The Pret­ty One

Von Mor­ga­ne A. Ghi­lar­di – Was ist Iden­ti­tät ohne die Ande­ren? Wie soll man sich selbst sein, ohne von ande­ren wahr­ge­nom­men zu wer­den? Wie toll darf man sich selbst fin­den? Die­se und ande­re Fra­gen wirft die Komö­die «The Pret­ty One» (2013) auf.

Die Zwil­lin­ge Lau­rel und Audrey (Zoe Kazan) tei­len zwar die glei­che DNA, doch sie leben zwei sehr unter­schied­li­che Leben. Wäh­rend Lau­rel nach dem Tod ihrer Mut­ter in der Klein­stadt geblie­ben ist, um ihrem Vater mit sei­nen Kunst­ko­pien und dem Haus­halt zu hel­fen, lebt Audrey ein hip­pes, urba­nes Dasein als Immo­bi­li­en­mak­le­rin. Nichts­des­to­trotz lie­ben sich die Schwes­tern sehr. Als die zwei zusam­men unter­wegs sind, ver­un­glückt Audrey in einem töd­li­chen Auto­un­fall. Lau­rel über­lebt, wird jedoch für ihre Schwes­ter gehal­ten. Der Schock raubt ihr zu Beginn das Gedächt­nis; erst am Mor­gen der Beer­di­gung rea­li­siert sie, dass sie eigent­lich Lau­rel ist. Statt dies mit­zu­tei­len, erkennt Sie jedoch eine Chan­ce, aus dem Schat­ten ihrer Schwes­ter zu tre­ten und ein neu­es Leben als Audrey anzufangen.

Der Film ist sich der Absur­di­tät die­ser Prä­mis­se bewusst. Die Dar­stel­lung der Schwes­tern – vor allem von Lau­rel als uncha­ris­ma­ti­sches Mau­er­blüm­chen ohne Selbst­be­wusst­sein – ist zu Beginn über­zeich­net. Doch die Geschich­te ergibt sich nicht dem lächer­li­chen Kla­mauk, wel­cher sich im Hol­ly­wood-For­mat auf­ge­drängt hät­te, son­dern erzählt sau­ber und süss wie sich Lau­rel in den Schu­hen ihrer Schwes­ter zurecht fin­det. Dabei spielt Regis­seu­rin Jenée LaMar­que mit der Sym­bo­lik des Binä­ren, um Lau­rels Iden­ti­täts­ver­lust und Selbst­fin­dung zu erkunden.

In etwas typi­scher Indie-Manier wirkt das Gesamt­pro­dukt manch­mal auf eine sehr spe­zi­fi­sche Art über­äs­the­ti­siert und limi­tiert in sei­ner Fähig­keit, auf einer emo­tio­na­len Ebe­ne an die Rea­li­tät anzu­knüp­fen. Aber dies ist nicht wirk­lich eine Schwä­che, da der Film als Gan­zes eine mär­chen­haf­te Qua­li­tät bei­be­hält. Trotz­dem wünscht man sich teil­wei­se, dass der Film etwas weni­ger Leich­tig­keit und etwas mehr Tief­gang bie­ten wür­de. Wäh­rend zwar lang­sam auf­ge­deckt wird, dass Audreys Leben nicht so per­fekt ist, wie Lau­rel mein­te – kei­ne gros­se Über­ra­schung –, wird einem jedoch auch nicht ganz klar, inwie­fern sich Lau­rel wirk­lich sel­ber fin­det. Sie fin­det zwar Lie­be und etwas mehr Mut, streift aber nie wirk­lich bewusst das Audrey-Kos­tüm ab.

Zum Schluss muss man sagen, dass der Topos der Zwil­lings­be­zie­hung an sich wei­ter­hin inter­es­sant bleibt, und LaMar­que mit die­sem Film eine hüb­sche, guter­zähl­te Para­bel über (Selbst-)Wahrnehmung und Lie­be in all ihren For­men gelie­fert hat.

«The Pret­ty One», USA 2013. Dreh­buch & Regie: Jenée LaMar­que. Dar­stel­ler: Zoe Kazan, Jake John­son, Ron Living­ston. Län­ge: 90 Min. Ab dem 28. August direkt im Han­del erhältlich.


Bild: Film­still aus «The Pret­ty One», USA 2013. zVg.

Publi­ziert: ensuite Aus­ga­be Nr. 141, Sep­tem­ber 2014



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