Schrecklich gut
Martina Clavadetscher: Die Schrecken der anderen. Roman.
Nicht von ungefähr stellt Martina Clavadetscher ihrem neuen Roman ein Zitat Dürrenmatts voran. Auch sonst scheint FD nicht weit, so fantasiert der Archivar Schibig an einer Stelle den Plot aus «Der Besuch der alten Dame», um sich alsbald bewusst zu werden, dass er da nichts Neues erfindet.
Und wie Dürrenmatt schafft Clavadetscher Kunst, wo es keiner erwartet: in einer Art Kriminalroman, wenn die Autorin dieses Genre auch immer wieder unterläuft. So wie die Leiche ins Eis kam und das Eis bei deren Bergung bricht, tut sie dies mit Erzählkonventionen. Legt diese doppelt oder weckt in ihren Figurenkonzeptionen Assoziationen zu David Lynchs «Twin Peaks».
Legenden vom Frakmont lässt sie lebendig werden, erzählt uns von geflügelten Lindwürmern, die Menschen beschützen, und von so skurrilen Gestalten wie dem erwähnten Archivar und der Alten, Rosa mit Namen, mit ihrem Wohnwagen, dessen Inneres nicht mit seinem schäbigen Äusseren übereinstimmen will. Die viele Gesichter hat und immer wieder ein anderes zeigt.
Aber auch Kern und seine Frau Hannah, die Puppenmutter, die in ihrem mondänen Landhaus residieren, das nach Geld riecht, die keinen Stammhalter produzieren können. Und Kerns Mutter in den Dachräumen, eine bald Hundertjährige, deren Verstand nicht nachgelassen hat, die immer noch die Fäden zu ziehen scheint.
Oder sie erzählt von Nebenfiguren wie dem Optiker oder dem ominösen Phil, aus der Zeit gefallene und doch so zeitgemässe Charaktere.
Geschickt führt Clavadetscher die Fäden von der Männerleiche McGuffin, so wird diese identifiziert, und den Kerns zusammen. Doch auch hier lässt sie die RezipientInnenerwartungen wieder ins Leere laufen. Dass Schibig und Rosa sich des Falls, der Fälle, annehmen, wird alsbald deutlich.
Martina Clavadetschers Erzählen wohnt eine grosse Spiellust inne, die sich auf die Lesenden überträgt. Und immer wieder erfindet sie dieses Erzählen neu, ob in ihrem Prosa- oder in ihrem szenischen Schreiben: Sie überrascht und berückt. Auch hier.
Clavadetscher, Martina: Die Schrecken der anderen. Roman. C.H. Beck. München 2025. ISBN 978 3 406 83698 5. 328 Seiten.
Volatile Lebenswelten
Hannah Lühmann: Heimat. Roman.
Jana und Noah ziehen mit ihren beiden Kindern aus der grossen Stadt in die Neubausiedlung aufs Land. Weder im gewohnten urbanen Milieu noch im Speckgürtel können sie sich ein Eigenheim leisten. Und Jana ist wieder schwanger, hat in der Agentur gekündigt, dennoch lässt sie die Kinder weiterhin in der Kita. Weshalb sie diese Entscheide fällt, könnte sie selbst nicht wirklich sagen.
Dass nun nur noch Noahs Lehrergehalt bleibt, führt zunehmend zu Spannungen zwischen den beiden. Jana fühlt sich alleingelassen mit den Kindern, in ihrem Alltag, der nun so ein anderer ist. Umgeben von Rollenmodellen, die ihr gestrig erscheinen, wenn sie zu diesem Zeitpunkt auch ein ähnliches lebt.
Bis sie Karolin kennenlernt, fünffache Mutter, die mit ihrem Insta-Kanal «Wildes Leben» unglaublich viele Followerinnen erreicht. Sich und ihre Kinder, ihren Mann Clemens, in allen Lebensbereichen zeigt. Und Gott.
Sie lädt Jana zu ihrem Lesekreis ein, in welchem sie ein Kita-kritisches Sachbuch diskutieren. Jana ist zunächst befremdet, und doch geht eine seltsame Faszination von Karolin und ihrem Leben aus. Diesem gezähmten Chaos, das immer wieder bilderbuchmässig inszeniert wird. Ihrer Partnerschaft mit Clemens, die eine ganz klassische zu sein scheint: Sie kümmert sich um die Kinder, er arbeitet. Und dennoch ist es Jana, als wäre Clemens der viel bessere Vater, einer, der sich mit Herz einbringt. Und dann verschwindet Karolin plötzlich für Tage. Ist nicht erreichbar.
Nach Karolins Rückkehr verbringen die Kinder und Jana mehr und mehr Zeit bei Karolin und ihren Freundinnen. Sie betreuen die Kleinen nun gegenseitig, die Kita-Tage werden gestrichen. Und als Noah sich trennen will, fällt Jana weniger aus allen Wolken, als sie selbst zunächst erwartet hätte. Sie hat nun eine neue Wahlfamilie. Dass diese keine klare Grenze zur AfD zieht, sich mit deren Werten identifiziert, darüber zerbricht sich Jana kaum den Kopf.
Mit fortschreitender Schwangerschaft treten ihre körperlichen Bedürfnisse in den Vordergrund, scheint es für sie der richtige Entscheid, Mutter und nur Mutter zu sein, fühlt sie sich in ihrer neu gewählten Struktur sicher und getragen.
Der Journalistin und Autorin Hannah Lühmann gelingt in ihrem zweiten Roman eine Darstellung verschiedener Lebenswelten und von deren Volatilität. Sie bewertet nicht, sie erzählt nicht aus, sie zeigt.
Und doch hätte die Trennung zwischen Noah und Jana mehr Raum, mehr Zeit, mehr Sorgfalt haben dürfen.
Lühmann, Hannah: Heimat. Roman. Hanserblau. München 2025. ISBN 978 3 446 28282 7. 170 Seiten.
Schöne Scham, hässliche Scham
Bianca Nawrath: Schöne Scham. Roman.
Kata, Ola, Amalia. Die drei Mittzwanzigerinnen erzählen uns aus wechselnder Perspektive ein paar Tage während ihres Aufenthalts im Ferienhaus von Katas Eltern in Mecklenburg-Vorpommern. Dort verbringen sie gemeinsam mit Lenny und Christian eine nicht ganz so unbeschwerte Zeit wie zunächst angenommen. Zwischen illustren Buchrücken und Designersesseln, Butter aus dem Töpfchen, Silberbesteck und Geschirr von Villeroy & Boch. Mit Blick auf die weite Landschaft.
Während es Katas Eltern offenbar «geschafft» haben, kommen Ola und Amalia aus deutlich einfacheren Verhältnissen, und Klassismus schwingt in Bianca Nawraths Debütroman immer mit. Sodass man nicht alles werden kann, beispielsweise, wenn sich die Eltern für den sozialen Aufstieg der Kinder abrackern. Auch dass man nicht jeden haben kann, sondern möglichst «den Richtigen» wählen sollte und auch besser keine Frau, wie Ola es tut. Wenn ihre Mutter sich nach der Trennung vom gewaltbereiten Vater auch geöffnet hat. Ihren Töchtern anderes wünscht.
Dass in dieser Idylle deutlich wird, was Amalia bereits spürte, lange spürte. Dass die Liebe Christians, seine teuren Geschenke, ein Zimmer voller Rosen bei ihrer Ankunft, übertünchen sollen, was darunter misslingt. Unter der Liebe. Eine, die sie nicht frei macht, eine, die sie bindet. Und in ihrem Wechselbad verunsichert. In der ein unangekündigter Morgenspaziergang zur Eskalation führen kann. In der sie nicht nach Gras riechen, keinen anderen Mann anlächeln darf.
Die Schauspielerin und Autorin Bianca Nawrath schaut unerbittlich auf die Leerstellen zwischen ihren Figuren, dorthin, wo sie ins Handeln kommen sollten und es nicht tun. Dorthin, wo Komplizenschaft beginnt. Und nicht so leicht endet. Dorthin, wo längst noch nicht alle befreit sind aus patriarchalen Zwängen.
Dennoch könnten die Figurenentwicklung und insbesondere die Dialoge auf den ersten hundert Seiten noch deutlich stärker herausgearbeitet werden. So auch das Schmetterlingsmotiv, welches sowohl auf den ersten Seiten wie auch später im Roman wieder auftaucht.
Nawrath, Bianca: Schöne Scham. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt. Frankfurt am Main 2025. ISBN 978 3 627 00332 6. 252 Seiten.






