Sach­bü­cher: Komm her­aus Sexarbeiterin!

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Alle spre­chen über die drei B’s – (Kon­takt-) Bars, Bor­del­le und Bord­stei­ne: doch lan­ge Zeit kamen Sex­ar­bei­te­rin­nen sel­ber kaum zu Wort. Das Buch über die Pro­sti­tu­ier­ten und ihre Kämp­fe ist eine Neu­auf­la­ge (Urfas­sung 1980). Es erzählt von den ers­ten Outings von Frau­en die Anschaf­fen, dar­über, wie lang­sam aus einer Huren­be­we­gung ein Berufs­ver­band wur­de, und auch von staat­li­cher Sei­te die Huren­pro­jek­te Unter­stüt­zung erhiel­ten – vor allem wegen der sexu­ell über­trag­ba­ren Krank­heit Aids. Bes­se­re straf- und zivil­recht­li­che Geset­ze ent­stan­den: in Deutsch­land 2002 zum Bei­spiel das «Pro­sti­tu­ier­ten­ge­setz», das Sex­ar­beit als Erwerbs­tä­tig­keit im Sin­ne des Grund­ge­set­zes aner­kennt. Genau über die­se Wahr­heit über die Sex­ar­beit möch­te die Autorin Pie­ke Bier­mann auf­klä­ren: ihr nach ist Pro­sti­tu­ti­on kei­ne Skla­ve­rei, son­dern eine frei­wil­li­ge Erwerbs­tä­tig­keit, wobei sexu­el­le Dienst­leis­tun­gen gegen Ent­geld ange­bo­ten wer­den. Pro­sti­tu­ti­on ist nicht Men­schen­han­del, und der Begriff «Zwangs­pro­sti­tu­ti­on» ist gänz­lich falsch und soll­te durch «Ver­ge­wal­ti­gung» ersetzt wer­den. Das Argu­ment, dass auch Migran­tin­nen über­wie­gend frei­wil­lig und selbst­be­stimmt in die­sem Gewer­be tätig sind, wir­ken für die Ohren von Aus­sen­ste­hen­den unglaub­wür­dig und selt­sam. Durch Berich­te in ver­schie­de­nen Medi­en und wis­sen­schaft­li­chen Papie­ren hat sich das Bild zemen­tiert, dass das Lage­bild des Men­schen­han­dels nicht gut ist, und vie­le angeb­li­che Pro­sti­tu­ier­te eigent­lich zur Arbeit gezwun­gen wer­den. Die Frei­wil­lig­keit wird als gros­se Aus­nah­me dar­ge­stellt. Es gelingt Pie­ke Bier­mann zwar nicht, die Leserin/den Leser davon zu über­zeu­gen, dass dies nicht so ist. Ein­leuch­tend aber ist, dass die­se Arbeit, die fast immer mit Kri­mi­na­li­tät in Ver­bin­dung gebracht wird, dem­ago­gisch aus­ge­schlach­tet wird: Die Pro­sti­tu­ier­te soll als «Opfer» nicht «geret­tet» wer­den, son­dern grund­sätz­lich geht es dar­um zu erschweren/unterbinden, dass Män­ner sexu­el­le Diens­te in Anspruch neh­men kön­nen. Und genau dazu trägt das Buch einen wert­vol­len Bei­trag bei: um Auf­zu­zei­gen, dass Sex­ar­bei­te­rin­nen sich auch selbst ermäch­ti­gen kön­nen und sich neben Unfreiwilligkeit/stark erschwer­ten Bedin­gun­gen ihrer Arbeit auch gegen die gesell­schaft­li­che pau­scha­le Vik­ti­mi­sie­rung weh­ren müs­sen. Vor allem heu­te, wo ein Back­lash und eine Re-Kri­mi­na­li­sie­rung der Pro­sti­tu­ti­on statt­fin­det, ist das Buch nicht ein­fach ein Muse­ums­stück aus alter Zeit. Die Kri­mi­na­li­sie­rung redu­ziert weder Aus­beu­tung noch Men­schen­han­del, sie gefähr­det Arbeit und Leben der Ein­hei­mi­schen und Migran­tin­nen, indem das biss­chen Rechts­si­cher­heit und Schutz ver­schwin­den, meint die Autorin – nur For­de­run­gen wie Gewer­be­frei­heit, Aner­ken­nung und Ent­kri­mi­na­li­sie­rung der Pro­sti­tu­ti­on schüt­zen und unter­stüt­zen die Frau­en. «Wir sind Frau­en wie ande­re auch!» ist eines der weni­gen poli­ti­schen Bücher von Sex­wor­ke­rin­nen zur Sen­si­bi­li­sie­rung und Auf­klä­rung über Anlie­gen – es ani­miert zur Par­tei­lich­keit, was hier durch­aus nötig ist.

Pie­ke Bier­mann: Wir sind Frau­en wie ande­re auch- Pro­sti­tu­ier­te und ihre Kämp­fe, Argumentverlag


Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 141, Sep­tem­ber 2014



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