«Im Moment historisch einmalig hoher Alphabetisierungsraten und der nahezu friktionslosen Verfügbarkeit von beliebigen Texten wird kaum mehr gelesen, sondern lesen gelassen»: So beschreibt der Medienwissenschaftler Christoph Engemann das Paradox der «Plattform-Oralität», die kommende oder schon stattfindende «Zukunft des Lesens». Hier leider in einer weder korrigierten noch akademischen Standards genügenden Vorlesungstranskription, die ob der sinnentstellenden Verschreiber und der sehr abstrakten Wortzusammensetzungsungetüme für Laien oft kaum lesbar ist. Sehr schade, denn Engemann beleuchtet kenntnisreich wichtige Fragen und begnügt sich auch nicht mit der Rolle des Kulturpessimisten. «Plattform-Oralität» meint eine technologische Vernetzung, die es so noch nie gegeben hat, wenn heute beinahe in Echtzeit mündliche Rede in Text und Daten verwandelt wird. Von Lesemaschinen. Kein Wunder, nickt der Kulturpessimist: Jüngste Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Lesekompetenz auch an Hochschulen abgenommen hat. Und die Leselust: «Leselust und Lesebereitschaft stellen bei Studierenden offenbar eine Ausnahme dar, was nicht nur der Medienkonkurrenz von sozialen Netzwerken und Onlinevideos anzulasten ist, sondern auch eine Folge der Hochschulreformen seit Bologna ist», so differenziert Engemann. Auch der Buchhandel beklagt stagnierende Zahlen: «Dabei ist es unklar, ob der Schwund von LeserInnen und KäuferInnen tatsächlich der Abwanderung an konkurrierende Onlineangebote zuzurechnen ist oder ob Aspekte wie wandelnde Demografie, Verlagerung in die Städte, Mobilitätszuwächse und verändertes Freizeitverhalten nicht ebenso relevante Faktoren sind.» Doch darum geht es Engemann nur am Rand, und er betont ausserdem: Deutungen dieser Phänomene sind mit grosser Vorsicht zu geniessen, oft werden Tisch und Stuhl verwechselt. Und entscheidende Dimensionen völlig ausgeblendet. Und wohin diese von ihm beschriebene Kulturevolution führe, sei keineswegs so klar, wie Kulturpessimisten oder ‑optimisten meinten. Engemann lenkt den Blick auf die Technologien, aber auch auf Wissenskulturen, wie mit seinem paradoxen Bild vom «Neuen Latein» der «Plattform-Oralität»: Mehr Menschen denn je können dieses (also die dort verwendeten und verschriftlichten Alltagssprachen oder das Globalesisch) lesen, alle verwenden es, aber fast niemand liest es – ausser den Maschinen. Wird damit der Status der Lese-Spezialisten noch prekärer? Oder werden diese zu neuen Mandarins? Oder gar zu Monopolisten? Unbezahlbar, unbestechlich, völlig unsichtbar und nur im Hintergrund zu hören? Oder weichen sie zunehmend charmanten Scharlatanen und selbst ernannten nicht akademischen Experten? Vieles sei in dieser Gemengelage kaum abzusehen. Jahrhundertealte Wissenskulturen, Gepflogenheiten, Gesten und Standards ein Raub der Wissens-Verramscher und neuen Selbstdarsteller? Welche neuen Hierarchien errichten die hier neuartig inszenierten «neuen Vorlesungen» für alle? Jedenfalls stelle das «Auseinanderklaffen von zertifizierter Bildung und tatsächlicher Kompetenz (…) für die zentralen Institutionen der Schriftkultur enorme Herausforderungen bereit», so Engemann.
Klagen zur abnehmenden Lesefähigkeit begleiten die Menschheit, seit sie liest. Und wer sagt denn, dass über Hörbücher stattfindende «Lektüre» weniger nachhaltig ist als das Buchstabieren? Hat man nicht die längste Zeit der Menschheitsgeschichte über die Ohren gelernt, laut vorgelesen, Geschichten gehört usw.? Stimmt genau. Nur: Mit den heutigen neuen technologischen Schnittstellen, etwa den interaktiven Kopfhörern, die wenig thematisiert würden, entstehe auch eine ganz neuartige Intimität, eine Vereinzelung mit Sender, die eine ganz neuartige Vermessung und Ökonomisierung des Weltwissens und von Geschichten mit sich bringe. Und damit grosse Gefahren, gegen die die mangelnde Lesefähigkeit eines Teils der (akademischen) Bevölkerung vielleicht nur ein Klacks oder ein kulturphilosophischer Nebenschauplatz ist. Unbestritten gilt gleichermassen: «Noch nie wurde so viel geschrieben und gelesen wie heute.» Nur sind es ganz andere Formate und Textformen. Und die KI genannten «Maschinen» wiederum beziehen offenbar schon seit Längerem einen Löwenanteil ihrer Textdaten aus gesprochenen und dann in Text umgewandelten Gesprächsprotokollen oder aus Kundenfeedbacks, Blogs, aber auch zunehmend aus Podcasts, ja potenziell aus jeder mündlichen Sprachäusserung, die je in ein Mikrofon gesprochen wurde und wird. Es sei den wenigsten Leuten bewusst, dass die Quantensprünge im automatischen Transkribieren von Audiodateien erst die entscheidende Grundlage für die heutigen KI gebildet hätten. Um kundenmassgeschneidertes/personalisiertes Infotainment, aber auch um Geopolitik ging es dabei selbstredend von Anfang an.
«Erfolg ist keine private Kategorie.» Dennoch scheine die «Etablierung von Plattformcharisma (…) an die paradoxe Situation von Erfolgserzeugung durch das Private gebunden: Hinter der öffentlichen Inszenierung des Privaten in echten oder vermeintlichen privaten Räumen wird immer noch die Möglichkeit von privaten Geständnissen vermutet.» So bleibe grob nur eine Scheinwahl, «entweder selbst in die Charisma-Konkurrenz einzusteigen oder radikal asymmetrische Kommentar- und Antwortfunktionen nutzen zu müssen». «Ob Christoph Engemann selbst auf diesen Plattformen Erfolg hätte, sei allerdings dahingestellt», meint bezeichnenderweise eine Radiopodcast-Besprechung des vorliegenden Buches und bringt damit Engemanns eigene Ausführungen anschaulich auf den Punkt. Denn nicht mehr nur Wissensregimes, wie die klassischen Vorlesungen und die akademischen Standards sie sicherstellen und ermöglichen sollen, entstehen in den neuen Formaten/Hörplattformen, sondern auch neue visuelle «Charisma»-Inszenierungen, subtile Hassrede und neue Hierarchien. «Vom Radio, Film und Fernsehen unterscheiden sich die Formate der Plattform-Oralität in der Erosion der Trennung von öffentlich und privat.»
Christoph Engemann: Die Zukunft des Lesens. Matthes & Seitz 2025. 158 Seiten.






