Bild: Willi Dorner, Bodies in Urban Spaces, 2010, Performance still, Marseille, Courtesy: Willi Dorner, Credits: Lisa Rastl

Bewe­gung als Bewegung

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Von Nata­lia Huser – Die Per­for­mance­kunst erlebt im Aus­stel­lungs­be­trieb gegen­wär­tig eine Blü­te­zeit, was nicht zuletzt ein­drück­lich an der Art Basel mit dem Pro­jekt «14 Rooms» demons­triert wur­de. Doch mit ihrer Ein­bet­tung im insti­tu­tio­nel­len Rah­men wird gleich­zei­tig auch Kri­tik laut gegen­über einer ver­stärk­ten Instru­men­ta­li­sie­rung durch eben jene Insti­tu­tio­nen, die wie­der­um für ihre Trans­pa­renz besorgt sind, wie Boja­na Cve­jic (Per­for­mance­künst­le­rin und ‑theo­re­ti­ke­rin) in ihrem Bei­trag am Sym­po­si­um «Sculp­tures on the Move» vom 4. und 5. Juli in Biel beton­te. Die­se und wei­te­re The­men bil­de­ten den theo­re­ti­schen Über­bau und Auf­takt zur 12. Aus­ga­be der Schwei­ze­ri­schen Plas­tik­aus­stel­lung in Biel. Wäh­rend zwei Tagen reflek­tier­ten nam­haf­te Theo­re­ti­ker wie Jan Ver­woert oder André Lepe­cki und Per­for­mance­künst­ler, unter ihnen Aria­na Rei­nes, Alex Cec­chet­ti und Mar­ko Lulic, über eine im Aus­stel­lungs­we­sen eher mar­gi­nal behan­del­te Dis­zi­plin. Es wur­de über den poli­ti­schen Kon­text, die Defi­ni­ti­on und das ambi­va­len­te Ver­hält­nis von öffent­li­chem und pri­va­tem Raum, die Bezie­hung des Indi­vi­du­ums zur Gemein­schaft im 21. Jahr­hun­dert wie über das Wech­sel­spiel von Archi­tek­tur und Tanz dis­ku­tiert. Mit vir­tuo­sen Lec­tu­re Per­for­man­ces der Kunst­schaf­fen­den erhielt das Publi­kum Ein­blick in deren Werk.

Es ist ein Novum in der Geschich­te der tra­di­ti­ons­rei­chen Plas­tik­aus­stel­lung und gleich­zei­tig eine gelun­ge­ne Idee, dass in der dies­jäh­ri­gen Aus­ga­be gänz­lich auf Skulp­tu­ren im öffent­li­chen Raum ver­zich­tet wird. Statt­des­sen rich­tet sich der Fokus auf Per­for­mance im urba­nen Raum und ihre Kraft, Beweg­tes dar­zu­stel­len. Wenn Objek­te den­noch auf­tau­chen, dann stets in Kom­pli­zen­schaft mit den Per­for­mern. Die werk­im­ma­nen­ten Merk­ma­le der situa­ti­ons­be­zo­ge­nen, hand­lungs­be­ton­ten und ver­gäng­li­chen künst­le­ri­schen Dar­bie­tun­gen sind Segen und Fluch glei­cher­mas­sen. Was sie so fas­zi­nie­rend und ein­ma­lig macht, stellt in der Ver­mitt­lung wie­der­um eine Her­aus­for­de­rung dar, nicht zuletzt wegen der mani­pu­la­ti­ven Kräf­te. Und trotz­dem: Die Per­for­mance­kunst wirkt ehr­lich, ent­schleu­ni­gend, beru­hi­gend, kon­zen­triert – ja gera­de­zu sti­mu­lie­rend im Zeit­al­ter der kon­stan­ten Reiz­über­flu­tung und Objekthaftigkeit.

Für die Aus­füh­rung der 12. Schwei­ze­ri­schen Plas­tik­aus­stel­lung zeich­nen die bei­den Kura­to­ren Gian­ni Jet­zer und Chris Sharp ver­ant­wort­lich. Sie steht ganz im Zei­chen der Bewe­gung oder eben «Le Mou­ve­ment», wie der poin­tier­te Titel lau­tet. In drei Tei­len wird das Publi­kum bis Anfang Novem­ber 2014 ver­führt und in Atem gehal­ten. Behut­sam und kon­zep­tio­nell über­zeu­gend wird der Betrach­ter an die The­ma­tik her­an­ge­führt. For­mal ori­en­tie­ren sich die Kura­to­ren am Para­dig­ma der 3‑Ak­te-Struk­tur und bau­en einen Span­nungs­bo­gen auf, indem jeder Teil sich einer spe­zi­fi­schen Fra­ge­stel­lung wid­met und somit jeweils einen pro­gram­ma­ti­schen Wen­de­punkt initi­iert. Und obschon die drei Kapi­tel unab­hän­gig von­ein­an­der funk­tio­nie­ren, durch­drin­gen sie sich den­noch gegen­sei­tig. «Sculp­tures on the Move», «Per­forming the City», «The City Per­for­med», so die Über­schrif­ten der drei Kapi­tel, the­ma­ti­sie­ren die kom­ple­xen Bezie­hun­gen zwi­schen Raum, Zeit und dem Ich.

Die man­nig­fa­chen Mög­lich­kei­ten, den Kör­per in Bewe­gung dar­zu­stel­len, hat Aria­na Rei­nes ein­dring­lich in ihrer hin­ter­sin­ni­gen Per­for­mance «Mor­tal Kom­bat» (2014), als Auf­takt von «Sculp­tures on the Move» im Foy­er des Kunst­hau­ses Cen­t­re­Pas­quArt, gezeigt. In Aus­ein­an­der­set­zung mit Carl Bur­ck­hardts «Der Tän­zer» und Max Bills «Rhyth­mus im Raum» – bei­des Arbei­ten, die an der ers­ten Plas­tik­aus­stel­lung 1954 in Biel zu sehen waren und sich eben­falls mit dem Phä­no­men der Bewe­gung beschäf­ti­gen – schafft sie inhalt­li­che Bezugs­punk­te: vom Gegen­ständ­li­chen zum Abs­trak­ten bis hin zur real erfahr­ba­ren Bewe­gung. Aria­na Rei­nes führ­te mit Jim Flet­cher eine Cho­reo­gra­fie auf, die bis an die Gren­ze des phy­sisch Erträg­li­chen ging. Zer­brech­lich­keit, Aus­har­ren, Berüh­rung, Schmerz, Kraft, Kon­flikt, Span­nung, Nähe, Distanz und Rhyth­mus waren Asso­zia­tio­nen, die beim Beob­ach­ten der Dar­bie­tung auf­ka­men. Neben der aus­drucks­star­ken Prä­senz der Kör­per war es die Spra­che, die da und dort von den Per­for­mern in den Raum plat­ziert wur­de. Die Wor­te durch­bra­chen die Inten­si­tät der künst­le­ri­schen Akti­on und ver­lie­hen ihr eine Poe­sie der Leichtigkeit.

Man darf auf die Trou­vail­len gespannt sein, die das Kura­to­ren­team für die kom­men­den zwei Tei­le aus­ge­wählt hat. Die beacht­li­che Lis­te von Iko­nen, auf­stre­ben­den Jung­künst­lern, natio­na­len wie inter­na­tio­na­len Posi­tio­nen der Per­for­mance­kunst ver­spricht zumin­dest eine span­nungs­vol­le Wei­ter­füh­rung der Aus­stel­lung. Zuerst in «Per­forming the City», wo der öffent­li­che Raum und des­sen Regu­lie­rung unter ande­rem mit Inter­ven­tio­nen von Nina Bei­er, Tri­sha Brown, Wil­li Dor­ner, Dou­glas Dunn, San Kel­ler oder Jérô­me Leu­ba unmit­tel­bar im Stadt­raum reflek­tiert wird. Im pro­zess­haf­ten, direkt erfahr­ba­ren Akt der phy­si­schen Bewe­gung des drit­ten Teils spielt ins­be­son­de­re die The­ma­ti­sie­rung der poli­ti­schen Trag­wei­te der Bewe­gung im öffent­li­chen Raum anfangs des 21. Jahr­hun­derts im Kon­text von elek­tro­ni­schen Medi­en und neu­en demo­kra­ti­schen Bewe­gun­gen wie Occu­py, die zu einem welt­wei­ten Phä­no­men avan­cier­ten, eine wich­ti­ge Rol­le. So wer­den im Kunst­haus Cen­t­re­Pas­quArt unter dem Titel «The City Per­for­med» Bei­trä­ge von Vito Accon­ci, Pablo Bron­stein, Dara Fried­man, Rachel Mason, Die­ter Mei­er, Ai Wei­wei und ande­ren zu sehen sein.

«Le Mou­ve­ment» zeigt, der Dop­pel­deu­tig­keit des Begriffs ent­spre­chend, einer­seits die ästhe­tisch-künst­le­ri­sche Per­spek­ti­ve und beleuch­tet ande­rer­seits gleich­zei­tig auch die poli­ti­sche Bedeu­tung von Bewe­gung. Mit wachem Spür­sinn greift die Aus­stel­lung aktu­el­le, gesell­schaft­li­che Ten­den­zen auf, ana­ly­siert die­se und ist dar­über­hin­aus eine Augen­wei­de für alle Lieb­ha­ber der Per­for­mance­kunst, aber auch für sol­che, die es spä­tes­tens mit die­ser unkon­ven­tio­nell-erfri­schen­den und «nahr­haf­ten Aus­stel­lung» werden.


Le Mouvement

Diver­se Orte in Biel, 2502 Biel/Bienne
www.lemouvement.ch

Sculp­tures on the Move: bis 31.8.2014
Per­forming the City: 26.8. – 31.8.2014
The City Per­for­med: 30.8. – 2.11.2014



Bild: Wil­li Dor­ner, Bodies in Urban Spaces, 2010, Per­for­mance still, Marseille,
Cour­te­sy: Wil­li Dor­ner, Cre­dits: Lisa Rastl

Publi­ziert: ensuite Nr. 140, August 2014



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