Schock­po­ten­zi­al

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Die Kunst­form von Cin­dy Sher­man wird für sich genom­men im Zeit­al­ter des «Sel­fie» bei einer Erst­be­geg­nung mög­li­cher­wei­se nie­man­den mehr über­ra­schen. Unter dem Titel «Untit­led Hor­rors» ver­mit­telt das Kunst­haus Zürich aller­dings aktu­ell in einer gros­sen Retro­spek­ti­ve nicht nur recht ver­stö­ren­des Bild­ma­te­ri­al, son­dern auch, war­um man bei der Ein­ord­nung eines jeden Fotos, bei dem ein Künst­ler zum Selbst­aus­lö­ser greift, heu­te kaum mehr an einem Ver­weis auf Cin­dy Sher­man vor­bei­kommt. Tat­säch­lich ist die scheue US-Ame­ri­ka­ne­rin mit ihren Selbst­auf­nah­men in wech­seln­der Kos­tü­mie­rung über die letz­ten vier­zig Jah­re zu einer der wich­tigs­ten Posi­tio­nen der Gegen­warts­kunst aufgestiegen.

Über zahl­rei­che the­ma­ti­sche Seri­en hin­weg scheint sie sich in unge­heu­rer Kon­se­quenz und mit gros­sem Ein­falls­reich­tum nun schon seit den 1970ern immer wie­der neu zu erfin­den. Ihre Ansät­ze rei­chen vom Doku­men­ta­ti­ons­cha­rak­ter über das Gro­tes­ke, Bedroh­li­che und Abstos­sen­de bis hin zum Alb­traum­haf­ten. Sie bedient sich der Muta­ti­on und Frag­men­tie­rung. Aus allem mag der Ein­druck einer gespal­te­nen, wenn nicht sogar gebro­che­nen Per­sön­lich­keit der Frau hin­ter all die­sen Facet­ten ent­ste­hen. Doch schon die ältes­ten Schwarz­weiss­auf­nah­men zei­gen, dass es vor allem Hül­sen und Ste­reo­ty­pe sind, mit denen Sher­man in ihren Ver­wand­lun­gen arbei­tet. In einer gros­sen Über­spit­zung und Ver­zer­rung der jewei­li­gen Rol­le erzeugt sie Distanz in alle Rich­tun­gen, sowohl zwi­schen der eige­nen Per­son und dem Kon­ter­fei, als auch jeweils zum Betrach­ten­den hin. In Bezug zum «Sel­fie» als Gesell­schafts­phä­no­men wir­ken die­se Bil­der wie wort­lo­se Kom­men­ta­re zu einer Kul­tur der Selbst­be­trach­tung und Selbst­in­sze­nie­rung, hin­ter deren Fas­sa­de wie in jedem mensch­li­chen Zeit­al­ter auch Elend, Schmerz, Gewalt und Gier lie­gen. Ent­spre­chen­de Ur-Trie­be und Phan­ta­sien wer­den scho­nungs­los ins Bild gesetzt. Altern­de Diven, melan­cho­lisch wir­ken­de Clowns und über­schmink­te Star­lets gehö­ren hier zum harm­lo­se­ren Teil – zer­stü­ckel­te Frau­en­lei­ber, über­di­men­sio­na­le Kunst­stoff­ge­ni­ta­li­en und ver­schim­mel­tes Erbro­che­nes zum eher schwer Verdaubaren.

Die Kura­to­ren bezeich­nen die Retro­spek­ti­ve, die auch in Oslo und Stock­holm Sta­ti­on macht, selbst als «Risi­ko­aus­stel­lung». Mit ihren expli­zi­ten Inhal­ten, abstos­sen­den, exis­ten­zi­el­len und sexu­el­len Aspek­ten ist sie so auch wohl nur auf euro­päi­schem Boden denk­bar – die Retro­spek­ti­ve in Sher­mans Hei­mat New York ist zuletzt erwar­tungs­ge­mäss bedeckt aus­ge­fal­len. In der Schweiz aber scheint Sher­man inzwi­schen der­art im Kanon ange­kom­men, dass selbst über den qua­si «nicht zu bezeich­nen­den Hor­ror» ver­hält­nis­mäs­sig wenig Empö­rung auf­bran­det. Viel­mehr kam es sogar schon zur Umkehr und man ver­sucht nun von Kri­ti­ker­sei­te, Erklä­run­gen für eine sogar an sich selbst emp­fun­de­ne Dick­fel­lig­keit zu finden.

Nun zeigt der Rück­blick mit Arbei­ten aus allen Schaf­fens­pe­ri­oden, dass Sher­man von Beginn an über die Gren­ze des gesell­schaft­lich Tole­rier­ba­ren gegrif­fen hat. Es wird dar­aus auch deut­lich, wie stark sich die­se Gren­ze in den letz­ten Jahr­zehn­ten ver­scho­ben hat. Es ist kaum noch vor­stell­bar, dass sei­ner­zeit schon die Selbstab­lich­tung einer Frau aus dem Rah­men der Anstän­dig­keit fiel. Das Werk Sher­mans kann dem­nach auch als Lang­zeit­pro­jekt ange­se­hen wer­den, was vor allem über die unge­wohn­te Hän­gung der Schau deut­lich ver­mit­telt wird. Sie wur­de mit der Künst­le­rin zusam­men erar­bei­tet und zeigt die Wer­ke für ein­mal nicht chro­no­lo­gisch oder nach Grup­pen geord­net. Die Anla­ge soll «kalei­do­skop­ar­tig» sein. So sind neue For­men der Hän­gung und noch nicht dage­we­se­ne Kom­bi­na­tio­nen ent­stan­den; ver­schie­de­ne Blick­ach­sen las­sen Wer­ke immer wie­der anders zusam­men sehen. Aber vor allem wird die immense Kon­ti­nui­tät im Werk Sher­mans so erst rich­tig deut­lich. Ihr kon­ti­nu­ier­li­cher Blick auf weib­li­che Rol­len und Schick­sa­le ist dabei inspi­rie­rend wie erschüt­ternd, das jewei­li­ge Ver­hält­nis vom Betrach­ten­den selbst abhän­gig. Hat man bei­spiels­wei­se die im Migros Muse­um für Gegen­warts­kunst statt­fin­den­de Aus­stel­lung von Tere­sa Mar­gol­les gese­hen, die sich mit Frau­en­mor­den in Mexi­ko befasst und dazu mit nicht weni­ger als dem ori­gi­na­len Lei­chen­was­ser arbei­tet, lie­gen spe­zi­fi­sche Asso­zia­tio­nen auf der Hand.

Doch die gan­ze Schau im Kunst­haus wirkt dar­auf ange­legt, viel mehr Aspek­te wie das Künst­le­ri­sche und die Insze­nie­rung her­aus­zu­strei­chen und es scheint gelun­gen, dass die­se auch als Abstand­hal­ter zum wah­ren Grau­en fun­gie­ren. Ent­spre­chend fin­det man Sher­mans Werk bei­na­he schon auf einer Meta­ebe­ne wie­der. Tat­säch­lich stellt sie ein Stück Kunst- und Foto­gra­fie­ge­schich­te vor und ver­bild­licht dies selbst auch noch anschau­lich. Der Zeit­raum reicht von der Ana­log­fo­to­gra­fie mit dem Selbst­aus­lö­ser am Kabel bis hin zur Digi­tal­auf­nah­me. Vie­le Nach­ah­mer und Inter­pre­ten ihres Vor­ge­hens sind in die­ser Zeit auf den Plan getre­ten. Manch einer wird dabei noch nicht ein­mal um Sher­man wis­sen, weil die Idee der Selbst­fo­to­gra­fie und Kos­tü­mie­rung so zeit­ge­mäss und aktu­ell ist, dass sie für vie­le heu­te wie nahe­lie­gend erscheint.


Cin­dy Sher­man – Untit­led Horros

Kunst­haus Zürich, Heim­platz 1, 8001 Zürich
www.kunsthaus.ch
Bis 14. Sep­tem­ber 2014. Mit Katalog


Bild: Cin­dy Sher­man, Untit­led #153, 1985, Chro­mo­ge­ner Farb­ab­zug, 170,8 × 125,7 cm.
© Cin­dy Sher­man. Cour­te­sy of the artist and Metro Pic­tures, New York

Publi­ziert: ensuite Nr. 140, August 2014



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