Lite­ra­tur­tipps Janu­ar 2026

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Schreck­lich gut
Mar­ti­na Cla­va­det­scher: Die Schre­cken der ande­ren. Roman.
Nicht von unge­fähr stellt Mar­ti­na Cla­va­det­scher ihrem neu­en Roman ein Zitat Dür­ren­matts vor­an. Auch sonst scheint FD nicht weit, so fan­ta­siert der Archi­var Schi­big an einer Stel­le den Plot aus «Der Besuch der alten Dame», um sich als­bald bewusst zu wer­den, dass er da nichts Neu­es erfindet.
Und wie Dür­ren­matt schafft Cla­va­det­scher Kunst, wo es kei­ner erwar­tet: in einer Art Kri­mi­nal­ro­man, wenn die Autorin die­ses Gen­re auch immer wie­der unter­läuft. So wie die Lei­che ins Eis kam und das Eis bei deren Ber­gung bricht, tut sie dies mit Erzähl­kon­ven­tio­nen. Legt die­se dop­pelt oder weckt in ihren Figu­ren­kon­zep­tio­nen Asso­zia­tio­nen zu David Lynchs «Twin Peaks».
Legen­den vom Frak­mont lässt sie leben­dig wer­den, erzählt uns von geflü­gel­ten Lind­wür­mern, die Men­schen beschüt­zen, und von so skur­ri­len Gestal­ten wie dem erwähn­ten Archi­var und der Alten, Rosa mit Namen, mit ihrem Wohn­wa­gen, des­sen Inne­res nicht mit sei­nem schä­bi­gen Äus­se­ren über­ein­stim­men will. Die vie­le Gesich­ter hat und immer wie­der ein ande­res zeigt.
Aber auch Kern und sei­ne Frau Han­nah, die Pup­pen­mut­ter, die in ihrem mon­dä­nen Land­haus resi­die­ren, das nach Geld riecht, die kei­nen Stamm­hal­ter pro­du­zie­ren kön­nen. Und Kerns Mut­ter in den Dach­räu­men, eine bald Hun­dert­jäh­ri­ge, deren Ver­stand nicht nach­ge­las­sen hat, die immer noch die Fäden zu zie­hen scheint.
Oder sie erzählt von Neben­fi­gu­ren wie dem Opti­ker oder dem omi­nö­sen Phil, aus der Zeit gefal­le­ne und doch so zeit­ge­mäs­se Charaktere.
Geschickt führt Cla­va­det­scher die Fäden von der Män­ner­lei­che McGuf­fin, so wird die­se iden­ti­fi­ziert, und den Kerns zusam­men. Doch auch hier lässt sie die Rezi­pi­en­tIn­nen­er­war­tun­gen wie­der ins Lee­re lau­fen. Dass Schi­big und Rosa sich des Falls, der Fäl­le, anneh­men, wird als­bald deutlich.
Mar­ti­na Cla­va­det­schers Erzäh­len wohnt eine gros­se Spiel­lust inne, die sich auf die Lesen­den über­trägt. Und immer wie­der erfin­det sie die­ses Erzäh­len neu, ob in ihrem Pro­sa- oder in ihrem sze­ni­schen Schrei­ben: Sie über­rascht und berückt. Auch hier.

Cla­va­det­scher, Mar­ti­na: Die Schre­cken der ande­ren. Roman. C.H. Beck. Mün­chen 2025. ISBN 978 3 406 83698 5. 328 Seiten.

Vola­ti­le Lebenswelten
Han­nah Lüh­mann: Hei­mat. Roman.
Jana und Noah zie­hen mit ihren bei­den Kin­dern aus der gros­sen Stadt in die Neu­bau­sied­lung aufs Land. Weder im gewohn­ten urba­nen Milieu noch im Speck­gür­tel kön­nen sie sich ein Eigen­heim leis­ten. Und Jana ist wie­der schwan­ger, hat in der Agen­tur gekün­digt, den­noch lässt sie die Kin­der wei­ter­hin in der Kita. Wes­halb sie die­se Ent­schei­de fällt, könn­te sie selbst nicht wirk­lich sagen.
Dass nun nur noch Noahs Leh­rer­ge­halt bleibt, führt zuneh­mend zu Span­nun­gen zwi­schen den bei­den. Jana fühlt sich allein­ge­las­sen mit den Kin­dern, in ihrem All­tag, der nun so ein ande­rer ist. Umge­ben von Rol­len­mo­del­len, die ihr gest­rig erschei­nen, wenn sie zu die­sem Zeit­punkt auch ein ähn­li­ches lebt.
Bis sie Karo­lin ken­nen­lernt, fünf­fa­che Mut­ter, die mit ihrem Ins­ta-Kanal «Wil­des Leben» unglaub­lich vie­le Fol­lo­we­rin­nen erreicht. Sich und ihre Kin­der, ihren Mann Cle­mens, in allen Lebens­be­rei­chen zeigt. Und Gott.
Sie lädt Jana zu ihrem Lese­kreis ein, in wel­chem sie ein Kita-kri­ti­sches Sach­buch dis­ku­tie­ren. Jana ist zunächst befrem­det, und doch geht eine selt­sa­me Fas­zi­na­ti­on von Karo­lin und ihrem Leben aus. Die­sem gezähm­ten Cha­os, das immer wie­der bil­der­buch­mäs­sig insze­niert wird. Ihrer Part­ner­schaft mit Cle­mens, die eine ganz klas­si­sche zu sein scheint: Sie küm­mert sich um die Kin­der, er arbei­tet. Und den­noch ist es Jana, als wäre Cle­mens der viel bes­se­re Vater, einer, der sich mit Herz ein­bringt. Und dann ver­schwin­det Karo­lin plötz­lich für Tage. Ist nicht erreichbar.
Nach Karo­lins Rück­kehr ver­brin­gen die Kin­der und Jana mehr und mehr Zeit bei Karo­lin und ihren Freun­din­nen. Sie betreu­en die Klei­nen nun gegen­sei­tig, die Kita-Tage wer­den gestri­chen. Und als Noah sich tren­nen will, fällt Jana weni­ger aus allen Wol­ken, als sie selbst zunächst erwar­tet hät­te. Sie hat nun eine neue Wahl­fa­mi­lie. Dass die­se kei­ne kla­re Gren­ze zur AfD zieht, sich mit deren Wer­ten iden­ti­fi­ziert, dar­über zer­bricht sich Jana kaum den Kopf.
Mit fort­schrei­ten­der Schwan­ger­schaft tre­ten ihre kör­per­li­chen Bedürf­nis­se in den Vor­der­grund, scheint es für sie der rich­ti­ge Ent­scheid, Mut­ter und nur Mut­ter zu sein, fühlt sie sich in ihrer neu gewähl­ten Struk­tur sicher und getragen.
Der Jour­na­lis­tin und Autorin Han­nah Lüh­mann gelingt in ihrem zwei­ten Roman eine Dar­stel­lung ver­schie­de­ner Lebens­wel­ten und von deren Vola­ti­li­tät. Sie bewer­tet nicht, sie erzählt nicht aus, sie zeigt.
Und doch hät­te die Tren­nung zwi­schen Noah und Jana mehr Raum, mehr Zeit, mehr Sorg­falt haben dürfen.

Lüh­mann, Han­nah: Hei­mat. Roman. Han­ser­blau. Mün­chen 2025. ISBN 978 3 446 28282 7. 170 Seiten.

Schö­ne Scham, häss­li­che Scham
Bian­ca Nawrath: Schö­ne Scham. Roman.
Kata, Ola, Ama­lia. Die drei Mitt­zwan­zi­ge­rin­nen erzäh­len uns aus wech­seln­der Per­spek­ti­ve ein paar Tage wäh­rend ihres Auf­ent­halts im Feri­en­haus von Katas Eltern in Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Dort ver­brin­gen sie gemein­sam mit Len­ny und Chris­ti­an eine nicht ganz so unbe­schwer­te Zeit wie zunächst ange­nom­men. Zwi­schen illus­tren Buch­rü­cken und Desi­gner­ses­seln, But­ter aus dem Töpf­chen, Sil­ber­be­steck und Geschirr von Vil­leroy & Boch. Mit Blick auf die wei­te Landschaft.
Wäh­rend es Katas Eltern offen­bar «geschafft» haben, kom­men Ola und Ama­lia aus deut­lich ein­fa­che­ren Ver­hält­nis­sen, und Klas­sis­mus schwingt in Bian­ca Nawraths Debüt­ro­man immer mit. Sodass man nicht alles wer­den kann, bei­spiels­wei­se, wenn sich die Eltern für den sozia­len Auf­stieg der Kin­der abra­ckern. Auch dass man nicht jeden haben kann, son­dern mög­lichst «den Rich­ti­gen» wäh­len soll­te und auch bes­ser kei­ne Frau, wie Ola es tut. Wenn ihre Mut­ter sich nach der Tren­nung vom gewalt­be­rei­ten Vater auch geöff­net hat. Ihren Töch­tern ande­res wünscht.
Dass in die­ser Idyl­le deut­lich wird, was Ama­lia bereits spür­te, lan­ge spür­te. Dass die Lie­be Chris­ti­ans, sei­ne teu­ren Geschen­ke, ein Zim­mer vol­ler Rosen bei ihrer Ankunft, über­tün­chen sol­len, was dar­un­ter miss­lingt. Unter der Lie­be. Eine, die sie nicht frei macht, eine, die sie bin­det. Und in ihrem Wech­sel­bad ver­un­si­chert. In der ein unan­ge­kün­dig­ter Mor­gen­spa­zier­gang zur Eska­la­ti­on füh­ren kann. In der sie nicht nach Gras rie­chen, kei­nen ande­ren Mann anlä­cheln darf.
Die Schau­spie­le­rin und Autorin Bian­ca Nawrath schaut uner­bitt­lich auf die Leer­stel­len zwi­schen ihren Figu­ren, dort­hin, wo sie ins Han­deln kom­men soll­ten und es nicht tun. Dort­hin, wo Kom­pli­zen­schaft beginnt. Und nicht so leicht endet. Dort­hin, wo längst noch nicht alle befreit sind aus patri­ar­cha­len Zwängen.
Den­noch könn­ten die Figu­ren­ent­wick­lung und ins­be­son­de­re die Dia­lo­ge auf den ers­ten hun­dert Sei­ten noch deut­lich stär­ker her­aus­ge­ar­bei­tet wer­den. So auch das Schmet­ter­lings­mo­tiv, wel­ches sowohl auf den ers­ten Sei­ten wie auch spä­ter im Roman wie­der auftaucht.

Nawrath, Bian­ca: Schö­ne Scham. Roman. Frank­fur­ter Ver­lags­an­stalt. Frank­furt am Main 2025. ISBN 978 3 627 00332 6. 252 Seiten.



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