Félix Vallotton (1865–1925) war einer der faszinierendsten, aber auch rätselhaftesten Künstler seiner Zeit, schwer in irgendeine Schule einzuordnen, auch wenn er sich einige Jahre lang der Nabis-Bewegung zuwandte. Das Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne widmet ihm anlässlich seines hundertsten Todestages eine umfangreiche Retrospektive.
Vallotton wurde 1865 in Lausanne geboren. Sein Vater Adrien war Drogist und Chocolatier. Félix hatte das Glück, von den Eltern in seinen künstlerischen Neigungen unterstützt zu werden.
Früh von seiner Berufung als Künstler erfasst, zieht er mit 16 Jahren nach Paris. Nach einigen Teilnahmen an Gemäldeausstellungen beginnt er 1891, sich intensiv mit der Holzschnitt-Technik zu befassen. Seine wichtigsten Themen sind die Suche nach sozialer Gerechtigkeit und – beeinflusst durch anarchistische Sympathien – die Darstellung von Menschenmassen; man staunt über seine Fähigkeit, kleine Formate mit riesigen Menschenmengen zu bevölkern.
1893 schliesst er sich der Nabis-Bewegung an. Ihre Vertreter (Bonnard, Denis, Vuillard …) wenden sich gegen traditionellen Naturalismus und überlieferte Perspektive; das Sujet wird zweitrangig, steht vor Linien, Farben und Formen zurück. Maurice Denis hat dies folgendermassen definiert: «Ein Gemälde, bevor es ein Pferd, eine nackte Frau oder irgendeine Anekdote darstellt, ist im Wesentlichen eine Fläche, die nach einer gewissen Ordnung mit Farben bedeckt ist.» Doch bald schon kehrt Vallotton zu einer realistischeren – aber nie akademischen – Kunstform zurück.
Immer häufiger beschäftigt er sich als Buchillustrator und Pressezeichner, wobei er sich u. a. für den fälschlich des Verrats angeklagten Oberst Alfred Dreyfus einsetzt. Auch der Schriftstellerei ergibt er sich gelegentlich.
1899 heiratet er Gabrielle Rodriguez-Henriques, eine Witwe, die Tochter des Kunsthändlers Alexandre Bernheim, der als Besitzer der Galerie Bernheim-Jeune einen gewichtigen Einfluss auf das Kunstleben in Paris ausübt. 1900 wird Vallotton französisch-schweizerischer Doppelbürger. Ab 1904 widmet er sich ganz der Malerei. Besonders wichtig wird für ihn die Begegnung mit dem Winterthurer Ehepaar Hahnloser, das ihn in den Mittelpunkt seiner Tätigkeit als Sammler stellt (vgl. ensuite Okt. 2017).
Ein Jahr nach der ersten Ausstellung seiner Werke in Lausanne bricht der Erste Weltkrieg aus, der ihn zutiefst schockiert und eine Tendenz zur Depression verstärkt. 1925 stirbt Félix Vallotton.
Die Ausstellung in Lausanne zeigt neben Holzschnitten und Zeichnungen eine reiche Menge an Gemälden, die Zeugnis ablegen für Vallottons bevorzugte Themen: Interieurs, Landschaften, Sonnenuntergänge, Stillleben und Akte. (2005 war in Bern und Martigny eine beachtenswerte Schau seiner Sonnenuntergänge zu sehen.)
Der Farbenreichtum der Landschaften, insbesondere der Sonnenuntergänge, ist wahrhaftig beeindruckend; er erinnert – natürlich in gänzlich verschiedenem Stil – oft an Turner. Die Interieurs zeigen alltägliche Familienszenen, die Stillleben können überraschen: Ein Bild heisst «Entrecôte» und zeigt genau dieses Fleischstück – nichts anderes.
Am berühmtesten ist Vallotton wohl für seine Frauenakte geworden. Er entfernt sich dabei von akademischen Vorbildern. Seine Modelle nehmen keine Posen ein, sondern werden in alltäglichen Situationen gezeigt: Zwei Modelle ruhen sich aus, zwei Frauen sitzen am Boden und sind mit Damenspiel beschäftigt, ein anderes Bild heisst «Trois femmes et une petite fille jouent dans l’eau» … Die sogenannt klassische Schönheit, die artistische Pose interessiert den Maler nicht; er malt seine Modelle, wie sie sind. Und diese Wahrheit wiederum lässt eine eindrückliche, natürliche Schönheit aufscheinen. Besonders ergreifend ist «Nu sur fond jaune», das Bild eines Mädchens mit langen Haaren, das offensichtlich schwanger ist, für damals (1922) wohl ein Tabubruch für ein «wohlmeinendes» Publikum (das Bild hängt in Dallas, Texas, und ist in Lausanne nicht zu sehen). Der oft gehörte Vorwurf, Vallotton habe die Frauen hässlich gemacht, ist barer Unsinn. Louise Hervieu, Künstlerin und Schriftstellerin, liefert ein trefflicheres Urteil (1922): «Frauen, kleine und grosse, magere und üppige (…), ihr könnt ihn lieben; denn er hat euch alle geliebt in eurer rührenden Menschlichkeit (…), er hat mit Sorgfalt die Umrisse eurer Körper studiert, ohne kleine Fehler zu übersehen (…), er ist dabei euer beharrlichster Freund geworden.»
Die Ausstellung ist bis zum 15. Februar 2026 zu sehen, Di–So 10–18 Uhr (Do bis 20 Uhr), Weihnachten und Neujahr geschlossen.
www.mcba.ch






