Es ist alles andere als eine angenehme Welt, die einem hier während dreier langen Stunden gezeigt wird. Eine Welt, die an etwas erinnert, das wir uns unter dem Begriff «Mittelalter» vorstellen, dazu um ein Vielfaches potenziert. Hier regnet oder schneit es fast immer, und der Boden besteht aus einer Mischung aus Schlamm, Gekröse und Exkrementen. Es muss unglaublich stinken. Den grotesken Figuren, die diese Welt bevölkern und die aussehen, als wären sie direkt dem Universum von Hieronymus Bosch oder Pieter Bruegel dem Älteren entsprungen, waschen sich offenbar nie. Ganz nah ist die Kamera an schweissigen, verdreckten Gesichtern und fettigen Haaren. Und die Menschen piesacken sich gegenseitig ununterbrochen bis hin zu Mord und Totschlag.
Geschaffen hat diese schwarz-weisse, schmutzstarrende Dystopie der russische Regisseur Alexei German für seine Verfilmung des Science-Fiction-Romans «Es ist schwer, ein Gott zu sein» der Gebrüder Arkadi und Boris Strugazki, welche u. a. auch die literarische Vorlage zu Tarkowskis «Stalker» verfassten. Im Roman geht es um eine fortschrittliche, gebildete Gesellschaft, die Wissenschaftler auf einen anderen Planeten schickt, auf dem sich die Menschen auf einer barbarischen Zivilisationsstufe befinden. Die Wissenschaftler sollen diese Gesellschaft studieren und mittels Bodycams dokumentieren, ohne selbst in den Lauf des Geschehens einzugreifen. Einer der Wissenschaftler widersetzt sich diesen Auflagen. Und am Schluss ist unklar, was die Wissenschaftler auf der Erde mehr interessiert – die fremde, «zurückgebliebene» Gesellschaft oder die Verhaltensweise ihrer Kollegen in dem zugrunde liegenden Setting.
Der Stoff wurde bereits 1989 in einer deutsch-französisch-russischen Koproduktion vom deutschen Filmemacher Peter Fleischmann («Jagdszenen aus Niederbayern») verfilmt. Bei ihm ist daraus ein linear erzählter Kostümschinken geworden, der uns wie auf einer Guckkastenbühne vorgeführt wird. Sehr anders die Version von German: Hier sind wir permanent mitten im Geschehen, suhlen uns in Lehm, Blut und Scheisse. Und man muss schon sehr genau den Dialogen folgen, um überhaupt noch den Plot hinter diesem Tohuwabohu der Tollheiten zu erkennen. Denn German nimmt gerne scheinbare Nebensächlichkeiten ins Zentrum und verbannt die eigentliche Handlung an den Bildrand oder sogar ganz ins Off. Ohne das Buch gelesen oder zumindest den Fleischmann-Film gesehen zu haben, ist man hier heillos überfordert. Dafür erwartet einen ein einzigartiges Erlebnis, das noch lange nachhallt.
Der Perfektionist Alexei German hat in seinem Leben bloss fünf Filme realisieren können, und «Trudno byt bogom» war sein letzter. Er verstarb noch während der Postproduktion, sechs Monate vor der Uraufführung des Films im November 2013 am Römer Filmfestival. Seine Frau Svetlana Karmalita und sein Sohn Alexei German jr. stellten das Werk fertig. Mit dem Stoff hat sich German fast ein halbes Jahrhundert beschäftigt. Eine erste Drehbuchfassung erstellte er bereits in den späten 60er-Jahren, damals noch in Zusammenarbeit mit Boris Strugazki. Mehrere Projekte zerschlugen sich in der Folge. Die Dreharbeiten begannen dann 2000 und dauerten bis 2008, worauf noch viele Jahre Arbeit am Schnitt folgten. Die Produktionskosten von geschätzten 7 Millionen Franken konnten nie eingespielt werden.
«Trudno byt bogom» («Es ist schwer, ein Gott zu sein»), Russland 2013, 177 Minuten. Regie: Alexei German; Drehbuch: Svetlana Karmalita, Alexei German, Arkadi Strugazki, Boris Strugazki; Kamera: Vladimir Ilin, Yuriy Klimenko; Schnitt: Irina Gorokhovskaya, Maria Amosova; Musik: Viktor Lebedev; Ausstattung: Sergei Kokovkin, Georgi Kropachev; Produktion: Viktor Izvekov, Rushan Nasibulin, Leonid Yarmolnik. Mit: Leonid Yarmolnik (Don Rumata), Alexandr Chutko (Don Reba), Yuriy Tsurilo (Baron Pampa), Evgeniy Gerchakov (Budakh), Natalia Moteva (Ari), Leonid Timtsunik (Arima) …






