LORIN MAAZEL (6. März 1930 – 13. Juli 2014)

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Nach Sir Colin Davis und Clau­dio Abba­do hat uns ein wei­te­rer Ver­tre­ter die­ser Diri­gen­ten­ge­nera­ti­on ver­las­sen. Wobei gesagt wer­den muss, dass Lorin Maa­zel mit sei­nen zwei obge­nann­ten Kol­le­gen wenig gemein­sam hat­te – außer dem über­wäl­ti­gen­den Talent.

Maa­zel war ein Pult­star und stand voll zu die­ser Tat­sa­che. Sein Selbst­be­wusst­sein und sei­ne Distan­ziert­heit wur­den oft als Arro­ganz, sei­ne Prä­zi­si­on und Bril­lanz als Käl­te bezeich­net. Bei­des ist falsch. In der Pro­ben­ar­beit konn­te er zwar schwie­rig sein – im per­sön­li­chen Kon­takt war er gewin­nend. Sein Stre­ben nach Per­fek­ti­on mach­te ihn – wie vor ihm Gus­tav Mahler – zur «Bête noi­re» der Rou­ti­niers; aber die Resul­ta­te, die er erreich­te, gaben ihm recht. Und, wie bei sei­nem Vor­gän­ger in Cleve­land, Geor­ges Szell, dien­te die Prä­zi­si­on der klang­lich und geis­tig mög­lichst treu­en Inter­pre­ta­ti­on einer Par­ti­tur und einem unglaub­li­chen Far­ben­reich­tum. Über die Jah­re haben sich sei­ne Inter­pre­ta­tio­nen der glei­chen Wer­ke sehr ver­än­dert, oft haben sie an Tie­fe gewon­nen, genau­so wie sein anfäng­lich recht «wil­des» Diri­gat, wel­ches sich gra­du­ell beru­higt hat. Immer aber war es die unbän­di­ge Ener­gie die­ses Viel­sei­tig­keits­ge­nies, die sei­ne Auf­trit­te und Auf­nah­men so leben­dig gemacht hat. Sei­ne Tem­po­wahl konn­te eigen­wil­lig sein, sie war jedoch nie unbe­dacht. Das Menu­ett in der Jupi­ter-Sym­pho­nie bekam eine bedäch­ti­ge Wür­de, umge­kehrt wirk­ten Ravel-Inter­pre­ta­tio­nen in ihrer Ner­vo­si­tät manch­mal befrem­dend: Der Kom­po­nist brauch­te für den «Bolé­ro» sech­zehn Minu­ten, Maa­zel gera­de knap­pe dreizehn…

Der Sohn einer rus­sisch-jüdi­schen Musi­ker­fa­mi­lie wur­de bei Paris, in Neuil­ly-sur-Sei­ne gebo­ren. Sei­ne Eltern, ein pro­fes­sio­nel­ler Tenor und Schau­spie­ler und eine Ama­teur­pia­nis­tin, leb­ten dort zu Stu­di­en­zwe­cken. Zwei Jah­re spä­ter zogen sie mit dem Jun­gen in die USA zurück. Mit fünf begann der klei­ne Lorin Vio­li­ne zu spie­len, mit acht trat er erst­mals sowohl als Gei­ger wie als Diri­gent auf. Drei Jah­re spä­ter ließ ihn Arturo Tos­ca­ni­ni sein NBC Sym­pho­ny Orches­tra diri­gie­ren! Nach­dem er Musik, Mathe­ma­tik und Phi­lo­so­phie stu­diert hat­te, kon­zen­trier­te er sich wie­der auf sei­ne Dop­pel­kar­rie­re als Gei­ger und Diri­gent. Als die Orches­ter­lei­tung immer mehr in den Mit­tel­punkt geriet, blieb die Gei­ge wei­ter­hin sei­ne treue Beglei­te­rin. Auch mit Kom­po­si­ti­on befass­te er sich.

Beson­ders vie­le Schlag­zei­len mach­ten die zwei Jah­re (1982–1984) als Staats­opern­di­rek­tor in Wien, wo er zwar musi­ka­li­sche Tri­um­phe erleb­te, sei­ne gut­ge­mein­ten, aber nicht immer geschick­ten Unter­neh­mun­gen im admi­nis­tra­ti­ven Bereich – zusam­men mit den noto­ri­schen Wie­ner Intri­gen – ihn jedoch zum früh­zei­ti­gen Auf­ge­ben der schon immer als Schleu­der­sitz gefürch­te­ten Stel­lung ver­an­lass­ten. Doch die Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker hat­ten ihn in so guter Erin­ne­rung behal­ten, dass er auch nach­her mehr­mals zum Diri­gie­ren des Neu­jahrs­kon­zer­tes ein­ge­la­den wur­de. Eines der schöns­ten Doku­men­te aus Maa­zels Lauf­bahn ist die DVD vom 1. Janu­ar 2005, wo man ihn nicht nur als sorg­fäl­ti­gen, ein­fühl­sa­men und humor­vol­len Diri­gen­ten, son­dern auch gele­gent­lich als Steh­gei­ger «à la Johann Strauß» erlebt – wie vor ihm Wil­ly Bos­kovs­ky (Deut­sche Gram­mo­phon DVD 00440 073 4020).

Maa­zels Reper­toire reicht von Bach bis zur zeit­ge­nös­si­schen Musik, bei deren Auwahl er immer sehr kri­tisch war. Sei­ne Inter­pre­ta­tio­nen, nament­lich der Sym­pho­nien von Tschai­kow­sky und Sibe­l­i­us, beein­dru­cken noch immer; auf dem Gebiet der Oper lag ihm Puc­ci­ni beson­ders nahe.

Diver­se Maa­zel-Edi­tio­nen, die ursprüng­lich für sei­nen 85. Geburts­tag im März 2015 vor­ge­se­hen waren, wer­den nächs­tens publi­ziert wer­den. Wir kom­men zu gege­be­ner Zeit dar­auf zu sprechen.

«Ein Diri­gent muss sein kul­tu­rel­les Wis­sen ein­set­zen, um eine Par­ti­tur in den rich­ti­gen Zusam­men­hang zu stel­len, sowohl im Bezug auf die Ent­wick­lung des Kom­po­nis­ten wie auf die Epo­che ihrer Kom­po­si­ti­on» (Aus einem Gespräch (1979) mit Hele­na Matheo­pou­los, abge­druckt im Buch «Maes­tro», Lon­don 1982; Übers. FL)

«In der Musik ist es wie in der Küche oder im Cock­pit eines Flug­zeugs: Dilet­tan­tis­mus kann zu Kata­stro­phen führen.
Das Wich­tigs­te für einen Musi­ker bleibt die Intui­ti­on … Es gibt Solis­ten, Sän­ger, Diri­gen­ten, die kei­ne Musi­ker sind, weil sie ihre See­le nicht ein­set­zen und nichts zu sagen haben.» (Aus einem Inter­view mit Rémy Lou­is in der Zeit­schrift «Dia­pa­son», 1994. Übers. F.L.)

«(Am Anfang mei­ner Kar­rie­re) spiel­te das Publi­kum Kam­mer­mu­sik – es war mit dem Erleb­nis des Kon­zer­tes ver­traut. Heu­te haben wir – mit weni­gen Aus­nah­men – nur noch Schat­ten. Es ist viel mecha­ni­scher gewor­den. Aber ein Diri­gent muss in der Lage sein, trotz­dem wun­der­ba­re Musik zu errei­chen. Und man ver­sucht wie­der, alte Wer­te zu ent­de­cken … Die Welt ist ver­rückt, es gibt über­haupt kei­ne Logik – aber wir machen wei­ter!» (Aus einem Inter­view mit dem Ver­fas­ser für Opus Radio; Luzern, Som­mer 1991)


Bild: Titel­sei­te ensuite Aus­ga­be Nr. 141, Sep­tem­ber 2014.
Paul Chan, Mas­ter Argu­ment, 2013, Kabel, Schu­he, Beton, 36.8 cm x 18.1 m x 17.3 m, Cour­te­sy the Artist and Gree­ne Naf­ta­li, New York. Foto: Domi­nik Imhof.

Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 141, Sep­tem­ber 2014



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