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Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on: Crans-Mon­ta­na – Ana­to­mie eines Namens, der sei­ne Bedeu­tung geän­dert hat

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Von Flo­ri­an Sil­ni­cki - Es gibt Namen, die sofort ein Ver­spre­chen her­vor­ru­fen: Son­ne auf Schnee, eine Aus­zeit, Frei­heit. Und dann gibt es den Moment, in dem sich ein Name wan­delt. In dem er nicht mehr in ers­ter Linie an eine Land­schaft erin­nert, son­dern an eine Tra­gö­die. Seit dem töd­li­chen Brand in der Bar Le Con­stel­la­ti­on in der Sil­ves­ter­nacht ist Crans-Mon­ta­na nicht mehr nur ein Feri­en­ort: Der Name wird nun mit Tod, Fas­sungs­lo­sig­keit und zer­rüt­te­ten Fami­li­en asso­zi­iert. Die Bilanz von 40 Toten und min­des­tens 116 Ver­letz­ten reicht aus, um die Gewalt der Schock­wel­le zu ver­ste­hen. Die Behör­den ver­mu­ten als Ursa­che wahr­schein­lich Wun­der­ker­zen (Spar­klers), die eine mit Schall­dämm­schaum bedeck­te Decke in Brand gesetzt haben könn­ten; und der Bür­ger­meis­ter räum­te ein, dass seit 2019 kei­ne jähr­li­chen Inspek­tio­nen mehr durch­ge­führt wur­den, obwohl die­se vor­ge­se­hen waren. Eini­ge Ana­ly­se­ele­men­te, wäh­rend Nico­las Féraud wenig und schlecht vor­be­rei­tet schien und den Anfor­de­run­gen der letz­ten Pres­se­kon­fe­renz nicht gewach­sen war.

Vom Rei­se­ziel zum Sym­bol: Crans-Mon­ta­na wird nun mit dem Tod in Ver­bin­dung gebracht Für Men­schen, die Crans-Mon­ta­na nicht kann­ten, ist die ers­te Begeg­nung mit dem Rei­se­ziel nun durch den Tod geprägt. Im Mar­ke­ting nennt man das eine Kata­stro­phe: Der «ers­te Ein­druck» prägt sich ein. Aber in Wirk­lich­keit ist es noch schlim­mer: Denn die Tra­gö­die ist kein «exter­nes Ereig­nis» (ein Sturm, ein Erd­be­ben, eine Natur­ka­ta­stro­phe). Hier deu­ten die öffent­li­chen Infor­ma­tio­nen bereits auf Fra­gen der Prä­ven­ti­on und Kon­trol­le hin (nicht durch­ge­führ­te Inspek­tio­nen, Mate­ria­li­en, Vorrichtungen).

Mit ande­ren Wor­ten: Nicht der Berg hat getö­tet. Es ist mög­li­cher­wei­se ein Sys­tem, das dies nicht ver­hin­dert hat. Und wenn eine Kri­se auf ein ver­sa­gen­des Sys­tem hin­deu­tet, lässt sich der Ruf nicht mit Fotos von Pul­ver­schnee wie­der­her­stel­len. Er lässt sich nur mit Bewei­sen für Ver­än­de­run­gen wiederherstellen.
Der schlimms­te Feh­ler: «Beru­hi­gen» mit «es ver­die­nen, beru­hi­gend zu sein» ver­wech­seln Tou­ris­ti­sche Rei­se­zie­le haben einen paw­low­schen Reflex: «Man muss beru­hi­gen.» Das ist ver­ständ­lich. Nur dass Beru­hi­gen, bevor man gehan­delt hat, eine Lüge im Vor­aus ist.

Schlech­te Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on ist die­je­ni­ge, die die Situa­ti­on ver­harm­lost («Ein­zel­fall», «Aus­nah­me­fall»), obwohl es 40 Tote gibt, dar­un­ter auch Min­der­jäh­ri­ge, sich aus der Ver­ant­wor­tung zieht («es ist nicht die Sta­ti­on, es ist eine pri­va­te Ein­rich­tung»), obwohl der Name «Crans-Mon­ta­na» in den Medi­en prä­sent ist, den Raum mit emo­tio­na­len Bot­schaf­ten ohne kon­kre­te Ent­schei­dun­gen über­flu­tet (per­for­ma­ti­ves Mit­ge­fühl), die Wer­be­ma­schi­ne­rie zu früh wie­der anwirft (Influen­cer, «Win­ter Vibes», Ange­bo­te), als kön­ne man die Trau­er mit einem Insta­gram-Fil­ter überdecken.

Sei­en wir päd­ago­gisch: Ver­trau­en ist eine ein­fa­che Gleichung

Ver­trau­en =
Empa­thie + Wahr­heit + Han­deln + Überprüfung

Ohne Über­prü­fung (Audit, unab­hän­gi­ge Kon­trol­le, Trans­pa­renz) ist Han­deln ver­däch­tig. Ohne Wahr­heit (Zeit­leis­te, Ver­ant­wort­lich­kei­ten, Doku­men­te) gleicht Empa­thie einer Pressemitteilung.

Die Fami­li­en sind noch mit der Iden­ti­fi­zie­rung beschäf­tigt, die Kran­ken­häu­ser und die Jus­tiz mit den Ermitt­lun­gen. Und wir den­ken in ers­ter Linie an sie in die­ser dra­ma­ti­schen Lebensprüfung.

Kaprun oder die Erin­ne­rung, die nicht ver­schwin­det … Um zu ver­ste­hen, was Crans-Mon­ta­na erwar­tet, schau­en wir uns einen Fall in den Ber­gen an, der eben­falls in eine Tra­gö­die mün­de­te: Kaprun (Öster­reich). Im Novem­ber 2000 kam es bei einem Brand in einer Standseilbahn/Seilbahn in einem Tun­nel zum Tod von 155 Menschen.

Kaprun hat dies nicht «aus­ge­löscht». Das ist unmög­lich. Auch 25 Jah­re spä­ter ist es noch immer ein his­to­ri­scher, recht­li­cher und gedächt­nis­be­zo­ge­ner Mei­len­stein. Aber Kaprun lie­fert eine nütz­li­che Leh­re: Ein Ort kann ein Dra­ma über­ste­hen, wenn die­ses Dra­ma als akzep­tier­te Nar­be behan­delt wird und nicht als Fleck, den es zu ver­ber­gen gilt.

Kon­kret bedeu­tet dies zwei Dinge:
Die Erin­ne­rung insti­tu­tio­na­li­sie­ren (eine wür­di­ge, bestän­di­ge Ehrung, kei­ne oppor­tu­nis­ti­sche Schweigeminute).
Sicher­heit in über­prüf­ba­re Ver­pflich­tun­gen umwan­deln (Nor­men, Vor­rich­tun­gen, Kon­trol­len) – denn die ein­zi­ge Mög­lich­keit, auf «Nie wie­der» zu reagie­ren, besteht dar­in, das «Nie wie­der» nach­weis­bar zu machen.
Ischgl oder wenn ein Ort zu einem «Sym­bol» wird, das über ihn hin­aus­geht Ein wei­te­rer Ver­gleich: Ischgl. Wäh­rend der ers­ten Covid-19-Wel­le wur­de Ischgl zu viel mehr als einem Dorf: zu einem Sym­bol in den Medi­en. Der öster­rei­chi­sche Ski­ort war ab März 2020 ein Ort der Anste­ckung für Tau­sen­de euro­päi­scher Touristen.
Crans-Mon­ta­na läuft Gefahr, in Debat­ten über die Sicher­heit von Fest­stät­ten zu einem Bezugs­punkt zu wer­den. Man hat kei­ne Kon­trol­le dar­über, was aus dem Namen wird, man kon­trol­liert nur die Qua­li­tät der eige­nen Reaktion.
Die Mecha­nik «Fun­ken und Schaum» ist kein Geheim­nis, son­dern ein töd­li­cher Klas­si­ker Ich wer­de mich noch deut­li­cher aus­drü­cken: Wenn in einer Unter­su­chung von Funken/Pyrotechnik und Schaum die Rede ist, hat die Welt die­sen Film schon gese­hen, und er endet oft sehr schlecht.
Ein doku­men­tier­tes Bei­spiel: der Brand im Sta­ti­on Night­club (Rho­de Island, 2003). Das NIST (Natio­nal Insti­tu­te of Stan­dards and Tech­no­lo­gy) beschreibt, wie Pyro­tech­nik einen Schaum­stoff (Poly­ure­than) ent­zün­de­te, der sich extrem schnell aus­brei­te­te: In etwas mehr als einer Minu­te war Rauch zu sehen, in weni­ger als fünf Minu­ten schlu­gen Flam­men aus dem Dach, die Eva­ku­ie­rung wur­de durch die Men­schen­men­ge behindert.

Ich sage nicht, dass es «genau so ist». Ich sage: Das Mus­ter ist bekannt. Und wenn ein Mus­ter in der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on bekannt ist, wer­den zwei Sät­ze gif­tig: «Das war nicht vor­stell­bar.» Und: «Nie­mand hat­te gewarnt.» Die Öffent­lich­keit ist kein Brand­schutz­in­ge­nieur, aber sie ver­steht eines: Wenn ein Sze­na­rio bekannt ist, dann ist es durch geeig­ne­te Mate­ria­li­en, Kon­trol­len, Kapa­zi­tä­ten, Alarm­an­la­gen, Aus­gän­ge und Schu­lun­gen ver­meid­bar. Die Öffent­lich­keit akzep­tiert, mit einem Risi­ko zu leben, akzep­tiert aber nie­mals, dass nicht alles getan wur­de, um die­ses Risi­ko zu begrenzen.

Der Ruf von Crans-Mon­ta­na wird also auch von die­ser Fra­ge abhän­gen: Haben wir eine uni­ver­sel­le Lek­ti­on gelernt oder haben wir die offen­sicht­li­che Erkennt­nis erst im Nach­hin­ein gewonnen?

Was zu tun ist: auf­hö­ren, von «Wie­der­her­stel­lung» zu spre­chen, und anfan­gen, von «Wie­der­gut­ma­chung» zu spre­chen Das Wort «Wie­der­her­stel­lung» ist gefähr­lich. Es sug­ge­riert, dass man zum Sta­tus quo zurück­kehrt. Man kehrt nicht zum Sta­tus quo zurück. Es wird ein Vor­her und ein Nach­her geben. Das eigent­li­che Ziel ist es, mora­lisch wie­der salon­fä­hig und dann auf Dau­er wie­der begeh­rens­wert zu werden.

Ich schla­ge einen ein­fa­chen Plan vor, der drei Berei­che umfasst.

1. Trau­er­ar­beit: abso­lu­te Prio­ri­tät, kein Zynismus
Die Trau­er­ar­beit muss sicht­bar, respekt­voll und unei­gen­nüt­zig sein: Raum für Besin­nung, Unter­stüt­zung der Fami­li­en, dis­kre­te, aber soli­de Koor­di­na­ti­on mit den Behör­den. Die Ehrung darf kein «Moment» sein. Sie muss zu einer Ein­rich­tung wer­den: jähr­lich, sta­bil, fried­lich. Eine gut durch­ge­führ­te Trau­er ver­bes­sert das Image nicht. Sie ver­hin­dert jedoch, dass es wei­ter zer­stört wird. Und das ist schon enorm.

2. Die Arbeit der Wahr­heit: radi­ka­le Transparenz
Der Bür­ger­meis­ter hat bereits öffent­lich schwer­wie­gen­de Fak­ten genannt (Feh­len jähr­li­cher Inspek­tio­nen seit 2019, wahr­schein­li­che Ursache).
Die­se Aus­sa­ge erfor­dert Fol­ge­mass­nah­men: orga­ni­sier­te Trans­pa­renz. Das bedeu­tet: Ver­öf­fent­li­chung einer sach­li­chen Chro­no­lo­gie (ohne die Ermitt­lun­gen zu beein­träch­ti­gen); Erläu­te­rung, wer was in wel­chem Rhyth­mus und mit wel­chen Mit­teln kon­trol­liert; Sicht­bar­ma­chung der unmit­tel­ba­ren Ent­schei­dun­gen (Ver­bo­te, Schlies­sun­gen, Audits) und vor allem ihrer Gründe.

3. Die Beweis­la­ge: Audit, Nor­men, unab­hän­gi­ge Überprüfung
Der Ruf kann wie­der­her­ge­stellt wer­den, wenn die Men­schen sagen kön­nen: «Sie haben sich geän­dert, und das sagen nicht sie selbst, son­dern es ist über­prüft wor­den.» Kon­kret bedeu­tet dies, dass ein Ski­ge­biet, das sein Image als Todes­ort los­wer­den will, weit­rei­chen­de Mass­nah­men ergrei­fen muss:
Sicher­heits­au­dit aller öffent­lich zugäng­li­chen Berei­che (nicht nur der «gros­sen» Berei­che, son­dern auch der Kel­ler, Bars, Après-Ski-Loka­le und pri­va­ten Räu­me); öffent­li­cher Zeit­plan für Inspek­tio­nen und Nach­kon­trol­len (ggf. anony­mi­siert, aber real); Schu­lun­gen und Eva­ku­ie­rungs­ver­fah­ren (kein deko­ra­ti­ves E‑Learning, son­dern kon­kre­te Mass­nah­men, Übun­gen, Ver­ant­wort­lich­kei­ten); vor allem: eine unab­hän­gi­ge Instanz, die fest­stellt und ver­öf­fent­licht (sonst heisst es «Glau­ben Sie uns ein­fach» … und nach einer Tra­gö­die glaubt nie­mand mehr jemandem).

Crans-Mon­ta­na wird heu­te mit dem Tod in Ver­bin­dung gebracht, weil dort Men­schen ums Leben gekom­men sind und weil die­se Tra­gö­die bereits Fra­gen zur Prä­ven­ti­on (Inspek­tio­nen, Vor­rich­tun­gen, Mate­ria­li­en) aufwirft.

Das lässt sich nicht «wie­der­her­stel­len». Das lässt sich reparieren.

Und Repa­ra­tu­ren sind schwer. Sie dau­ern lan­ge. Sie sind unan­ge­nehm. Sie kos­ten Geld. Aber es ist der ein­zi­ge Weg. Denn letzt­end­lich lässt sich ein Ruf nicht dar­auf redu­zie­ren, was man über sich selbst sagt: Er hängt davon ab, was man beweist.

Flo­ri­an Sil­ni­cki: Exper­te für Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on, Grün­dungs­prä­si­dent von LaF­rench­Com, Autor von «La com de cri­se : Une ent­re­pri­se ne dev­rait pas dire ça !» (Edi­ti­ons Bréal)

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