Und dann wäre dies bereits der 24. Jahrgang von ensuite. Die Zeit vergeht im Flug. Seit der letzten physischen Heftumgestaltung sind bereits mehr als 13 Jahre vergangen. Wir haben uns immer wieder neu orientiert, neue Dinge eingeführt oder alte eingestellt. Dieses Mal wollen wir uns «dynamisieren», in der Haptik beweglicher machen. Es ist toll, wenn die Zeitschrift auf einem Designermöbel gut aussieht – aber noch besser ist, wenn sie in Händen oder Taschen transportiert wird. Mit diesem Umbau versuchen wir, beides hinzubekommen. Ob es uns gelungen ist, wird sich zeigen.
Bleiben wir in der Medienwelt: Wir liefern Themen, und die LeserInnen oder PolitikerInnen müssen die Inhalte prüfen oder gar verantworten. Unsere Aufgabe ist, Themen so aufzubereiten, dass die Öffentlichkeit ein Gefühl und das Wissen erhält, zu entscheiden, was brauchbar ist und wie oder was man damit anfangen will. Wir sind aber nicht die AnklägerInnen, wir verurteilen nicht, wir nehmen auch keine Position ein, nur weil uns etwas gefällt oder wir es gut finden – oder auch nicht. So die Theorie. Damit unterscheiden wir uns deutlich von der «Meinung», die jeder Mensch haben kann und auch soll. Deswegen sollten wir Medien uns von der Versuchung lösen, Partei zu ergreifen, nur weil etwas moralisch «gut» oder «schlecht» ist. Welches Recht hätten wir denn, aus unserer Sicht zu urteilen? Das gilt ebenso für PolitikerInnen, die zwar aus der Sicht einer Partei argumentieren, aber immer daran denken sollten, dass dies nur eine konzeptuelle politische Meinungsansicht ist – und nicht die Wahrheit –, diese Denkweise nicht jene der Bevölkerung ist, die man dann zu gewinnen versucht.
Ich thematisiere das hier deswegen, weil der Artikel «Wo die Grenze zwischen ideologischer und künstlerischer Förderung dünn wird und die Kulturpolitik versagt» (Ausgabe Dezember 2025) bei anderen Medien eigenartige Reflexe ausgelöst hat. Eine «Bund»-Journalistin hatte sich darauf eingeschossen, dass es sich um eine Verschwörungstheorie handelt – ohne aber die eigentlichen Fakten zu prüfen. Nur ein neues, aber wichtiges Detail am Rande: In dem von uns erwähnten Netzwerk taucht auch «Baba News» auf, ein Schweizer Onlinemagazin aus Bern, das sich an junge Menschen mit vielfältigen Wurzeln richtet und Themen wie Migration, Rassismus, Identität und Mehrfachzugehörigkeit aus einer migrantischen Perspektive behandelt. Dieser Redaktion wurden 2023 die Fördergelder vom Kanton Bern gekürzt, weil die Berichterstattung zu einseitig und teils antisemitisch war. Was in der Integrationspolitik zu viel ist, scheint in der Kulturförderung dehnbar zu sein. Ich bin mir deswegen nicht so sicher, ob die Tamedia-Journalistin unseren Artikel wirklich gelesen hat. Nun, die Ironie hierbei ist, dass in unserem Artikel alles, was mit «Verschwörungen» zu tun gehabt haben könnte, von «Bund» und BZ selbst stammte, sogar zitiert war. Der Rest bestand aus Fakten, die öffentlich einsehbar sind, und Fragen, die nicht lächerlich sind. Der Tamedia-Journalistin genügte die Antwort von der Stadt Bern: «Wir sind unschuldig und haben alles richtig gemacht.» Habe ich was verpasst? Seit wann ist eine solche Aussage ein «Beweis» für Schuld oder Unschuld? Erinnern Sie sich an die Lewinsky-Affäre im Jahr 1998, als Bill Clinton sogar unter Eid aussagte, dass er keine Affäre mit der damaligen Praktikantin Monica Lewinsky gehabt habe? Die ganze Welt war Zeuge. Unterdessen ist Clinton neben Donald Trump und Jeffrey Epstein auf Bildern aufgetaucht – und was denken Sie jetzt, liebe LeserInnen? Unschuldig oder schuldig? Alles gut orchestriert.
Deswegen müssen wir aufpassen mit unseren Meinungen und Urteilen. Oftmals kennen wir nur einige Aspekte und liegen meilenweit weg von der Realität. Intelligenz zeigt sich da, wo wir feststellen, dass wir nicht alles wissen können. Ich weiss, dass ich nichts weiss – das ist kein dummer Satz, und wer ihn versteht, ist tatsächlich klug.
Und das wünsche ich mir für das Jahr 2026. Ein bisschen mehr weniger. Dafür erfolgreich.
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 277, Januar 2026