Offspaces bilden das unverzichtbare Fundament der Kunstwelt – eine ebenso alte wie zutreffende Erkenntnis. Dennoch werden sie häufig als selbstverständlich hingenommen und hätten längst mehr öffentliche Aufmerksamkeit verdient. Drei Beispiele sollen deshalb hervorgehoben werden: die Vitrine in der Berner Altstadt, der grosszügige Kunstraum Volume in der Lorraine sowie der ehemalige Kiosk am Kreisel des Guisanplatzes in Thun, heute Satellit. So unterschiedlich ihre Profile auch sind, so anziehend wirken sie – und ein Besuch im Dezember lohnt sich in jedem Fall.
Vitrine, Co-Kuratorin Katrin Sperry
Magst du deinen Offspace kurz vorstellen?
Der Offspace Vitrine befindet sich an der Gerechtigkeitsgasse 77 in Bern und wird von José M. Del Pozo und Katrin Sperry kokuratiert. Durch seine besondere Ausgangslage – als gläserner Ausstellungsraum mitten im Stadtraum – ermöglicht er eine niederschwellige Begegnung mit zeitgenössischer Kunst im Alltag. Im Dezember ist eine Installation von Stirnimann-Stojanovic zu sehen. Die Einladung des Duos basiert auf dem kuratorischen Interesse an seiner Praxis, mit der die beiden das Spannungsfeld zwischen Kunst als Ware und Kunst als gesellschaftlicher Diskurs direkt berühren – eine Herangehensweise, die auch in der Vitrine-Installation zum Tragen kommt. Mit «Einen halben Tag in der Woche Lesezeit, bitte» thematisieren die KünstlerInnen den fehlenden geistigen Raum für das Lesen als Akt des Ausruhens, Weiterdenkens, Resümierens und somit als wesentlichen Teil künstlerischer Produktionsarbeit. Trotz physischer Zugänglichkeit von Büchern bleibt es schwierig, Zeit und Raum fürs Lesen einzufordern, wenn Anträge geschrieben, Projekte umgesetzt werden, herumgerannt und zugleich versucht wird, als KünstlerIn präsent und relevant zu bleiben. Wie lässt sich das Lesen also monetarisieren? Für die Vitrine-Installation setzen die KünstlerInnen dort an, wo es ihnen möglich ist. Sie nutzen die Rahmenbedingungen als Handlungsspielraum, lassen einen Teil des Produktionsbudgets in den Kauf von Büchern fliessen und überführen einen Teil des Honorars in bezahlte Lesezeit. In der Vitrine stehen sinnbildlich dafür eineinhalb Meter ihres persönlichen Buchregals – dessen Inhalt es zu entdecken gilt.
www.katrinsperry.ch/offspace-vitrine
Volume, Betreiberinnen Babette Berger und Diana Dodson
Was hat euch dazu bewogen, den Kunstraum zu eröffnen, und welches Ziel verfolgt ihr mit diesem Raum?
Der 2022 gegründete Volume-Kunstraum ist eine Plattform für Kunst- und Kulturschaffende und für ein interessiertes Publikum zwecks Werkpräsentation, Vernetzung, Begegnung und Austausch. Neben der bildenden Kunst sind auch multidisziplinäre Projekte wie Konzerte, Lesungen, Performances, szenische, installative sowie Work-in-Progress-Arbeiten anzutreffen. Professionalität, Qualität, die Unterstützung von KünstlerInnen sowie die Freude am Kuratieren bilden das Fundament unseres Engagements neben der eigenen Tätigkeit als bildende Künstlerinnen und Dozentinnen.
Mit eurer guten Lage, der vergleichsweise grossen Ausstellungsfläche und eurer langjährigen Erfahrung als Kunstschaffende im Betreibendenteam: Welche Rolle wollt oder könnt ihr in der Kunstszene einnehmen?
Die Häufung von Galerieschliessungen in den letzten Jahren ist eine existenzielle Bedrohung für die Künstlerschaft. Besonders hart trifft es Künstlerinnen und Künstler, die seit Jahrzehnten in einem Kunstbetrieb arbeiten, der auf Werkverkauf und Sammlertätigkeit basiert. Diese Strukturen scheinen sich nun im mittleren Kunstsegment aufzulösen, während gleichzeitig die Kulturfördermittel gekürzt werden. Umso wichtiger ist es – auch für die jüngere Künstlergeneration –, sichtbar zu bleiben, einen Ort zu haben, wo man sich ungezwungen trifft, netzwerkt, diskutiert, die Neuausrichtung und die Aufgabe der Kunst neu verhandelt und sich gegenseitig unterstützt. Wir haben das Glück, dass uns dieser Ort gefunden hat, dass wir Gastgeberinnen in einem Kunstraum mit grossem Schaufenster und wohligem Ambiente im zentrumsnahen, lebendigen Lorrainequartier sein dürfen und dass wir uns hoffentlich durch die gesammelten Erfahrungen zukünftig weiterentwickeln und auch überregional wahrgenommen werden.
Im Dezember läuft eine Ausstellung mit der Malerin Johanna Huguenin. Was wird sie zeigen, und weshalb lohnt sich ein Besuch?
Nach der letzten Ausstellung von Véronique Zussau mit komplexen und spannenden installativen Werken lässt uns Johanna Huguenin durch raffinierte, subtile und sinnliche Malereien wandern – obschon eine eher «klassische» Ausstellung, ist es eine Augenweide.
www.volume-kunstraum.ch
Satellit, Kuratorin und Kunstvermittlerin Odilia Nowacki
Der Kunstraum Satellit befindet sich an einem ungewöhnlichen, aber sehr präsenten Ort – als ehemaliger Kiosk mit Glasfront an einem Kreisverkehr. Was hat euch dazu bewegt, diesen Raum zu übernehmen und weiterzuführen?
Als sich die Nachfolge des Vereins abzeichnete, war sofort klar: Der Satellit muss sich weiterdrehen. Er ist mehr als ein Ort – eine Bühne mitten im Alltag, die KünstlerInnen Sichtbarkeit bietet und Menschen einlädt, Kunst unmittelbar zu erleben. Diese Mischung aus Offenheit, Transparenz und künstlerischer Qualität machte es für uns selbstverständlich, den Kunstraum Satellit zu erhalten.
Wie gestaltet ihr diesen Übergang – bleibt ihr der bisherigen Ausrichtung treu, oder setzt ihr neue Schwerpunkte?
Wir führen die Idee weiter und setzen zusätzliche Akzente, um Raum und Kunst noch zugänglicher zu machen. Gespräche, Performances und partizipative Formate bringen BesucherInnen näher an die Arbeiten und KünstlerInnen und schaffen Erlebnisse, die neugierig machen und einladen.
Durch die offene Lage und den direkten Bezug zum Stadtraum hat der Satellit eine besondere Sichtbarkeit. Welche Rolle wollt oder könnt ihr mit diesem Kunstraum in der Thuner Kunstszene und darüber hinaus spielen?
Der Satellit wirkt wie ein offenes Fenster in andere Welten. Er eröffnet Perspektiven und Gedankenwelten, lässt BesucherInnen neue Räume betreten und Begegnungen erleben, die sonst verborgen bleiben würden. Der Raum soll auch über die Thuner Kunstszene hinaus als Ort des Dialogs funktionieren, der Kunst und Öffentlichkeit in Beziehung setzt.
www.satellit.space
Wie sehr der Satellit als Ort für unmittelbare künstlerische Prozesse funktioniert, zeigt derzeit die Arbeit des Malers Filip Haag. Im Gespräch legt er dar, wie das Wandbild entsteht und in welchem Verhältnis es zum öffentlichen Raum steht.
Satellit, Künstler Filip Haag
Soweit bereits bei meinem Besuch erkennbar, entsteht das Bild im Kunstraum Satellit spontan, in einer Art kreativem Prozess, vielleicht sogar als eine Form des gelenkten Zufalls …
Vorerst habe ich die neun Einzeltafeln, horizontal einzeln auf Böcken liegend, mit einem sehr wässerigen blauen Farbauftrag überzogen. Weitere Überarbeitungen entstanden und entstehen einzig aus dem Augenblick heraus, ohne fixe Vorgaben ausser derjenigen, dem Bild Tiefe zu geben, Komplexität und (als Landschaft) Plausibilität. Ich bin noch nicht überzeugt, dass es am letzten Tag der Ausstellung fertig gemalt sein wird. Dabei nehme ich durchaus in Kauf, verletzlich zu sein, wenn ich ein Bild voller Fehler schon «ins Schaufenster» stelle.
Wie verhalten sich die eher feinen, goldfarbenen Partien zu den flächigen, rund wirkenden, dunklen Blautönen? Welcher Eindruck soll durch dieses Spannungsverhältnis entstehen?
Die Blautöne formen die «natürliche» Landschaft, sie bilden zweidimensional quasi die Prozesse der Natur (Eruptionen, Erosionen …) ab, die sich erdgeschichtlich dreidimensional ereigneten und weiter ereignen. Die goldenen Partien kommen wie «Bebauungen» darin zu liegen, sie repräsentieren menschliche (zivilisatorische, kulturelle) Eingriffe, sie überziehen die Landschaft zunehmend als Besiedelung. Das Gold in kleinen und kleinsten Formen, Pinselstrichen und Flächen repräsentiert dabei eigentlich ein Dilemma: Es kommt edel und gross daher, wird aber als Hybris den Kräften der Natur doch unterliegen müssen.
Die Landschaft ist nicht fantastisch, sie zeigt aber erfundene Gegenden. Und als nicht reale Landschaft, die in der Wahrnehmung entsteht, zeigt sie auch sonst «unwirkliche» Phänomene, etwa Megagewitter oder Wind-Säuselungen, die fantastisch wirken können, aber eigentlich einfach Teil des Spektrums aller möglichen Phänomene sind. Eben: Das Bild simuliert zweidimensional die dreidimensionale Welt.
Das Wandbild im Satelliten in Thun entsteht ja gewissermassen im öffentlichen Raum. Wie wichtig ist für dich die Verbindung zwischen Bild und Aussenraum?
Das Bild lebt (auch) vom Kontakt mit den Bewohnern dieser Welt (bzw. der Stadt Thun oder des Selve-Areals), dem öffentlichen Raum. Dabei nehme ich den auch akustisch wahr, indem ich etwa eine Mutter höre, die ihrem Kind erklärt, mit was sie mich da grad beschäftigt sehen. Vielleicht und hoffentlich ist das Kind so beeindruckt, dass es später auch mal der Kreativität vertraut und sie ausleben möchte. Dies geht mir unter anderem durch den Kopf, weil ich gerade vor paar Tagen erstmals Opa wurde und also das erneute Wunder von Werden und Vergehen eindrücklich begleite.
Parallel zum Satelliten sind Werke in der Soloausstellung in der Galerie Nielaba zu sehen:
www.galerie-nielaba.com






