Seit nun rund 25 Jahren beklage ich laut, dass die Diskussion über Kulturpolitik in vielen Fällen unprofessionell vonstattengeht. Oft spreche ich von der eigentlich fehlenden Kulturdefinition, die nicht mehr stattfindet, oder es geht um nicht nachvollziehbare Förder- oder Kulturkonzepte, die keine Konzepte sind. Da ist zum Beispiel auch die Tatsache, dass Kulturämter viel zu oft mit und für Kulturverbände politische Vorstösse ausarbeiten – und niemandem in den Sinn kommt, dass diese Art von Kulturpolitik, die mit öffentlichem Geld finanziert wird, viel zu einseitig wird. So entsteht die Bubble-Kultur, die immer wieder Bestandteil der Kritik ist, und diese ist nicht für das Publikum gemacht. Parteien von links bis rechts schlafen diesbezüglich.
Doch immerhin hat die SP am 21. August 2025 im Berner Stadtrat eine Interpellation eingebracht, die am 17. Dezember 2025 vom Gemeinderat beantwortet wurde. Diese Interpellation mit dem Titel «Zukunft der Dampfzentrale – Fragen zur strategischen Ausrichtung und zur Ausschreibung des neuen Leistungsvertrags» beinhaltet 13 Fragen zur Kündigung und Neuausschreibung des zweitgrössten öffentlichen Kulturförderpostens in Bern. Diese Geschichte ist seit letztem Frühling ein Thema mit vielen Kontroversen und Nebenästen. Doch kaum jemand nimmt sich die Zeit, dieses Gewirr um die jährlichen 2,4 Millionen Franken zu entflechten und Transparenz zu schaffen. Es ist auch kaum möglich. Die Abteilung Kultur der Stadt Bern und auch der Gemeinderat tun alles, um den Fragen auszuweichen.
Zum Beispiel fragen die SP-Stadträtinnen und Erstunterzeichnerinnen Barbara Keller und Nadine Aebischer, warum die zuständige Sachkommission (SBK) in den letzten Jahren nicht über die «Schwierigkeiten» mit dem Leistungsvertragspartner Dampfzentrale informiert worden sei. Wir erinnern uns: Vordergründig war es für alle eine Überraschung, dass sich die Stadt so unvorbereitet zu diesem erstmaligen Kündigungsschritt bewegen liess. Der Gemeinderat meint nun, er habe die SBK mehrmals über die Kulturbotschaft informiert, aber die Controlling-Gespräche zwischen Stadt und LeistungsvertragspartnerInnen seien nicht Gegenstand der Geschäftsberatung durch die SBK. Das finde ich insofern interessant, als konzeptuelle Themen mit der SBK beredet werden, die eigentlichen geschäftlichen Teile jedoch nicht. Eine Leistungsvertragskündigung, die ja im Vorfeld aufgrund eines Verhaltensfehlers angekündigt worden sein muss, ist definitiv ein Thema für die SBK, denn sie prüft die Geschäfte des Gemeinderats – also Verträge – und gibt dem Stadtrat Bericht dazu. Für die eigentlichen Inhalte der Leistungsverträge ist in der Regel die zuständige Direktion verantwortlich. Insofern stimmt die Aussage des Gemeinderats, dass Controlling-Gespräche nicht über die SBK laufen – aber das ist hier insofern falsch, als dies in der Interpellation gar nicht gefragt war. Eine mögliche Vertragskündigung oder Androhung davon ist die eigentliche Handlung – und genau darum geht es.
Die Fragen, die die SP-Stadträtinnen stellen, sind ziemlich klug, denn sie offenbaren Denkfehler und Widersprüche, die während des gesamten Ausschreibungsprozesses immer wieder zu Irritationen führten. Wir wissen das, weil wir selbst eingegeben hatten (siehe entsprechende Artikel in den Ausgaben September, Oktober, November und Dezember 2025).
Zum Beispiel fasziniert mich diese Antwort: «Gemäss Ausschreibung soll die Dampfzentrale als Kulturort ein vielfältiges Programm für ein möglichst breites Publikum anbieten.» Im ursprünglichen Leistungsvertrag ist jedoch definiert, dass das Haus nur durchschnittlich 80 Veranstaltungen mit einem Publikum von durchschnittlich 8000 BesucherInnen pro Jahr erreichen muss. Das ist deshalb spannend, weil der vergleichbare Leistungsvertrag des Vereins bee-flat, der jetzt ebenfalls für die Nutzung eingegeben hat, für seine Subventionen von 200 000 Franken durchschnittlich 70 Konzerte und 9000 BesucherInnen vorzuweisen hat. Wer denkt sich so etwas aus? Sogar das subventionierte Kino Rex erhält 250 000 Franken und muss 9000 BesucherInnen vorweisen. Aber diese beiden öffentlich geförderten Institutionen verfügen nicht über einen solch exorbitant grossen Kulturraum mit drei grossartigen Veranstaltungssälen. Die Dampfzentrale hat ein personelles Fassungsvermögen von rund 1500 Personen – wobei pro Anlass nur 700 Personen möglich sind. Dies aus lärmtechnischen Gründen, wobei allerdings durch versetzt stattfindende Veranstaltungen pro Abend 1400 möglich wären. Rein hypothetisch, wenn man an den Nachmittagen ebenfalls noch ein Publikumsprogramm hinbekommt mit etwa 300 BesucherInnen, wäre es grundsätzlich möglich, an Spitzentagen auf ca. 1700 BesucherInnen zu kommen. Logisch ist das eine steile Rechnung – jedoch mit einem Budget von 2,4 Millionen und einem durchschnittlichen Eintrittspreis von 35 Franken wäre das in fünf Tagen zu stemmen. Und was macht man dann an den restlichen 360 Tagen im Jahr?
Diese Fragen und Thesen sind berechtigt, denn sie sind auch der Kern der Ausschreibung des Leistungsauftrags. Allerdings fordert nun die Stadt, nachdem sie vor Jahren erfolgreich die Berner Tanzszene aus Überheblichkeit zerschlagen hat, dass die lokale Tanzszene wieder eingebunden wird. In der Interpellation stellen die Stadträtinnen die Frage, ob dem Gemeinderat bewusst ist, dass diese Fokussierung auf die lokale Tanzszene das aktuelle Niveau der Eigenfinanzierung (rund 20 % / 480 000 Franken) gefährden könnte. Die Antwort des Gemeinderats übertrifft wieder alles: «Gemäss Ausschreibung soll die Dampfzentrale als Kulturort ein vielfältiges Programm für ein möglichst breites Publikum anbieten. Sie soll eigene Veranstaltungen durchführen, Kooperationen eingehen und anderen Veranstaltenden eine Plattform bieten. Das Ziel der Ausschreibung liegt u. a. in einer partnerschaftlichen Einbindung des Berner Tanzschaffens, d. h., es wird erwartet, dass die Dampfzentrale als verlässliche Partnerin für das professionelle Berner Tanzschaffen agiert und auch dem professionellen nationalen oder internationalen Tanzschaffen im Programm einen Platz einräumt. Das Zuschlagskriterium ‹Plattform für Tanz› wird mit 20 % gewichtet.»
Das Berner Tanzschaffen wird dominiert durch den Verein Beta, der von der Choreografin und Tanzschaffenden Rena Brandenberger mit ins Leben gerufen wurde, weil eben die Berner Tanzszene aus der Dampfzentrale vertrieben wurde. Der Verein ist eine Selbsthilfegruppe für den Berner Tanz, aber in weiten Teilen unsichtbar und hat pro Jahr inklusive Veranstaltungen und Workshops etwa 4000–5000 BesucherInnen – anzunehmen, dass es sich um immer die gleichen Besuchergruppen handelt. Ich gehe davon aus, dass jede Gruppe, die sich um den Leistungsauftrag bemüht hat, bei diesem Verein angeklopft hat. Auch wir taten das – die Absage kam umgehend.
Im Gespräch mit dem Onlineblog «Hauptstadt» in Bern erklärte Brandenberger nun, dass sie zwar eingegeben hätten, aber nicht weitergekommen seien. Und sie seien froh darüber, weil sie eigentlich gar nicht in der Position seien, ein solches Haus zu leiten. Sie sähen sich mehr als Vertretung der Berner Szene und nicht als Institution – obschon sie das Tanzhaus Bern betreiben und auch das Festival Beta Stage auf die Beine gestellt haben –, und so solle es auch bleiben. Entsprechend hat sich der Verein Beta keinem der angeblichen FinalistInnen in den Ausschreibungs-Hunger-Games angeschlossen und auch nicht Einsicht in die Dossiers genommen. Zitat «Hauptstadt»: «Rena Brandenberger stellt sich vor, dass Beta im zukünftigen Vorstand der BetreiberInnen der Dampfzentrale sitzen wird und auch in die Programmkommission involviert sein wird.»
Doch zurück zum Gemeinderat. In Frage fünf der SP-Stadträtinnen geht es um Barrierefreiheit, Inklusion und ähnliche Themen. Und wieder überrascht der Gemeinderat mit seiner Antwort: «Bereits heute enthalten alle Leistungsverträge mit Kulturinstitutionen Bestimmungen zu Zugänglichkeit und Diskriminierungsfreiheit. Die Kulturförderung der Stadt Bern orientiert sich am gesellschaftlichen Nutzen. Von den geförderten Institutionen werden Verantwortung, Offenheit und gesellschaftliche Relevanz erwartet. Dabei geht es nicht nur darum, ein möglichst vielfältiges Publikum zu erreichen. Gesellschaftliche Vielfalt, unterschiedliche Lebenslagen und Lebensentwürfe sollten im professionellen Kulturschaffen ihr Abbild finden – im Personal, im Programm, in der Kommunikation und in der Zusammenarbeit. Das setzt voraus, dass die künstlerische Freiheit sowie das Recht auf öffentliche Darstellung von Kunst höchste Priorität haben. Freiheit der Kunst bedeutet für den Gemeinderat auch, sie inhaltlich nicht lenken zu wollen.»
Wenn man bedenkt, dass das Gebäude ab 2031 komplett umgebaut und renoviert werden soll, damit vielleicht die beiden grossen Säle parallel bespielt werden können, wird es vollends absurd. Für ein Jahr würde das Haus leer stehen, Millionen würden investiert – wofür eigentlich? Der Gemeinderat stellt sich ja vor, dass die Dampfzentrale künftig ein Programm für ein marginales Publikum anbietet, das gemäss Ausschreibung gleichzeitig «ein vielfältiges Programm für ein möglichst breites Publikum» sein soll. Das mag auf dem Papier mit 80 Vorstellungen und rund 8000 BesucherInnen funktionieren – doch weder die Ausschreibung noch der Leistungsvertrag noch die Bevölkerung, die Tanzszene Bern oder sonst jemand wird diesem Ort auf der Kulturkarte von Bern künftig noch Beachtung schenken.
Professionell geht anders.






