«Verzeiht, ich kann nicht hohe Worte machen»: Das Mephisto-Zitat aus dem Prolog im Himmel zu Goethes Faust lag Otto Klemperer am Herzen; es zum Titel einer Sammlung seiner Briefe zu wählen, ist daher sehr sinnig.
Diese Sammlung (edition text+kritik, München 2012) wurde von Antony Beaumont herausgegeben, der aus der Unmenge von Briefen im Besitz Lotte Klemperers, der Tochter des genialen Dirigenten, eine reichhaltige und vielsagende Auswahl getroffen hat. Sie umfasst die Zeit zwischen 1906 und 1973 (Klemperers Todesjahr) und ist mit größter Sorgfalt recherchiert. Die zahleichen Fußnoten helfen zum Verständnis, ebenso wie die Anhänge mit Kommentaren von Lotte Klemperer, einer Repertoireliste des Dirigenten und Kurzbiographien der Briefempfänger.
Es geht in diesen Briefen um praktische Probleme von Bühne und Podium, aber auch um musikalische Beurteilungen, Unstimmigkeiten mit Plattenproduzenten, philosophische und literarische Fragen. Gelegentlich liest man einen «Cri du coeur» («Am liebsten würde ich momentan allein auf einen hohen Berg fahren, um geraume Zeit dort zu bleiben» – An den Philosophen Ernst Bloch, 16. Dez. 1967).
Auch wenn kaum jemand die 426 Briefe hintereinander lesen wird, so gehört dieses Buch doch zu denen, die einen nicht loslassen: Man will immer mehr über den faszinierenden und nicht immer leichten Charakter Klemperers erfahren, kann auch seine persönliche und künstlerische Entwicklung nachvollziehen. Die ideale Lektüre zwischen dem Anhören zweier Klemperer-Schallplatten!
Bild: Antony Beaumont (Hg.), «Verzeiht, ich kann nicht hohe Worte machen». Briefe von Otto Klemperer 1906–1973. edition text+kritik, München 2012. Buchcover: zVg.
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 141, September 2014






