«99 % der Menschen sehen das Geldproblem nicht. Die Wissenschaft sieht es nicht, die Ökonomie sieht es nicht, sie erklärt es sogar als inexistent. Solange wir aber die Geldwirtschaft nicht als Problem erkennen, ist keine wirkliche soziale und ökologische Wende möglich.»
Prof. Hans Christoph Binswanger, Wirtschaftswissenschaftler (1929–2018)
Für Zivilgesellschaften sind die unausgewogene Verteilung und der durch Rendite beschränkte Zugang zu Geld hochproblematisch. Die Welt, in der wir leben, leidet an Werten, die nur für eine dünne Schicht der globalen Bevölkerung erreichbar sind. Werte und Träume, die den meisten Menschen Hoffnung machen, die sie sich erwünschen. Es sind Träume, die sich meist schädlich zeigen für die Lebenswelt. Sie kurbeln die Wirtschaft an und das Ringen um die erforderlichen Rohstoffe.
Es gibt Alternativen: Nicht als Träume, sondern als Vision. In den folgenden Kapiteln wird aufgezeigt, wie sich andere Wirtschaftsweisen mit einer eigenen Währung Geltung verschaffen können für eine zukunftsfähige Welt. Zunächst wird der Begriff «Umwelt» ersetzt durch «Lebenswelt», weil wir immer auch Teil sind dieser unserer Umwelt. Gemäss Niklas Luhmanns Systemtheorie steht Umwelt für alles, was nicht «das System» ist und von diesem als ein blosses Rauschen wahrgenommen wird. Für einen Wechsel in neue Wirtschaftsweisen braucht es ein eigenständiges System. Wir müssen uns aus dem Rauschen heraus befreien in die Selbstständigkeit. Möglichkeiten, selbst aktiv in neue Wirtschaftsweisen einzugreifen, sind
da. Eine Alternative zum Wirtschaftswachstum gibt es.
Die Umwelt wird noch immer als entgegengesetzt zur menschlichen Kultur definiert. Sozusagen als Restwelt. Politisch wird mit «Umweltschutz» ein Ausgleich aus dem Wirtschaftswachstum heraus beworben. Das setzt einen abseitigen Teil der Welt voraus, den es mit Geld zu schützen gilt. Mit dem problematischen Geldcharakter, der industriell geführte Schutzmassnahmen erfordert. Das ist ein Widerspruch in sich.
Breit organisierte Kampagnen ermuntern die Bürger, ihren wachsenden Müllberg in gutgemeinter Weise in eine Kreislaufwirtschaft hinein zu entsorgen. Doch die Sorgen gehen weiter mit dem hohen Energiebedarf des Recyclings und den Resten, die nicht in die Kreislaufwirtschaft gelangen. Die Industrie propagiert eine Kreislaufwirtschaft, die nur bedingt eingehalten werden kann – und der Rest? Das Problem wird für die Bevölkerung fürsorglich und marktkonform unsichtbar gemacht durch staatliche Einrichtungen. Für die industrielle Wachstumswirtschaft. Damit versucht die Politik, gleichzeitig die «Restwelt», den Wirtschaftsstandort und die Arbeitsplätze zu schützen. Das kann nicht aufgehen.
Die Wachstumswirtschaften stecken in einer Sackgasse, und damit schwindet die gesellschaftliche Sinnhaftigkeit. Unbegrenztes Wachstum, Ressourcenverbrauch und gnadenloser Wettbewerb gefährden unsere Lebensgrundlagen. Orientierungslosigkeit, gesellschaftliche Vereinzelung und Anonymität bilden soziale Gefahrenherde und ökonomische Probleme. Das Ringen, auch der Kampf um Rohstoffe und Absatzmärkte hat zahlreiche negative Folgen für die Erde und die Weltgemeinschaft. Es verunmöglicht den Aufbau eines dauerhaften Friedens.
Das als privat deklarierte Geld, das die Wirtschaft dominiert, ist nicht auf gemeinsam gestaltete Nachhaltigkeit ausgerichtet. Die Einzelinteressen von Privaten und von Staaten dominieren. Der Zugang zu gesellschaftlichen Aufgaben, die keinen monetären Gewinn abwerfen, ist hürdenreich. Das verunmöglicht es, globale Herausforderungen wirksam bewältigen zu können. Bemerkenswert ist: Der eigentliche Charakter des Geldes – abgesehen von seiner bizarren Verteilung – bleibt weitgehend verborgen. Geld ist ein Tabu, und über das Wesen von Geld gibt es nicht genügend Aufklärung. Unabhängige Bildung und Informationen sind schwer zugänglich. Bildung muss heute primär der bestehenden Wirtschaft dienen. Eigentliche gesellschaftliche Bereiche wie Politik, Recht, Wirtschaft, Kultur und Institutionen sind vom Geldcharakter abhängig, ohne sich wirklich mit seinem Wesen auseinanderzusetzen. Die Mechanismen der Geldschöpfung – also wie Geld «entsteht» – bilden die Ursache von daraus entstehenden Problemen.
Richtig gesehen bilden die soziale und die natürliche Welt eine äusserst komplexe Einheit als Lebenswelt. Um langfristig handlungs- und lebensfähig zu bleiben innerhalb dieser Einheit, müssen wir uns in die Welt einschliessen über unsere Empfindsamkeit. Einschliessen auch über den gesunden Menschenverstand und vermehrt mit analogem Austausch mit unserer nächsten Umgebung. Da wir nicht allein Sinn erzeugen können, sind wir auf die Kooperation mit unseren Mitmenschen angewiesen. Um diese Kooperation zu erlangen, braucht es ein wirksames Medium der Kommunikation – frei zugängliche Zahlungsmittel. Damit Menschen innerhalb dieser Komplexität zukunftsfähig und vermehrt umweglos handeln können.
Wachstum in der begrenzten Welt Wachstum, das über materielle Grundlagen hinausgeht und das gesellschaftliche Miteinander verbessert, benötigt persönliche Lebenszeit. Es braucht den gesellschaftlichen Austausch in überschaubaren Grössen. Idealerweise wird das neue Wachstum mit der eigenen Entwicklung existentiell, das heisst wirtschaftlich, verbunden. Erst Entwicklungen, die fundamental ökologisch und für Chancengleichheit angelegt sind, fördern und schützen die Vielfalt. Materielle Genügsamkeit ist die Voraussetzung für die gelebte Empfindsamkeit. Dass das materielle Wachstum auf unserem Planeten seine unverrückbaren Grenzen hat, muss hier nicht weiter erörtert werden. Dabei ist es jedoch höchst erstaunlich, wie der wirtschaftliche Wachstums- und Konkurrenzdruck allgemein hingenommen wird, obwohl die problematischen Folgen immer deutlicher werden.
Die aktuelle Wirtschaftsweise hat für viele Menschen zahlreiche Güter gebracht, sie verursacht aber auch Elend, Sinn- und Beziehungsverlust. Wohlstand aus dem blossen Konsum heraus zeigt sich unvereinbar mit der Lebenswelt. Echter Wohlstand entsteht im Austauschprozess zwischen Menschen, mit emotionaler Nähe und gegenseitiger Fürsorge in überschaubaren Umgebungen. Tatsächlich muss die aktuelle Wirtschaftsweise ständig weiterwachsen. Gelingt ihr das nicht, resultiert dies in Arbeitslosigkeit, Elend, gewalttätigen Aufständen und militärischen Konflikten. Warum muss die Wirtschaft immer weiterwachsen? Der Grund liegt vor allem in den Bedingungen der Geldschöpfung, die sich auf Rendite, Effizienz und letztlich auf Konsum ausrichten. Geld ist systemisch verbunden mit diesen Voraussetzungen. Soll der Amazonas-Regenwald geschützt werden, müssen erst finanzielle Anreize geschaffen werden. So heisst es beispielsweise: «Staaten und private Investoren werden mit dem Zinssatz belohnt, den sie in dem Zeitraum für die sichersten Anleihen auf dem Markt erhalten würden.» Geld wird grösstenteils geschöpft aus dem Nichts durch Kredite für Rentabilität. Solche Kredite fordern Gegenwerte, und damit verursachen sie das Wirtschaftswachstum. Gleichzeitig stehen diese Deals unter globalem Wettbewerbsdruck, was die Situation verschärft. Die national ausgerichteten Wirtschaften müssen möglichst positive Aussenhandelsbilanzen leisten (sodass die Summe der Exporte höher ist als die der Importe). Damit werden die Einstufung (Rating) einer nationalen Wirtschaft und die Kaufkraft ihres staatlichen Geldes vorteilhafter bewertet. Das verschafft wirtschaftliche Vorteile, Ansehen und Gewinne. Um diese Vorteile zu erreichen, werden Aufrüstung und militärische Konflikte für die Sicherung von Energie und Rohstoffen in Kauf genommen. Dazu kommt noch der Wettbewerb um Firmendomizile mit niedrigem Steuersatz oder die günstigsten Produktionsstandorte. Aus der prekären Situation der Geldschöpfung und des Wettbewerbs heraus sollen das Gemeinwohl der globalen Gemeinschaft und das Wohl der Lebenswelt sichergestellt werden. Solchermassen erwirtschaftete Gewinne, durch die dauernd gesteigerte Leistungsfähigkeit erzeugt, dienen der sozialen Wohlfahrt konkurrierender Nationen. Die Unternehmer leisten Steuern und Zölle, die Arbeitnehmer bezahlen Sozialabgaben aus dem Geld, das sie aus dem Wirtschaftswachstum beziehen. Diese Abgaben belasten die Wirtschaftsstandorte, und es verschärft zusätzlich die globale Konkurrenzsituation.
Die Frage, was wie wachsen soll, kann zwar individuell entschieden werden, gelangt aber an die Grenzen von Verfügbarkeit, an den Sinn und an die gesellschaftliche Verantwortung. Es sind kulturelle Werte, der Zeitgeist und die Moden, welche die Wachstumsrichtung zentral beeinflussen. Diese Kräfte zeigen sich deutlich in ihren Auswirkungen auf die Wirtschaft, und sie können von der Politik höchstens gesteuert werden. Es sind einzelne Menschen und Gruppen, die diese Werte im Alltag verbreiten.
Innerhalb anderer Werthaltungen würden Freiräume entstehen, an denen sich mehr Menschen beteiligen könnten. Eine damit verbundene Entschleunigung begünstigt Beziehungspflege, Genügsamkeit und persönlich geführte Gesundheitsvorsorge – damit bessere Lebensqualitäten. Wird der Tod nicht mehr tabuisiert, erreicht das angstfrei gelebte Dasein mehr Dankbarkeit und Zutrauen in die Zukunft. Und werden persönliche Präsenz und Leistungen jeder gesellschaftlich förderlichen Natur materiell entschädigt, bilden sich neue Formen von Verbundenheit und kulturellem Fortschritt. Menschen wollen ihr Leben idealerweise gesellschaftlich anerkannt und geschätzt in ihrer persönlichen Umgebung geniessen. Innerhalb entsprechender Wirtschaftsweisen schaffen sie dann selbst wertvolle Beiträge für ihre Umgebung. In dieser Umgebung werden sich Menschen gegenseitig zu wirksamen Ressourcen für nachhaltige Wirtschaftsweisen. So werden mit niedrigeren Kosten auch künftig tragfähige Volkswirtschaften ermöglicht.
Zusammenfassung Der gesellschaftliche Austausch als Grundlage für ein neues Wachstum erfordert persönliche, freie Lebenszeit. Auf unserem gemeinsamen Planeten ist die Wachstumswirtschaft zu einem gefährlichen Selbstzweck geworden. Immer mehr Naturzerstörung und mehr Verlierende sind die Folge. Der Grund dieser Wirtschaftsweise liegt in der Weise der Geldschöpfung, die einseitig auf Gewinn und Rendite ausgerichtet ist. Steuern und Sozialabgaben leben vom Geldcharakter, und der Wachstumszwang wird dadurch noch verstärkt. Einige Menschen, wenige aber, begreifen sich als Teil der nächsten Umgebung und der Weltgemeinschaft. Sie benötigen Möglichkeiten, sich in ihrem Alltag an einer qualitativ anders ausgerichteten Wirtschaft zu beteiligen. Eine gesellschaftlich begründete Komplementärwährung kann diese ergänzende Ökonomie leisten. Die wertvollsten Ressourcen für angemessene Beziehungen zur Lebenswelt sind gut erreichbare Mitmenschen. Selbst verantwortete Freiräume schaffen Vertrauen in die Zukunft. Und die gesellschaftliche Anerkennung kann mit neuen Werten erreicht werden.
Der CuraCoin bildet ein wirksames Kommunikationsmittel, das sich vom bisherigen Geldcharakter deutlich unterscheidet. Es ist eine Alternativwährung; deren Idee und Funktion erkären wir in dieser Serie.
www.cura-coin.net
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 277, Januar 2026






