Anton Brüschweiler

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Anton Brü­sch­wei­ler: Chüsch­ti­ge Töne und Tex­te aus der Käserei

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Seit Jahr­zehn­ten berei­chert Anton als «bun­ter Hund» die Kul­tur­sze­ne weit über Bern hin­aus. Der Gitar­ren­künst­ler war und ist in x For­ma­tio­nen unter­wegs, und sei­ne schrä­gen Kolum­nen zau­bern ein anar­chis­ti­sches Lächeln auf unse­re Lip­pen – selbst bei schwie­rigs­ten Gesell­schafts- und Polit­the­men. In sei­ner alten Chä­si Gysen­stein im Emmen­tal bricht er jetzt ein­mal mehr auf mit tra­shi­gen Tönen und einem frisch gebo­re­nen Buch.

Es gibt sie noch, die seriö­sen Zei­tun­gen. Die gan­ze Welt ist medi­al besetzt von Fake-Sto­rys, Brea­king News, Info­tain­ment sowie Abglanz und Glo­ria. Doch im Nord­wes­ten Gal­li­ens leis­tet das Obe­re Emmen­tal Wider­stand mit der «Wochen-Zei­tung fürs Emmen­tal und Ent­le­buch». Gra­tis flat­tert sie jeden Don­ners­tag in alle Haus­hal­te und erzählt von Hor­nus­ser­fes­ten, Tigers-Hockey, Schul­haus­ein­wei­hun­gen, SVP-Wahl­sie­gen und chä­chen bärn­düt­schen Begrif­fen, wel­che die Men­schen auf der Moo­segg oder in Unter­frit­ten­bach noch täg­lich ver­wen­den. Da liest man nicht nur die Todes­an­zei­gen, son­dern fin­det auch Inse­ra­te für bezahl­ba­re Woh­nun­gen, die nicht online aus­ge­schrie­ben wer­den. Und als wür­den Ver­lag und Redak­ti­on ab und zu am Zau­ber­trank nip­pen, über­ra­schen einen wöchent­lich eine lie­be­vol­le Kul­tur­be­richt­erstat­tung, jour­na­lis­ti­sche Klein­ode und Kolum­nen von aller­lei Ein­ge­bo­re­nen oder Ein­ge­wan­der­ten, die in der länd­li­chen Welt durch­aus respek­tiert wer­den, wenn sie sich für Land und Leu­te enga­gie­ren. Und redi­giert sind die Tex­te sorg­fäl­ti­ger als weit her­um in der nicht nur von einst gram­ma­ti­ka­li­schen Höhen her­un­ter­ge­kom­me­nen hel­ve­ti­schen Medi­en­land­schaft aus Zürich.

So ein unge­zo­ge­ner Zuge­zo­ge­ner ist der Anton aus Gysen­stein, ganz in der Nähe von Konol­fin­gen, wo einst die Stal­den­crè­me erfun­den wur­de. Von Bern kom­mend mit der S‑Bahn steigt das geneig­te Publi­kum des dor­ti­gen Kul­tur­zen­trums in Tägert­schi aus und pil­gert zur alten Chä­si hoch. Wo ein Jahr­hun­dert lang Emmen­ta­ler Käse pro­du­ziert wur­de, prä­sen­tiert Anton mit befreun­de­ter Rock- und Welt­mu­sik qua­si sei­ne musi­ka­li­schen «Indiepen­den­zen». Hier ertö­nen nun wür­zi­ge Klang­knol­len, Musik-Mutsch­li, Weich­kä­se-Sym­pho­nien oder ande­rer kom­po­si­to­ri­scher Käse. Und die eige­nen Bands und Con­nec­tions sind hier auch zu Hau­se. Einst war unser Held mit Pünkt­chen und Anton unter­wegs und hüpf­te an der Strom­gi­tar­re im Ber­ner Quar­tier­zen­trum Breit­sch­träff her­um wie ein Der­wisch. In der Sze­ne des Espace Mit­tel­land hin­ter­liess er Spu­ren und Plat­ten mit den Hel­len Bar­den und den Head­clea­ners, als Super­an­ton tour­te er im Tutu durch die Clubs und spiel­te sich mit «Djan­go­lo­gy» oder dem ein­ma­li­gen «Zapperlot»-Festival in die musi­ka­li­schen Erinnerungen.

Weil Anton ger­ne gel­be Hosen trägt (neben aller­lei ande­ren bun­ten Kla­mot­ten), wird er immer mal wie­der als Gemein­de­ar­bei­ter ange­spro­chen, obschon er gesteht, über kei­ne hand­werk­li­che Bega­bung zu ver­fü­gen, was natür­lich nicht stim­men kann – wie so vie­les, über das er in sei­nen etwa 120 Kolum­nen in eben­dem erwähn­ten Wochen­blatt in 17 Jah­ren geschrie­ben hat. Die­ser Tage erscheint zum zwei­ten Male eine Samm­lung sei­ner fan­tas­ti­schen Gedan­ken­ge­schich­ten. «Die­ses Buch ist für labi­le, unaus­ge­gli­che­ne Per­so­nen abso­lut unge­eig­net», warnt der Buch­de­ckel. Trotz­dem haben die wag­hal­si­gen Sto­rys immer mal wie­der Fol­gen, die Autor Brü­sch­wei­ler – «ich has­se mei­nen Nach­na­men» – sel­ber erschau­ern las­sen. So wur­de sei­ne Sati­re dar­über, wie er unver­se­hens zu einem Mil­li­ar­den­ver­mö­gen gekom­men sei, für bare Mün­ze genom­men, samt Neben­wir­kun­gen wie Bet­tel­brie­fen, einem TV-Auf­tritt bei Aesch­ba­cher oder dem Maga­zin­text «Der Anar­chist im Emmen­tal». Wenn Anton über Dro­gen schreibt, den Leh­rer­man­gel (sie­he Kas­ten), die klei­nen Blei­stif­te bei IKEA, einen Klopf­geist, Feri­en als Geschäfts­mo­dell gegen den Kli­ma­wan­del oder «sein» Gitar­ren­riff bei «Smo­ke on the Water», ist dies erfri­schend irri­tie­rend. Des­halb ist der Buch­ti­tel «Die Hoff­nung zu stö­ren» eigent­lich sein Lebens­pro­gramm, auch für Anton, der Gitar­ren sam­melt und nicht weiss, wie sei­ne Berufs­be­zeich­nung lau­tet: «Bin ich Gitar­ren­leh­rer, Musi­ker, Kat­zen-Domp­teur, Lie­der­ma­cher, Kom­po­nist, Lei­ter eines Kul­tur­zen­trums oder Schrift­stel­ler?», fragt er sich auf Sei­te 26. «Draht­zie­her» ist eine sei­ner Lösun­gen, um die Klang­ma­le­rei­en und Misch­le­rei­en sei­nes Wir­kens zu beschrei­ben. Wer ihn bes­ser ken­nen­ler­nen will, schreibt sich am bes­ten bei einem sei­ner Kur­se zu «unge­sund leben» ein.

Wäh­rend sein Buch gera­de erscheint, hat sich Anton bei den Kolum­nen aus­ge­schrie­ben und wagt sich an einen Roman, ver­mut­lich auto­im­mun und ‑bio­gra­fisch. Er kann eini­ge Wochen als Artist in Resi­dence in einem Lite­ra­tur­haus in Vents­pils in Lett­land sei­ne Gedan­ken und Wor­te bün­deln. Gleich­zei­tig ist er mit diver­sen Bands unter­wegs: mit dem frü­he­ren Stilz Küre Güdel, den Hous­ton Sou­lu­ti­on, Flash­gar­den, den Back Doors Men oder sei­ner Fritz Deme­ter All Star Band. Oder er pusht ein Pro­jekt sei­ner Toch­ter, Andre­as Trash Band. Die Buch­ver­nis­sa­ge von «Die Hoff­nung zu stö­ren» gibts am 13. Dezem­ber in der Chä­si Gysenstein.

Details bei www.antonline.ch.

Eine Geschich­te aus dem Buch «Die Hoff­nung zu stö­ren» von Anton Brüschweiler

Leh­rer­man­gel
Letz­ten Diens­tag ging ich mor­gens über die Lor­raine­brü­cke in Bern. Plötz­lich hielt ein blau­er VW-Bus mit quiet­schen­den Rei­fen neben mir. Die hin­te­re Sei­ten­tü­re wur­de geöff­net, und ehe ich mich ver­sah, wur­de ich von einem Poli­zis­ten in das Fahr­zeug gezerrt. Zuerst dach­te ich an eine Ver­wechs­lung, doch dann wur­de ich eines Bes­se­ren belehrt: «Leh­rer­in­nen­man­gel», schnauz­te mich der Poli­zist unfreund­lich an. Da sich zu wenig für die­sen Job mel­den, schnappt sich der Staat irgend­wel­che Men­schen von der Stras­se. Ich war total geschockt. «Beeil dich», rief mein Kid­nap­per dem Fah­rer zu, «in einer Vier­tel­stun­de beginnt die Schu­le.» «Hal­lo», rief ich scho­ckiert. «Soll das heis­sen, dass ich in 15 Minu­ten vor eine wild­frem­de Schul­klas­se gestellt wer­de?» – «Genau so ist es, Befehl von oben», erwi­der­te der Beam­te auto­ri­tär. Kur­ze Zeit spä­ter hiel­ten wir vor dem Lor­raine­schul­haus. Die Poli­zis­ten führ­ten mich wie einen Schwer­ver­bre­cher ins Leh­rer­zim­mer. «Wir haben euch wie­der einen», rief mein Kid­nap­per. Dann ver­schwan­den die Poli­zis­ten. Sofort schritt der ver­meint­li­che Schul­lei­ter auf mich zu und sag­te: «Super, dass du da bist. Wir brau­chen drin­gend jeman­den für die 8b. Hier ist das Fran­zö­sisch-Lehr­mit­tel. Sei­ten 53 bis 56 durch­ar­bei­ten. Unre­gel­mäs­si­ge Ver­ben im Pas­sé com­po­sé.» «Aber, aber», stot­ter­te ich, «ich kann doch gar nicht Fran­zö­sisch.» – «Ach, tu doch nicht so sau­blöd, jeder Schwei­zer kann Fran­zö­sisch.» So, nun musst du aber sofort zur Klas­se. Den Gang ent­lang, drit­te Türe links, 8b.»

Ich konn­te nicht glau­ben, wie mir geschah. Vol­ler Panik trat ich ins Klas­sen­zim­mer. Ent­ge­gen mei­nen Erwar­tun­gen begrüss­ten mich die Jugend­li­chen freund­lich, eigent­lich fast jubelnd. Eine Schü­le­rin kreisch­te: «End­lich wie­der ein Leh­rer, wie toll ist das denn!» Ich öff­ne­te das Lehr­buch und begann, irgend­et­was auf Fran­zö­sisch zu stot­tern über Pas­sé com­po­sé oder so. Der Schweiss lief mir in Bächen von der Stirn. Erstaun­li­cher­wei­se waren die Schü­le­rin­nen und Schü­ler sehr hilfs­be­reit. Sie erklär­ten mir alles, was ich eigent­lich ihnen erklä­ren soll­te. Doch plötz­lich gab es im Nach­bar­zim­mer einen unglaub­li­chen Knall. Wir zuck­ten zusam­men und rann­ten hin­über. Im Che­mie-Zim­mer stand ein eben­falls gekid­napp­ter Leh­rer mit ange­seng­ten Haa­ren. Sei Che­mie-Ver­such war fehl­ge­schla­gen. Als altes Che­mie-Ass sah ich sofort, wie­so: Er hat­te Schwe­fel­säu­re mit Sal­pe­ter­säu­re verwechselt.

Durch den Knall war ich nun aber erwacht. Es dau­er­te eine Wei­le, bis ich rea­li­sier­te, dass ich das alles nur geträumt hat­te. Obwohl es nur ein Alb­traum war, berich­te ich, dass es durch den kras­sen Man­gel an Lehr­kräf­ten tat­säch­lich eines Tages zu Zwangs­re­kru­tie­run­gen kom­men könn­te. Seit­her mei­de ich die Lor­raine­brü­cke morgens.



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