Edi­to­ri­al Nr. 278: Glaubenskrise

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Eigent­lich wür­de es der Welt schon rei­chen, wenn uns «nur» Trump mit sei­nem Hams­ter auf dem Kopf sei­ne Best­sel­ler-Sprü­che um die Ohren hau­en wür­de. Doch lei­der ist der Ton, den er anschlägt, längst salon­fä­hig gewor­den. Heu­te gilt quer durch alle Gesell­schafts­schich­ten das Mot­to: «Ich bin der Bes­te – nach mir die Sintflut».
Natür­lich ist das nichts Neu­es. Aber das Inter­net hat die­sem Den­ken einen frucht­ba­ren Boden gege­ben. Es hat uns zwar unge­ahn­te Mög­lich­kei­ten eröff­net, Wis­sen zu tei­len und Ant­wor­ten zu suchen – doch der Mensch ist, so scheint es, unfä­hig, mit die­ser Frei­heit umzu­ge­hen. Anstatt gemein­sam zu ler­nen, sind wir zu dau­er­haf­ten Selbst­sen­dern mutiert, zu Mar­ke­ting­ab­tei­lun­gen in eige­ner Sache.

Dar­un­ter lei­den die pro­fes­sio­nel­len Medi­en. Ihre Reak­ti­on? Pole­mik – das bil­ligs­te aller Mit­tel. Schlag­zei­len wie: «Die zehn bes­ten Tipps für den Aus­gang», «Die fünf wich­tigs­ten Künst­le­rIn­nen», «Die hun­dert reichs­ten Men­schen». Für alle, die es noch nicht gemerkt haben: Das stimmt nie. Es ist nur hoh­les Gebrab­bel, um Auf­merk­sam­keit zu hei­schen, Neid zu schü­ren und kurz das eige­ne Ego mit ein paar Sekun­den Ram­pen­licht zu füt­tern. Sol­che Redak­ti­ons­kon­zep­te füh­ren am Ende nur zu einer Art natür­li­cher Aus­mist­se­lek­ti­on: Wer die Klick­rang­lis­te nicht anführt, ver­liert den Job. Aber das ret­tet weder den Jour­na­lis­mus noch die Demokratie.

Dann gibt es den «Medi­en­ab­klatsch» – wenn ein Haus einen span­nen­den Arti­kel ver­öf­fent­licht, folgt bald das Me-Too-Echo der Kon­kur­renz. War­um? Weil in den aus­ge­dünn­ten Redak­tio­nen kaum noch Zeit oder Luft bleibt, wirk­lich Neu­es zu ent­wi­ckeln. Die The­men­flut pras­selt auf zu weni­ge Köp­fe nie­der, das Resul­tat ist intel­lek­tu­el­ler Matsch statt öffent­li­cher Rele­vanz. Des­halb wer­den Zei­tun­gen dün­ner, obwohl die Welt kom­ple­xer und glo­ba­ler ist als je zuvor. Arbeit gäbe es mehr als genug – nur kos­tet sie etwas. Und wer soll das bezahlen?

Es geht längst nicht mehr um Gemein­schaft, son­dern um Ver­mark­tung: um Reich­wei­ten, Mar­ken, Kon­sum. Alle sind Sen­der, nie­mand mehr Zuhö­rer. Das Wort «Kon­sum­kraft» ver­schlägt mir regel­mäs­sig den Atem – weil es die Per­ver­si­on unse­res Den­kens in einem Begriff ein­fängt. Die alten Fra­gen von «Sein und Haben» lie­gen unter einer Lawi­ne aus Bull­shit-Müll begra­ben, dabei lägen dar­in die Lösungs­an­sät­ze, die wir so ver­zwei­felt bräuch­ten, aber nicht mehr suchen.

Auch die Poli­tik hat sich der Logik der Selbst­ver­mark­tung erge­ben. Kri­tik wird reflex­ar­tig weg­ge­lä­chelt: «Alles ist gut! Wir sind super!» – Nein. Gera­de weil Kri­tik geäus­sert wird, ist eben nicht alles gut. Wel­che Pro­ble­me, Hand aufs Herz, haben wir in den letz­ten 15 Jah­ren wirk­lich gelöst? Die Dau­er­be­schwö­rung des Posi­ti­ven hat längst unse­re Sicht getrübt.

Und die Kul­tur? Sie müss­te doch Raum sein für Selbst­re­fle­xi­on, nicht nur für Dau­er­be­rie­se­lung. Doch 80 Pro­zent des­sen, was pro­du­ziert oder geför­dert wird, zieht spur­los an mir vor­bei. Es fragt mich nicht als Mensch, es bezieht mich nicht mit ein. Vie­le sen­den, ohne zu hören, was zurück­kommt. Statt um Wei­ter­ent­wick­lung geht es um Unter­hal­tung, um Konsum.

Und es irri­tiert mich, wenn Zwan­zig­jäh­ri­ge mir die Welt erklä­ren, als hät­te ich nie auch selbst gelebt und Erfah­run­gen gesam­melt, Fra­gen gestellt. Ich war auch mal zwan­zig, und ich erin­ne­re mich an den Hun­ger, etwas ver­än­dern zu wol­len. Ich will das noch heu­te. Aber ich habe gelernt, dass es immer einen Weg gibt, der mich dahin­ge­führt hat, wo ich heu­te ste­he. Und der beginnt weit vor mei­ner Zeit. Die­se Zusam­men­hän­ge sind wich­tig, und die­se Geschich­ten und die­ses Wis­sen feh­len heu­te oft. Ich ver­mu­te, dass sich des­we­gen Men­schen und Wirt­schaft vom Kunst­schaf­fen abwen­den. Sie gehö­ren nicht mehr dazu.

Kul­tur ist das, was der Mensch erschafft. Doch das heisst nicht, dass wir uns dafür stän­dig selbst fei­ern soll­ten. Dazu gibt die Welt­la­ge im Jahr 2026 kei­nen Anlass. Wir brau­chen weni­ger Applaus und mehr Arbeit. Schluss mit der Unter­hal­tung. Zeit für Bewusstsein.



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