Pee­ping Tom

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Gra­bes- oder Geburtsstätte?

Unter dem Baum und der Wie­se spielt die letz­te Epi­so­de der Tri­lo­gie der Com­pa­nie Peeping Tom aus Gent, nach dem Gar­ten (Le jar­din, 2002), Salon (2006) nun das Unter­ge­schoss (Le Sous Sol, 2007). Unter dem Baum und der Wie­se ist meter­wei­se Erde, wo ein Kel­ler­ge­schoss nis­tet. Doch die Erde

über­sät dun­kel sei­nen Boden und dringt mas­siv durch sei­ne sur­rea­lis­ti­schen Fens­ter. Das brau­ne Grund­ele­ment, das den Erden­be­woh­ner zuwei­len dul­det und her­bergt, holt sich wie­der den gespen­de­ten Lebens­raum. Hier noch eine Büh­ne breit. Und es schliesst bekannt­lich den orga­ni­schen Zyklus. Eine Tat­sa­che, die der Mensch mit Blu­men beschö­nigt und so legt gleich zu Beginn eine Grei­sin zitt­rig wel­che ab. An einer Stel­le, wo frü­her – so wird sug­ge­riert – ein Heim (wohl mit Salon & Gar­ten) in Flam­men auf­ging. Blu­men schmückt auch eine blei­che Grab­ent­fleuch­te, gan­ze Krän­ze trägt, kreist und eiert sie um den Bauch. Ein selt­sa­mes Zwi­schen­reich ist die­ses Unter­ge­schoss, wo Unter­welt und Nach­welt noch mit­ein­an­der rin­gen. Die Figu­ren der vor­he­ri­gen Epi­so­den, Glie­der einer rei­chen Fami­lie im Nie­der­gang, krie­chen aus Erd­gän­gen wie Maul­wür­fe empor. Sie tref­fen geis­tes­ab­we­send auf­ein­an­der. Ent­spannt wil­len­los geschieht ihnen, was ihnen geschieht, ent­fährt ihnen, was ihnen ent­fährt. Sie ver­hän­gen und ver­kei­len sich, reis­sen ein­an­der beim Tor­keln mit, beim Pur­zeln, beim geschwun­ge­nen Über­schlag und kom­men – fast gespens­tisch – immer wie­der auf die Bei­ne. Zu zweit zu dritt knäu­eln sie sich, wer dach­te, was mensch könn­te, reih­ten sich ihm vier, gar sechs Bei­ne statt einem Paar. Labi­le leh­nen anein­an­der im fra­gi­len Gleich­ge­wicht, vor­über­ge­hend. Alles ist im Ent­ste­hen und Ver­ge­hen, man lässt sich auf­ein­an­der ein, ent­spannt und ohne Scha­den zu neh­men. Man glaubt sich im letz­ten Zen-Sta­di­um, wenn nicht da plötz­lich eine Stim­me kom­man­dier­te: «Auf­rei­hen! Nicht so! Und: Sti-i-lle Naaacht,…» Der takt­wei­sen­de Mez­zo-Sopran ver­passt einem Engel (Gabrie­la Car­ri­zo) Schlüs­sel samt Rie­sen­schach­tel für den Weg, und den gehö­rig Gereih­ten wird insze­nier­te Geschenk­gna­de zuteil. Freu­de stellt sich gehor­samst ein. Har­fen­klän­ge gesel­len sich dazu und ver­lie­ren ihre Unschuld in der Beklem­mung der hei­li­gen Nacht.

Dann klop­fen, unheim­lich, hoh­le Tas­ten­klän­ge des pre­pa­rier­ten Kla­viers von Schnitt­kes con­cer­to grosso aus der Dun­kel­heit. Von fie­sem Vio­lin­strich durch­zo­gen errei­chen sie uns wie von der Schwel­le ewi­ger Mensch­heits­kla­ge. Es tau­chen zwei Gestal­ten auf, einer von ihnen auf­recht. Breit­bei­nig steht er da, dem ande­ren ragen die Bei­ne in die Höh›. Er hält die­sen wie ein Schild vor sich, dann wie eine Lan­ze zu sei­nen Füs­sen in die Erde gerammt, oder wie einen Herr­schafts­stab, den man sich hin und wie­der auch in die lin­ke Hand zuspie­len darf. Wäh­rend die­ser ande­re kopf­über in der Erde oder in sei­nem Man­tel­kra­gen steckt.

Auf Mes­sers Schnei­de ist das Stück plat­ziert. Wo Stim­mung und Bedeu­tung gefähr­lich umschwenkt. An ihrer weis­sen Haar­pracht wird die Grei­sin her­bei­ge­schleift, die stöh­nend jeden Ruck quit­tiert. Ruck­ar­tig wird ihr Bein hoch­ge­ris­sen, der Arm hin­term Rücken ver­dreht, sie zurück­ge­bo­gen, und ruck­ar­tig jault sie auf. Bis man kur­zer­hand von ihr ablässt, sie sich sor­tiert und mit unver­braucht hel­lem Geläch­ter davon­hüpft (unschul­dig-jugend­lich die 80jährige Tän­ze­rin Maria Otal). Sie wird zehn Minu­ten an den Lip­pen eines jun­gen Man­nes – ihres früh­ver­stor­be­nen Gelieb­ten? – (Samu­el Lefeu­vre) hän­gen, und trotz Flieh­kraft end­lo­ser Dre­hun­gen vom Boden bis in den Lüf­ten an ihnen haf­ten. Bis sie sich zum Kind zurück­bil­det, mit der Erde als Sand­kas­ten, und zum Säug­ling an der Brust der tyran­ni­schen Domi­na, der Sopra­nis­ten Euru­di­ke de Beul.

Und wenn im Jen­seits die Zeit rück­wärts ver­lie­fe? Die aus den Gra­bes­höh­len her­vor­krie­chen­den Maul­wür­fe Wür­fe aus dem Mut­ter­schlund wären? Und uns allen noch mal unser Leben bevor­stün­de: Him­mel oder Höl­le, oder eben ein selt­sa­mes Zwi­schen­reich… Der Phan­ta­sie des an Alain Platel (Les Bal­lets C de la B) geschul­ten Cho­reo­gra­phen­teams um Gabrie­la Car­ri­zo und Franck Char­tier her­um wäre ewi­ge Wie­der­ge­burt durch­aus zu wünschen!

Die Tri­lo­gie ist dem­nächst zu sehen in Genf vom 29. 04 – 01. 05. 09 (ADC – Thé­ât­re du Loup) und vom 18. – 30. Mai 2009 in Paris (Thé­ât­re de la Ville / Les Abbesses).

www.tanzkritik.net Ori­gi­nal­text



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