Das Theater Neumarkt präsentiert «Dinner für (no) One», den britischen Neujahrsklassiker, in vier Versionen, inszeniert vom Ensemblö. Neben dem Original mit Miss Sophie und ihrem Butler James werden Neubearbeitungen von Guillaume Poix und Rebekka Kricheldorf serviert.
«Dinner for One» gehört zum Jahreswechsel wie Feuerwerk, Sekt oder Blei giessen. Seit über 60 Jahren unterhält dieser Sketch, der 1963 mit Freddie Frinton und May Warden beim NDR in Hamburg aufgenommen wurde, Millionen von TV-Zuschauerinnen und ‑Zuschauern. Nun hat sich das Theater Neumarkt in Zürich dieses Klassikers angenommen. Auf der Bühne ist Miss Sophies Esszimmer eingerichtet mit dem langen, gedeckten Tisch, dem Buffet und der Stolperfalle, dem Tigerfell. Ausserdem sitzt da ein Teil des Publikums, das von Butler James Champagner und Häppchen serviert bekommt. Die Inszenierung beginnt wie gewohnt. Ein Conférencier (Hanna Eichel) fasst den Sketch zusammen. Miss Sophie (Rachel Braunschweig) feiert ihren 90. Geburtstag wie jedes Jahr mit ihren schon lange verstorbenen Freunden Mr. Winterbottom, Mr. Pommeroy, Admiral von Schneider und Sir Toby. Gekonnt stolpert Butler James (Robert Rožić) über das Tigerfell, während er Suppe, Fisch, Hühnchen und Obst mit Sherry, Weisswein, Champagner und Portwein serviert. Er spielt alle Gäste, wird zusehends beschwipster, trinkt schliesslich aus der Blumenvase, verfehlt seine Füsse beim Hackenzusammenschlagen und fragt jedes Mal: «The same procedure as last year, Miss Sophie?», worauf diese antwortet: «The same procedure as every year, James.» Am Ende gehen beide ab ins Bett. Nach dem Original folgt die Neubearbeitung von Guillaume Poix mit dem Titel «Carpet». Dabei kommen Sophie und James (Till Schaffnit) aus dem Bett zurück. Er, nur mit Unterwäsche bekleidet, klagt, er habe Erektionsstörungen. Um ihm zu helfen, spiele sie nun eine «Tradwife», eine traditionelle Haus- und Ehefrau, sagt Sophie. Sogleich schnürt sie sich eine rosafarbene Schürze um, setzt eine blonde Perücke auf und beginnt zu servieren, während er sich bedienen lässt. Eingeladen sind als Gäste seine pornografischen Fantasien, Lady Mature, Miss Bondage, Exotic Girl und Miss Kitty. Es gibt Austern und Spargeln, aphrodisierende Lebensmittel, sowie Pink und White Ladies. Doch obwohl Miss Sophie wild Cocktails mixt und sich als Miss Bondage auf den Hintern haut, hilft die «new procedure» bei James wenig. Das Einzige, was sich regt, ist das Tigerfell (Hanna Eichel). Dieses flucht und schimpft, weil es ständig getreten wird. Am Ende dieser überdrehten «Dinner for One»-Version, die Sexismus und heteronormative Beziehungen hinterfragt, muss James den Teppich mimen, den Sophie mit Tritten traktiert. Die zweite Neubearbeitung des Abends stammt aus der Feder von Rebekka Kricheldorf. Es ist eine Satire mit dem Titel «Nachtmahl für Adi». Zu Orgelklängen und Glockenschlägen steigt Miss Sophie (Max Kraus) mit Vampirumhang und ‑zähnen aus einem Sarg. Wir haben das Jahr 2049, befinden uns in einem Schloss in den Schweizer Bergen, und Miss Sophie, die in dieser Fassung Frau Weidel heisst wie die deutsche AfD-Politikerin, feiert ihren 160. Geburtstag. Auf dem Esstisch stehen Totenschädel und überall hängen gruslige Spinnweben. Es blitzt und donnert, als der Spitex-Mitarbeiter Dragan (Robert Rožić) bei Frau Weidel klingelt. Er soll mit ihr «Dinner for One» nachspielen, was ihn etwas irritiert. Aber Frau Weidel lässt ihn nicht lange überlegen, drückt ihm ein Skript in die Hand, und los geht’s.
Am Tisch sitzen Weidels tote Freunde Wladimir Putin, Sir Admiral von Musk, Principessa Meloni und Hermann. Dragan serviert deutsches Essen wie Schnitzel und Weissbier. Als er aber die Trinksprüche der Gäste rufen soll, weigert er sich. Doch Weidel verzaubert ihn. So prostet er ihr als Putin zu mit «Wir sind das Volk», als Musk ruft er «White Pride», als Meloni singt er einige Takte von «L’amour toujours» von Gigi D’Agostino und als Hermann brüllt er «Grossdeutschland». Da Vampir-Weidel allerdings mehr Lust auf Blut als auf Alkohol hat, versucht sie, Dragan zu beissen. Dieser kann sich erfolgreich wehren und sticht ihr am Ende mit dem Stuhlbein ins Herz. Als er gehen will, klingelt sein Telefon. Er wird zum nächsten Spitex-Einsatz gerufen. Marine Le Pen warte schon. Die vierte und letzte «Dinner for One»-Version ist eigentlich nochmals der Original-Sketch, wobei nun zwei Sophies am Tisch sitzen und zwei James servieren. Während die beiden Sophies über die Sitzordnung ihrer imaginären Gäste streiten, stolpern, trinken und torkeln die beiden Butler über die Bühne. Ein chaotischer Abschluss eines Abends, der Slapstick, Satire, Grusel und Gewusel bietet, traditionell und experimentell ist, kurzum für alle etwas dabeihat – wie hoffentlich auch das neue Jahr.






