Bild: Paul Chan, The argument: Antietam, 2013, Volumes, 2012 und Tablet 3, 2014, Ausstellungsansicht, © Paul Chan, Foto: Tom Bisig

Him­mel und Hölle

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Nach der furio­sen, auf­wen­dig insze­nier­ten Ste­ve-McQueen-Aus­stel­lung des letz­ten Jah­res wid­met das Schau­la­ger Basel sei­ne gross­zü­gi­gen Räum­lich­kei­ten noch bis zum 19. Okto­ber dem aus Hong­kong stam­men­den und in New York leben­den Künst­ler Paul Chan. Die Film­stadt ist klas­si­schen weis­sen Sälen und Black Boxes gewi­chen, in denen sich nun Chans aus­ge­wähl­te Wer­ke tum­meln. Trotz sei­nes noch nicht sehr fort­ge­schrit­te­nen Alters, er ist 1973 gebo­ren, kann Chan bereits auf ein umfas­sen­des und vor allem viel­sei­ti­ges Werk zurück­bli­cken. Er scheint ein Work­aho­lic zu sein, ist er doch neben sei­ner künst­le­ri­schen Tätig­keit eben­so beflis­sen als Kunst­theo­re­ti­ker, Dozent und Her­aus­ge­ber unterwegs.

Mit dem Team des Schau­la­gers und Dani­el Birn­baum als Bera­ter schuf Chan eine über­grei­fen­de Struk­tur für sei­ne Schau: Das erd­ge­schos­si­ge Stock­werk ist nach sei­ner Defi­ni­ti­on dem Himm­li­schen gewid­met, das Unter­ge­schoss dahin­ge­gen dem Irdi­schen. Chan ver­gleicht sei­ne Insze­nie­rung mit einer Dar­stel­lung der Stadt Athen als ein meta­phy­si­scher Ort, ein Ort, in dem man sich mit den fun­da­men­ta­len Fra­gen beschäf­tig­te und sich über die «Natur und etwas spä­ter über die Natur unse­rer Natur» Gedan­ken mach­te, wie es Chan aus­drückt. Im Unter­ge­schoss fin­den wir tat­säch­lich die irdisch-all­täg­li­chen Din­ge: Schu­he, Elek­tro­ka­bel, Bücher. Alles rea­le Din­ge, aber auch Din­ge, die nicht mehr funk­tio­nal sind. Die Schu­he sind mit Kabeln ver­bun­den, die Elek­tri­fi­zie­rung scheint kei­ne Wir­kung zu zei­ti­gen. Die Bücher sind über­malt, die Tex­te in unles­ba­ren Schrift­zei­chen gedruckt und sogar die Pro­jek­to­ren schei­nen nichts pro­ji­zie­ren zu wol­len. Dem Himm­li­schen im Erd­ge­schoss will man als Betrach­ter nicht so recht glau­ben, herrscht hier doch viel­mehr das Maka­bre, Bru­ta­le oder Skur­ri­le vor.

Dies kommt nun alles etwas theo­re­tisch daher und Chans Aus­ein­an­der­set­zung mit einer theo­re­ti­schen Ebe­ne der Kunst ist allent­hal­ben mehr als spür­bar. Doch sein Werk erschliesst sich in der Zwie­bel­struk­tur: Man kann es Schicht für Schicht frei­le­gen. Wer nicht bis zum inners­ten Kern vor­drin­gen kann oder mag, dem bie­tet die äus­sers­te schon eini­ges. Dies fas­zi­niert an Chans Wer­ken: Sie packen einen direkt mit star­ken Bil­dern, egal ob als Instal­la­ti­on oder als Ani­ma­ti­ons­film. Sie packen weni­ger mit Schön­heit, denn in vie­len Wer­ken wer­den die Abgrün­de schnell offen­kun­dig, son­dern eben mit star­ken Bil­dern: die naï­ve Bunt­heit und Bild­spra­che der Ani­ma­ti­ons­fil­me, die Reduk­ti­on und Düs­ter­nis der «Lights», die Quan­ti­tät bei «Volu­mes» oder die All­täg­lich­keit der Mate­ria­li­en bei den «Argu­ments».

Eine ers­te Irri­ta­ti­on bringt bereits die ers­te Arbeit der Aus­stel­lung – im himm­li­schen Bereich wohl­ge­merkt. Sei­ne bereits ab dem Jahr 2000 ent­stan­de­nen Ani­ma­ti­ons­vi­de­os zei­gen eine comic­ar­ti­ge Welt, die in eine kind­li­che Bunt­heit getaucht ist. Chan bezieht sich in Wer­ken wie «Hap­pi­ness (Final­ly) After 35’000 Years of Civi­liza­ti­on (after Hen­ry Dar­ger and Charles Fou­rier)» auf die bei­den im Titel genann­ten Her­ren Dar­ger und Fou­rier. Dar­ger schuf in rund 15’000 Manu­skript­sei­ten eine her­me­ti­sche Welt rund um die «Vivi­an Girls» und ihren Kampf gegen die Ver­skla­vung. Fou­rier wie­der­um beschrieb 1808 eine Welt­ord­nung, nach der die Mensch­heit 80’000 Jah­re exis­tie­ren wird. Chan über­setzt die­se Ideen und die Bild­spra­che von Dar­ger in eine orgi­as­ti­sche Welt von Sexua­li­tät und Gewalt.

Eine ganz ande­re Bild­spra­che spricht Chan im Werk­zy­klus «The 7 Lights» und setzt sich mit dem Spiel von Licht und Schat­ten in bestechend redu­zier­te­rer Wei­se aus­ein­an­der. Auf Böden, Wän­de oder Tische erschei­nen Pro­jek­tio­nen, die an das Licht erin­nern, das durch ein Fens­ter in einen Innen­raum gewor­fen wird. Eine Viel­zahl an Schat­ten zieht an die­sem Fens­ter vor­bei: Fahr­zeu­ge, Mobil­te­le­fo­ne, Bril­len schwe­ben vor­bei und Men­schen­ge­stal­ten stür­zen hin­un­ter. Man erin­nert sich an Pla­tons Höh­len­gleich­nis und die abstür­zen­den Kör­per aus den Bil­dern zu den Ter­ror­an­schlä­gen von 9/11. Chan selbst ver­weist zudem auf die Bibel, wenn er im Zusam­men­hang mit «The 7 Lights» aus der Gene­sis zitiert: «Und Gott mach­te zwei gros­se Lich­ter: ein gros­ses Licht, das den Tag regie­re, und ein klei­nes Licht, das die Nacht regie­re.» Was ist das für eine düs­ter, traum­glei­che Welt da draus­sen? Eine Auf­lö­sung gibt Chan nicht, auch kei­ne Kli­max oder ein Ende. Dage­gen eröff­net er eine poe­tisch-düs­te­re Assoziationswelt.

Ein Schwer­punkt von Chans Arbeit ist die Spra­che und ihre Zei­chen­haf­tig­keit. Er kre­iert etwa neue Fonts, also Schrift­ty­pen, die zwar nicht mehr den ursprüng­li­chen Sinn bezeich­nen, jedoch in Bild und Zei­chen neue Bedeu­tung schaf­fen. Spra­che beruht auf Wör­tern, die aus abs­trak­ten Zei­chen, Buch­sta­ben, auf­ge­baut sind. Ein Regel­werk ist zwin­gend, um die­sen abs­trak­ten Zei­chen eine Zei­chen­haf­tig­keit und schliess­lich den Wör­tern und Sät­zen – der Spra­che – eine Bedeu­tung zu geben. Chan setzt sich mit den Grund­la­gen aller Kom­mu­ni­ka­ti­on aus­ein­an­der – auf eine sehr bild­li­che Wei­se. Die gross­flä­chi­ge Instal­la­ti­on «Volu­mes» in der zen­tra­len Hal­le umfasst 1005 über­mal­te und ihres Inhalts ent­le­dig­ter Buch­um­schlä­ge. Das Buch als Wis­sens- und Infor­ma­ti­ons­spei­cher löst Chan auf. Dass sich Chan auch in theo­re­ti­schen Tex­ten äus­sert, ver­wun­dert daher kaum.

Die Werk­grup­pe der «Argu­ments» besteht immer aus den­sel­ben Mate­ria­li­en in unter­schied­li­chen Arran­ge­ments: mit Beton aus­ge­gos­se­ne Schu­he, ver­bun­den mit Elek­tro­ka­beln. Die Schu­he schei­nen getra­gen wor­den zu sein und ver­wei­sen so auf eine All­täg­lich­keit und Geschicht­lich­keit, sind jedoch jetzt ihrer Tra­ge­funk­ti­on beraubt. Die Kabel ver­bin­den sie zu einem dich­ten Bezie­hungs­netz, wobei wir uns fra­gen, wer hier Ener­gie lie­fert oder ver­wen­det. Einer ähn­li­chen Anord­nung fol­gen die «Non­pro­jec­tions». Hier sind Pro­jek­to­ren über ein Kabel­ge­flecht mit­ein­an­der ver­bun­den. Auch sie schei­nen ihrer Funk­ti­on des Pro­ji­zie­rens ent­le­digt zu sein. Nur wenn man in den Licht­strahl der Pro­jek­to­ren blickt, kann man noch ein Bild erken­nen. Chan mein­te dazu: «Der blos­se Geist beweg­ter Bil­der fla­ckert so schwach, dass man gera­de noch eine Ahnung davon zu erha­schen ver­mag, wor­um es sich han­delt, wenn man direkt in die Lin­se des Pro­jek­tors selbst blickt.»

Eine der ver­stö­rends­ten Arbei­ten der Aus­stel­lung ist die Pro­jek­ti­on «Sade for Sade’s Sake». Mit den Vide­os des Erd­ge­schos­ses und den «Vivi­an Girls» berei­te­te uns Chan zwar bereits auf eine orgi­as­ti­sche Welt vor, über­bie­tet dies aber mit der Sade-Pro­jek­ti­on. Als Schat­ten­ris­se sehen wir eine Grup­pe nack­ter weib­li­cher und männ­li­cher Per­so­nen in wil­der, erup­ti­ver Kopu­la­ti­on. Die Reduk­ti­on auf etwas Comic­ar­ti­ges und das schein­ba­re Feh­len eines Endes machen die­ses Werk so beunruhigend.

Eine Viel­zahl an Zeich­nun­gen, Skulp­tu­ren und Instal­la­tio­nen sind rund um die­se zen­tra­len The­men ange­ord­net und las­sen tief in die Wel­ten von Chan bli­cken. Immer wie­der schlägt die Aus­stel­lung Brü­cken vom obe­ren in den unte­ren Bereich und offen­bart, dass sich die Begrif­fe von Him­mel und Erde nicht so klar tren­nen las­sen. «Das ein­zi­ge, wovon ich wirk­lich etwas ver­ste­he, ist mei­ne Sen­si­bi­li­tät für Licht und das Ver­ge­hen der Zeit. Was gibt es noch mehr zu ver­ste­hen? War­um alles endet, ver­mut­lich. Doch war­um das War­um?», erklärt Chan.

Zur Aus­stel­lung ist ein Kata­log erschie­nen mit einem Text von Dani­el Birn­baum und Kurz­tex­ten zu den ver­schie­de­nen Werk­grup­pen. In einem etwas umfang­reich gewor­de­nen Kapi­tel ist Chans Quel­len­ma­te­ri­al zu sehen – oder Tei­le davon –, dar­un­ter sind auch die in der lan­gen Vor­be­rei­tungs­zeit der Aus­stel­lung am Com­pu­ter ent­stan­de­nen Ansich­ten der zukünf­ti­gen Aus­stel­lung zu sehen. Sie machen deut­lich, wie detail­liert Chan die Aus­stel­lung vor­aus­ge­dacht hat. Dane­ben ist zusätz­lich ein Band mit theo­re­ti­schen Tex­ten von Chan pro­du­ziert worden.

Paul Chan. Sel­ec­ted Works
Schau­la­ger, Ruch­feld­stras­se 19, 4142 Mün­chen­stein / Basel
www.schaulager.org
Geöff­net Diens­tag, Mitt­woch, Frei­tag 12:00–18:00 h, Don­ners­tag 12:00–22:00 h, Sams­tag und Sonn­tag 12:00–18:00 h
Bis 19. Okto­ber. Mit Katalog


Bild: Paul Chan, The argu­ment: Antie­tam, 2013, Volu­mes, 2012 und Tablet 3, 2014, Aus­stel­lungs­an­sicht. © Paul Chan, Foto: Tom Bisig

Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 141, Sep­tem­ber 2014



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