Von Freund­schaf­ten, Qua­li­tät und ande­ren Katastrophen

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Von Lukas Vogel­sang zum The­ma Kul­tur­för­de­rung und Medien:

Auf­merk­sa­me Lese­rIn­nen von «ensuite – Zeit­schrift zu Kul­tur & Kunst» kön­nen sich viel­leicht an den Arti­kel «Fata­le Zustän­de für die Kul­tur­be­richt­erstat­tung Schweiz» erin­nern (Nr. 203, Aus­ga­be Novem­ber 2019 oder online: www.ensuite.ch/fatale-zustaende-fuer-die-kulturberichterstattung-schweiz). Dar­in ging es um die Zukunft der Kul­tur­me­di­en und die Mau­sche­lei­en vom BAK (Bun­des­amt für Kul­tur) mit eini­gen «Freun­den». Man hät­te in der Zwi­schen­zeit anneh­men kön­nen, dass sich die Situa­ti­on bes­sert – doch lei­der ist alles nur noch schlim­mer gewor­den. Da es in der Schweiz an Kul­tur­re­dak­to­rIn­nen man­gelt, wel­che kri­tisch hin­ter den Kulis­sen recher­chie­ren, kom­men sol­che Geschich­ten kaum ans Licht.

Das For­schungs­zen­trum Öffent­lich­keit und Gesell­schaft (fög) ver­öf­fent­lich jähr­lich das «Qua­li­tät der Medien»-Jahrbuch. In der Aus­ga­be 2020 wur­de dar­in eine Stu­die über «Qua­li­tät und Stel­len­wert der Kul­tur­be­richt­erstat­tung in der Schweiz» ver­öf­fent­licht, eine «Ana­ly­se von Nach­rich­ten­me­di­en und Kul­tur­platt­for­men 2015–2019». Alles schön und gut – bis auf die klei­ne Rand­no­tiz, die mich hell­hö­rig mach­te: «Die Unter­su­chung zur Kul­tur­be­richt­erstat­tung wur­de von ch-inter­cul­tur: Ver­ein für Kul­tur­kri­tik finan­zi­ell unter­stützt.» Dazu muss man wis­sen, dass die­ser Ver­ein zuvor Schwei­ze­ri­scher Feuil­le­ton­dienst hiess und eigent­lich nur als Käs­se­li­ver­ein der SDA (Schwei­ze­ri­sche Depe­schen­agen­tur) Geld vom BAK und den Kan­to­nen zulie­fer­te. Aber das ist noch nicht alles: Der Prä­si­dent des Ver­eins ch-inter­cul­tur, Dr. iur. Ulrich E. Gut, ein ehe­ma­li­ger per­sön­li­cher Mit­ar­bei­ter von SVP-Bun­des­rat Leon Schlumpf und Ehe­mann von Ursu­la Gut, der ehe­ma­li­gen Zür­cher FDP-Regie­rungs­rä­tin, hat in der 2020er-Aus­ga­be des «Qua­li­tät der Medien»-Jahrbuchs das Gesamt­vor­wort geschrie­ben. Er ist – welch Zufall aber auch – seit 2020 Stif­tungs­rats­mit­glied der Kurt-Imhof-Stif­tung für Medi­en­qua­li­tät (der mass­ge­ben­den Geld­quel­le für das Jahr­buch «Qua­li­tät der Medi­en» vom fög).

Am 26. August 2021 lädt der Ver­ein Swiss­Foun­da­ti­ons zu einem Event ein: «Kul­tur­be­richt­erstat­tung in der Kri­se – Wie kommt Kul­tur zukünf­tig zu den Men­schen?» An die­sem Event stellt der Ver­ein ch-inter­cul­tur das neue Kon­zept «Kul­tur online» von Beat Mazen­au­er vor, an die­sem Event spricht Mark Eise­n­eg­ger, Prof. für Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaf­ten und Medi­en­for­schung, Lei­ter For­schungs­zen­trum Öffent­lich­keit und Gesell­schaft der Uni­ver­si­tät Zürich (fög), zum The­ma «Jour­na­lis­mus in der Kri­se? Erkennt­nis­se aus dem Jahr­buch ‹Qua­li­tät der Medi­en›», und an die­sem Event stel­len Kul­tur­för­der­stel­len Ihre eige­nen Platt­for­men vor (Thur­gau), das BAK (ehe­ma­li­ger und wohl auch zukünf­ti­ger För­de­rer von ch-inter­cul­tur) und die Stif­tung Chris­toph Meri­an (För­de­rin von ch-inter­cul­tur) hal­ten das Schluss­wort. Die übri­gen Prot­ago­nis­tIn­nen sind ent­we­der durch die öffent­li­che Hand oder mit von Stif­tun­gen mit­fi­nan­zier­ten Pro­jek­ten ver­ban­delt. Ein­zig der Chef­re­dak­tor, ein Grün­dungs­mit­glied von «Hei­di News», Ser­ge Michel, ist als pro­fes­sio­nel­ler Jour­na­list anwe­send und kann aus Erfah­rung spre­chen. Eben­falls anwe­send ist Mat­thi­as Zehn­der, der sich mal His­to­ri­ker und mal Medi­en­wis­sen­schaft­ler nennt – je nach­dem, wie der Wind weht – und von der Stif­tung für Medi­en­viel­falt eine Anschub­fi­nan­zie­rung erhal­ten hat für das loka­le Online­por­tal bajour.ch
in Basel.

So trifft man sich – unter sich. Auf­fal­lend ist, dass es kei­ne kri­ti­schen Töne gibt. Ent­we­der folgt man den Sta­tis­ti­ken (fög), die aus einem Hau­fen Daten und eini­gen Algo­rith­men irgend­was her­aus­le­sen, oder man lässt sich von jenen berie­seln, die in einer Abhän­gig­keit ste­hen oder aber Bitt­stel­le­rIn­nen sind. So oder so fällt auf, das etwas fehlt: die Kul­tur­jour­na­lis­tIn­nen und noch viel mehr Kul­tur­ver­le­ge­rIn­nen. Die gibt es in der Schweiz – doch wer­den die­se weder in der Stu­die vom fög noch bei den Stif­tun­gen oder der öffent­li­chen Kul­tur­för­de­rung aner­kannt. War­um bloss?

Ich will gar nie­man­dem etwas unter­stel­len – aus­ser viel­leicht Betriebs­blind­heit. Das Pro­blem aber ist, dass hier ein The­ma von Leu­ten dis­ku­tiert wird, die kei­ne Ein­bli­cke in der Arbeits­all­tag, in die Ver­lags­ar­beit, in die pro­fes­sio­nel­le Berufs­pro­ble­ma­tik, in die Bedürf­nis­se, in Ver­trieb, Pro­duk­ti­on, Know-how, Bil­dung und Aus­bil­dung, in die Arbeits­me­tho­dik, in Geld­be­schaf­fung und Ver­kauf von Anzei­gen, Abo­ver­wal­tun­gen, Buch­hal­tun­gen, Eigen­wer­bung und – ganz wich­tig – in die Kul­tur­le­ser­schaft haben. Pro­ble­ma­tisch ist, dass die­se «Ent­schei­dungs­men­schen» nur Geld und Macht besit­zen, Ein­fluss neh­men kön­nen und sich über die Köp­fe einer Bran­che weg ein­mi­schen – ohne eigent­lich zu wis­sen, was läuft. Absicht? Nun, es geht immer um das Glei­che: Man will sich ein Kul­tur­denk­mal set­zen.
Ich bat Mark Eise­n­eg­ger um eine Stel­lung­nah­me. Er schrieb:

1.) Unab­hän­gig­keit unse­rer Stu­die (Zitat: «Gefäl­lig­keits­be­richt»)
Es han­delt sich bei unse­rer Stu­die in kei­ner Art und Wei­se um einen «Gefäl­lig­keits­be­richt». Die­sen Vor­wurf wei­sen wir in aller Ent­schie­den­heit von uns. Der För­de­rer (ch-inter­cul­tur) ist trans­pa­rent aus­ge­wie­sen. Die Stu­die genügt höchs­ten metho­di­schen Stan­dards und ist öffent­lich, wodurch der kri­ti­sche Nach­voll­zug unse­rer Vor­ge­hens­wei­se durch wis­sen­schaft­li­che Peers gewähr­leis­tet ist als Vor­aus­set­zung für die Unab­hän­gig­keit und Qua­li­tät der Stu­die. Nicht zuletzt wei­sen wir dar­auf hin, dass die­se Stu­die ohne Eigen­mit­tel des fög nicht hät­te rea­li­siert wer­den kön­nen.

2.) Qua­li­tät unse­rer Stu­die

Kul­tur­jour­na­lis­ti­sche Inhal­te und PR wer­den kei­nes­wegs gleich­ge­stellt, son­dern sehr deut­lich abge­grenzt. So wird im Bericht deut­lich zwi­schen jour­na­lis­ti­scher und Par­ti­ku­lär­in­ter­es­sen-ori­en­tier­ter Kul­tur­in­for­ma­ti­on unter­schie­den. Begrif­fe wie zum Bei­spiel jener der Kul­tur wer­den im Bericht nach­voll­zieh­bar defi­niert. Eben­so trans­pa­rent und nach­voll­zieh­bar ist die der Stu­die zugrun­de lie­gen­de metho­di­sche Vor­ge­hens­wei­se. Die­se ent­spricht in jeder Hin­sicht wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards. Details hier­zu kön­nen der Stu­die selbst ent­nom­men wer­den. Das bezieht sich nicht zuletzt auf die Aus­wahl der Online­platt­for­men, die Kul­tur­in­for­ma­tio­nen ver­mit­teln und im Anhang gelis­tet wer­den. Um die­se zu iden­ti­fi­zie­ren, wur­de ein – an das natür­li­che Such­ver­hal­ten im Inter­net ori­en­tier­tes und kei­nes­falls will­kür­li­ches – Ver­fah­ren gewählt: Erfasst wur­den sämt­li­che Platt­for­men, die auf die Such­be­grif­fe (in drei Lan­des­spra­chen) «Kul­tur & Schweiz», «Kul­tur Jour­na­lis­mus Schweiz» sowie «Kul­tur Ver­band Schweiz» auf den ers­ten fünf Sei­ten der Goog­le-Tref­fer­lis­te erschie­nen sind. Auf die­se Wei­se wur­den zwar nicht alle Platt­for­men, die Kul­tur­in­for­ma­ti­on anbie­ten, erfasst, jedoch aber die­je­ni­gen, die von inter­es­sier­ten Lai­en gefun­den wer­den kön­nen.
Unser Inter­es­se an die­ser Stu­die ist ein rein wis­sen­schaft­lich-inhalt­li­ches. Zu kei­nem Zeit­punkt hat ein Auf­trag­ge­ber Ein­fluss auf die Inhal­te der Stu­die genommen.

Dass sich «enco­re»für eine kri­ti­sche Kul­tur­be­richt­erstat­tung in der Schweiz ein­setzt, erscheint mir wich­tig und unterstützungswürdig.

Nun, das ist alles fast kor­rekt. Aber ist es nicht trotz­dem erstaun­lich, dass von den min­des­tens rund 40 pro­fes­sio­nel­len Kul­tur­ver­la­gen in der Schweiz in der Lis­te der 49 Kul­tur­platt­for­men nur gera­de mal zwei Ver­la­ge in der Stu­die berück­sich­tigt wor­den sind? Mir wäre dabei auf­ge­fal­len, dass die Such­stra­te­gie wohl nicht ide­al gewählt wur­de. Und hier beginnt wie­der die lei­di­ge Dis­kus­si­on über die Begrif­fe: Wer sucht denn nach «Kul­tur Jour­na­lis­mus Schweiz»? Wer so recher­chiert, hat die Funk­tio­na­li­tät von Goog­le nicht wirk­lich ver­stan­den. So was nenn ich blind auf bei­den Augen. Und fin­di­ge Lese­rIn­nen haben sicher bemerkt, dass Mark Eise­n­eg­ger bei der Stel­lung­nah­me eben­so wenig bei der Sache war: Ich ken­ne kei­ne Kul­tur­zeit­schrift die «enco­re» heisst – sehr wohl aber das «ensuite».

Sol­che Unge­nau­ig­kei­ten pas­sen zum The­ma. Die fög-Stu­die ist nicht grund­sätz­lich falsch, aber sie stell­te bei der Medi­en­aus­wahl und der Selek­ti­on von den Kul­tur­platt­for­men die fal­schen Fra­gen – und eben nur sol­che, die für den Main­stream-Tages­jour­na­lis­mus gel­ten – und kommt somit zu einem Zerr­bild in der Stu­die. Anders­rum: Wenn man fast alle Publi­ka­tio­nen in der Stu­die aus­lässt, die 100 % nur Kul­tur- und Kunst­the­men publi­zie­ren und zu 100 % nur eine kul­tur­in­ter­es­sier­te Leser­schaft vor­wei­sen, dann kön­nen wir mit glei­chem Erfolg eine Arten­stu­die über Zebras in den Ber­ner Alpen ver­öf­fent­li­chen. Es ist auch eher ungüns­tig, bei den «Anbie­tern von Kul­tur­in­for­ma­tio­nen» von den Ver­bän­den aus­zu­ge­hen. Ers­tens decken die­se nur The­men von den eige­nen Mit­glie­dern ab und zwei­tens sind von den rund 130 Ver­bän­den nur gera­de mal die «reichs­ten» 21 auf­ge­lis­tet. Aller­dings pro­du­zie­ren die­se Ver­bän­de kei­ne Kul­tur­in­for­ma­tio­nen, die für eine Kul­tur­be­richt­erstat­tung ele­men­tar wären, und die wenigs­ten Ver­bän­de sehen sich genö­tigt, auf den eige­nen Web­sites einen News­feed zu füh­ren. Zu Recht: Auch für Kul­tur­ma­ga­zi­ne macht es wenig Sinn, Arti­kel gra­tis zu ver­öf­fent­li­chen. Irgend­ein Busi­ness­mo­dell muss schon noch vor­han­den sein, und die digi­ta­le Medi­en­welt finan­ziert sich zur­zeit kaum selbst. Und das wur­de in der Stu­die kom­plett igno­riert.
Die Stu­die vom fög fol­gert dar­aus ent­spre­chend eine kurio­se Pro­blem­dia­gno­se, die so all­ge­mein und dünn ist, dass man sich die Stu­die gleich hät­te spa­ren kön­nen: «Kul­tur ist dar­auf ange­wie­sen, auch die brei­te Bevöl­ke­rung zu errei­chen.» Ein Kil­ler­satz. Glei­ches gilt für Schuh­pro­du­zen­ten und Fuss­ball­klubs und Mil­lio­nen ande­rer The­men­gat­tun­gen. Inter­es­se für Kul­tur wächst nicht mit mehr Publi­zi­tät, son­dern mit mehr Wer­bung. Eine alte Markt­re­gel. Genau da liegt der Grund, war­um die all­ge­mei­nen Tages­me­di­en immer weni­ger über Kul­tur berich­ten: Das Inter­es­se ist nicht gross genug (Stu­di­en beleg­ten mal 2 % Leser­schaft in den Tages­me­di­en), und bei aller Lie­be und den vie­len Efforts, es ist ein Kos­ten­fak­tor, der in kei­nem Ver­hält­nis zu eben­die­ser Leser­schaft steht.

Die Stu­die vom fög ist fach­lich unge­nü­gend und kommt unge­fähr 20 Jah­re zu spät. Vor 20 Jah­ren gab es bei den Tages­zei­tun­gen noch vie­le Kul­tur­bei­la­gen, die Ver­la­ge waren dar­an inter­es­siert, das Feuil­le­ton zu stär­ken, Kul­tur­agen­den wur­den publi­ziert – es gehör­te doch zum guten Ton eines intel­lek­tu­el­le­ren Blat­tes. Das hat­te aber nicht mehr zah­len­de Lese­rIn­nen zur Fol­ge! Im Zuge der Markt­ver­än­de­run­gen, der Abwan­de­rung der Klein­an­zei­gen ins Inter­net, der Abwan­de­rung der Wer­bung zur selbst orga­ni­sier­ten algo­rith­mus­ge­steu­er­ten Ziel­pu­blik­um­ge­win­nung haben die Medi­en zu viel Geld ver­lo­ren und kämp­fen um Abon­nen­tIn­nen und Anzei­ge­märk­te. Da bringt es nichts, zu bekla­gen, dass man sei­ne Wün­sche nicht erfüllt sieht, da muss irgend­wo­her Geld kom­men. Par­al­lel dazu hat die Kul­tur­för­de­rung 20 Jah­re lang die Pres­se bezüg­lich Kul­tur und Kunst getre­ten und kei­nen Rap­pen zah­len wol­len. Alle Absa­gen, die ich in die­ser Zeit von Stif­tun­gen oder Kul­tur­äm­tern erhielt, berie­fen sich dar­auf, dass die Pres­se nicht sub­ven­tio­niert wer­den dür­fe – das war sogar im Jahr 2020 noch ein The­ma beim BAK. Blö­der­wei­se haben aber aus­ge­rech­net das BAK und eini­ge För­der­stel­len trotz­dem Bei­trä­ge bezahlt: Kino­zeit­schrif­ten, art-TV, dem Schwei­ze­ri­schen Feuil­le­ton­dienst, Lite­ra­tur­zeit­schrif­ten … übri­gens, sehr lus­tig: Auch die­se Medi­en wer­den vom fög alle erfolg­reich ignoriert.

In einem Punkt hat die Stu­die aber recht: Es gibt kei­ne Lob­by für Kul­tur. Das liegt aller­dings nicht an den Medi­en oder an der För­de­rung, son­dern an der Tat­sa­che, dass die Kul­tur­sze­ne über­haupt nicht zusam­men­ar­bei­ten will. Das zeigt sich in den über 130 Ver­bän­den, die das BAK schon mal zurück­stut­zen muss­te, weil die Ein­zel­be­dürf­nis­se kein Ende mehr neh­men woll­ten. Es zeigt sich aber dar­an, dass es kei­nen Ver­band für Kul­tur­me­di­en gibt, obschon das The­ma seit Jah­ren kocht und man lob­by­ie­ren könn­te. Ich habe es mehr­fach ver­sucht und wur­de abge­wie­sen, doch nie­mand hat sich des The­mas sonst ange­nom­men. Es ist eben «eigent­lich nur das Kul­tur, was mir gefällt» – so hat SRF-Mode­ra­tor Eric Facon den Scher­ben­hau­fen mal schön definiert.

Nichts Neu­es, aber immer­hin in der Stu­die erwähnt: «Denk­bar ist etwa, mit öffent­li­chen Gel­dern, bei­spiels­wei­se in Form einer direk­ten Medi­en­för­de­rung, die Ver­brei­tung von Kul­tur­in­for­ma­tio­nen zu för­dern. Kul­tur­ak­teu­rIn­nen soll­ten also dar­auf pochen, in die Dis­kus­si­on über die Kri­te­ri­en für eine Medi­en­för­de­rung invol­viert zu wer­den. Denk­bar wäre zum Bei­spiel ein Leis­tungs­auf­trag, der expli­zit auch Kul­tur­in­for­ma­tio­nen beinhal­tet.» Ich hat­te anläss­lich meh­re­rer inten­si­ver Gesprä­che mit den Ber­ner Kul­tur­för­der­stel­len von Stadt und Kan­ton Bern und dem BAK genau dies mehr­fach gefor­dert und bin gegen Mau­ern gerannt. Ist ja lus­tig, dass die­se fög-Stu­die oder die­ses oben erwähn­te Grüpp­chen BAK/SwissFoundations und ch-inter­cul­tur eben gera­de alle 20 Schwei­zer Kul­tur­ver­la­ge und alle Kul­tur­jour­na­lis­tIn­nen aus­ge­klam­mert haben. So viel zu die­sem Thema.

Zurück zu ch-inter­cul­tur und dem «neu­en» Kon­zept «Kul­tur online», wel­ches aus den «Bedürf­nis­sen» von Kul­tur­ver­bän­den und Ver­an­stal­te­rIn­nen erar­bei­tet wur­de. Eine Art Kon­zept­vor­schau ist auf der Ver­eins­web­site bereits online ver­füg­bar. Beat Mazen­au­er, ein Lite­ra­tur­kri­ti­ker, hat sich nicht über­mäs­sig ins Zeug gelegt: Die Kul­tur­me­di­en­kon­zep­te, die ich vor 20 Jah­ren gele­sen hat­te, waren bes­ser. Wer eini­ger­mas­sen eine Ahnung hat von einem redak­tio­nel­len All­tag, weiss, dass eine natio­na­le «App» oder Web­site nicht mit nur knapp 2 Per­so­nen (einer Per­son für die Deutsch­schweiz und einer Per­son für den fran­zö­si­schen Teil) bestückt sein kann – auch wenn für die Inhal­te auf freie Mit­ar­bei­te­rIn­nen gezählt wird. Das Pro­blem: Eine Redak­ti­on zu füh­ren bedeu­tet mehr, als nur Tex­te durch­zu­win­ken. Eine Kul­tur­platt­form, wel­che das Gesche­hen von 26 Kan­to­nen und zig mehr «Kul­tur­städ­ten» ablich­ten will, für ein Publi­kum von 0 bis 99 Jah­re, ist ein unbe­zähm­ba­res und unbe­zahl­ba­res Mons­ter. Wer sich so was erträumt, hat nichts vom Jour­na­lis­mus und noch weni­ger vom Medi­en­be­trieb ver­stan­den. Was will eine Kul­tur-online-App denn jetzt abbil­den? Events? Loka­le, regio­na­le, kan­to­na­le oder natio­na­le Kul­tur? Und in wel­chen Spra­chen? Alles über­setzt? Was inter­es­siert die Tes­si­ner die Frei­licht­büh­ne im Tog­gen­burg? Und wel­che St. Gal­ler gehen nach Genf an ein Punk­kon­zert? Reden wir über Refle­xi­on oder über Bericht­erstat­tung oder möch­ten wir mehr Leu­te für Kul­tur inter­es­sie­ren? Das sind unter­schied­li­che The­men, und nicht alles ist mit einer App oder einer Web­site zu lösen, mal ganz zu schwei­gen davon, was das kos­tet … Mit die­sem Geld könn­te man locker bei den 40 bestehen­den Ver­la­gen mit Leis­tungs­auf­trä­gen ein Viel­fa­ches hinbekommen.

Nicht zu ver­ges­sen, dass man wegen des Unter­gangs des Schwei­ze­ri­schen Feuil­le­ton­diens­tes, der vor allem die Mit­glie­der vom Autoren­ver­band unter­stütz­te und sich haupt­säch­lich dem Lite­ra­tur­be­trieb ver­schrieb, ver­sucht ist, vor allem die­se Auto­ren­un­ter­stüt­zung zurück­zu­ho­len. Kom­pe­ten­te Thea­ter­kri­tik oder Musik­kri­tik fal­len den Ver­la­gen heu­te nicht mehr in den Schoss, und es ist schwie­rig, fach­kun­di­ge Mit­ar­bei­te­rIn­nen zu bin­den – die­se Grup­pe um das Pro­jekt «Kul­tur online» ist mei­len­weit davon ent­fernt. Doch es gibt noch vie­le wei­te­re The­men – und dies für jeden Kan­ton … Das ist ein fast unlös­ba­res Pro­blem für nur eine Redaktion.

Als Ers­tes müss­ten Defi­ni­tio­nen gemacht wer­den. Was ver­steht man unter Kul­tur und was unter Kunst? Was ist Kul­tur­be­richt­erstat­tung? Wie will man die Kul­tur­agen­da hand­ha­ben? Ver­ste­hen die Ver­ant­wort­li­chen, dass eine Bericht­erstat­tung kei­ne Kri­tik ist? Ein Kom­men­tar ist kei­ne Vor­schau. Und das abso­lut Wich­tigs­te bei der Pla­nung eines Medi­en­un­ter­neh­mens ist: Wer ist das Ziel­pu­bli­kum? Das Kon­zept von ch-inter­cul­tur ist selt­sam, unrea­lis­tisch und höchst unprofessionell.

Fazit:War­um mei­nen die Ver­ant­wort­li­chen in der Kul­tur­för­de­rung, also in Stif­tun­gen und öffent­li­chen Ämtern, dass sie die Pro­ble­me des Kul­tur­me­di­en­be­triebs bes­ser ver­ste­hen als jene, die seit Jah­ren dar­in arbei­ten? Wes­halb löst die Schweiz das Pro­blem nicht, indem sie auf die Kul­tur­ver­la­ge und Kul­tur­jour­na­lis­tIn­nen zugeht und ein­fach mal eine wirk­li­che Pro­blem­er­fas­sung erstellt? Fest steht, dass Stif­tun­gen wie auch die öffent­li­che Hand kei­ne Kri­tik zulas­sen wol­len. Das ist das Para­dox die­ser Dis­kus­si­on: Die Schwei­zer Medi­en­för­de­rung zahlt kein Geld an die freie Mei­nungs­bil­dung oder die freie Pres­se, wohl aber an die PR-gesteu­er­te Bericht­erstat­tung. Im Bereich Kul­tur und Kunst ist das gut zu erken­nen. War­um? Weil die Poli­tik vor allem der Öffent­lich­keit zei­gen will, was sie tut – also eigent­lich geht’s um Wahl­pro­pa­gan­da. Dabei will man aus­schlies­sen, dass die Gescheh­nis­se hin­ter den Kulis­sen an die Öffent­lich­keit gera­ten oder in der Öffent­lich­keit die Ver­tei­lung von Kul­tur­för­der-Steu­er­gel­dern dis­ku­tiert wird. Eben­so ist die öffent­li­che Kul­tur­för­de­rung der Poli­tik Rechen­schaft schul­dig – des­we­gen ist Kri­tik hier Gift. Bei­spiel SVP: Kaum wird ein Pro­jekt geför­dert, das Kul­tur und Poli­tik ver­bin­det, steht die Par­tei kopf – natür­lich nicht, wenn es die «Welt­wo­che» tut, ver­steht sich. Was für ein schein­hei­li­ges Getue also, wenn sich eine Insi­der-Grup­pe um Kul­tur­be­richt­erstat­tung bemüht. Die zustän­di­ge Per­son beim BAK grüsst mich nicht mal, da ich ihn beim letz­ten Arti­kel nament­lich kri­ti­siert hat­te. Wie sich her­aus­stell­te, hat­te ich zwar recht, aber es geht eben um sei­ne Kar­rie­re. Seit­her bin ich aus jeg­li­cher Dis­kus­si­on aus­ge­schlos­sen – und eben nicht nur ich.

Die Dis­kus­si­on ist nötig und gefähr­lich. Das Ein­zi­ge, was mit dem vor­ge­schla­ge­nen Pro­jekt wie jenem von ch-inter­cul­tur geschieht, ist: Den bestehen­den Platt­for­men wird noch mehr Geld ent­zo­gen (Markt­ver­zer­rung), und statt mehr kul­tur­jour­na­lis­ti­sche Bei­trä­ge wer­den es weni­ger. Wer das nicht ver­steht, hat vom Medi­en­be­trieb nichts verstanden.

Damit wäre alles gesagt.



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