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Zeit­ge­mäs­se Führung

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Vor Kur­zem durf­te ich mich mit der Fra­ge beschäf­ti­gen, was eigent­lich zeit­ge­mäs­se Füh­rung sei. Wenn ich sol­che Auf­ga­ben bekom­me, beglei­tet mich die Fra­ge über Wochen im Hin­ter­kopf, tritt immer mal wie­der her­vor, bis ich sie wie­der weg­schie­be – und dann macht es irgend­wann klick und ich habe eine Erkennt­nis. Die­ses Mal kam mir die­se Erkennt­nis, als ich durch die Stras­sen lief und plötz­lich über­all Film­pla­ka­te sah: «Momo» von Micha­el Ende kommt wie­der in die Kinos. «Momo» war das ers­te Thea­ter­stück, das ich im Alter von 6 Jah­ren mit mei­ner Mut­ter im Kin­der­thea­ter gese­hen habe. Ich habe es spä­ter noch mehr­mals gese­hen und besass es als wun­der­schö­nes, in Lei­nen gebun­de­nes Buch und als Hörspiel.

Momo, das klei­ne Mäd­chen, das in den Rui­nen einer Stadt lebt, in der graue Män­ner ver­su­chen, die Men­schen dazu zu brin­gen, Zeit zu spa­ren, um sie angeb­lich für spä­ter sicher und gut ver­zinst auf­zu­be­wah­ren. Wäh­rend die Men­schen ver­su­chen, ihre Zeit zu spa­ren, ver­ges­sen sie im Hier und Jetzt zu leben, wer­den immer trau­ri­ger, lee­rer – und die Stadt, in der Momo lebt, immer trost­lo­ser. Lan­ge bevor J. K. Row­ling die Demen­to­ren erfand, beschrieb Micha­el Ende schon, was Men­schen die Lebens­lust neh­men kann.

Wäh­rend ich durch die Stras­sen lief, frag­te ich mich, ob «Momo» denn noch zeit­ge­mäss sei. Ich ver­such­te mich zu erin­nern, wor­um es ging, erin­ner­te mich nach und nach an immer mehr: die Schild­krö­te, Beppo Stras­sen­keh­rer und Momos brau­nen Locken­kopf. Ich erin­ner­te mich dar­an, wie angst­ein­flös­send die grau­en Män­ner waren und wie inspi­rie­rend und fröh­lich Momo war. Momo schafft es, dass Geschich­ten­er­zäh­ler wie­der Geschich­ten erzäh­len, dass Beppo Stras­sen­keh­rer sei­ne Geschich­te erzählt und sich ange­nom­men fühlt – und am Ende gibt sie den Men­schen die Zeit zurück.

Momo ist im Moment, hört zu, lernt, ver­traut, inspi­riert – und bringt den Men­schen am Ende die Zeit und damit das Lebens­glück zurück. Die Stun­den­blu­me wählt Micha­el Ende als Sym­bol für die Kost­bar­keit des Moments und der Zeit als Lebens­quel­le – und die Stadt blüht wie­der auf, als die grau­en Her­ren nicht mehr an der Macht sind.

«Momo» hat über­dau­ert – als Werk und in sei­ner Bot­schaft. Und wäh­rend immer neue Füh­rungs­sti­le ihren Weg in Wis­sen­schaft und Popu­lär­wis­sen­schaft fin­den – von Ser­vant Lea­der­ship bis New Lea­der­ship, von Trans­for­ma­tio­nal Lea­der­ship bis Situa­tio­nal Lea­der­ship –, über­dau­ert auch das, was zeit­ge­mäs­se Füh­rung im Kern ausmacht.

Men­schen haben Grund­be­dürf­nis­se: Auto­no­mie, Ver­bun­den­heit und Kom­pe­tenz erle­ben. Füh­rungs­kräf­te, die es schaf­fen, die­se zu adres­sie­ren, indem sie zuhö­ren, ler­nen und ver­trau­en, kön­nen ihre Funk­ti­on sinn­voll aus­üben. Füh­rungs­kräf­te, die inspi­rie­ren und es schaf­fen, Men­schen zu ver­bin­den, um gemein­sam Zie­le zu errei­chen, wer­den sehr wahr­schein­lich erfolg­reich sein. Ein biss­chen Mut gehört sicher­lich auch dazu. All das kön­nen wir von der Figur Momo ler­nen. Und noch etwas kön­nen wir ler­nen: Zeit­ge­mäss ist, Zeit zu haben – für und mit Men­schen. Viel mehr muss man, glau­be ich, gar nicht über zeit­ge­mäs­se Füh­rung wis­sen. Eins noch: Zeit­ge­mäs­se Füh­rung überdauert.



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