Es ist fürwahr speziell, wenn eine Stadt, deren Wahrzeichen ein hundertjähriges Riesenrad ist, ein Projekt namens Klangkarussell hervorbringt. Die folgenden Zeilen sind eine Hommage an zwei Produzenten, die, auch wenn sie kürzlich mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert waren, die gegenwärtige elektronische Musik massgeblich mitgestalten.
In Österreich sind in den vergangenen Jahren im Bereich der Clubmusik ein paar Innovationen entstanden. Als Beispiele seien hier der Charleston-Remixer Parov Stelar, der Downbeat Meister Stefan Obermaier oder der Bar- und Jazzcrooner Louie Austen genannt. Seit der Lancierung ihrer Hitsingle «Sonnentanz» im 2012 gehören auch die gebürtigen Salzburger und Wahlwiener Tobias Rieser und Adrian Held alias Klangkarussell dazu. Ihr kürzlich erschienenes Album «Netzwerk» zeigt, dass im Bereich des Chill-House noch lange nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind.
Vielbeschäftigt und stets unterwegs
Ende August standen Rieser und Held am Zürich Openair auf der Bühne; eines von über zehn Konzerten, welche das Duo von Juli bis Dezember dies- und jenseits des Atlantik – etwa in Deutschland, Portugal, England, Island, Kanada, den Vereinigten Staaten und Kolumbien – vorgesehen hat. «Der Terminplan ist voll, daher wird ein Interview so kurzfristig nicht möglich sein», liess ihr Management verlauten. Das ist nachvollziehbar. Seit der Lancierung der Single «Sonnentanz» ist das Klangkarussell zu einem Teil des Elektronik-Firmaments geworden.
Was steckt hinter dem Erfolg?
Die einfach aber keineswegs billig klingenden Loops machen es aus: Diese sind nämlich nicht nur melodisch reichhaltig. Als Hörer bekommt man grundsätzlich den Eindruck, die Jungs hätten sich bei den Arrangements etwas gedacht. Klar ist: «Netzwerk» hebt sich mit seinen sorgfältig aufeinander abgestimmten Piano‑, Querflöten‑, Elektrosaxophon- und Elektrogitarrenloops von den im Elektronikgenre ubiquitär vorhandenen, kitschigen Produktionen ab. Mit Steigerungseffekten und industriellen Geräuschsamples erzeugen die Produzenten zusätzliche Spannung. Durch den Einsatz von einzelnen Background-Choreinlagen weichen sie den instrumentalen Schwerpunkt dieses Albums etwas auf, wodurch das Ganze etwas «menschlicher» wirkt.
Aktivierung von Emotionen
Klangkarussell erregen die Aufmerksamkeit allerdings nicht ausschliesslich über akustische Reize: auch visuell bieten sie ihren Fans so einiges. Das Video zum Titel «Netzwerk – Falls Like Rain» zeigt den 27-jährigen ukrainischen Extremkletterer Mustang Wanted beim Kraft- und Ausdauertraining, beim Klettern an Hochhäusern und Balancieren auf Dach-Vorsprüngen und Eisenverstrebungen von Leuchtreklamen. Ähnlich die Kulisse im Video «Sonnentanz», wobei die in Zeitlupe schaukelnden Ladies auf Terrassen und Dächern von Hochhäusern nicht Waghalsigkeit, sondern ein modern-urbanes Lebensgefühl suggerieren: ein fiktives Leben ohne Kummer und Sorgen.
Sonnentanz wurde zum Eiertanz
Als der Titel in die Hitlisten stürmte, gingen die Sorgen für das Produzenten-Duo erst richtig los. Der niederländische Blogger Domien Verschuuren stellte öffentlich fest, dass sich «Sonnentanz» fast ausschliesslich aus fixfertigen Loops aus der Soundsamples-Sammlung NuJazz City der Firma Big Fish Audio zusammensetze. In der Branche sorgte diese Enthüllung verständlicherweise für Aufregung. Ziemlich ungeschickt war denn auch die darauf folgende Reaktion des Labels Universal: Mit Hinweis auf Copyright-Ansprüche liess es die entlarvenden Youtube-Videos zensieren.¹
Inzwischen haben sich die Wogen geglättet, und Klangkarussell steht nun am Start einer längeren Tournee. Für die beiden Jugendfreunde geht damit ein Traum in Erfüllung, den sie seit ihrer Schulzeit hegen.
¹ www.berlin-mitte-institut.de/klangkarussel-sonnentanz-unkreativ-sampling
Foto: Klangkarussell © Meghan Giboin
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 141, September 2014






