Am Brunnen, der in die hohe Kirchenmauer eingelassen ist, wäscht ein junger Mann seine langen, pechschwarzen Haare. Ein anderer Mann kommt auf einem klapprigen Fahrrad mit einem Anhänger, der in grellbunten Farben angemalt ist, dahergefahren. Auf dem Anhänger liegen mehrere alte, abgegriffene Gitarren. Der Mann fährt unsicher. Einmal wegen des Kopfsteinpflasters, aber auch, weil er nur einhändig fährt, denn unter den rechten Arm hat er einen flachen, länglichen Instrumentenkoffer geklemmt. Schwer vorstellbar, was für ein Instrument sich in dem ledernen Behältnis befinden könnte, sagt Frau Maissen.
Während der letzten Tage habe sie gemalt, sagt Frau M. Zehn Korrosionsbilder. Charakterbilder. Sie habe gelesen, dass auch ein Charakter oxidieren könne, genauso wie Eisenwaren könne er eine Art Rost ansetzen. Und es habe geheissen, der menschliche Charakter könne wie etwas Eingeritztes oder auch Eingebranntes sein. Beim Lesen habe sie sich patinierte Tafeln vorgestellt, auf denen das innere Wesen eines Menschen eingraviert sein könnte. Sie habe plötzlich die unterschiedlichsten Charakterporträts vor Augen gehabt. Auf der Leinwand sind dann schalttafelähnliche Felder entstanden, die schon leicht angefressen wirkten, mit Hirnwindungen versehen, mit Lötstellen verbunden, mit farbigen Nervenbahnen und mit verschiedenen Sinnessymbolen verkoppelt. Ganz bewusst habe sie sich derangierte Charaktere vorgestellt, solche mit strapazierten Biografien. Sie habe auch an die bemitleidenswerten Menschen mit den massiven Denkfehlern und mit nichts als Chaos im Kopf gedacht. Oder an die Kinder der Familie Friedli, welche vielleicht ein Leben lang unter ihrer katastrophalen Kindheit zu leiden hätten. Auch von Simon Feldmanns Schlafproblemen habe sie sich inspirieren lassen, sagt Frau M. Gerade dieses Bild sei sehr schön geworden, sagt sie. Obschon sie sich vorher kaum hätte vorstellen können, dass sich Schlafprobleme als etwas Schönes darstellen liessen. Dann habe sie kleine Glöckchen in die Hirnareale gemalt und sich überlegt, dass auch diese einmal anfangen würden zu korrodieren, und gedacht, dadurch würde sich deren Klangfarbe verändern und vielleicht angenehmer, wärmer klingen. Sogar die umherschwirrenden Geister, die Simon offenbar habe loswerden wollen, seien nun im Charakterbild festgehalten. Sie verstehe ihre Malerei als Antwort auf subjektive Wahrnehmungen möglicher Dramen, sagt Frau M.
Im Zimmer mit dem kleinen Balkon seien alle Möbel ausgeräumt worden, sagt Frau Maissen. Keine Spur mehr von Leben. Etwas werde zu Ende gegangen sein, habe sie gedacht. Die Liebe. Das Vertrauen. Das Mietverhältnis. Doch schon am andern Tag sei der Mann mit den dunklen Locken wieder da gewesen und auch die Frau, die wohl mit ihm zusammengewohnt habe. Gemeinsam schliffen sie den Parkettboden ab. Später wurden noch die Fenster geputzt. Um Mitternacht sassen sie, in Decken gehüllt, rauchend auf dem Balkonboden und lachten laut.
Sie treffe sich immer noch ab und zu mit Claasen in der schönen Altstadtkneipe, um zu diskutieren, sagt Frau Maissen. Seit einiger Zeit gebe es im Obergeschoss des Lokals jeden zweiten Freitag Jazzkonzerte. Natürlich seien sie und Claasen begeistert darüber. Guten Jazz hätten sie beide ja schon immer gemocht. So gehe sie also jeden zweiten Freitag die Treppe hinauf in den neu renovierten Konzertsaal. Mittlerweile habe sie sogar einen Stammplatz. Manchmal setze sich Claasen zu ihr hin.
Von dem möglichen Kriminalfall in der Familie Friedli habe sie in der Zeitung nichts mehr gelesen. Es sei ihr völlig egal, ob Frau Friedli ihren Ehemann umgebracht habe und wie die Geschichte weitergehe. Nur die Kinder seien ihr nicht egal. Sie hoffe sehr, dass die zwei Buben gut und liebevoll betreut würden. Diese Kinder seien gänzlich unschuldig, sagt Frau M. Vielleicht würden sie doch noch ein glückliches Leben führen können.
Frau M sagt: Die Blätter des Kastanienbaums auf der Kirchenterrasse seien schon braun-orange-golden verfärbt. Unter der hohen Mauer neben dem Brunnen habe sich bereits ein riesiger Haufen Laub angesammelt. Gestern seien Strassenkehrer mit ihren Reisbesen gekommen und hätten das verdorrte Laub in einen Schubkarren hineingeschaufelt.
Sie lese momentan vier Bücher nebeneinander. Den Sudokus habe sie endgültig abgeschworen. Von Zeit zu Zeit müsse sie aus dem Fenster schauen, dann gehe es ihr optimal, denn mit ihren Beobachtungen füttere sie immer noch ihre Tage. Und eben gerade vernehme sie ein lautes Rütteln an den Fensterläden und sie höre das laute Tosen des Windes. Von der Hauptstrasse her ertöne Sirenengeheul. Die Markise über dem Schaufenster der Boutique Torelli sei in Fetzen gerissen worden und bei Simon Feldmann oben werde gerade das Licht gelöscht. Es sei eben schon sehr spät. Der Geruch von verbranntem Holz liege in der Luft – und so etwas wie Traurigkeit. Der Winter nahe – und mit ihm die Erdenschwere, sagt Frau M.
Auch ich als Autorin verspüre so etwas wie Traurigkeit. Denn mit diesem Beitrag verabschiede ich mich nun stilvoll und endgültig aus Frau Maissens Erzählungen. Dazu zitiere ich Heimito von Doderer, der gesagt haben soll: Wer Stil habe, der sei als Autor nur im eigenen Verschwinden anwesend.
Die zum Teil adaptierten Textausschnitte stammen aus dem Buch von Adelheid Blättler-Schmid:
«Ich füttere meine Tage – Episoden und Erinnerungen»
Herausgeber: Edition Hartmann Biel und Autorinnenverlag Bern, 2023.






