis Alvarez besungen wird, verwickelt in ein versponnenes Klanggewebe. Der magische Realismus lateinamerikanischer Autoren ist eine wichtige Inspirationsquelle seiner Musik, die er in einem Interview auch als «Art music»bezeichnet hat. Es beginnt zu regnen; das Zelt wird zu einer dunklen Grotte mit der funkelnden Innenwelt eines verrückten Science Fiction-Märchens; die grossartige schrille Katzenmusik korresponiert mit den in phosphoreszierenden Farben leuchtenden halluzinogenen Bergen draussen.
Karamelo Santos aus Argentinien verpflegen das Publikum später mit einer soliden Dosis ihrer reichhaltigen Cocktails aus Reggae, Ska, Cumbia, Bolero und Rock.
Am Mittwoch schwebt das Publikum im Village du Monde nach dem zweiten Konzert der Meridian Brothers entrückt durch das Andenpanorama; die meisten jetzt in Gummistiefeln. Der Boden sieht noch fest aus, vibriert aber unter jedem Schritt. Liegt das am Einfluss der Musik? Die kosmopolitische Truppe La Chiva Gantiva – drei nach Brüssel ausgewanderte Kolumbianer, zwei Belgier, ein Vietnamese und ein Franzose –feuern konzentrierte Salven einer wilden, kosmopolitischen Mélange aus funkig-punkig-rockigem bis jazzigem Cumbia-Afrobeat ins Publikum, scharf gewürzt mit polyrhythmischer Perkussion und pointierten Bläsersätzen.
Nach einer Erholungspause erscheinen hinter zwei schwarzen Altären auf der dunklen Bühne des Dôme zwei Gespenster mit riesigen weissen Brillengläsern und knallbunten langhaarigen Perücken, rot und blau, und erzeugen mit vielschichtigen Samplings und spielerisch differenzierten elektronischen und analogen Rhythmen einen mitreissend dynamischen, artifiziellen Elektro-Echoraum ohne geographische und stilistische Grenzen: Frikstailers aus Argentinien.
Das wellige Wiesengelände verfüssigt sich. Erschüttert von musikalischen Schallwellen und durchtränkt von Regen, schmilzt der Boden unter den tanzenden Füssen. Am Donnerstag stehen Zelte und Bühnen wie Inseln in einem Meer aus Schlamm.
Cimarrón aus Kolumbien fordern mit zackigen traditionellen Joropo-Klängen, die sie auf Bandola, Harfe, Cuatro, Cajòn und Maracas virtuos spielen, zum Tanz heraus.
Die peruanischen Cumbia All Stars, acht ehemalige Mitglieder legendärer nationaler Bands, zaubern souverän die psychedelische «Old School Cumbia», die sie selbst mitbegründet haben, auf die Bühne, und infizieren das Publikum mit dem Virus ihres speziellen, filigranen und zugleich vitalen Swing.
Während Oy im Club Tent zu einer experimentellen musikalischen Entdeckungsreise durch Ghana, Mali, Burkina Faso und Südafrika einlädt, die sie zu einer märchenhaft poetischen und zugleich urbanen Musik inspirierte, lassen im Village du Monde Matanza aus Chile ihre Fusionen aus House-Rhythmen und Techno-Beats mit analogen traditionellen Klängen hören.
Am Freitag zelebrieren Familia Atlantica die transatlantischen Verbindungen ihrer Band zwischen Afrika, Lateinamerika und Europa mittels eines tropischen und psychedelischen Funk, der kubanische Rumba, venezolanischen Tonada und äthiopischen Blues verschmilzt.
Crew Peligrosos aus Kolumbien, aus einem der ärmsten Quartiere von Medellin, die mit ihrem Hip Hop Jugendlichen mittels ihrer Musik eine Alternative zu Drogen und Gewalt zu bieten versuchen, bringen ihre Gedanken mit einem wuchtigen, sehr intensiven Konzert zum Ausdruck. Palenke Soultribe verschmelzen schliesslich traditionelle afro-kolumbianische Rhythmen und elektronische Bässe zu einem dynamischen, urbanen Elektro-Kosmos.
Am Samstag sichert ein Helfer im Superman-T-Shirt die Zeltverankerungen mit einem riesigen Hammer. Im Dôme lässt La Yegros mit ihren auf den traditionellen Musikstilen Cumbia und Chamamé basierenden, elektrifizierten Gesängen die Sonne strahlen, während sich vom Jura her eine schwarze Wolkenwand nähert.
Plaza Francia verschmelzen den elektronischen Tango des Argentiniers Eduardo Makaroff und des Schweizers Christophe Müller (Gotan Project) mit dem französischen, von Pop und Rock beeinflussten Chanson der Rita Mitsouko-Sängerin Catherine Ringer zu einem überzeugenden neuen Ganzen. Che Sudaka aus Argentinien und Kolumbien beschleunigen mit ihren punkigen und rockigen, manchmal mit Reggae-Rhythmen akzentuierten Liedern über die Grenzen des Zelts hinaus die Tanzbeine des Publikums; die Füsse allerdings bleiben im tiefer werdenden Schlamm stecken und lassen sich nur mit zunehmendem Kraftaufwand herausziehen. Gab es nicht einmal ein Märchen, in dem ein verlorener Schuh eine Rolle spielte … ? – Aschenputtel, Cinderella … ?
El Hijo de la Cumbia hypnotisiert das nächtliche Publikum mit seinen Fusionen dekonstruierter traditioneller südamerikanischer Musikfragmente mit urbanen Rhythmen, Hip Hop, Dubstep …
Am Sonntag laden Chico Trujillo aus Chile mit ihrer Ska, Reggae und Cumbia verbindenden, fröhlichen Musik zu einem ausgelassenen Fest ein. Später beschwören die geheimnisvoll hinter Tiermasken versteckten Dengue Dengue Dengue ihre freie Fusion zwischen Cumbia und elektronischer Musik. Sie führt in eine vielfältige, futuristische, synthetische Traumwelt. Und dann verwandelt ein grosses Feuerwerk das Paléo und die Asse-Ebene selbst in einen Traum.
Im nächsten Jahr wird das Paléo seine 40. Ausgabe feiern. Das Village du Monde wird dann den Fernen Osten als Gast willkommen heissen.
P.S.: Ob das Märchen von Aschenputtel bzw. Cinderella sich wohl wiederholen kann – auch mit im Schlamm stecken gebliebenen Gummistiefeln? Am Paléo gab es dieses Jahr sicher den einen oder anderen Fall …
Foto: Paléo Festival Nyon © H. Gerling
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 141, September 2014






