Virtuale: Franziska Furter, Tunnel/Visions

Bild: Virtuale: Franziska Furter, Tunnel/Visions

Par­al­le­le Öffentlichkeiten

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Mit der fast schon uni­ver­sel­len Inte­gra­ti­on vir­tua­li­sie­ren­der oder simu­la­ti­ver Medi­en in unse­re Gesell­schaft ver­fa­sern phy­si­sche, simu­lier­te und vir­tu­el­le Rea­li­tä­ten zu einem hete­ro­ge­nen Geflecht, das die klas­si­sche Tren­nung von digi­tal und real über den Hau­fen wirft. Das eta­bliert hybri­de Raum­ord­nun­gen, in denen die Koor­di­na­ten digi­ta­ler und phy­si­scher Ereig­nis­se nicht mehr unab­hän­gig von­ein­an­der bestimmt wer­den können.

Ein Bei­spiel dafür ist die Über­la­ge­rung von phy­si­scher und digi­ta­ler Öffent­lich­keit. So wird die phy­si­sche Öffent­lich­keit zuneh­mend von digi­ta­len Infor­ma­ti­ons­dis­plays ergänzt oder als Büh­ne für die Ver­voll­stän­di­gung von Per­sön­lich­keits­pro­fi­len digi­ta­ler Ava­tare im Web ver­wen­det. Dau­er­haft ver­füg­ba­re Online-Kom­mu­ni­ka­ti­on und ‑Infor­ma­ti­on ver­än­dern unse­re Bewe­gung durch und unse­re Wahr­neh­mung vom phy­si­schen Raum. Und Bil­der und Geschich­ten von Men­schen, Orten und Ereig­nis­sen kana­li­sie­ren unse­re Klick-Bewe­gun­gen durch den Cyber­space auf ganz bestimm­te Por­ta­le, Sei­ten oder Blogs.

Digi­tal und real sind dem­nach kei­ne Oppo­nen­ten, son­dern Kom­po­nen­ten der Öffent­lich­keit. Was bereits aus­gie­big dis­ku­tiert wur­de, sind Raum­kon­zep­te für digi­ta­le Öffent­lich­kei­ten. Etwas weni­ger Beach­tung erhiel­ten bis­her hin­ge­gen digi­ta­le Kon­zep­te der phy­si­schen Öffent­lich­keit. Genau hier setzt die Aus­stel­lung «Vir­tua­le» ihr kura­to­ri­sches Pro­gramm an. Die vom New Yor­ker, in Basel leben­den Künst­ler und Kura­tor Arthur Clay kura­tier­te, welt­weit ers­te «vir­tu­el­le Bien­na­le» ist eine Aus­stel­lung, wel­che die phy­si­sche Öffent­lich­keit mit­hil­fe von Smart­phones und Tablets vor Ort digi­tal reflektiert.

Das geschieht bis Ende 2015 in vier Schwei­zer Städ­ten: Basel, Luga­no, Lau­sanne und Zürich. In Basel sind die Wer­ke von ins­ge­samt drei­zehn Kunst­schaf­fen­den in fünf Rou­ten, fast aus­schliess­lich inner­halb der Alt­stadt, zusam­men­ge­stellt. Die Schau, die «neue digi­ta­le Tools ver­wen­det, um nicht nur Kunst zu zei­gen und mit ihr zu inter­agie­ren, son­dern um auch die Erfah­rung der Par­ti­zi­pa­ti­on selbst auf­zu­zei­gen», mar­kiert drei Kon­zep­te, die durch sie behan­delt wer­den; «aug­men­ted rea­li­ty», «urba­nes Gam­ing» und «digi­tal heritage».

Alle fin­den in ein­zel­nen Arbei­ten ihren Aus­druck, wobei der Schwer­punkt deut­lich auf der «aug­men­ted rea­li­ty» liegt, womit die com­pu­ter­ge­stütz­te Erwei­te­rung der Dar­stel­lung des phy­si­schen Rau­mes gemeint ist, wie sie etwa von «Goog­le Glass» ange­bo­ten wird.

Mit die­sem Schwer­punkt wird Vir­tua­li­tät vor allem durch Begeg­nun­gen zwi­schen eti­ket­tiert Digi­ta­lem und Phy­si­schem bespro­chen. Das Vir­tu­el­le wird auf den Screens in der Form von Stö­run­gen, Ein­grif­fen und para­si­tä­ren Objek­ten in das Live-Gesche­hen hin­ein­trans­por­tiert. Das betrifft zum Bei­spiel die Arbeit «Water Lil­ly Inva­si­on» von Tha­mi­ko Thiel, wo man vom Ufer aus über­gros­se Was­ser­li­li­en über dem Rhein schwe­ben sehen kann. Oder etwa «Bio­mer Skel­ters» von Will Pap­pen­hei­mer und Tami­ko Thiel, wo sich die Sicht­flä­che ein­de­cken­de Pflan­zen­tep­pi­che dem Herz­schlag der Besu­cher anpassen.

Ein wei­te­rer Schwer­punkt der Vir­tua­le liegt in der Aus­ein­an­der­set­zung mit den Orten. Auf­fal­lend ist die Nähe zu klas­si­schen Aus­stel­lungs­for­ma­ten für öffent­li­chen Raum, die sich vor allem dar­über aus­drückt, wie die Arbei­ten die Orte, an denen sie statt­fin­den, als Büh­nen für ihr künst­le­ri­sches Hap­pe­ning oder ihre Instal­la­ti­on ein­set­zen und reflek­tie­ren. Etwa «Peo­p­le We Have Met But Don’t Remem­be­red» von Peter Aer­schmann oder «Pau­se» von Lalie Pascua­le, die Din­ge ein­blen­det, die auf die Sozi­al- und Kul­tur­ge­schich­te der jewei­li­gen Stadt refe­rie­ren. Zudem sind die fünf, fast aus­schliess­lich durch die Alt­stadt füh­ren­den Rou­ten nach his­to­ri­schen Per­sön­lich­kei­ten benannt, die ein­mal in Basel gelebt und gear­bei­tet haben, etwa Hans Hol­bein oder Eras­mus von Rotterdam.

Die meis­ten digi­ta­len Objek­te zei­gen sich durch eine an die Effekt-Ästhe­tik der neun­zi­ger Jah­re erin­nern­de Bild­spra­che, die sie for­mal so ein­deu­tig als vir­tu­ell und das digi­tal gefilm­te Stadt­bild als real aus­wei­sen, dass es nur weni­gen Arbei­ten gelingt, das Illus­tra­ti­ve zu über­schrei­ten und die kon­zep­tio­nel­le Tren­nung digi­tal – real aufzuheben.

Gelun­ge­ne Bei­spie­le dafür sind die Arbei­ten «Things We Have Lost» von John Craig Free­man und «My Mir­ror City» von Will Pap­pen­hei­mer. Wäh­rend «Things We Have Lost» rea­le, aber aus der Rea­li­tät ihrer Besit­zer ver­schwun­de­ne, ver­lo­re­ne Din­ge von Pas­san­ten als vir­tu­el­le Sur­ro­ga­te in fik­ti­ver Form in den sicht­ba­ren, rea­len Raum zurück­pro­ji­ziert, ver­wan­delt «My Mir­ror City» die Gebäu­de am Markt­platz in rie­si­ge Dis­plays digi­ta­ler Selbst­dar­stel­lung. Über eine Appli­ka­ti­on kön­nen Sel­fies auf die Gebäu­de­fas­sa­den in schein­bar meter­ho­hen Dimen­sio­nen pro­ji­ziert wer­den. Die Arbeit tota­li­siert die Fas­sa­den zur omni­prä­sen­ten Platt­form für die Insze­nie­rung vir­tu­el­ler Per­sön­lich­kei­ten, redu­ziert sie aber gleich­zei­tig auf das ein­sa­me Hap­pe­ning inner­halb eines ein­zel­nen Geräts. Damit reflek­tiert die Arbeit auch eine kon­zep­tio­nel­le Grund­la­ge der Vir­tua­le; die Trans­for­ma­ti­on des Betrach­ters bzw. Besu­chers in die Figur des Users.

Ins­ge­samt sieht man, dass es in der Vir­tua­le weni­ger dar­um geht, Virtualitäts‑, Rea­li­täts- oder digi­ta­le Kon­zep­te zu ent­wer­fen oder wei­ter­füh­rend zu dis­ku­tie­ren, son­dern, die­se vor­aus­ge­setzt, anhand zeit­ge­nös­si­scher digi­ta­ler Tools den phy­si­schen Raum digi­tal zu par­al­le­li­sie­ren. Die Vir­tua­le ist ein Ent­wurf, wie der öffent­li­che Raum mit digi­ta­len Tech­no­lo­gien neu erfahr­bar gemacht und damit auch genutzt wer­den kann.

Vir­tua­le
Basel 14.6. – 28.8.14
Luga­no 2.4.15 – 28.6.15
Lau­sanne 7.5.15 – 27.9.15
Zürich 17.9.15 – 27.11.15
http://virtualeswitzerland.wordpress.com
https://www.facebook.com/pages/Virtuale-Switzerland/255702507942054?fref=ts


Bild: Fran­zis­ka Fur­ter, Tunnel/Visions. zVg.

Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 141, Sep­tem­ber 2014



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