Die Ent­frem­dung der Empfindung

Von

|

Drucken

Von Peter Fahr – Die Umwelt­pro­ble­ma­tik, ins­be­son­de­re die Kli­ma­ka­ta­stro­phe, ist ins all­ge­mei­ne Bewusst­sein gedrun­gen. All­mäh­lich erfas­sen wir die Dimen­si­on der welt­wei­ten Umwelt­schä­den, tun uns aber wei­ter­hin schwer damit, unser zer­stö­re­ri­sches Ver­hal­ten zu ändern. Im Gegen­teil, wir reagie­ren auf die beängs­ti­gen­den Unter­gangs­sze­na­ri­en mit einem sui­zi­da­len Reflex – der digi­ta­len Dekadenz.

Es ist eine para­do­xe Reak­ti­on: Die ins Unbe­wuss­te ver­bann­te Angst vor dem Tod ver­wan­delt sich in einen mass­lo­sen Lebens­hun­ger, der in die Selbst­zer­stö­rung führt. Der ver­dräng­te Tod ist nicht nur mit­ver­ant­wort­lich für so man­ches per­sön­li­che Pro­blem, son­dern auch für gesell­schaft­li­che Fehl­ent­wick­lun­gen. Die Angst ist die Unruh der Zeit. Sie ist der Antrieb zu einem Gross­teil mensch­li­cher Hand­lun­gen. Sie liegt Reli­gi­on, Phi­lo­so­phie, Poli­tik, Wis­sen­schaft und Wirt­schaft zugrun­de, ja selbst der Kunst. Die Angst ist der Herz­schlag des Fort­schritts. Und da sie ein schlech­ter Bera­ter ist, schlit­tern wir von einer Kri­se, von einer Kata­stro­phe in die nächs­te. Die Geschich­te kommt mir vor wie ein gigan­ti­scher Staf­fel­lauf – die Gene­ra­tio­nen sind die Läu­fer und der Stab, der wei­ter­ge­ge­ben wird, ist die Angst. Und die Läu­fer glau­ben unver­dros­sen an Fort­schritt und ste­tes Wachs­tum. Die­se Unver­dros­sen­heit ist die Mas­ke der Angst.

Kul­tur ohne Wer­te Der «kul­tu­rel­le Geno­zid», von dem Pier Pao­lo Paso­li­ni schon in den 60er-Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts sprach, hat sich auf alle gesell­schaft­li­chen Schich­ten und Berei­che aus­ge­wei­tet. Die Glo­ba­li­sie­rung hat die kul­tu­rel­le Aus­mer­zung ein­ge­lei­tet. Der Kom­merz siegt, die Kunst schwin­det, die Kul­tur und ihre Wer­te lie­gen in der Ago­nie. Wir sind alle ster­bens­krank, unse­re See­len gehen zugrun­de. Die Iden­ti­tät des Men­schen weicht dem Dik­tat der glo­ba­li­sier­ten Wirt­schaft, sie wird pul­ve­ri­siert unter dem Ham­mer der Ratio­na­li­sie­rung. Das Ich unter­liegt dem Wir einer selbst­mör­de­ri­schen Welt­ord­nung, die im Krieg gegen die Natur wahn­haf­te Züge annimmt.

Die Glo­ba­li­sie­rung ist ein ent­fes­sel­ter Kapi­ta­lis­mus. Die glo­ba­li­sier­te Gesell­schaft ist eine Drei­zim­mer­woh­nung: deka­den­te Ers­te Welt, skru­pel­lo­se Zwei­te Welt, kre­pie­ren­de Drit­te Welt. Dere­gu­lie­rung und Pro­fit­ma­xi­mie­rung tri­um­phie­ren, die poli­ti­schen Macht­sys­te­me sind weit­ge­hend der Dik­ta­tur des Mark­tes gewi­chen. Es wer­den kei­ne Krie­ge mehr erklärt, son­dern Ban­ken gegrün­det. An die Stel­le des Mili­tärs ist die Bör­se getre­ten, Mak­ler haben die Sol­da­ten ersetzt. Heu­te wird nicht mehr mit der Waf­fe getö­tet, son­dern mit Geld.

Der Kapi­ta­lis­mus macht aus dem Men­schen, das heisst der Arbeits­kraft, ein Wesen auf der Stu­fe der Maschi­ne. Der Neo­li­be­ra­lis­mus bevor­zugt die Maschi­ne und setzt alles dar­an, die Arbeits­kraft abzu­schaf­fen. Kapi­ta­lis­mus und Neo­li­be­ra­lis­mus ent­mün­di­gen den Men­schen und ent­le­di­gen sich sei­ner mit­hil­fe der Maschi­ne. Stich­wort Auto­ma­ti­sie­rung auf Basis von Big Data und künst­li­cher Intelligenz.

Maschi­ne gegen See­le Auf die Kom­mer­zia­li­sie­rung des All­tags folgt im digi­ta­len Zeit­al­ter die Kom­mer­zia­li­sie­rung des Men­schen. Die­se fin­det in der elek­tro­ni­schen Revo­lu­ti­on ihren (vor­läu­fi­gen) Höhe­punkt. Die Digi­ta­li­sie­rung des All­tags um der per­sön­li­chen Daten wil­len gip­felt in der Digi­ta­li­sie­rung der mensch­li­chen Seele.

Die digi­ta­le Revo­lu­ti­on erschafft den Giga- und Über­wa­chungs­ka­pi­ta­lis­mus. Die digi­ta­le Gigan­to­ma­nie per­fek­tio­niert die Aus­beu­tung der Erde, sie zer­stört die phy­si­sche Natur. Die digi­ta­le Über­wa­chung per­fek­tio­niert die Aus­beu­tung des Men­schen, sie zer­stört die psy­chi­sche Natur. Das Inter­net, wirk­sams­tes Instru­ment des Giga- und Über­wa­chungs­ka­pi­ta­lis­mus, ist eine Ver­stan­des­dro­ge. Sei­ne Algo­rith­men bekämp­fen die Indi­vi­dua­li­tät – sie mani­pu­lie­ren die Frei­heit, fes­seln das Sozia­le, zer­set­zen den Geist und mün­den schliess­lich in die digi­ta­le Unmün­dig­keit. Hilf­los zap­peln wir im World Wide Web, dem fein­ma­schi­gen Netz einer Spin­ne, die uns mit kleb­ri­gen Fäden fes­selt. Die Spin­ne heisst Dekadenz.

Der digi­ta­le Mensch ist der Skla­ve der Maschi­ne. Die see­len­lo­se Maschi­ne beherrscht und beschä­digt die See­le des Men­schen. Com­pu­ter machen ihn aso­zi­al und im spe­zi­el­len Fall autis­tisch. Ihre Algo­rith­men machen ihn abhän­gig und im spe­zi­el­len Fall süch­tig. Die Com­pu­ter beherr­schen den Men­schen. Der ent­frem­det sich sei­ner Emp­fin­dung und ver­liert den Bezug zur (sozia­len) Wirk­lich­keit. In der vir­tu­el­len Iso­la­ti­on ver­liert der Mensch sich selbst und wird zum Homo sui­zi­dens, zum Men­schen, der sich selbst zerstört.

Digi­ta­ler Wahn Dies ist die Dik­ta­tur der Spass­kul­tur: Digi­ta­li­sie­rung des Beru­fes, Vir­tua­li­sie­rung der Frei­zeit, E‑Mailisierung der Kom­mu­ni­ka­ti­on und Cybe­ri­sie­rung der Sexua­li­tät. Dies ist die Selbst­ent­frem­dung! Wir ver­ro­hen und ver­lie­ren lang­sam die Fähig­keit, Din­ge dif­fe­ren­ziert zu sehen. Wir den­ken in Kli­schees, han­deln nach gän­gi­gen Ver­hal­tens­mus­tern und erlie­gen allen erdenk­li­chen Täu­schun­gen. Wer­te wer­den belä­chelt, weil sie nicht mehr erkannt, geschwei­ge denn geteilt wer­den. Die Mög­lich­keit, eige­ne Ideen und Gedan­ken zu ent­wi­ckeln, wird nicht mehr genutzt. Die digi­ta­le Revo­lu­ti­on frisst ihre Kin­der: Die «Berei­che­rung» des Com­pu­ters bewirkt die Ver­ar­mung der Emo­ti­on. Die zuneh­men­de digi­ta­le Durch­drin­gung unse­res All­tags führt zur Ent­frem­dung der Emp­fin­dung und letzt­lich in die Selbstzerstörung.

Es geht um unse­re beein­träch­tig­te Wahr­neh­mung der ver­schwin­den­den Wirk­lich­keit. Es geht dar­um, wie wir mit Com­pu­tern das Sein zer­stö­ren, indem wir das Reel­le durch das Vir­tu­el­le erset­zen. Die Zer­stö­rung des Seins voll­zieht sich in drei Schritten:

Die Pro­duk­ti­on (Sein, Ori­gi­nal, Wirk­lich­keit) Der Com­pu­ter ver­stärkt, beschleu­nigt und bestimmt: Beruf, Pri­vat­le­ben, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Medi­en, Pro­duk­ti­ons­mit­tel, Gewin­nung und Ver­ar­bei­tung von Roh­stof­fen, Han­del, Bör­sen und Kapi­tal­fluss, Nah­rungs­mit­tel, öffent­li­che Diens­te, Medi­zin, Über­wa­chung durch Geheim­diens­te usw.

Die Repro­duk­ti­on (Illu­si­on, Kopie, Künst­lich­keit) Der Com­pu­ter ver­än­dert, ver­viel­fäl­tigt und ver­fälscht: Nano­tech­no­lo­gie, prä­na­ta­le Dia­gnos­tik, Klo­nen, gen­tech­nisch opti­mier­te Nah­rungs­mit­tel, mili­tä­ri­sche Droh­nen, künst­li­che Intel­li­genz usw.
Die Rezep­ti­on (Wahr­neh­mung, Vor­stel­lung, Wahn) Der Com­pu­ter täuscht, ver­wirrt und zer­stört: digi­ta­le Erstar­rung, Ent­frem­dung der Emp­fin­dung, gestör­te Wahr­neh­mung, Bewe­gung in vir­tu­el­len Wel­ten, Ver­lust der Wirk­lich­keit, Wahn­vor­stel­lun­gen, Selbstzerstörung.

Wider­stand gegen die Spin­ne Hin­ter den Com­pu­tern sit­zen Infor­ma­ti­ker, die sie pro­gram­mie­ren. Wir kön­nen die Ver­ant­wor­tung nicht an die Maschi­nen dele­gie­ren. Nicht weni­ge haben das begrif­fen und leis­ten Wider­stand gegen den digi­ta­len Wahn. Die Mutigs­ten unter ihnen sind die Whist­le­b­lower: Daten­die­be, die es mit ihren Ent­hül­lun­gen fer­tig­brin­gen, den Ver­lust der Wirk­lich­keit hin­aus­zu­zö­gern. Leu­te wie die ehe­ma­li­ge Gefrei­te «Brad­ley» Chel­sea Man­ning, sie spiel­te Wiki­leaks Hun­dert­tau­sen­de von gehei­men Doku­men­ten und Auf­nah­men der U.S. Army aus dem Irak­krieg zu. Dar­un­ter ein Video, das ira­ki­sche Zivi­lis­ten zeig­te, die aus einem Kampf­hub­schrau­ber her­aus beschos­sen wur­den. Was wie ein blu­ti­ges Video­spiel aus­sah, war grau­sa­me Wirk­lich­keit. Man­ning wur­de sofort ver­haf­tet. Im Pro­zess sag­te sie aus, sie habe den «Blut­rausch» der Sol­da­ten auf­de­cken und eine öffent­li­che Debat­te über deren Angrif­fe und Moti­ve aus­lö­sen wol­len. Vom Gericht zu 35 Jah­ren Haft ver­ur­teilt, ver­büss­te sie ihre Stra­fe im Mili­tär­ge­fäng­nis von Fort Lea­ven­worth im Bun­des­staat Kan­sas. Die Gefan­ge­ne ver­brach­te täg­lich 23 Stun­den in einer klei­nen Zel­le und durf­te nur eine Stun­de mit Fuss­schel­len zum Frei­gang. Ihr Essen muss­te sie allein ein­neh­men, eine Stun­de pro Tag durf­te sie fern­se­hen. Sie hat­te kein nor­ma­les Kopf­kis­sen, auch ihre Decken waren aus einem spe­zi­el­len Mate­ri­al, das nicht zer­ris­sen wer­den kann. Man­nings Haft­be­din­gun­gen waren men­schen­ver­ach­tend. Durch einen Gna­den­er­lass des abtre­ten­den US-Prä­si­den­ten Oba­ma kam sie 2017 vor­zei­tig frei, bevor sie im März 2019 erneut fest­ge­nom­men wurde.

Ein ande­rer Whist­le­b­lower, der US-Agent Edward Snow­den, deck­te den aus­ufern­den Über­wa­chungs­staat auf. Heu­te weiss auch der letz­te Zweif­ler, dass Geor­ge Orwells «Big Brot­her is wat­ching you!» kein Hirn­ge­spinst ist. Goog­le, Yahoo, Face­book, Gmail und ande­re Fir­men arbei­ten mit der US-Regie­rung zusam­men und gewäh­ren ihr den Zugriff auf all ihre Daten. Es wird gemun­kelt, dass in den iPho­nes von Apple Wan­zen ein­ge­baut sei­en … Snow­den flüch­te­te vor der ame­ri­ka­ni­schen Jus­tiz nach Russ­land, wo er poli­ti­sches Asyl bean­trag­te und erhielt. Er sag­te zu Medi­en­ver­tre­tern: «Ich sehe mich nicht als Held, weil ich aus eige­nem Inter­es­se hand­le. Ich will nicht in einer Welt leben, in der es kei­ne Pri­vat­sphä­re gibt und wo kein Raum ist für intel­lek­tu­el­le Aben­teu­er und Kreativität.»

Die Ent­hül­lungs­platt­form Wiki­leaks ist das Sprach­rohr des Wider­stands gegen den glo­ba­li­sier­ten Zynis­mus, der dank des Com­pu­ters eine so star­ke Ver­brei­tung erfährt und des­sen Wir­kung dar­um so ver­hee­rend ist. Whist­le­b­lower wie die kürz­lich ver­haf­te­ten Chel­sea Man­ning und Juli­an Assan­ge, wie Edward Snow­den, Glenn Green­wald, Lau­ra Poi­t­ras, Phil Ham­mond und Aaron Swartz sind die wah­ren Revo­lu­tio­nä­re des digi­ta­len Zeitalters.

Öko­lo­gie oder Selbst­mord «Was immer mit den Tie­ren geschieht, geschieht bald auch mit den Men­schen. Alle Din­ge sind mit­ein­an­der ver­bun­den. Was die Erde befällt, befällt auch die Söh­ne und Töch­ter der Erde.» Das war die Bot­schaft des india­ni­schen Häupt­lings Seat­tle an den ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten im Jahr 1855. Häupt­ling Seat­tle hat­te eine Visi­on. Sei­ne Bot­schaft war und ist höchst aktu­ell. Was der nord­ame­ri­ka­ni­sche India­ner vor­aus­sah, ist ein­ge­tre­ten. Das Schick­sal der Natur ist das unse­re. Was sich im Gros­sen voll­zieht, im Makro­kos­mos, voll­zieht sich auch im Mikro­kos­mos: Wir bla­sen Gift­stof­fe in die Atmo­sphä­re und lei­den an den Fol­gen der Kli­ma­er­wär­mung. Wie wir mit der Natur umge­hen, so geht die Natur mit uns um.
Der Homo sui­zi­dens – ein hoff­nungs­lo­ser Fall? Ein schwie­ri­ger Fall, aber kein hoff­nungs­lo­ser. Ein Umden­ken fin­det statt. Ob uns aller­dings genü­gend Zeit bleibt, das Steu­er her­um­zu­reis­sen, bevor die digi­ta­le Fest­ge­sell­schaft auf dem bunt geschmück­ten Schiff den Was­ser­fall erreicht, weiss ich nicht.

Nero hat Rom ange­zün­det und die Tat den Chris­ten vor­ge­wor­fen. Hit­ler hat den Reichs­tag in Schutt und Asche gelegt und die Juden dafür ver­ant­wort­lich gemacht. Wir bren­nen den Regen­wald nie­der und recht­fer­ti­gen es mit dem Fort­schritt. Rom ist unter­ge­gan­gen, das Drit­te Reich wur­de besiegt.

Wir haben nicht mehr die Wahl zwi­schen Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus und Öko­lo­gie. Wir haben nur noch die Wahl zwi­schen Öko­lo­gie und Selbst­mord. Stel­len wir wei­ter­hin eine wert­freie Wis­sen­schaft über die Ethik, ein blin­des Wachs­tum über die Ver­nunft, wer­den wir uns selbst auslöschen.

Peter Fahr (67) ist Schrift­stel­ler und Poet. Die­ser Text ist ein Aus­zug aus sei­nem Essay­band «Der Atem der Wor­te», erschie­nen 2022 in der Edi­ti­on König­stuhl, St. Gallenkappel.



Newsletter

SPENDEN!

Einen Text gelesen und der hat gefallen? Spende per TWINT ein paar Franken - ohne Abo, aber mit gutem Gewissen. Geht doch auch.