Eigentlich würde es der Welt schon reichen, wenn uns «nur» Trump mit seinem Hamster auf dem Kopf seine Bestseller-Sprüche um die Ohren hauen würde. Doch leider ist der Ton, den er anschlägt, längst salonfähig geworden. Heute gilt quer durch alle Gesellschaftsschichten das Motto: «Ich bin der Beste – nach mir die Sintflut».
Natürlich ist das nichts Neues. Aber das Internet hat diesem Denken einen fruchtbaren Boden gegeben. Es hat uns zwar ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, Wissen zu teilen und Antworten zu suchen – doch der Mensch ist, so scheint es, unfähig, mit dieser Freiheit umzugehen. Anstatt gemeinsam zu lernen, sind wir zu dauerhaften Selbstsendern mutiert, zu Marketingabteilungen in eigener Sache.
Darunter leiden die professionellen Medien. Ihre Reaktion? Polemik – das billigste aller Mittel. Schlagzeilen wie: «Die zehn besten Tipps für den Ausgang», «Die fünf wichtigsten KünstlerInnen», «Die hundert reichsten Menschen». Für alle, die es noch nicht gemerkt haben: Das stimmt nie. Es ist nur hohles Gebrabbel, um Aufmerksamkeit zu heischen, Neid zu schüren und kurz das eigene Ego mit ein paar Sekunden Rampenlicht zu füttern. Solche Redaktionskonzepte führen am Ende nur zu einer Art natürlicher Ausmistselektion: Wer die Klickrangliste nicht anführt, verliert den Job. Aber das rettet weder den Journalismus noch die Demokratie.
Dann gibt es den «Medienabklatsch» – wenn ein Haus einen spannenden Artikel veröffentlicht, folgt bald das Me-Too-Echo der Konkurrenz. Warum? Weil in den ausgedünnten Redaktionen kaum noch Zeit oder Luft bleibt, wirklich Neues zu entwickeln. Die Themenflut prasselt auf zu wenige Köpfe nieder, das Resultat ist intellektueller Matsch statt öffentlicher Relevanz. Deshalb werden Zeitungen dünner, obwohl die Welt komplexer und globaler ist als je zuvor. Arbeit gäbe es mehr als genug – nur kostet sie etwas. Und wer soll das bezahlen?
Es geht längst nicht mehr um Gemeinschaft, sondern um Vermarktung: um Reichweiten, Marken, Konsum. Alle sind Sender, niemand mehr Zuhörer. Das Wort «Konsumkraft» verschlägt mir regelmässig den Atem – weil es die Perversion unseres Denkens in einem Begriff einfängt. Die alten Fragen von «Sein und Haben» liegen unter einer Lawine aus Bullshit-Müll begraben, dabei lägen darin die Lösungsansätze, die wir so verzweifelt bräuchten, aber nicht mehr suchen.
Auch die Politik hat sich der Logik der Selbstvermarktung ergeben. Kritik wird reflexartig weggelächelt: «Alles ist gut! Wir sind super!» – Nein. Gerade weil Kritik geäussert wird, ist eben nicht alles gut. Welche Probleme, Hand aufs Herz, haben wir in den letzten 15 Jahren wirklich gelöst? Die Dauerbeschwörung des Positiven hat längst unsere Sicht getrübt.
Und die Kultur? Sie müsste doch Raum sein für Selbstreflexion, nicht nur für Dauerberieselung. Doch 80 Prozent dessen, was produziert oder gefördert wird, zieht spurlos an mir vorbei. Es fragt mich nicht als Mensch, es bezieht mich nicht mit ein. Viele senden, ohne zu hören, was zurückkommt. Statt um Weiterentwicklung geht es um Unterhaltung, um Konsum.
Und es irritiert mich, wenn Zwanzigjährige mir die Welt erklären, als hätte ich nie auch selbst gelebt und Erfahrungen gesammelt, Fragen gestellt. Ich war auch mal zwanzig, und ich erinnere mich an den Hunger, etwas verändern zu wollen. Ich will das noch heute. Aber ich habe gelernt, dass es immer einen Weg gibt, der mich dahingeführt hat, wo ich heute stehe. Und der beginnt weit vor meiner Zeit. Diese Zusammenhänge sind wichtig, und diese Geschichten und dieses Wissen fehlen heute oft. Ich vermute, dass sich deswegen Menschen und Wirtschaft vom Kunstschaffen abwenden. Sie gehören nicht mehr dazu.
Kultur ist das, was der Mensch erschafft. Doch das heisst nicht, dass wir uns dafür ständig selbst feiern sollten. Dazu gibt die Weltlage im Jahr 2026 keinen Anlass. Wir brauchen weniger Applaus und mehr Arbeit. Schluss mit der Unterhaltung. Zeit für Bewusstsein.






