Insom­nia: Vom Wert der Sprache

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Spra­che ist etwas Ver­bin­den­des. Reist man in ein Land, in dem man der Spra­che nicht mäch­tig ist, fühlt man sich rasch etwas ein­sam: Man ver­steht nicht, was die Men­schen im Café zuein­an­der sagen, weiss nicht, ob der Pilot der fremd­län­di­schen Air­line gera­de einen Motor­scha­den oder einen Eis­berg ange­kün­digt hat. Ich per­sön­lich mag das über­haupt nicht.

Bemüht man sich hin­ge­gen, in der frem­den Spra­che immer­hin «Guten Tag!», «Bit­te» und «Dan­ke» zu sagen, so sen­det man sofort ein ande­res Signal: Hey, ich inter­es­sie­re mich dafür, wie Dei­ne Spra­che sich anfühlt und anhört. Und das Gegen­über quit­tiert die Bemü­hun­gen fast immer mit einem Lächeln. Denn im Zeit­al­ter des Mas­sen­tou­ris­mus und der Gene­ra­ti­on Ich-mache-fünf­mal-im-Jahr-Feri­en gehört es schein­bar ein­fach dazu, sich grund­sätz­lich auf Eng­lisch durch­zu­schla­gen. Das soll wohl welt­män­nisch wir­ken. In Tat und Wahr­heit wirkt es weltfremd.

Ein Land ist eigent­lich erst durch sei­ne Spra­che erfahr­bar. Die vie­len ü und y im Tür­ki­schen sind eben­so ein­zig­ar­tig wie die vie­len bedeu­tungs­schwan­ge­ren Pau­sen in ita­lie­ni­schen Mono­lo­gen. Wer sie nicht kennt, nicht hört, nicht wahr­nimmt, wird das Wesen des Ita­lie­ners nie begreifen.

Spra­che hilft auch, im eige­nen Kopf ein Bild von einem Land zu kre­ieren. Als ich sie­ben oder acht Jah­re alt war, lern­te ich von mei­ner kur­di­schen Schul­freun­din eini­ge tür­ki­sche Wör­ter. Der über­aus nütz­li­che Aus­druck «Nein, ein Zucker» gehör­te auch dazu. Die drei Wor­te hay­ir bir seker schlum­mer­ten über 25 Jah­ren in mei­nem Lang­zeit­ge­dächt­nis vor sich hin … Bis ich es vor zwei Jah­ren wag­te und drei­ein­halb Stun­den Flug auf mich nahm um Istan­bul zu besu­chen. Dort ange­kom­men spuck­te mein Gedächt­nis das vor vie­len Jah­ren Gelern­te plötz­lich aus. Ja: Ich konn­te sogar noch feh­ler­frei auf 19 zäh­len. Das freu­te nicht nur mich, son­dern auch den älte­ren Mann im Schmuck­la­den an der Ecke.

Noch schlim­mer als rund um den Glo­bus zu jet­ten und über­all Hell­ou sagen, ist, von Zürich ins Tes­sin zu fah­ren und ein­fach mun­ter Züri­dütsch zu reden. So geschieht es jedes Jahr am Fes­ti­val del Film Locar­no. Ob die Frau im Bus oder der Mann am Piz­za­stand: Die Deutsch­schwei­zer behan­deln die Tes­si­ner, als wären die­se ihre per­sön­li­chen Hand­lan­ger – jene, die auf der haus­ei­ge­nen Son­nen­ter­ras­se ser­vie­ren dür­fen. Nicht ein­mal das Wort Pani­ni ken­nen Men­schen jenes Schlags. Sie sagen völ­lig unver­fro­ren: Ich hätt gärn das Sänd­witsch da. Kein Wun­der, wer­den wir süd­lich des Gott­hards Züc­chin genannt. Der Aus­druck stammt von zuc­ca ab – die­sem schwe­ren, hart­scha­li­gen Gemü­se namens Kür­bis. Denn im Tes­sin gel­ten wir Deutsch­schwei­zer als bhä­big und stur. Kein Wunder.


Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 141, Sep­tem­ber 2014



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