Der Bücherherbst beginnt!
Bald fallen nicht nur die Blätter von den Bäumen, auch die Buchkataloge flattern wieder in die Briefkästen, mit einer tollen Auswahl – man kann sich kaum entscheiden, was man als nächstes lesen möchte. Bücher und Autoren werden neuerdings wieder häufiger gefeiert. Es gibt viele Literaturfestivals in der Schweiz: obwohl der Zeitgeist dem Geschriebenen eigentlich nicht wohlgesinnt ist. Schreibarbeit, sei es als Publizistin oder als Schriftstellerin, ist in den meisten Fällen prekär und schlecht bezahlt. Trotz dieser unwirtlichen Situation scheinen sich viele nachts neben einem überquellenden Aschenbecher über ihren Laptop zu beugen. Auf einen zweiten Blick sind es dann doch nicht so viele: die Schweizerische Buchwelt bringt nur sparsam neue Schriftsteller hervor. Junge Wilde bleiben aus, zumal Schweizer Verlage Literatur nicht mögen, die auch mal wie ein Preisboxer linke Haken austeilt. So schnappen sich progressivere Deutsche Verlage die Perlen unter ihnen und landen damit «Lucky Punches». Die Folge: Schweizer Autoren tingeln von Schweizer Festivals zu Festivals, und es sieht nach vielen aus. Es sind aber oft die gleichen Namen und viele Gäste aus anderen Ländern – hier scheint nicht die SVP zu regieren.
Warum ist das so? Verlage müssen wegen der Krise Einsparungen machen und gehen kein Risiko auf dem Buchmarkt ein. Bergeweise stapeln sich Manuskripte auf ihren Bürotischen – täglich treffen Pakete ein. Nach dem Abstauben, mangels Zeit für eine genaue Durchsicht, treten die Geschichten in einem Couvert wieder die Heimreise an. Davon profitieren die Hyänen: Kaufverlage ziehen Neuautoren über den Tisch mit horrenden Preisen. Im Unterschied zu Löwen lachen Hyänen, weil sie nicht zu den Starken gehören – das Geräusch symbolisiert die Unterlegenheit. In unserem Fall grinsen Hyänen über die vielen Banknoten, die in ihren Kassen landen. Ihre publizierten Bücher verschwinden oft ungelesen vom Markt. Wenn dann ein durchschnittlicher Autor doch mit den Lorbeeren auf dem Haupt herumstolzieren darf, und sein Werk in einem tollen Verlag heraus kommt, betragen die Tantiemen nur wenige Prozente des Verkaufspreises – die Auflagen sind lediglich mehrere Tausend gross. Der Job des Autors, meistens im Büro oder als Lehrer am Gymnasium, bleibt. Erhält er einen Literaturpreis, so betrachten Insider die Preisgelder je nach Fall auch als Mikrokredite.
Den wenigen lokalen Matadoren geht es nun um Ehre oder Sinn, und nicht um Geld – dazu arbeiten sie zu viele Gratisstunden: die Verwirklichung ihres Traumes, gelesen zu werden und einem Publikum gute Geschichten erzählen zu können.
Bild Titelseite: Paul Chan, Master, Argument, 2013, Kabel, Schuhe, Beton, 36.8 cm x 18.1 m x 17.3 m, Courtesy the Artist and Greene Naftali, New York. © Paul Chan / Foto: Dominik Imhof
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 141, September 2014






