Kul­tur­pres­se­schau: «Wir bräuch­ten das Geld»

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Der Kul­tur­blog «Der Umblät­te­rer» kürt jedes Jahr die bes­ten Feuil­le­ton-Tex­te. Die natür­lich sub­jek­ti­ve, aber sehr viel­fäl­ti­ge Aus­wahl für 2012 bie­tet von der Rezen­si­on über das Por­trät bis zur Glos­se, von Gün­ter Grass über Richard Wag­ner bis hin zum fran­zö­si­schen Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf alle mög­li­chen For­ma­te und The­men und damit einen guten Über­blick über die deutsch­spra­chi­ge Kul­tur­pu­bli­zis­tik. Dabei domi­nie­ren die alt­ehr­wür­di­gen Zei­tun­gen: «Frank­fur­ter All­ge­mei­ne» und «Süd­deut­sche», «Zeit» und «Welt» – und aus der Schweiz ist die «NZZ» ist vertreten.

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In den Dis­kus­sio­nen um die Zukunft des Jour­na­lis­mus steht nach dem Aus der deut­schen «Finan­cial Times» und der Insol­venz der «Frank­fur­ter Rund­schau» immer mehr die meist pre­kä­re Finanz­la­ge im Zen­trum. Neben staat­li­cher För­de­rung, wie zum Bei­spiel von Per­len­tau­cher-Grün­der Thier­ry Cher­vel gefor­dert, rückt dabei das Prin­zip des Crowd­fun­ding ins Zen­trum. In Deutsch­land ist mit den Kraut­re­por­tern die ers­te auf jour­na­lis­ti­sche Pro­jek­te spe­zia­li­sier­te Platt­form online gegan­gen, dank der mitt­ler­wei­le schon eini­ge Pro­jek­te Geld gefun­den haben.

In der Schweiz gibt es seit über einem Jahr die bei­den Crowd­fun­ding-Platt­form Wemakeit.ch und 100 Days, wo neben künst­le­ri­schen auch jour­na­lis­ti­sche und publi­zis­ti­sche Pro­jek­te durch­ge­führt wur­den und wer­den, wie zum Bei­spiel das Kul­tur-Maga­zin «Quot­tom» oder das Buch zum Zür­cher Rock-Club Abart, wel­ches das Pro­jekt mit dem meis­ten ein­ge­spiel­ten Geld ist bis­her. Ob dies mit­tel­fris­tig eine soli­de Grund­la­ge für die Finan­zie­rung der Medi­en sein kann, wird sich wei­sen. Dass etwas pas­sie­ren muss, zeigt auch der Tumb­lr-Blog «Was Jour­na­lis­ten ver­die­nen», der auf­lis­tet, was für Hono­ra­re an freie Jour­na­lis­ten gezahlt werden.

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Nicht nur in Sachen Finan­zie­rung, auch was Form und Inhalt angeht, ist die Zukunft sehr offen – zum Bei­spiel in der Lite­ra­tur­kri­tik. Kon­kur­renz kommt hier von Ama­teu­ren: Die Buch­re­zen­sio­nen auf Ver­kaufs­sei­ten wie Ama­zon oder Netz­wer­ken wie Love­ly­books wer­den immer belieb­ter und kon­kur­ren­zie­ren die eta­blier­ten Lite­ra­tur­päps­te der gros­sen Feuil­le­tons. In unzäh­li­gen Blogs kann man von Fan­sei­ten über soli­de Rezen­sio­nen bis zu fast wis­sen­schaft­li­chen Abhand­lun­gen fast alles lesen. Auf Cul­tur­mag mel­de­te sich Publi­zis­tin Zoe Beck zum «Fron­ten­krieg soge­nann­te Leit­me­di­en vs. Ama­zon-Kun­den» zu Wort. Sie meint, «Kri­ti­ker sind auch nur Leser», wenn auch mit einem ande­ren Anspruch und ande­rer Her­an­ge­hens­wei­se als die Dilet­tan­ten (im bes­ten Sin­ne des Wor­tes), und plä­diert dafür, bei­de Sei­ten anzu­hö­ren – auch wenn einem am Schluss nur eines übrig blei­be: «Selbst lesen.»

Auch der Jour­na­list und Film­wis­sen­schaf­ter Georg Seess­len sieht  in sei­ner Kolum­ne im evan­ge­li­schen Online-Maga­zin Chris­mon mit dem Titel «Auf­tritt der Hof­nar­ren» die Kri­tik in der Kri­se. Er erkennt dar­in ein Pro­blem der gesam­ten Gesell­schaft, glaubt aber an die Not­wen­dig­keit und die Wie­der­ge­burt, denn «es gibt kei­ne Kul­tur ohne Kritik».

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Nicht nur im Netz mit Kul­tur beschäf­tigt sich das Ber­ner Kul­tur­ma­ga­zin «ensuite», son­dern vor allem in einer monat­lich gedruck­ten Aus­ga­be – und das seit 10 Jah­ren. Im Inter­view mit der Ber­ner Zei­tung gibt Grün­der Lukas Vogel­sang Aus­kunft. Finan­zi­ell sei es immer ein Kampf, meint er, und hät­te ger­ne – wie die ers­ten vier Jah­re – För­de­rung durch die Stadt Bern: «Grund­sätz­lich gehe ich davon aus, dass das, was wir von ‹Ensuite› machen, klar för­de­rungs­wür­dig ist – und wir bräuch­ten das Geld.»

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Schon eini­ges län­ger gibt es das Kul­tur­ma­ga­zin «Spex» – näm­lich genau 33 1/3 Jah­re. Aus die­sem Anlass haben der ehe­ma­li­ge Chef­re­dak­teur Max Dax und Anne Waak im Metro­lit Ver­lag eine Art Best-of kom­pi­liert, mit Tex­ten von Rai­nald Goetz, Died­rich Diede­rich­sen, Diet­mar Dath oder Mark Ter­kes­si­dis. Das gab Anlass für eini­ge grund­sätz­li­che­re Über­le­gun­gen zum Pop(kultur)journalismus, wie ihn die Spex betreibt. Max Dax ant­wor­te­te der «Welt», Died­rich Died­rich­sen der «Jungle World», und auch die «Taz» gab ihren Senf dazu.

Kein Wun­der bei einer Zeit­schrift, die stets umstrit­ten war, bei der jeder Redak­teurs­wech­sel ein Poli­ti­kum wur­de. Als der amtie­ren­de Chef Tors­ten Gross vom Rol­ling Stone kam, wur­de wie­der mal Aus­ver­kauf und Anbie­de­rung geschrien, und das nicht zum ers­ten Mal. Ob man das Buch liest oder die aktu­el­le Aus­ga­be der Zeit­schrift – bei­des kann anre­gend und gewinn­brin­gend sein.

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