Edi­to­ri­al Nr. 277: Mögen, glau­ben, wissen

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Und dann wäre dies bereits der 24. Jahr­gang von ensuite. Die Zeit ver­geht im Flug. Seit der letz­ten phy­si­schen Heft­um­ge­stal­tung sind bereits mehr als 13 Jah­re ver­gan­gen. Wir haben uns immer wie­der neu ori­en­tiert, neue Din­ge ein­ge­führt oder alte ein­ge­stellt. Die­ses Mal wol­len wir uns «dyna­mi­sie­ren», in der Hap­tik beweg­li­cher machen. Es ist toll, wenn die Zeit­schrift auf einem Desi­gner­mö­bel gut aus­sieht – aber noch bes­ser ist, wenn sie in Hän­den oder Taschen trans­por­tiert wird. Mit die­sem Umbau ver­su­chen wir, bei­des hin­zu­be­kom­men. Ob es uns gelun­gen ist, wird sich zeigen.

Blei­ben wir in der Medi­en­welt: Wir lie­fern The­men, und die Lese­rIn­nen oder Poli­ti­ke­rIn­nen müs­sen die Inhal­te prü­fen oder gar ver­ant­wor­ten. Unse­re Auf­ga­be ist, The­men so auf­zu­be­rei­ten, dass die Öffent­lich­keit ein Gefühl und das Wis­sen erhält, zu ent­schei­den, was brauch­bar ist und wie oder was man damit anfan­gen will. Wir sind aber nicht die Anklä­ge­rIn­nen, wir ver­ur­tei­len nicht, wir neh­men auch kei­ne Posi­ti­on ein, nur weil uns etwas gefällt oder wir es gut fin­den – oder auch nicht. So die Theo­rie. Damit unter­schei­den wir uns deut­lich von der «Mei­nung», die jeder Mensch haben kann und auch soll. Des­we­gen soll­ten wir Medi­en uns von der Ver­su­chung lösen, Par­tei zu ergrei­fen, nur weil etwas mora­lisch «gut» oder «schlecht» ist. Wel­ches Recht hät­ten wir denn, aus unse­rer Sicht zu urtei­len? Das gilt eben­so für Poli­ti­ke­rIn­nen, die zwar aus der Sicht einer Par­tei argu­men­tie­ren, aber immer dar­an den­ken soll­ten, dass dies nur eine kon­zep­tu­el­le poli­ti­sche Mei­nungs­an­sicht ist – und nicht die Wahr­heit –, die­se Denk­wei­se nicht jene der Bevöl­ke­rung ist, die man dann zu gewin­nen versucht.

Ich the­ma­ti­sie­re das hier des­we­gen, weil der Arti­kel «Wo die Gren­ze zwi­schen ideo­lo­gi­scher und künst­le­ri­scher För­de­rung dünn wird und die Kul­tur­po­li­tik ver­sagt» (Aus­ga­be Dezem­ber 2025) bei ande­ren Medi­en eigen­ar­ti­ge Refle­xe aus­ge­löst hat. Eine «Bund»-Journalistin hat­te sich dar­auf ein­ge­schos­sen, dass es sich um eine Ver­schwö­rungs­theo­rie han­delt – ohne aber die eigent­li­chen Fak­ten zu prü­fen. Nur ein neu­es, aber wich­ti­ges Detail am Ran­de: In dem von uns erwähn­ten Netz­werk taucht auch «Baba News» auf, ein Schwei­zer Online­ma­ga­zin aus Bern, das sich an jun­ge Men­schen mit viel­fäl­ti­gen Wur­zeln rich­tet und The­men wie Migra­ti­on, Ras­sis­mus, Iden­ti­tät und Mehr­fach­zu­ge­hö­rig­keit aus einer migran­ti­schen Per­spek­ti­ve behan­delt. Die­ser Redak­ti­on wur­den 2023 die För­der­gel­der vom Kan­ton Bern gekürzt, weil die Bericht­erstat­tung zu ein­sei­tig und teils anti­se­mi­tisch war. Was in der Inte­gra­ti­ons­po­li­tik zu viel ist, scheint in der Kul­tur­för­de­rung dehn­bar zu sein. Ich bin mir des­we­gen nicht so sicher, ob die Tame­dia-Jour­na­lis­tin unse­ren Arti­kel wirk­lich gele­sen hat. Nun, die Iro­nie hier­bei ist, dass in unse­rem Arti­kel alles, was mit «Ver­schwö­run­gen» zu tun gehabt haben könn­te, von «Bund» und BZ selbst stamm­te, sogar zitiert war. Der Rest bestand aus Fak­ten, die öffent­lich ein­seh­bar sind, und Fra­gen, die nicht lächer­lich sind. Der Tame­dia-Jour­na­lis­tin genüg­te die Ant­wort von der Stadt Bern: «Wir sind unschul­dig und haben alles rich­tig gemacht.» Habe ich was ver­passt? Seit wann ist eine sol­che Aus­sa­ge ein «Beweis» für Schuld oder Unschuld? Erin­nern Sie sich an die Lewin­sky-Affä­re im Jahr 1998, als Bill Clin­ton sogar unter Eid aus­sag­te, dass er kei­ne Affä­re mit der dama­li­gen Prak­ti­kan­tin Moni­ca Lewin­sky gehabt habe? Die gan­ze Welt war Zeu­ge. Unter­des­sen ist Clin­ton neben Donald Trump und Jef­frey Epstein auf Bil­dern auf­ge­taucht – und was den­ken Sie jetzt, lie­be Lese­rIn­nen? Unschul­dig oder schul­dig? Alles gut orchestriert.

Des­we­gen müs­sen wir auf­pas­sen mit unse­ren Mei­nun­gen und Urtei­len. Oft­mals ken­nen wir nur eini­ge Aspek­te und lie­gen mei­len­weit weg von der Rea­li­tät. Intel­li­genz zeigt sich da, wo wir fest­stel­len, dass wir nicht alles wis­sen kön­nen. Ich weiss, dass ich nichts weiss – das ist kein dum­mer Satz, und wer ihn ver­steht, ist tat­säch­lich klug.

Und das wün­sche ich mir für das Jahr 2026. Ein biss­chen mehr weni­ger. Dafür erfolgreich.


Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 277, Janu­ar 2026



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