Musik-Streaming-Dienste wie Spotify sind Fluch und Segen zugleich. Einerseits ist es fantastisch, wie ich fast jedes Album beinahe aller MusikerInnnen auf Knopfdruck zur Verfügung habe – andererseits ist es brutal, wie fremdgesteuert und blutleer die Musik damit geworden ist. Ich bekenne mich gerne als Spotify-User, und habe den Dienst schon seit der ersten Stunde abonniert. Damit helfe ich der Musikindustrie allerdings nur ideell – finanziell rechnet sich dies nur für Spotify. Bei Recherchen bin ich aber froh, auf solche Bibliotheken zurückgreifen zu können. Das funktioniert mit diesem Dienst ganz gut.
Letzte Woche, beim Grill-Abendessen im Büro, stellte ich – was ich selten tue – auf eine Playlist, die vorgefertigt mit «Dinner» gekennzeichnet war. Während die Würstchen auf dem Teller ein frohlockendes «Magenwohl» versprachen, stutze ich über den musikalischen Fehlgriff der Playlist. Ein unentwegt durchgezogenes Boum-Boum eliminierte noch das letzte «Dinner»-Feeling. Mir wurde einmal mehr bewusst, dass diese Streamingdienste für junge und von sehr jungen Menschen erstellt wurden. Die wissen ja gar nicht, was ein «Dinner» ist, fuhr es mir durch den Kopf.
Das Problem ist aber tiefgreifender: Man hat festgestellt, dass durch diese Streamingdienste viele junge MusikhörerInnen zwar viel Musik, aber keine ganzen Alben mehr anhören. Während ich geprägt bin von Musik, von Alben, die für eine bestimmte Zeit in meiner Jugend standen, und die ich auch heute noch gerne als Gesamtwerk anhöre, ist das heute nicht mehr normal. Der «moderne» Zeitgenosse hört sich nur noch Einzelstücke an. Diese werden ein Erfolg oder auch nicht – in einem Jahr können wir uns nicht mehr daran erinnern, und schon gar nicht mehr an die MusikerInnen, welche sie spielten. Das ist absurd und für mich unbegreifbar.
Es ist, als würde man von einem Gemälde eines Malers nur einen Ausschnitt betrachten, diesen heranzoomen und als eigenständiges Werk ansehen. Unter solchen Umständen geht es nicht um Musik, Handwerk, um Auseinandersetzung, sondern nur noch um den Moment. Gefällt oder gefällt nicht – weiter, «next». Wenn ich mir vorstelle, so aufzuwachsen, oder wenn ich versuche, meine Vergangenheit in ein derartiges Wahrnehmungsbild zu denken, so bedauere ich die Leere, Belanglosigkeit und Auswechselbarkeit, die damit einhergeht.
Umso erfreulicher, dass der Solothurner Miguel Guldimann, Gitarrist, sein neues Album «Songs of the Plants» bei uns in der Redaktion persönlich vorbeigebracht – und damit ein Stück Musikkultur in die Erinnerung zurückgeholt hat. Ensuite wird bald wieder «physische» CD-Tipps publizieren, weil Musik immer ein Gesamtwerk und ein Musikstück immer nur ein Teil einer Arbeit bleibt. Apropos: Die CD von Miguel ist sehr zu empfehlen! www.miguelguldimann.com
Bild: Miguel Guldimann «Songs of the Plants», Künstler: Miguel Guldimann, Yerpun Solar, Ruth Untoria, 2014 / CD-Cover: zVg.
Publiziert: ensuite Ausgabe Nr. 141, September 2014






