Bild: Jascha Nemtsov / Pressebild

Publi­ka­tio­nen zu jüdi­schen Themen

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Von Fran­cois Lili­en­feld – Die Rei­he «Jüdi­sche Musik» im Wies­ba­de­ner Ver­lag Har­ras­so­witz gehört zum Inter­es­san­tes­ten, was zu die­sem The­ma zur­zeit ange­bo­ten wird. Als wich­ti­ge kul­tu­rel­le Ereig­nis­se konn­te man vor eini­gen Jah­ren die Bän­de «Kles­mer, Klas­sik, jid­di­sches Lied», sowie «Unser Reb­be, unser Sta­lin …» begrü­ßen. Letz­te­res Buch bie­tet die voll­stän­di­gen St. Peters­bur­ger Samm­lun­gen von Mois­he Bere­gow­ski und Sofia Mag­id, mit Noten, Tex­ten, Kom­men­ta­ren und einer DVD (mp3-Audio­da­tei), wel­che die lan­ge ver­lo­ren geglaub­ten, von Bere­gov­ski auf sei­nem Wal­zen­pho­no­gra­phen fixier­ten Ton­do­ku­men­te ent­hält – eine Goldgrube!

Beson­ders aktiv in die­ser Buch­rei­he ist Jascha Nemts­ov, ein hoch­be­gab­ter Pia­nist und Musik­wis­sen­schaft­ler, der sich, als Inter­pret und For­scher, ins­be­son­de­re mit der Neu­en Jüdi­schen Schu­le in Russ­land befasst, einer Bewe­gung, die der Anre­gung des bedeu­ten­den Kom­po­nis­ten und Leh­rers Niko­lai Rims­ky-Kor­sa­kow ihre Ent­ste­hung ver­dankt. Er hat­te vie­le jüdi­sche Schü­ler im St. Peters­bur­ger Kon­ser­va­to­ri­um und ermu­tig­te sie, sich auf ihre Wur­zeln zu besin­nen und ihr kul­tu­rel­les Erbe in ihren Kom­po­si­tio­nen zu verarbeiten.

Nemts­ov hat, als Band 12 der Rei­he «Jüdi­sche Musik», Vor­trä­ge ver­öf­fent­licht, die im Juli 2010 an der Uni­ver­si­tät Pots­dam im Rah­men der Tagung «Jüdi­sche Musik als Dia­log der Kul­tu­ren» gehal­ten wur­den. Das Spek­trum der The­men ist sehr breit. Wir fin­den zwei grund­le­gen­de Betrach­tun­gen (in eng­li­scher Spra­che) zum The­men­kom­plex Kles­mer­mu­sik: Die Beschrei­bung einer Hoch­zeit und der dazu­ge­hö­ren­den Musik im Schtetl, aus der Feder von Zev Feld­man, einem der füh­ren­den Mit­be­grün­der der Kles­mer­re­nais­sance in den USA, sowie einen Essay über den legen­dä­ren Kles­mer­gei­ger Alter Chud­no­ver (1849–1913), ver­fasst von Lyud­mi­la Scholokhova.

Auch die syn­ago­ga­le Musik ist berück­sich­tigt, ins­be­son­de­re erfährt man Vie­les über die Ver­än­de­run­gen, wel­che die jüdi­sche Reform­be­we­gung in der Lit­ur­gie zur Fol­ge hatte.
Zu den bespro­che­nen Kom­po­nis­ten des 20 Jahr­hun­derts gehö­ren Kurt Weill mit sei­ner bibli­schen Oper «Der Weg der Ver­hei­ßung», Dmit­ry Shost­a­ko­vitch («Aus jüdi­scher Volks­poe­sie»), sowie Miec­zys­law Wein­berg und Arnold Schön­berg. Auch päd­ago­gi­schen Fra­gen und Pro­ble­men der musi­ka­li­schen Rezep­ti­on wird viel Raum gewährt.

Einem bis­her eher ver­nach­lä­ßig­ten The­ma wid­met sich Nemts­ov in Band 11 mit dem Titel «Dop­pelt ver­trie­ben». Es geht um Kom­po­nis­ten aus dem deutsch­spra­chi­gen ost­eu­ro­päi­schen Raum, die von den Nazis ver­jagt wur­den, und deren geis­ti­ge Hei­mat nach 1945 unter­ging: Isra­el Brand­mann, Marc Lavry, Joa­chim Stut­s­chew­sky und Chem­jo Vinaver.
Nemts­ov kon­zen­triert sich auf Musi­ker, deren Flucht­weg nach Paläs­ti­na führ­te. Dort fan­den sie zwar einen ret­ten­den Hafen, doch tra­fen sie auch oft auf Unver­ständ­nis. Die jüdi­sche Bevöl­ke­rung Paläs­ti­nas und der spä­te­re Staat Isra­el waren mehr an «moder­nen» Wer­ken inter­es­siert als an der «alten Welt» – ins­be­son­de­re das Jid­di­sche war ver­pönt. Ins Zen­trum des Inter­es­ses gelang­ten Pio­nier­lie­der, die in gro­ßer Zahl – und unter­schied­li­cher Qua­li­tät – ent­stan­den. So ver­such­ten denn auch ein­ge­wan­der­te Kom­po­nis­ten, an der Schaf­fung eines neu­en Stils mitzuarbeiten.

Eine Aus­nah­me bil­det der 1895 in War­schau gebo­re­ne Chem­jo Vin­a­ver. Der Sproß einer chas­si­di­schen Fami­lie, einer der bedeu­tends­ten Chor­grün­der und ‑Diri­gen­ten sei­ner Gene­ra­ti­on, emi­grier­te erst 1960 nach Isra­el, wo er 1973 starb. 1938 war er nach New York geflüch­tet, wo er mit sei­nen Kom­po­si­tio­nen und Auf­trit­ten Rie­sen­er­fol­ge ver­buch­te. Nach­hal­ti­ge Wir­kung hat noch heu­te sei­ne «Antho­lo­gy of Jewish Music», 1955 mit einem Ori­gi­nal­ti­tel­bild von Marc Chagall erschie­nen. 12 Jah­re nach sei­nem Tod ver­öf­fent­lich­te die Jeru­sa­le­mer Unver­si­tät einen zwei­ten, nach­ge­las­se­nen Band, «Antho­lo­gy of Hasi­dic Music».

Joa­chim Stut­s­chew­sky, Cel­list, Leh­rer, Kom­po­nist und Publi­zist, wur­de 1891 als Sohn einer Kles­mer­fa­mi­lie in der Ukrai­ne gebo­ren. Nach län­ge­rer Tätig­keit in Zürich und Wien flüch­te­te er, kurz vor dem «Anschluß», nach Paläs­ti­na, wo er am Auf­bau einer Neu­en Jüdi­schen Musik betei­ligt war. Er ver­gaß jedoch sei­ne Ursprün­ge nie und ver­öf­fent­lich­te auch Schrif­ten über die Geschich­te der Klesmorim.

Die häu­fi­ge Miss­ach­tung sei­ner Tätig­keit in der neu­en Hei­mat hat ihn sehr ver­bit­tert. Kenn­zeich­nend ist, dass sei­ne Auto­bio­gra­phie «Ein Leben ohne Kom­pro­mis­se» nur in gekürz­ter Form auf hebrä­isch erschie­nen und heu­te kaum zugäng­lich ist. Das deut­sche Ori­gi­nal­ma­nu­skript befin­det sich in Stut­s­chew­skys Nach­lass in Tel Aviv.

Der 13. Band der Rei­he ist ganz Stut­s­chew­sky gewid­met. Er ent­hält, nebst einem aus­ge­zeich­ne­ten Vor­wort Nemts­ovs, eine Aus­wahl sei­ner Tex­te und Brie­fe; zu sei­nen Kor­re­spon­den­ten gehör­ten Pablo Casa­ls, Rudolf Kolisch und Arnold Schön­berg! Von Stut­s­chew­sky als Autor kön­nen wir einen Arti­kel über «Mus­sorgs­ky und die jüdi­sche Volks­mu­sik» ent­de­cken, sowie sei­ne Erzäh­lung «Der Wil­naer Bal­ebes­sel», eine bio­gra­phi­sche Novel­le über das tra­gi­sche Leben des sagen­um­wo­be­nen Kan­tors Joel David Stra­schun­ski (urspr. Lewen­stein, 1816–1850).

Die Edi­ti­ons­ar­beit ist bei allen Bän­den vor­bild­lich; reich­hal­ti­ge Vor­wör­ter, Anmer­kun­gen, Noten­bei­spie­le und Abbil­dun­gen machen die drei Publi­ka­tio­nen zu uner­setz­li­chen Werk­zeu­gen für Musik­for­scher. Aber auch der inter­es­sier­te Laie wird pro­fi­tie­ren kön­nen, sind die Bücher doch in einem ein­gän­gi­gen, flü­ßi­gen Stil geschrieben.

Als Pia­nist gibt Jascha Nemts­ov regel­mä­ßig Kon­zer­te, und auch die Samm­lung sei­ner bis­her erschie­ne­nen CDs ist beein­dru­ckend. Nach drei Titeln bei EDA Edi­ti­on Abseits wech­sel­te er zu häns­s­ler clas­sic, wo er sowohl Solo- wie Ensem­ble­auf­nah­men ein­ge­spielt hat. Zwei sei­ner neu­es­ten CDs sei­en hier erwähnt:
«The Krein Fami­ly» (alle­samt Welt­er­stein­spie­lun­gen) ist einer erstaun­li­chen rus­sisch-jüdi­schen Musi­ker­fa­mi­lie gewid­met: Abra­ham Krein war Kla­vier­stim­mer, Kles­mer und Bad­chen (Zere­mo­nien­meis­ter bei Hoch­zei­ten) und hat­te sie­ben eben­falls musi­zie­ren­de Söh­ne. Zwei davon – Alex­an­der (1883–1951) und Gri­go­ri (1879–1957) – sind auf die­ser CD vertreten.
Alex­an­der Krein war in der Mos­kau­er Abtei­lung der St. Peters­bur­ger Gesell­schaft für jüdi­sche Volks­mu­sik aktiv. Nach der Revo­lu­ti­on näher­te er sich mehr und mehr den Ten­den­zen der sowje­ti­schen Kul­tur. 1925 aller­dings kom­po­nier­te er noch sei­ne «Zwei Stü­cke über jüdi­sche The­men» für Kla­vier. Die letz­te Melo­die die­ser klei­nen Suite ist eine alte chas­si­di­sche Wei­se, die spä­ter unter dem Titel «Hava nagi­la» (mit hin­zu­ge­füg­tem Text) welt­be­rühmt und lei­der auch oft ver­ball­hornt wurde.
Gri­go­ris Kom­po­si­tio­nen waren kühn und scheu­ten kei­ne Expe­ri­men­te, was ihn zum Außen­sei­ter mach­te. Die von Nemts­ov ein­ge­spiel­te Zwei­te Kla­vier­so­na­te zitiert lit­ur­gi­sche Melo­dien aus der Syn­ago­ge, aller­dings in sehr «neu­tö­ne­ri­schem» Gewand.
Gri­go­ris Sohn Juli­an (1913–1996) war ein Wun­der­kind. Er spiel­te mit drei Jah­ren Kla­vier und begann sechs­jäh­rig zu kom­po­nie­ren. Ein 1925 statt­fin­den­des Haus­kon­zert mit sei­nen Wer­ken wur­de zur Sen­sa­ti­on. Er inter­es­sier­te sich sehr für tra­di­tio­nel­le Musik ver­schie­de­ner Völ­ker, was in sei­nem wun­der­schö­nen, 1956 geschrie­be­nen «Stück über ein Slo­wa­ki­sches The­ma» deut­lich zur Gel­tung kommt.

«Ano­ther Schön­berg» ist eine Dop­pel-CD, die Wer­ken von Jakob Schön­berg gewid­met ist; er ist mit sei­nem berühm­ten Namens­vet­ter nicht ver­wandt, und heu­te so ziem­lich ganz ver­ges­sen. 1900 in Fürth, dem «Frän­ki­schen Jeru­sa­lem», als Sohn eines Kan­tors gebo­ren, wur­de er schon als Stu­dent zu einem Spe­zia­lis­ten für deut­sche Syn­ago­gal­mu­sik. 1938 flüch­te­te er nach Eng­land, 1948 reis­te er als Leh­rer in die USA.
Beson­ders schön sind sei­ne «Zwei Hebräi­schen Lie­der» für Gesang, Flö­te und Brat­sche, und die «Drei Lie­bes­ge­sän­ge nach Jehu­da Hale­vy» für Gesang und Kla­vier. Hale­vy war einer der bedeu­tends­ten hebräi­schen Dich­ter des Mit­tel­al­ters. Für sei­ne Ver­to­nung benutz­te Schön­berg die wun­der­ba­re deut­sche Über­tra­gung von Franz Rosen­zweig. Die Sopra­nis­tin Tehi­la Nini Gold­stein geht gänz­lich in die­sen Kom­po­si­tio­nen auf.
Inter­es­sant ist auch Schön­bergs Chas­si­di­sche Suite für Kla­vier, die jüdi­sche Melo­dien mit baro­cken For­men, aber in «moder­nem» Klang ver­bin­det (Prae­lu­di­um, Arie, Fuge).
Zur Inter­pre­ta­ti­on kann man getrost fest­stel­len, dass Nemts­ovs Kla­vier­spiel sich auf der glei­chen hohen Qua­li­täts­stu­fe bewegt wie sei­ne schrift­stel­le­ri­sche und edi­to­ri­sche Arbeit!

Erwähn­te Titel aus der Serie Jüdi­sche Musik, alle ver­legt beim Har­ras­so­witz Ver­lag Wiesbaden:

Band 1: Karl E. Gröt­zin­ger (Hg.): Kles­mer, Klas­sik, jid­di­sches Lied – Jüdi­sche Musik­kul­tur in Ost­eu­ro­pa (2004)
Band 7: Elvi­ra Gröt­zin­ger und Susi Hudak-Lazic: «Unser Reb­be, unser Sta­lin …» (mit CD) (2008)
Band 11: Jascha Nemts­ov: Dop­pelt ver­trie­ben (2013)
Band 12: Jascha Nemts­ov (Hg.): Jüdi­sche Musik als Dia­log der Kul­tu­ren (2013)
Band 13: Joa­chim Stut­s­chew­sky: Der Wil­naer Balebessel
Tex­te und Brie­fe: (2013)

CDs mit Jascha Nemtsov:
· «The Krein Fami­ly» Pro­fil Häns­s­ler PH 13059

· «Ano­ther Schön­berg» Pro­fil Häns­s­ler DCD PH 12023 (2 CDs)
(Tehi­la Nini Gold­stein, Sopran; Frank Rei­ne­cke, Vio­li­ne; Ste­fan Feh­l­andt, Brat­sche; Ste­phan Forck, Cel­lo; Eleo­no­re Pameu­er, Flö­te, Jascha Nemts­ov, Klavier.)

Zahl­rei­che wei­te­re CDs mit Jascha Nemts­ov – z.T. solo, z.T. gemein­sam mit andern Musi­kern – sind in den letz­ten Jah­ren bei Pro­fil Häns­s­ler erschie­nen. In dem Zusam­men­hang sei auch an eine 1999 bei cpo erschie­ne­ne, sehr schö­ne Dop­pel-CD mit Kla­ri­net­ten­quin­tet­ten zu jüdi­schen The­men erin­nert. Die­ter Klö­cker (Kla­ri­net­te) und das Vlach Streich­quar­tett (Prag) sind die Inter­pre­ten (cpo 999 630–2).

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Es ist lei­der eine alt­be­kann­te Tat­sa­che: Wer sich mit Juden­tum befasst, wird frü­her oder spä­ter mit dem The­ma Anti­se­mi­tis­mus kon­fron­tiert. Dass die­ses Phä­no­men nicht tot­ge­schwie­gen, son­dern mehr und mehr sorg­fäl­tig ana­ly­siert wird, ist aller­dings posi­tiv, ist doch Igno­ranz das größ­te Übel im Umgang mit Vor­ur­tei­len. Als Bei­spie­le für Wer­ke, die sich mit Anti­se­mi­tis­mus in der deut­schen Lite­ra­tur befas­sen und dabei sehr tief­ge­hen­de Ana­ly­sen bie­ten, sei­en hier «Das uner­hör­te Wort» von Mar­tha B. Hel­fer und «Roman­ti­scher Anti­se­mi­tis­mus» von Wolf Dani­el Hart­wich kurz besprochen.

«Das uner­hör­te Wort» erschien 2011 in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, der Göt­tin­ger Wall­stein Ver­lag hat es 2013 in einer Über­set­zung von Chris­to­phe Fri­cker her­aus­ge­ge­ben. Die deut­sche Fas­sung hat den Vor­teil, dass die Zita­te aus den bespro­che­nen Wer­ken in der Ori­gi­nal­spra­che zu lesen sind. Unter­sucht wer­den Schrif­ten von Les­sing, Schil­ler, Arnim, Dros­te-Hül­soff, Stif­ter und Grillparzer.

Es kann kein Zwei­fel bestehen, dass die Autorin ihr The­ma mit gro­ßer Sorg­falt und Hin­ga­be behan­delt. Dabei geht sie aber m. E. gele­gent­lich zu weit in ihrer Ana­ly­se, d.h. Ihre Bezeich­nung gewis­ser Stel­len als «anti­se­mi­tisch» kann frag­wür­dig sein.

Neh­men wir als Bei­pi­el die Erzäh­lung «Abdi­as» von Adal­bert Stif­ter. Frau Hel­fer sieht in ihr einen Beweis, dass Deut­sche und Öster­rei­cher die Juden für nicht inte­grier­bar hiel­ten. Dabei stellt sie rich­ti­ger­wei­se fest, dass es «den meis­ten Deut­schen und den meis­ten Öster­rei­chern weni­ger um die Fra­ge der Bür­ger­rech­te (ging), sie mach­ten sich viel­mehr Sor­gen, da die Juden als Volk einen fremd­ar­ti­gen, aus­län­di­schen Cha­rak­ter besä­ßen … Im sel­ben Atem­zug stell­ten sie meist auch die mora­li­sche Recht­schaf­fen­heit der Juden infra­ge.» Nun ist aber gera­de Abdi­as, ein dun­kel­häu­ti­ger Jude aus Nord­afri­ka, mehr durch exo­ti­sche Her­kunft und Aus­se­hen als durch sein Jude-sein ein «Frem­der», er, der aus sei­nem Höh­len­da­sein in ein Haus auf dem Land bei Wien zieht. Sei­ne Geschich­te ist tra­gisch, und Srtif­ter will am Bei­spiel des «Juden Abdi­as» zei­gen, wie auf einen Men­schen eine «Rei­he Unge­mach aus hei­term Him­mel fällt … Dies war den Alten Fatum, furcht­bar letz­ter, star­rer Grund des Gesche­hen­den …». Dass Stif­ter einen Juden in den Mit­tel­punkt sei­ner Erzäh­lung stellt, könn­te mit eini­gen Par­al­le­len zur Hiobs­ge­schich­te zu tun haben. Dass Abdi­as als sehr geschäfts­tüch­tig dar­ge­stellt wird, muss nicht anti­se­mi­tisch gedeu­tet wer­den: Ande­re in sei­ner Lage wären wohl auch, um zu über­le­ben, zu geschick­ten Händ­lern geworden.

Beson­ders lobens­wert ist, dass die Autorin einen der unbe­kann­tes­ten, aber fas­zi­nie­rends­ten Tex­te Schil­lers in ihre Unter­su­chun­gen ein­be­zieht: den Auf­satz «Die Sen­dung Moses» aus dem Jah­re 1790. Zunächst ein­mal macht Schil­ler auf einen wich­ti­gen, von vie­len His­to­ri­kern über­gan­ge­nen Punkt auf­merk­sam: den Zusam­men­hang zwi­schen Unter­drü­ckung und mora­lisch-geis­ti­gem Nie­der­gang. Die Israe­li­ten, ver­sklavt, gepei­nigt und von Aus­satz geplagt, kön­nen nicht zu einem gesit­te­ten, gebil­de­ten Volk wer­den, und – wie Schil­ler schreibt – man straf­te die Hebrä­er «immer här­ter für das Elend, wel­ches man ihnen doch selbst zuge­zo­gen hat­te». Die­se Über­le­gung ist in der gan­zen jüdi­schen Geschich­te von grund­le­gen­der Wich­tig­keit. Man denkt an die Kom­bi­na­ti­on von Abscheu und Mit­leid, die der jun­ge Goe­the bei sei­nem Besuch im Frank­fur­ter Ghet­to emp­fin­det. Oder an die den Juden von christ­li­chen Macht­ha­bern auf­ge­zwun­ge­ne Beschäf­ti­gung mit Geldverleih.

Schil­lers Theo­rie, Moses, als ägyp­ti­scher Prinz, wäre mit mono­the­is­ti­schen Ten­den­zen kon­fron­tiert wor­den und hät­te beschlos­sen, für die gepei­nig­ten Israe­li­ten einen Glau­ben zu «grün­den» und sie zu befrei­en, kann natür­lich von der jüdi­schen Theo­lo­gie nicht akzep­tiert wer­den; als Denk­mus­ter ist sie inter­es­sant und kei­nes­falls per se anti­se­mi­tisch. Wie­viel es brauch­te, um aus den befrei­ten Skla­ven eine zivi­li­sier­te­re Gesell­schaft zu machen, kann man in der Hebräi­schen Bibel nach­le­sen, wo oft genug vom «hals­star­ri­gen» Volk die Rede ist, das Gott und Moses beträcht­li­che Pro­ble­me bereitet.

Ein Gedan­ke, den Mar­tha Hel­fer im Zusam­men­hang mit Les­sings «Nathan» ent­wi­ckelt, ist beson­ders inter­es­sant: Die Titel­fi­gur bleibt am Schluss ein Außen­sei­ter; denn nach­dem die genea­lo­gi­schen Ver­wick­lun­gen zum über­ra­schen­den Ende geführt haben ist Nathan der Ein­zi­ge, der nicht zur Fami­lie gehört …

Trotz der oben geäu­ßer­ten Ein­schrän­kun­gen ist die­ses Buch sehr emp­feh­lens­wert. Dass es manch­mal zum Wider­spruch führt, ist für den Leser eine gedank­li­che Berei­che­rung, und es wird viel­leicht man­chen ermu­ti­gen, die bespro­che­nen Wer­ke (wie­der) zu lesen.

Letz­te­res gilt auch für eine Publi­ka­ti­on aus einem andern Göt­tin­ger Ver­lag, Van­den­hoeck & Ruprecht: «Roman­ti­scher Anti­se­mi­tis­mus» von Wolf-Dani­el Hart­wich, 2005 erschie­nen. Sei­ne Ana­ly­sen sind dif­fe­ren­zier­ter als die Mar­tha Hel­fers. Der Titel aller­dings ist irre­füh­rend: Es geht natür­lich nicht dar­um, den Anti­se­mi­tis­mus zu «roman­ti­sie­ren»; viel­mehr wer­den Bezie­hun­gen zum Juden­tum in der roman­ti­schen Epo­che in Deutsch­land unter­sucht. Es wer­den noto­ri­sche Juden­has­ser wie Achim von Arnim, Cle­mens Bren­ta­no und Richard Wag­ner unter die Lupe genom­men. Inter­es­san­ter­wei­se fin­det Hart­wich in Wag­ners «Par­si­fal» Spu­ren von Gedan­ken­gut der Kab­ba­la, der jüdi­schen Mystik …

Es kom­men jedoch auch Dich­ter zu Wort, deren Ein­stel­lung zum Juden­tum eher zwie­späl­tig waren, wie zum Bei­spiel Johann Gott­fried Her­der, ein Bewun­de­rer des Juden­tums und Befür­wor­ter der Tole­ranz, der aber dem Abso­lut­heits­an­spruch des Rab­bi­ni­schen Juden­tums kri­tisch gegen­über­stand, und daher die Juden in Euro­pa als «frem­des, asia­ti­sches Volk» betrach­te­te. Hart­wichs Ana­ly­se der von Her­der auf­ge­wor­fe­nen reli­giö­sen und sozio­lo­gi­schen Pro­ble­me im Zusam­men­le­ben zwi­schen den Reli­gio­nen sind von größ­tem Interesse.

Beson­ders Zwie­späl­tig ist die Hal­tung von E.T.A. Hoff­mann. Die­ser typisch roman­ti­sche Anhän­ger einer «Kunst­re­li­gi­on» betrach­tet die «phi­lis­trö­sen» Bür­ger als sei­ne ärgs­ten Fein­de. Lite­ra­ri­sche Salons, wie sie sich damals sehr ver­brei­te­ten, hat er ger­ne besucht, dabei aber auch die pseu­do-Intel­lek­tu­el­len beob­ach­tet, die «mit Künst­ler­na­men aller­lei Geschäf­te» machen. Dass die­se unkünst­le­ri­schen Figu­ren sowohl in jüdi­schen wie in nicht­jü­di­schen Krei­sen gefun­den wer­den konn­ten, ist klar. Als Reak­ti­on auf den Erfolg jüdi­scher Salons wur­de im übri­gen die «Christ­lich-Deut­sche Tisch­ge­sell­schaft» gegrün­det, die die Auf­nah­me von Men­schen jüdi­scher Her­kunft ablehn­te, und in der Arnim und Bren­ta­no eine füh­ren­de Rol­le spielten.

In den Soi­rées der Fami­lie Mark (vor der Tau­fe Mar­cus) in Bam­berg ver­kehr­te Hoff­mann oft, zumal er sich dort in eine der Töch­ter, Julie, ver­liebt hat­te. Sie war sei­ne Gesangs­schü­le­rin. Sei­ne Lie­be war lei­den­schaft­lich und wur­de zur Obses­si­on, Julies Gefüh­le jedoch gin­gen nicht wei­ter als eine wohl­wol­len­de Sym­pa­thie. In der Erzäh­lung «Die Braut­wahl» ver­ar­bei­tet Hoff­mann – wie gewohnt auf recht phan­tas­ti­sche Wei­se – die­ses Erleb­nis. Dort spielt der Dich­ter aber auch auf den Kon­flikt zwi­schen dem ortho­do­xen (der alte Manas­se) und dem assi­mi­lier­ten (sein Nef­fe Düm­merl) Juden an. Man muss auch bemer­ken, das der nicht­jü­di­sche Kom­mis­si­ons­rat Voß­kamp genau so geld­gie­rig ist wie Manasse.

Es ist jedoch nicht zu leug­nen, dass anti­se­mi­ti­sche Kli­schees bei Hoff­mann – aber kei­ne hass­erfüll­ten Dia­tri­ben! – vor­kom­men. Dies ist umso erstaun­li­cher, als sein bes­ter Freund und groß­zü­gi­ger Gön­ner der (getauf­te) Jude Juli­us Edu­ard Hit­zig war. Ein Sym­ptom von Hoff­manns Schi­zo­phre­nie und «Dop­pel­gän­ger-Syn­drom»?

Wolf-Dani­el Hart­wich zeigt, dass auch in der Kunst nicht Alles so ist, wie es zunächst erscheint; die Lek­tü­re sei­nes Buches bie­tet zahl­rei­che Über­ra­schun­gen, und sie regt zum Den­ken an; was will man mehr?

Mar­tha B. Hel­fer: Das uner­hör­te Wort. Anti­se­mi­tis­mus in Lite­ra­tur und Kultur.
Deutsch von Chris­to­phe Fri­cker. Wall­stein Ver­lag, Göt­tin­gen 2013

Wolf-Dani­el Hart­wich: Roman­ti­scher Anti­se­mi­tis­mus: Von Klop­stock bis Richard Wag­ner. Van­den­hoeck und Ruprecht, Göt­tin­gen 2005

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Lorin Maa­zel (1930–2014)
Kurz vor Redak­ti­ons­schluss erreicht uns die Nach­richt vom Able­ben des gro­ßen Diri­gen­ten. Ein Nach­ruf erscheint in der September-Ausgabe.


Bild: Pia­nist Jascha Nemts­ov / Foto © Rut Sigurdardóttir

Publi­ziert: ensuite Nr. 140, August 2014



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