Bild: Pressebild Paleo Nyon 2014 / zVg.

Die Anden im Vil­la­ge du Mon­de: Eine palé­o­sko­pi­sche Expedition

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Vom 22. bis 27. Juli wur­de in der Gegend von Nyon –gemäss offi­zi­el­ler Geschichts­schrei­bung bereits zum 39. Mal – das Phä­no­men einer kol­lek­ti­ven Flucht aus dem All­tag beob­ach­tet: Ange­lockt von einem viel­fäl­ti­gen Musik­pro­gramm, ver­schwan­den im Lauf einer Woche ca. 230 000 musik­lie­ben­de Exis­ten­zen ver­schie­dens­ter musi­ka­li­scher Cou­leur in einer sagen­um­wo­be­nen Par­al­lel­welt namens Paléo, die jeweils im Juli in einer wel­li­gen Wie­sen­land­schaft nahe des mit­tel­al­ter­li­chen Städt­chens Nyon zum Leben erwacht. Die von ensuite ent­sand­te Kor­re­spon­den­tin über­mit­tel­te von ihrer Expe­di­ti­on in die­ses tem­po­rä­re Reich fol­gen­de Aufzeichnungen:

Vom Bahn­hof Nyon aus gelingt der Trans­fer zum Paléo mit einer zum Bers­ten vol­len, geruh­sam durch die Land­schaft glei­ten­den Navet­te inner­halb weni­ger Minu­ten. Die Rei­sen­den erwar­tet ein musi­ka­li­sches Pro­gramm zwi­schen Bekann­tem und neu zu Ent­de­cken­dem – spe­zi­ell im Vil­la­ge du Mon­de, das der Musik der gan­zen Welt gewid­met ist und jedes Jahr einen neu­en geo­gra­phi­schen Schwer­punkt setzt. In der hüge­li­gen, grü­nen Wie­sen­land­schaft liegt das Paléo mit sei­nen ver­schie­de­nen Büh­nen und kuli­na­ri­schen Quar­tie­ren wie eine klei­ne Stadt mit ihren öffent­li­chen Bau­ten und Plät­zen. Eine bun­te Mischung von Musik-Affi­ci­o­na­dos hat bereits begon­nen, das Are­al zu erobern. Irgend­wo soll­te hier der kleins­te Taxi­bus der Welt kur­sie­ren, ein Vehi­kel der Cie. Deli­nus aus der Stras­sen­künst­ler-Enkla­ve La Ruche – ist er zu klein, um gese­hen zu werden … ?

Vor dem trü­ben, fahl­grau­en Him­mel flim­mert in gewit­ter­ver­däch­ti­ger, schwü­ler Luft ein selt­sam trans­pa­rent erschei­nen­des Pan­ora­ma geo­me­tri­scher Berg­gip­fel in phos­pho­res­zie­ren­den Regen­bo­gen­far­ben wie eine Hal­lu­zi­na­ti­on in der Wüs­te. Am Hori­zont neben dem arti­fi­zi­el­len Gebirgs­pan­ora­ma kreist ein Rie­sen­rad, umge­ben von einem Rudel sil­ber­ner Cara­vans; dar­um her­um wach­sen meh­re­re Meter hohe metal­li­sche Pil­ze. Die regio­na­len Hoch­schu­len prä­sen­tie­ren hier ihre futu­ris­ti­schen Pro­jek­te. Weni­ge Schrit­te wei­ter beginnt das Vil­la­ge du Mon­de, wo in die­sem Jahr die Anden­kor­dil­le­ren zu Gast sind: mit über 7000 km die längs­te Gebirgs­ket­te der Welt. Sie erstreckt sich über sie­ben Län­der und sehr unter­schied­li­che kli­ma­ti­sche Zonen mit einer gros­sen land­schaft­li­chen, bota­ni­schen, geo­lo­gi­schen, eth­ni­schen, sprach­li­chen, kul­tu­rel­len und musi­ka­li­schen Viel­falt: Vene­zue­la, Kolum­bi­en, Ecua­dor, Peru, Boli­vi­en, Chi­le und Argen­ti­ni­en. Dass die­se ursprüng­lich von ver­schie­de­nen indi­ge­nen Völ­kern bewohn­ten Län­der im 16. Jahr­hun­dert von Spa­ni­en erobert wur­den und bis ins 19. Jh. unter des­sen Kolo­ni­al­herr­schaft stan­den, wäh­rend die indi­ge­nen Völ­ker und ihre Kul­tu­ren fast aus­ge­rot­tet wur­den, zeigt sich auch in der Musik; die spa­ni­sche Musik­tra­di­ti­on ist hier zu einer prä­gen­den Grund­la­ge gewor­den. Wei­te­re Ein­flüs­se brach­ten afri­ka­ni­sche Skla­ven, Ein­wan­de­rer aus ver­schie­de­nen euro­päi­schen Län­dern – und zusätz­lich die heu­ti­gen media­len Mög­lich­kei­ten der Ver­net­zung und elek­tro­ni­schen Musik. Das Vil­la­ge du Mon­de gibt wie ein musi­ka­li­sches Kalei­do­skop einen span­nen­den, frag­men­ta­ri­schen Ein­blick in heu­ti­ge Klang­wel­ten der Anden. Die Inter­ven­tio­nen der in spek­ta­ku­lär far­bi­ge, sehr kunst­vol­le Gewän­der geklei­de­ten perua­ni­schen Tanz-Per­for­mance-Grup­pe Yawar Chic­chi, deren auf die Zeit der Inka zurück­ge­hen­der «Scher­en­tanz» von der UNESCO als Welt­kul­tur­er­be aner­kannt wor­den ist, las­sen eine Spur der Kul­tu­ren der india­ni­schen Urein­woh­ner erah­nen –in der sie umge­ben­den Fes­ti­val­welt wirkt sie rät­sel­haft und fremd.

Je nach­dem wo man steht, setzt sich das Pan­ora­ma der regen­bo­gen­far­be­nen Ber­ge im Vil­la­ge du Mon­de zu immer neu­en Land­schafts­for­ma­tio­nen zusam­men. Aus der Nähe kann man die Ber­ge auch als abs­tra­hier­te India­ner­ti­pis inter­pre­tie­ren; in ihrem Inne­ren lie­gen auf hel­lem Kies far­bi­ge Klöt­ze, die zum Aus­ru­hen ein­la­den. Klei­ne Zel­te mit kunst­hand­werk­li­chen und kuli­na­ri­schen Spe­zia­li­tä­ten der Anden rah­men den Platz; dazwi­schen auch Infor­ma­ti­ons­stän­de huma­ni­tä­rer Orga­ni­sa­tio­nen, die in den Anden aktiv sind: Terre des Hom­mes, Niños de Huan­ta, Tra­di­ti­ons pour Demain oder Nou­vel­le Planète.

Durch das regen­bo­gen­far­be­ne Pan­ora­ma der arti­fi­zi­el­len Berg­welt schwe­ben vibrie­ren­de, schrä­ge, an den Sound­track eines ver­rück­ten Zei­chen­trick­films erin­nern­de elek­tri­sche Schall­wel­len: Die Meri­di­an Brot­hers aus Kolum­bi­en schleu­dern von der Büh­ne des Dôme aus expe­ri­men­tel­le elek­tro­ni­sche Melo­dien und Geräu­sche ins Publi­kum. Als iro­nisch ver­zerr­te Zita­te galop­pie­ren tra­di­tio­nel­le Lati­no-Rhyth­men, Cum­bia und Sal­sa wie tra­gi­ko­mi­sche musi­ka­li­sche Gespens­ter durch die sur­rea­le, skur­ri­le Klang­welt des Mul­ti­in­stru­men­ta­lis­ten Eblis Alva­rez, der sei­ne Ideen auf der Tour­nee mit einer For­ma­ti­on bril­lan­ter Musi­ker aus der Avant­gar­de- und Jazz-Sze­ne umsetzt. Eine küh­le, elek­tro­ni­sche Frau­en­stim­me kün­digt einen «Sal­sa Cali­en­te» an, der dann von der dis­pa­rat ver­zerr­ten, wie in einem rie­si­gen Raum ein­sam hal­len­den Stim­me des Eblis Alva­rez besun­gen wird, ver­wi­ckelt in ein ver­spon­ne­nes Klang­ge­we­be. Der magi­sche Rea­lis­mus latein­ame­ri­ka­ni­scher Autoren ist eine wich­ti­ge Inspi­ra­ti­ons­quel­le sei­ner Musik, die er in einem Inter­view auch als «Art music»bezeichnet hat. Es beginnt zu reg­nen; das Zelt wird zu einer dunk­len Grot­te mit der fun­keln­den Innen­welt eines ver­rück­ten Sci­ence Fic­tion-Mär­chens; die gross­ar­ti­ge schril­le Kat­zen­mu­sik kor­re­spo­niert mit den in phos­pho­res­zie­ren­den Far­ben leuch­ten­den hal­lu­zi­no­ge­nen Ber­gen draussen.

Kara­me­lo San­tos aus Argen­ti­ni­en ver­pfle­gen das Publi­kum spä­ter mit einer soli­den Dosis ihrer reich­hal­ti­gen Cock­tails aus Reg­gae, Ska, Cum­bia, Bole­ro und Rock.

Am Mitt­woch schwebt das Publi­kum im Vil­la­ge du Mon­de nach dem zwei­ten Kon­zert der Meri­di­an Brot­hers ent­rückt durch das Anden­pan­ora­ma; die meis­ten jetzt in Gum­mi­stie­feln. Der Boden sieht noch fest aus, vibriert aber unter jedem Schritt. Liegt das am Ein­fluss der Musik? Die kos­mo­po­li­ti­sche Trup­pe La Chi­va Gan­ti­va – drei nach Brüs­sel aus­ge­wan­der­te Kolum­bia­ner, zwei Bel­gi­er, ein Viet­na­me­se und ein Fran­zo­se –feu­ern kon­zen­trier­te Sal­ven einer wil­den, kos­mo­po­li­ti­schen Mélan­ge aus fun­kig-pun­kig-rocki­gem bis jaz­zi­gem Cum­bia-Afro­beat ins Publi­kum, scharf gewürzt mit poly­rhyth­mi­scher Per­kus­si­on und poin­tier­ten Bläsersätzen.

Nach einer Erho­lungs­pau­se erschei­nen hin­ter zwei schwar­zen Altä­ren auf der dunk­len Büh­ne des Dôme zwei Gespens­ter mit rie­si­gen weis­sen Bril­len­glä­sern und knall­bun­ten lang­haa­ri­gen Perü­cken, rot und blau, und erzeu­gen mit viel­schich­ti­gen Sam­plings und spie­le­risch dif­fe­ren­zier­ten elek­tro­ni­schen und ana­lo­gen Rhyth­men einen mit­reis­send dyna­mi­schen, arti­fi­zi­el­len Elek­tro-Echo­raum ohne geo­gra­phi­sche und sti­lis­ti­sche Gren­zen: Frik­s­tail­ers aus Argentinien.

Das wel­li­ge Wie­sen­ge­län­de ver­füs­sigt sich. Erschüt­tert von musi­ka­li­schen Schall­wel­len und durch­tränkt von Regen, schmilzt der Boden unter den tan­zen­den Füs­sen. Am Don­ners­tag ste­hen Zel­te und Büh­nen wie Inseln in einem Meer aus Schlamm.

Cimar­rón aus Kolum­bi­en for­dern mit zacki­gen tra­di­tio­nel­len Jor­o­po-Klän­gen, die sie auf Ban­do­la, Har­fe, Cua­t­ro, Cajòn und Mara­cas vir­tu­os spie­len, zum Tanz heraus.

Die perua­ni­schen Cum­bia All Stars, acht ehe­ma­li­ge Mit­glie­der legen­dä­rer natio­na­ler Bands, zau­bern sou­ve­rän die psy­che­de­li­sche «Old School Cum­bia», die sie selbst mit­be­grün­det haben, auf die Büh­ne, und infi­zie­ren das Publi­kum mit dem Virus ihres spe­zi­el­len, fili­gra­nen und zugleich vita­len Swing.

Wäh­rend Oy im Club Tent zu einer expe­ri­men­tel­len musi­ka­li­schen Ent­de­ckungs­rei­se durch Gha­na, Mali, Bur­ki­na Faso und Süd­afri­ka ein­lädt, die sie zu einer mär­chen­haft poe­ti­schen und zugleich urba­nen Musik inspi­rier­te, las­sen im Vil­la­ge du Mon­de Mat­an­za aus Chi­le ihre Fusio­nen aus House-Rhyth­men und Tech­no-Beats mit ana­lo­gen tra­di­tio­nel­len Klän­gen hören.

Am Frei­tag zele­brie­ren Fami­lia Atlan­ti­ca die trans­at­lan­ti­schen Ver­bin­dun­gen ihrer Band zwi­schen Afri­ka, Latein­ame­ri­ka und Euro­pa mit­tels eines tro­pi­schen und psy­che­de­li­schen Funk, der kuba­ni­sche Rum­ba, vene­zo­la­ni­schen Tona­da und äthio­pi­schen Blues verschmilzt.

Crew Peligro­sos aus Kolum­bi­en, aus einem der ärms­ten Quar­tie­re von Medel­lin, die mit ihrem Hip Hop Jugend­li­chen mit­tels ihrer Musik eine Alter­na­ti­ve zu Dro­gen und Gewalt zu bie­ten ver­su­chen, brin­gen ihre Gedan­ken mit einem wuch­ti­gen, sehr inten­si­ven Kon­zert zum Aus­druck. Palen­ke Soultri­be ver­schmel­zen schliess­lich tra­di­tio­nel­le afro-kolum­bia­ni­sche Rhyth­men und elek­tro­ni­sche Bäs­se zu einem dyna­mi­schen, urba­nen Elektro-Kosmos.

Am Sams­tag sichert ein Hel­fer im Super­man-T-Shirt die Zelt­ver­an­ke­run­gen mit einem rie­si­gen Ham­mer. Im Dôme lässt La Yegros mit ihren auf den tra­di­tio­nel­len Musik­sti­len Cum­bia und Cha­ma­mé basie­ren­den, elek­tri­fi­zier­ten Gesän­gen die Son­ne strah­len, wäh­rend sich vom Jura her eine schwar­ze Wol­ken­wand nähert.

Pla­za Fran­cia ver­schmel­zen den elek­tro­ni­schen Tan­go des Argen­ti­ni­ers Edu­ar­do Makar­off und des Schwei­zers Chris­to­phe Mül­ler (Gotan Pro­ject) mit dem fran­zö­si­schen, von Pop und Rock beein­fluss­ten Chan­son der Rita Mit­sou­ko-Sän­ge­rin Cathe­ri­ne Rin­ger zu einem über­zeu­gen­den neu­en Gan­zen. Che Suda­ka aus Argen­ti­ni­en und Kolum­bi­en beschleu­ni­gen mit ihren pun­ki­gen und rocki­gen, manch­mal mit Reg­gae-Rhyth­men akzen­tu­ier­ten Lie­dern über die Gren­zen des Zelts hin­aus die Tanz­bei­ne des Publi­kums; die Füs­se aller­dings blei­ben im tie­fer wer­den­den Schlamm ste­cken und las­sen sich nur mit zuneh­men­dem Kraft­auf­wand her­aus­zie­hen. Gab es nicht ein­mal ein Mär­chen, in dem ein ver­lo­re­ner Schuh eine Rol­le spiel­te … ? – Aschen­put­tel, Cinderella … ?

El Hijo de la Cum­bia hyp­no­ti­siert das nächt­li­che Publi­kum mit sei­nen Fusio­nen dekon­stru­ier­ter tra­di­tio­nel­ler süd­ame­ri­ka­ni­scher Musik­frag­men­te mit urba­nen Rhyth­men, Hip Hop, Dubstep …

Am Sonn­tag laden Chi­co Tru­ji­l­lo aus Chi­le mit ihrer Ska, Reg­gae und Cum­bia ver­bin­den­den, fröh­li­chen Musik zu einem aus­ge­las­se­nen Fest ein. Spä­ter beschwö­ren die geheim­nis­voll hin­ter Tier­mas­ken ver­steck­ten Den­gue Den­gue Den­gue ihre freie Fusi­on zwi­schen Cum­bia und elek­tro­ni­scher Musik. Sie führt in eine viel­fäl­ti­ge, futu­ris­ti­sche, syn­the­ti­sche Traum­welt. Und dann ver­wan­delt ein gros­ses Feu­er­werk das Paléo und die Asse-Ebe­ne selbst in einen Traum.

Im nächs­ten Jahr wird das Paléo sei­ne 40. Aus­ga­be fei­ern. Das Vil­la­ge du Mon­de wird dann den Fer­nen Osten als Gast will­kom­men heissen.

P.S.: Ob das Mär­chen von Aschen­put­tel bzw. Cin­de­r­el­la sich wohl wie­der­ho­len kann – auch mit im Schlamm ste­cken geblie­be­nen Gum­mi­stie­feln? Am Paléo gab es die­ses Jahr sicher den einen oder ande­ren Fall …


Foto: Paléo Fes­ti­val Nyon © H. Gerling 

Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 141, Sep­tem­ber 2014



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