Sach­bü­cher: Kol­laps oder Social Nudging?

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«Es muss, es muss sie geben, die klu­ge Syn­the­se zwi­schen heu­te und mor­gen, zwi­schen tris­tem Block­bau und hei­ter leben­di­ger Stras­se, zwi­schen dem Not­wen­di­gen und dem Schö­nen, und ich bin ihr auf der Spur, hoch­mü­tig und ach, wie oft, zag­haft, und eines Tages wer­de ich sie fin­den.» So denkt die Roman­fi­gur Fran­zis­ka Lin­ker­hand, eine Archi­tek­tin, im gleich­na­mi­gen DDR-Roman von Bri­git­te Rei­mann von 1974.

Der Pro­fes­sor für Euro­päi­sche Geschich­te Tho­mas Etze­mül­ler forscht seit eini­gen Jah­ren u. a. in sei­nem DFG-Pro­jekt «Ord­nungs­den­ken und Social Engi­nee­ring als Reak­ti­on auf die Moder­ne» zu städ­te­pla­ne­ri­schen Kon­zep­ten und deren Akteu­rIn­nen des 20. Jahr­hun­derts, so zur Geschich­te der auf frei­em «Feld» erbau­ten bra­si­lia­ni­schen Plan­haupt­stadt Bra­si­lia, aber auch zu frü­he­ren euro­päi­schen Vor­for­men davon, etwa zu den Gar­ten­städ­ten, noch vor den bei­den Welt­krie­gen. Er zieht hier eine span­nen­de «Zwi­schen­bi­lanz». Er sieht für die «Moder­ne» und ihre Vor­stel­lun­gen von Hel­den­tum grob zwei bestim­men­de und auf­fal­len­de «dezi­sio­nis­ti­sche» Akteurs- und Hand­lungs­ty­pen: den Handgranaten-«Tatmenschen» und eben den ratio­nal argu­men­tie­ren­den Pla­ner / die Pla­ne­rin (oft, aber nicht immer – ähn­lich wie dama­li­ge Ras­se­an­thro­po­lo­gIn­nen – auf «Orga­ni­sches» Bezug neh­mend), wel­che mit dem Zei­chen­stift gesell­schaft­li­che Fra­gen zu lösen oder zumin­dest in Bah­nen zu len­ken oder zu steu­ern ver­such­ten. Ob es bei­de Typen auch in der DDR gege­ben hat, ist umstrit­ten. Unbe­strit­ten ist jedoch weit­ge­hend, dass sol­che Städ­te­pla­ner und Sozi­al­in­ge­nieu­re, dass Plan­wirt­schaft und auch soge­nann­tes «Social Engi­nee­ring» (ein Begriff, der offen­bar bereits 1891 geprägt wur­de und 1947 mit «Psycho-Poli­tik» umschrie­ben wur­de) im 20. Jahr­hun­dert in ver­schie­dens­ten Regie­rungs­for­men eine gros­se Rol­le spiel­ten. Egal also, ob es sich dabei um Dik­ta­tu­ren oder Demo­kra­tien han­del­te. Vie­le His­to­ri­ker und Sozio­lo­gen wür­den gera­de dar­in einen wesent­li­chen Grund sehen, war­um das 20. Jahr­hun­dert eines der Gewalt, Ver­trei­bung und der unde­mo­kra­ti­schen Regie­run­gen war, zum Teil durch­aus mit Recht. Doch die­se Lese­wei­se habe auch Nach­tei­le: In man­chen Dar­stel­lun­gen ver­kä­men so z. B. die Schweiz, skan­di­na­vi­sche Län­der, aber auch die USA etwas all­zu blü­ten­weiss zu his­to­ri­schen Son­der­we­gen, Aus­nah­men von der Regel. Wenn sie es über­haupt in die Geschichts­bü­cher schaf­fen. Aber hel­fen sol­che Schwarz-Weiss-Scha­blo­nen, die Vor­gän­ge und die Poli­tik im 20. Jahr­hun­dert zu ver­ste­hen? Es zeich­ne sich schon seit eini­ger Zeit ab, dass auch in die­sen ver­meint­li­chen Spe­zi­al­fäl­len immer auch eine Mischung aus «Social Engi­nee­ring» und demo­kra­tisch-refor­mis­ti­schen Bemü­hun­gen um Men­schen­rechts­po­li­tik prä­gend gewe­sen sei. Und das sei (erfolg­reich) oft eher mit­tels «Social Nud­ging» («Anstup­sen») erreicht wor­den als durch tota­li­tä­re Dis­zi­pli­nie­rung. Etze­mül­ler schreibt: «Wer erfolg­reich die Evi­denz zwin­gen­der ‹Ver­nunft› erzeu­gen kann, dem ste­hen ela­bo­rier­te­re Tech­ni­ken zur Ver­fü­gung, die Lebens­pra­xis von Kol­lek­ti­ven zu regu­lie­ren, ohne Abwei­chen­de ver­nich­ten, unter­drü­cken oder auch nur dis­zi­pli­nie­ren zu müs­sen. Das Social Engi­nee­ring war also ten­den­zi­ell total, was sei­nen erfas­sen­den und steu­ern­den Anspruch betraf, nicht aber not­wen­dig totalitär.»

Obwohl es zum Teil in Deutsch­land nach dem 2. Welt­krieg die­sel­ben Pla­ner wie vor dem oder im Krieg waren, die danach erneut für Men­schen­mas­sen bau­ten und sozi­al plan­ten, erwies sich die Pla­n­er­schaft offen­bar als sehr lern- und anpas­sungs­fä­hig. Anders als z. B. bei den bis anhin hofier­ten Euge­ni­kern und Ras­se­an­thro­po­lo­gen, die nicht zuletzt durch neue (auch nicht harm­lo­se) Trends wie Gene­tik nun plötz­lich wis­sen­schaft­lich schnell völ­lig in Bedeu­tungs­lo­sig­keit gefal­len waren, begann hier offen­bar ein Wan­del inner­halb der Pla­n­er­schaft: «In den 1950er-Jah­ren kamen Archi­tek­ten noch auf die Idee, Flu­re so eng zu bau­en, dass Pas­san­tIn­nen sich bei Begeg­nun­gen ver­stän­di­gen muss­ten, das soll­te Kom­mu­ni­ka­ti­on sti­mu­lie­ren. In den 1960er-Jah­ren soll­ten Bewe­gungs­frei­heit und Pri­vat­sphä­re gegen Nach­barn gesi­chert wer­den; Kom­mu­ni­ka­ti­on wer­de schon in Sitz­grup­pen und auf Spiel­plät­zen zustan­de kom­men.» Dar­an zei­ge sich «eine deut­li­che Ver­schie­bung in Men­schen­bild und Pla­nungs­ver­ständ­nis». Spä­ter habe sich dann eine zwar viel­leicht auch wie­der etwas über­schätz­te oder idea­li­sier­te Vor­stel­lung durch­ge­setzt: «Eine Art Schwarm­in­tel­li­genz wer­de die Archi­tek­ten erset­zen, Kyber­ne­tik und Nach­bar­schaft wür­den sich auf idea­le Wei­se fin­den.» Laut Etze­mül­ler hat das schluss­end­lich dem «Tat­men­schen» der soge­nann­ten heroi­schen Moder­ne ein Stück weit den Gar­aus gemacht. Und den Zeichenstiftplaner/Sozialingenieur gleich mit dis­kre­di­tiert? Die Gefahr war fort­an auch, dass unre­gu­lier­te Märk­te und Schwarm­in­tel­li­genz ver­wech­selt wur­den. Neo­li­be­ra­lis­mus, sich auf «Natur» berufend.
Etze­mül­ler fragt abschlies­send mit Blick aufs Heu­te, zwar inter­es­sant, aber auch wie­der etwas stark zuspit­zend: «Wenn die Moder­ne von pro­mi­nen­ten His­to­ri­kern so ein­sei­tig als Schei­tern insze­niert wird, wird dann nicht auch die Demo­kra­tie ins­ge­samt latent dele­gi­ti­miert, und ver­liert nicht das erfolg­rei­che, mass­vol­le Han­deln an Auf­merk­sam­keit?» Ihm geht es auch dar­um, die dama­li­gen Visio­nä­re mit den Zei­chen­stif­ten, die ja z. T. durch­aus Mit­tä­ter (wie die Euge­ni­ker) waren, nicht alle­samt für ihre Zeit zu ver­dam­men, son­dern sie exakt an ihren dama­li­gen tat­säch­li­chen Taten und Absich­ten zu mes­sen, gera­de weil er für heu­te kei­ne Alter­na­ti­ve sieht zum Zei­chen­stift. Die Hand­gra­na­te kön­ne es nicht sein.

«Der Blick allein auf die deut­sche Geschich­te ver­zerrt das Bild.» Für ein exak­te­res umfas­sen­des Bild des 20. Jahr­hun­derts wäre es des­halb ange­zeigt, glaubt Etze­mül­ler, gera­de die dama­li­gen Akteu­re mit dem Zei­chen­stift dif­fe­ren­zier­ter zu unter­su­chen, in Deutsch­land, aber auch alle ande­ren anders­wo, die in Insti­tu­tio­nen gear­bei­tet haben, auch wenn die­se sich im Nach­hin­ein als kor­rum­piert und toxisch erwie­sen haben: «Wie sähe (…) eine Geschich­te die­ser heroi­schen Moder­ne aus, die zivi­le Dezi­sio­nis­ten in den Blick näh­me, die Myrd­als und Aber­crom­bies? Also die­je­ni­gen, die nicht aus den Schüt­zen­grä­ben kro­chen und grim­mig in die Städ­te mar­schier­ten, son­dern in moder­nen Stadt­woh­nun­gen leb­ten und sich in Kom­mis­sio­nen, Behör­den und Par­la­men­te wäh­len lies­sen.» Ein sol­cher Blick in dama­li­ge Büro­kra­tien könn­te sich durch­aus loh­nen. Denn heu­ti­ge Demo­kra­tien leben und ster­ben wohl u. a. auch mit und in ihren guten oder schlech­ten Büro­kra­tien. «Charisma»-Herrschaft ist viel­leicht tat­säch­lich so wenig eine gute Alter­na­ti­ve dazu wie Handgranaten.

Tho­mas Etze­mül­ler: Hand­gra­na­te oder Zei­chen­stift. Zur Ambi­va­lenz der Moder­ne. Ham­bur­ger Edi­ti­on 2025. 142 Seiten.



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