(Constantin Seibt) –
Der «Tages-Anzeiger» ist eine liberale Zeitung. Man hat als Redaktor viel Freiheiten. Einer der wenigen Fälle, bei denen ich einen entschiedenen Befehl zum Streichen erhielt, war bei einem Artikel zur Wahl des neuen Fernsehdirektors, Rudolf Matter.
Kritisiert wurde die Anfangsszene: Bei der Pressekonferenz sass Matter zwischen den beiden entscheidenden Leuten, die ihn gewählt hatten: SRG-Direktor Hans Fünfschilling und Radio-Direktor Walter Rüegg. Damit ergab sich folgendes Bild: Fünfschilling (rechts) hatte eine Glatze, einen weissen Bart und keine Brille. Ruegg (links) hatte weisses Haar, keinen Bart, aber eine Brille. Matter (in der Mitte) hatte keinen Bart, weisses Haar und keine Brille.
Das heisst: Zwei Herren hatten einen dritten gewählt, der aussah wie ihr gemeinsamer Kompromiss. Oder wie ihr perfektes Übergangsbild beim Morphing. Ich fand das bemerkenswert. Die Redaktion nicht. Man sagte mir, dies sei ein News-Text, und so eine Passage gehöre gestrichen. Ich protestierte. Die Morphing-Illusion sei der stärkste Eindruck bei der Pressekonferenz gewesen. Und deshalb müsste man sie bringen. Man antwortete: Wir sind hier nicht im Kulturteil.
Jedenfalls wirft dies die Frage auf: Soll man Leute in Zeitungstexten auch körperlich schildern?
Das Leib-Seele-Problem
Im Prinzip ist diese Frage ein fernes Echo eines uralten philosophischen Streits, der Philosophen und Ärzte seit der Antike beschäftigt: des Leib-Seele-Problems. Sind Geist und Körper getrennt oder sind sie eins? Plato sprach sich für Dualismus aus: die Seele ist unsterblich, der Leib nicht. Aristoteles sah das Lebendige als «Pneuma», als Eigenschaft des Körpers.
Lange Zeit, bis in die Moderne hinein, dominierte Plato. Heute neigt man mehr Aristoteles zu. Ich auch. Das aus persönlichen Gründen. Denn ich habe von meinen Vater einen federnden Gang geerbt. Und ich glaube, das hat mein Schicksal besiegelt. Denn jedes Gefühl hat seinen Rhythmus: Wut, beispielsweise, versetzt den Kopf ins Maschinengewehrfeuer, Melancholie ins Schleichen. Und dieser Rhythmus wird durch meinen Gang sabotiert. Laufe ich wütend oder wie immer durch die Strasse, denke ich spätestens nach fünf Schritten eine unpassende Nebenbemerkung. Es ist der Gang eines Kindes, und er macht mich zu einem leichtgewichtigeren Menschen: zu einem Korken im Meer.
Kurz: Es wäre schwierig, mein Portrait zu schreiben ohne den Gang. Kein Wunder, schätze ich den Satz des irischen Dichters und IRA-Attentäters Brendan Behan: «Every cripple has it’s own way to walk his own way of walking.»
Und kein Wunder, macht für mich journalistisch die Beschreibung des Aussehens Sinn. Aus drei Gründen:
- Schon aus Prinzip: Beschränkung ist Unfug. Journalismus ist für alles zuständig.
- Entscheide, etwa in Politik oder Wirtschaft, sind fast immer multifaktoriell. Sachzwänge, Vorurteile, Stimmung, Taktik, Zufall, Nebenziele, Geschick oder Pech treffen zusammen. Und manchmal auch der Körper des Entscheidenden. Eine präzise Analyse gleicht oft einer Collage.
- Mit dem Beschreibung des Aussehens hat man eine Chance, die man sonst selten hat. Denn normalerweise kennt der Leser die Recherchen des Journalisten nicht. Er muss diesem vertrauen. Doch sobald ein Foto des Beschriebenen neben dem Artikel steht (oder dieser prominent ist) kann der Leser bei der Schilderung des Aussehens seine Eindrücke mit dem Text vergleichen. Hier kann ein Journalist einen Augenblick lang die Genauigkeit seines Blicks beweisen.
Was bleibt, ist der Satan
Einen der dümmsten Fehler, den ich als Anfänger machte, war, Figuren von der Scheitel bis zur Sohle zu beschreiben. Das machte richtig Arbeit. Und war nicht unknifflig: Wie zum Teufel schildert man einen Hals?
Irgendwann fragte ich mich, warum die Portraits trotz aller Arbeit völlig tot blieben. Man hätte die Leute zwar zeichnen können nach meiner Schilderung, aber sehen konnte man sie nicht. Nach zwei, drei Jahren Nachdenken kam ich auf die Lösung: Man erfasst einen Menschen mit einem Blick. Und so schnell muss es auch schriftlich gehen.
Weit effektiver als jede Schilderung von Kopf bis Fuss ist eine schnelle, etwa:
Er war dick und hatte eine rote Nase.
Nach diesem Prinzip sind eigentlich alle wirksamen Personenbeschreibungen gebaut. Selbst kompliziertere wie etwa diese von Dashiell Hammett:
Samuel Spades Unterkiefer war lang und knochig, sein Kinn ein scharf vorspringendes V unter dem ausdrucksvolleren V seines Mundes. Die rückwärts geschwungene Linie seiner Nasenflügel bildetete ein weiteres, kleineres V. Seine gelbraunen Augen lagen waagrecht. Das V‑Motiv wurde erneut von den Augenbrauen aufgenommen, die von der Doppelfalte über seiner Hakennase nach aussen hin anstiegen, während sein blassbraunes Haar von hohen, flachen Schläfen zu einer Spitze in der Stirnmitte auslief. Er sah aus wie ein eigentlich ganz umgänglicher, blonder Satan.
Ohne den letzten Satz, der den Gesamteindruck zusammenfasst, wäre die ganze Personenbeschreibung wertlos. Von ihr bleibt eh nichts ausser der netten Spielerei mit den Vs und dem allgemeinen Eindruck eines Gesichts von einiger Kantigkeit. Alle die Details – der Haaransatz, die Augen und Haarfarbe – sind sofort vergessen: Sogar beim Autor, der die Haarfarbe in einem Satz wechseln lässt. Was bleibt, ist der Satan.
Im Grund haben Sie zwei Strategien:
1. Sie setzen alles auf eine Karte, also auf ein anatomisches Detail. Etwa bei Friedrich Glaser:
Die Art des Terrors, die Farny ausübte, war versteckt. Es waren vor allem seine Augen. Die Iris war grau und schmal, mit vielen winzigen gelben Tupfen. Darum lag eine Hornhaut, durchzogen von vielen roten Äderchen. Aber was diese Augen eigentlich so entsetzenserregend machte, konnte niemand recht sagen. Sie waren wohl leer, ganz und gar ausdruckslos, auch wenn man fühlte, dass der Sergeant innerlich von Wut geschüttelt wurde, die Augen blieben sich gleich.
2. Sie fassen den Gesamteindruck in ein Bild. Etwa bei Raymond Chandler:
Hinter sein Hutband waren ein paar bunte Federn gesteckt, aber die hatte er eigentlich nicht mehr nötig. Selbst auf der Central Avenue, wo man nun wirklich nicht die dezentest gekleideten Leute der Welt sehen kann, sah er so unnauffällig aus wie eine Tarantel auf einem Quarkkuchen.
Bei dieser Methode hilft ziemlich oft die Technik des Wie-Vergleichs, des schärfsten Spezialeffekts beim Schreiben.
Das Leib-Seele-Problem, Teil II
Gutes Schreiben ist immer eine Frage der Ökonomie. Und deshalb müssen Körperbeschreibungen idealerweise zwei Ziele gleichzeitig erfüllen: Das Innere wie das Äussere beschreiben. Dabei stellt sich erneut das Leib-Seele-Problem, hier gespiegelt in zwei Zitaten:
Mit 30 hat jeder das Gesicht, das er verdient. Camus
Wir urteilen stündlich nach dem Gesicht und wir irren stündlich. Lichtenberg
Eines der interessanten Dinge bei jedem Portrait ist, wie jemand in seinem Körper steckt: Es gibt Business- und Modekörper (etwa der Marathon laufende Manager); es gibt programmatische Körper (etwa der schlecht sitzende Bauernanzug an Christoph Blocher); es gibt intelligente Körper (etwa bei Schauspielern, die auf jeder Photographie gut aussehen), es gibt schlafende Körper (etwa bei einem Freund von mir; alles ist unbeweglich, nur was gesagt wird, ist brillant); es gibt Körper, die den Charakter aussprechen und solche, die ihm widersprechen (Als Gymnasiast sah ich einen gemütlichen Polizisten mit Kindergesicht, der einen Betrunkenen verprügelte).
Das heisst: Man muss die Körperbeschreibung von Fall zu Fall einsetzen: Mal ist er Berufskörper, mal Klassenmerkmal, mal Unbeteiligter, mal Kontrast, mal Bekenntnis.
Letzteres ist er etwa in einem News-Artikel über den damaligen Bundesrat Pascal Couchepin, geschrieben von meinem heutigen Bürozellennachbarn Jean-Martin Büttner. Ich weiss noch, wie ich die Büttners Beschreibung an einem Junimorgen 2003 las, völlig unvorbereitet vor meinem Kaffee, im Nachrichtenteil:
Denn an ihm ist alles gross. Das beginnt bei der cäsarisch vorgeformten Nase, die der Innenminister in die Geschäfte seiner Bundesratskollegen steckt und mit der er zugleich politische Konstellationen vorauswittert. Dazu kommen seine fleischigen Ohren, mit denen er genau auf die Reaktionen hört, die er mit seinen Vorstössen provoziert hat, weil er nämlich nur so weit geht, als es ihm nicht schadet. Dazu kommen seine riesigen Füsse, mit denen er allen vorausmarschiert. Das grösste Organ des Bundespräsidenten bleibt indes virtuell: sein alles niederwalzendes, alle übertönendes, selten an sich zweifelndes Ego. Wäre er nicht so intelligent, debattierfreudig und auch witzig, der Mann wäre absolut nicht auszuhalten.
Seitdem konnte ich Couchepin nie anders sehen.
1 Meter 92 grosser Journalismus
Aber zum Schluss noch eine Warnung. Beschreiben Sie einen Körper nie, ohne die Person bewusst beobachtet zu haben. In einer Recherche über einen Mann, der einen überraschenden Sprung an die Spitze eines Weltkonzerns gemacht hatte, musste ich tagesaktuell recherchieren. Ich hatte den neuen Chef zwar zuvor bei ein oder zwei Generalversammlungen am Tisch sitzen gesehen, aber als Nebenfigur. Nun rief ich Hinz und Dr. Kunz an, um über ihn zu reden. Zwei Leute sagten den Satz: «Er ist ein kleiner Mann.» Also schrieb ich:
Er ist ein kleiner Mann, der…
Und kassierte noch Jahre danach Spott. Der besagte Konzernchef mass über 1 Meter 90. Meine Informanten, zwei verfluchte Platoniker, hatten über seine Seele geredet.
document.write(«
// ]]>
<img style=”display:none;” src=”http://www.tagesanzeiger.ch/blogs/standard/Jeder-Krueppel-hat-seine-eigene-Art-zu-laufen/story/27613996/pixel.gif?nocache=1366129876″ width=”1″ height=”1″/>
.
Dieser Beitag wurde automatisch per RSS auf unsere Webseite gestellt. Der Originaltext ist über den Tagesanzeiger, dem Blog von Constantin Seibt – http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline – zu finden.







