Nach der furiosen, aufwendig inszenierten Steve-McQueen-Ausstellung des letzten Jahres widmet das Schaulager Basel seine grosszügigen Räumlichkeiten noch bis zum 19. Oktober dem aus Hongkong stammenden und in New York lebenden Künstler Paul Chan. Die Filmstadt ist klassischen weissen Sälen und Black Boxes gewichen, in denen sich nun Chans ausgewählte Werke tummeln. Trotz seines noch nicht sehr fortgeschrittenen Alters, er ist 1973 geboren, kann Chan bereits auf ein umfassendes und vor allem vielseitiges Werk zurückblicken. Er scheint ein Workaholic zu sein, ist er doch neben seiner künstlerischen Tätigkeit ebenso beflissen als Kunsttheoretiker, Dozent und Herausgeber unterwegs.
Mit dem Team des Schaulagers und Daniel Birnbaum als Berater schuf Chan eine übergreifende Struktur für seine Schau: Das erdgeschossige Stockwerk ist nach seiner Definition dem Himmlischen gewidmet, das Untergeschoss dahingegen dem Irdischen. Chan vergleicht seine Inszenierung mit einer Darstellung der Stadt Athen als ein metaphysischer Ort, ein Ort, in dem man sich mit den fundamentalen Fragen beschäftigte und sich über die «Natur und etwas später über die Natur unserer Natur» Gedanken machte, wie es Chan ausdrückt. Im Untergeschoss finden wir tatsächlich die irdisch-alltäglichen Dinge: Schuhe, Elektrokabel, Bücher. Alles reale Dinge, aber auch Dinge, die nicht mehr funktional sind. Die Schuhe sind mit Kabeln verbunden, die Elektrifizierung scheint keine Wirkung zu zeitigen. Die Bücher sind übermalt, die Texte in unlesbaren Schriftzeichen gedruckt und sogar die Projektoren scheinen nichts projizieren zu wollen. Dem Himmlischen im Erdgeschoss will man als Betrachter nicht so recht glauben, herrscht hier doch vielmehr das Makabre, Brutale oder Skurrile vor.
Dies kommt nun alles etwas theoretisch daher und Chans Auseinandersetzung mit einer theoretischen Ebene der Kunst ist allenthalben mehr als spürbar. Doch sein Werk erschliesst sich in der Zwiebelstruktur: Man kann es Schicht für Schicht freilegen. Wer nicht bis zum innersten Kern vordringen kann oder mag, dem bietet die äusserste schon einiges. Dies fasziniert an Chans Werken: Sie packen einen direkt mit starken Bildern, egal ob als Installation oder als Animationsfilm. Sie packen weniger mit Schönheit, denn in vielen Werken werden die Abgründe schnell offenkundig, sondern eben mit starken Bildern: die naïve Buntheit und Bildsprache der Animationsfilme, die Reduktion und Düsternis der «Lights», die Quantität bei «Volumes» oder die Alltäglichkeit der Materialien bei den «Arguments».
Eine erste Irritation bringt bereits die erste Arbeit der Ausstellung – im himmlischen Bereich wohlgemerkt. Seine bereits ab dem Jahr 2000 entstandenen Animationsvideos zeigen eine comicartige Welt, die in eine kindliche Buntheit getaucht ist. Chan bezieht sich in Werken wie «Happiness (Finally) After 35’000 Years of Civilization (after Henry Darger and Charles Fourier)» auf die beiden im Titel genannten Herren Darger und Fourier. Darger schuf in rund 15’000 Manuskriptseiten eine hermetische Welt rund um die «Vivian Girls» und ihren Kampf gegen die Versklavung. Fourier wiederum beschrieb 1808 eine Weltordnung, nach der die Menschheit 80’000 Jahre existieren wird. Chan übersetzt diese Ideen und die Bildsprache von Darger in eine orgiastische Welt von Sexualität und Gewalt.
Eine ganz andere Bildsprache spricht Chan im Werkzyklus «The 7 Lights» und setzt sich mit dem Spiel von Licht und Schatten in bestechend reduzierterer Weise auseinander. Auf Böden, Wände oder Tische erscheinen Projektionen, die an das Licht erinnern, das durch ein Fenster in einen Innenraum geworfen wird. Eine Vielzahl an Schatten zieht an diesem Fenster vorbei: Fahrzeuge, Mobiltelefone, Brillen schweben vorbei und Menschengestalten stürzen hinunter. Man erinnert sich an Platons Höhlengleichnis und die abstürzenden Körper aus den Bildern zu den Terroranschlägen von 9/11. Chan selbst verweist zudem auf die Bibel, wenn er im Zusammenhang mit «The 7 Lights» aus der Genesis zitiert: «Und Gott machte zwei grosse Lichter: ein grosses Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere.» Was ist das für eine düster, traumgleiche Welt da draussen? Eine Auflösung gibt Chan nicht, auch keine Klimax oder ein Ende. Dagegen eröffnet er eine poetisch-düstere Assoziationswelt.
Ein Schwerpunkt von Chans Arbeit ist die Sprache und ihre Zeichenhaftigkeit. Er kreiert etwa neue Fonts, also Schrifttypen, die zwar nicht mehr den ursprünglichen Sinn bezeichnen, jedoch in Bild und Zeichen neue Bedeutung schaffen. Sprache beruht auf Wörtern, die aus abstrakten Zeichen, Buchstaben, aufgebaut sind. Ein Regelwerk ist zwingend, um diesen abstrakten Zeichen eine Zeichenhaftigkeit und schliesslich den Wörtern und Sätzen – der Sprache – eine Bedeutung zu geben. Chan setzt sich mit den Grundlagen aller Kommunikation auseinander – auf eine sehr bildliche Weise. Die grossflächige Installation «Volumes» in der zentralen Halle umfasst 1005 übermalte und ihres Inhalts entledigter Buchumschläge. Das Buch als Wissens- und Informationsspeicher löst Chan auf. Dass sich Chan auch in theoretischen Texten äussert, verwundert daher kaum.
Die Werkgruppe der «Arguments» besteht immer aus denselben Materialien in unterschiedlichen Arrangements: mit Beton ausgegossene Schuhe, verbunden mit Elektrokabeln. Die Schuhe scheinen getragen worden zu sein und verweisen so auf eine Alltäglichkeit und Geschichtlichkeit, sind jedoch jetzt ihrer Tragefunktion beraubt. Die Kabel verbinden sie zu einem dichten Beziehungsnetz, wobei wir uns fragen, wer hier Energie liefert oder verwendet. Einer ähnlichen Anordnung folgen die «Nonprojections». Hier sind Projektoren über ein Kabelgeflecht miteinander verbunden. Auch sie scheinen ihrer Funktion des Projizierens entledigt zu sein. Nur wenn man in den Lichtstrahl der Projektoren blickt, kann man noch ein Bild erkennen. Chan meinte dazu: «Der blosse Geist bewegter Bilder flackert so schwach, dass man gerade noch eine Ahnung davon zu erhaschen vermag, worum es sich handelt, wenn man direkt in die Linse des Projektors selbst blickt.»
Eine der verstörendsten Arbeiten der Ausstellung ist die Projektion «Sade for Sade’s Sake». Mit den Videos des Erdgeschosses und den «Vivian Girls» bereitete uns Chan zwar bereits auf eine orgiastische Welt vor, überbietet dies aber mit der Sade-Projektion. Als Schattenrisse sehen wir eine Gruppe nackter weiblicher und männlicher Personen in wilder, eruptiver Kopulation. Die Reduktion auf etwas Comicartiges und das scheinbare Fehlen eines Endes machen dieses Werk so beunruhigend.
Eine Vielzahl an Zeichnungen, Skulpturen und Installationen sind rund um diese zentralen Themen angeordnet und lassen tief in die Welten von Chan blicken. Immer wieder schlägt die Ausstellung Brücken vom oberen in den unteren Bereich und offenbart, dass sich die Begriffe von Himmel und Erde nicht so klar trennen lassen. «Das einzige, wovon ich wirklich etwas verstehe, ist meine Sensibilität für Licht und das Vergehen der Zeit. Was gibt es noch mehr zu verstehen? Warum alles endet, vermutlich. Doch warum das Warum?», erklärt Chan.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen mit einem Text von Daniel Birnbaum und Kurztexten zu den verschiedenen Werkgruppen. In einem etwas umfangreich gewordenen Kapitel ist Chans Quellenmaterial zu sehen – oder Teile davon –, darunter sind auch die in der langen Vorbereitungszeit der Ausstellung am Computer entstandenen Ansichten der zukünftigen Ausstellung zu sehen. Sie machen deutlich, wie detailliert Chan die Ausstellung vorausgedacht hat. Daneben ist zusätzlich ein Band mit theoretischen Texten von Chan produziert worden.
Paul Chan. Selected Works
Schaulager, Ruchfeldstrasse 19, 4142 Münchenstein / Basel
www.schaulager.org
Geöffnet Dienstag, Mittwoch, Freitag 12:00–18:00 h, Donnerstag 12:00–22:00 h, Samstag und Sonntag 12:00–18:00 h
Bis 19. Oktober. Mit Katalog
Bild: Paul Chan, The argument: Antietam, 2013, Volumes, 2012 und Tablet 3, 2014, Ausstellungsansicht. © Paul Chan, Foto: Tom Bisig
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 141, September 2014






