des­wei­tern: Ich füt­te­re mei­ne Tage (22)

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Am Brun­nen, der in die hohe Kir­chen­mau­er ein­ge­las­sen ist, wäscht ein jun­ger Mann sei­ne lan­gen, pech­schwar­zen Haa­re. Ein ande­rer Mann kommt auf einem klapp­ri­gen Fahr­rad mit einem Anhän­ger, der in grell­bun­ten Far­ben ange­malt ist, daher­ge­fah­ren. Auf dem Anhän­ger lie­gen meh­re­re alte, abge­grif­fe­ne Gitar­ren. Der Mann fährt unsi­cher. Ein­mal wegen des Kopf­stein­pflas­ters, aber auch, weil er nur ein­hän­dig fährt, denn unter den rech­ten Arm hat er einen fla­chen, läng­li­chen Instru­men­ten­kof­fer geklemmt. Schwer vor­stell­bar, was für ein Instru­ment sich in dem leder­nen Behält­nis befin­den könn­te, sagt Frau Maissen.

Wäh­rend der letz­ten Tage habe sie gemalt, sagt Frau M. Zehn Kor­ro­si­ons­bil­der. Cha­rak­ter­bil­der. Sie habe gele­sen, dass auch ein Cha­rak­ter oxi­die­ren kön­ne, genau­so wie Eisen­wa­ren kön­ne er eine Art Rost anset­zen. Und es habe geheis­sen, der mensch­li­che Cha­rak­ter kön­ne wie etwas Ein­ge­ritz­tes oder auch Ein­ge­brann­tes sein. Beim Lesen habe sie sich pati­nier­te Tafeln vor­ge­stellt, auf denen das inne­re Wesen eines Men­schen ein­gra­viert sein könn­te. Sie habe plötz­lich die unter­schied­lichs­ten Cha­rak­t­er­por­träts vor Augen gehabt. Auf der Lein­wand sind dann schalt­ta­fel­ähn­li­che Fel­der ent­stan­den, die schon leicht ange­fres­sen wirk­ten, mit Hirn­win­dun­gen ver­se­hen, mit Löt­stel­len ver­bun­den, mit far­bi­gen Ner­ven­bah­nen und mit ver­schie­de­nen Sin­nes­sym­bo­len ver­kop­pelt. Ganz bewusst habe sie sich deran­gier­te Cha­rak­te­re vor­ge­stellt, sol­che mit stra­pa­zier­ten Bio­gra­fien. Sie habe auch an die bemit­lei­dens­wer­ten Men­schen mit den mas­si­ven Denk­feh­lern und mit nichts als Cha­os im Kopf gedacht. Oder an die Kin­der der Fami­lie Fried­li, wel­che viel­leicht ein Leben lang unter ihrer kata­stro­pha­len Kind­heit zu lei­den hät­ten. Auch von Simon Feld­manns Schlaf­pro­ble­men habe sie sich inspi­rie­ren las­sen, sagt Frau M. Gera­de die­ses Bild sei sehr schön gewor­den, sagt sie. Obschon sie sich vor­her kaum hät­te vor­stel­len kön­nen, dass sich Schlaf­pro­ble­me als etwas Schö­nes dar­stel­len lies­sen. Dann habe sie klei­ne Glöck­chen in die Hirn­area­le gemalt und sich über­legt, dass auch die­se ein­mal anfan­gen wür­den zu kor­ro­die­ren, und gedacht, dadurch wür­de sich deren Klang­far­be ver­än­dern und viel­leicht ange­neh­mer, wär­mer klin­gen. Sogar die umher­schwir­ren­den Geis­ter, die Simon offen­bar habe los­wer­den wol­len, sei­en nun im Cha­rak­ter­bild fest­ge­hal­ten. Sie ver­ste­he ihre Male­rei als Ant­wort auf sub­jek­ti­ve Wahr­neh­mun­gen mög­li­cher Dra­men, sagt Frau M.

Im Zim­mer mit dem klei­nen Bal­kon sei­en alle Möbel aus­ge­räumt wor­den, sagt Frau Mais­sen. Kei­ne Spur mehr von Leben. Etwas wer­de zu Ende gegan­gen sein, habe sie gedacht. Die Lie­be. Das Ver­trau­en. Das Miet­ver­hält­nis. Doch schon am andern Tag sei der Mann mit den dunk­len Locken wie­der da gewe­sen und auch die Frau, die wohl mit ihm zusam­men­ge­wohnt habe. Gemein­sam schlif­fen sie den Par­kett­bo­den ab. Spä­ter wur­den noch die Fens­ter geputzt. Um Mit­ter­nacht sas­sen sie, in Decken gehüllt, rau­chend auf dem Bal­kon­bo­den und lach­ten laut.

Sie tref­fe sich immer noch ab und zu mit Claa­sen in der schö­nen Alt­stadt­knei­pe, um zu dis­ku­tie­ren, sagt Frau Mais­sen. Seit eini­ger Zeit gebe es im Ober­ge­schoss des Lokals jeden zwei­ten Frei­tag Jazz­kon­zer­te. Natür­lich sei­en sie und Claa­sen begeis­tert dar­über. Guten Jazz hät­ten sie bei­de ja schon immer gemocht. So gehe sie also jeden zwei­ten Frei­tag die Trep­pe hin­auf in den neu reno­vier­ten Kon­zert­saal. Mitt­ler­wei­le habe sie sogar einen Stamm­platz. Manch­mal set­ze sich Claa­sen zu ihr hin.

Von dem mög­li­chen Kri­mi­nal­fall in der Fami­lie Fried­li habe sie in der Zei­tung nichts mehr gele­sen. Es sei ihr völ­lig egal, ob Frau Fried­li ihren Ehe­mann umge­bracht habe und wie die Geschich­te wei­ter­ge­he. Nur die Kin­der sei­en ihr nicht egal. Sie hof­fe sehr, dass die zwei Buben gut und lie­be­voll betreut wür­den. Die­se Kin­der sei­en gänz­lich unschul­dig, sagt Frau M. Viel­leicht wür­den sie doch noch ein glück­li­ches Leben füh­ren können.

Frau M sagt: Die Blät­ter des Kas­ta­ni­en­baums auf der Kir­chen­ter­ras­se sei­en schon braun-oran­ge-gol­den ver­färbt. Unter der hohen Mau­er neben dem Brun­nen habe sich bereits ein rie­si­ger Hau­fen Laub ange­sam­melt. Ges­tern sei­en Stras­sen­keh­rer mit ihren Reis­be­sen gekom­men und hät­ten das ver­dorr­te Laub in einen Schub­kar­ren hineingeschaufelt.

Sie lese momen­tan vier Bücher neben­ein­an­der. Den Sudo­kus habe sie end­gül­tig abge­schwo­ren. Von Zeit zu Zeit müs­se sie aus dem Fens­ter schau­en, dann gehe es ihr opti­mal, denn mit ihren Beob­ach­tun­gen füt­te­re sie immer noch ihre Tage. Und eben gera­de ver­neh­me sie ein lau­tes Rüt­teln an den Fens­ter­lä­den und sie höre das lau­te Tosen des Win­des. Von der Haupt­stras­se her ertö­ne Sire­nen­ge­heul. Die Mar­ki­se über dem Schau­fens­ter der Bou­tique Tor­el­li sei in Fet­zen geris­sen wor­den und bei Simon Feld­mann oben wer­de gera­de das Licht gelöscht. Es sei eben schon sehr spät. Der Geruch von ver­brann­tem Holz lie­ge in der Luft – und so etwas wie Trau­rig­keit. Der Win­ter nahe – und mit ihm die Erden­schwe­re, sagt Frau M.

Auch ich als Autorin ver­spü­re so etwas wie Trau­rig­keit. Denn mit die­sem Bei­trag ver­ab­schie­de ich mich nun stil­voll und end­gül­tig aus Frau Mais­sens Erzäh­lun­gen. Dazu zitie­re ich Hei­mi­to von Dode­rer, der gesagt haben soll: Wer Stil habe, der sei als Autor nur im eige­nen Ver­schwin­den anwesend.

Die zum Teil adap­tier­ten Text­aus­schnit­te stam­men aus dem Buch von Adel­heid Blättler-Schmid: 
«Ich füt­te­re mei­ne Tage – Epi­so­den und Erinnerungen»
Her­aus­ge­ber: Edi­ti­on Hart­mann Biel und Autorin­nen­ver­lag Bern, 2023.



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